„Obama wird nach rechts rücken müssen“

Aus dem FALTER 44/12

Der US-Autor Thomas Frank erklärt, wie reiche Amerikaner die Krise umdeuten. Ein Gespräch über Obama und den „Sozialismus“

Wie konnte es ausgerechnet nach der großen Bankenkrise 2008 zu Begeisterungsstürmen für marktwirtschaftliche Deregulierungen kommen? Diese Frage beschäftigt Thomas Frank, Herausgeber des linksliberalen US-Magazins The Baffler, in seinem brillanten Bestseller „Arme Milliardäre“. Der Falter erreichte den Autor nahe Washington, D.C., zum Vorwahlgespräch.

Falter: Herr Frank, wer wird nächster US-Präsident?

Thomas Frank: Es ist knapp. Umfragen sagen sogar einen Sieg Romneys voraus. Ich glaube trotzdem, dass Obama gewinnen wird.

In jedem Fall wird der nächste Präsident mit viel Polarisierung in der politischen Kultur Amerikas konfrontiert sein. Wie ist es dazu gekommen?

Frank: Über „Polarisierung“ zu sprechen ist eigentlich eine nette Umschreibung für das, was mit der Republikanischen Partei geschieht. Die Demokraten sind kein Teil einer Polarisierung. Obama ist Zentrist, kein Radikaler. Wir reden über ein Problem der Rechten. Wenn diese, wie derzeit, nicht den Präsidenten stellt, betreibt sie eine absolute Blockadehaltung. Und wenn sie den Präsidenten stellt, geschieht, was wir während der Ära Bush erlebt haben. Also etwa zwei Kriege und das Aushungern von Regulierungsbehörden. Die Republikaner sind Quertreiber und Vandalen.

Warum wählen sie dann die Menschen?

Frank: Weil sie eine Antwort auf die Frage anbieten, was mit Amerika in den vergangenen Jahren passiert ist. Diese republikanische Lesart der Krise ist zwar ziemlich verquer, aber im Gegensatz zu den Demokraten liefern sie wenigstens eine. Und zwar: Wir haben das gute amerikanische Ideal des freien Marktes nicht konsequent genug verfolgt. Der Glaube an den freien Markt hat in den USA fast religiöse Züge. Die Republikaner bedienen sich dieses Motivs und stillen so das Bedürfnis des Volkes nach Idealismus und Gerechtigkeit.

Wenn man sich die massiven Verwerfungen der Wirtschaftskrise anschaut, würden sich auch genug Argumente gegen diese Position finden. Warum bedienen sich Obamas Demokraten ihrer nicht?

Thomas Frank (Wikipedia)

Frank: Obama will die Fehler der Vergangenheit nicht thematisieren. Er spricht vielleicht über die Reichen, aber niemals über die Wall Street. Er kritisiert nicht mehr die Ära Bush. Dabei gäbe ihm das die Möglichkeit, ihr die Fehler eines ganzen Systems anzukreiden, die immerhin beinahe zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt hätten. Obama jedoch ist ein Schiedsrichtertyp. Er will politische Partnerschaft, den „großen Ausgleich“, wie er selbst sagt. Er fürchtet ein noch stärkeres politisches Auseinanderdriften, und er will nicht noch mehr als bisher als Sozialist gelten.

Woher kommt diese amerikanische Angst vor dem Sozialismus?

Frank: Das ist ein Kampfbegriff, der sich von seinen Ursprüngen entkoppelt hat. Der Sozialismus der Amerikaner hat nichts mit Sowjetunion oder DDR zu tun. Die Entwicklung dieses Begriffs zeigt, wie weit die Gesellschaft nach rechts gerückt ist. Sozialismus ist alles, was liberal ist und nach Elite riecht – so wie der Zentrist Obama.

Als Obama zum ersten Mal gewählt wurde, schien es, als könne er mit seinem Charisma die Blockade der US-Politik aufbrechen und einen großen Wandel herbeiführen.

Frank: Das Gegenteil ist eingetroffen. Das System hat versagt und bräuchte dringend eine Neubewertung. Nach dem letzten Systemkrach in den 30er-Jahren betrieb Amerika intensive Nabelschau. Neue Denkbilder breiteten sich aus von Präsident Roosevelt abwärts. Heute jedoch passiert gar nichts.

Was müsste geschehen, damit wieder ein konstruktiverer Ton zwischen den Lagern einkehrt und sich die politische Lage in den USA normalisiert?

Frank: Ich bin da pessimistisch. Selbst wenn Obama gewinnt, werden die Republikaner das Repräsentantenhaus halten. Das bedeutet, dass die Politik weitergeht wie bisher: Die Republikaner treiben quer, die Demokraten lenken ein. Obama könnte seinen großen Ausgleich in der zweiten Amtszeit durchaus bekommen – um den Preis sozialer Errungenschaften, die er den Republikanern opfern muss. Obama wird nach rechts rücken müssen, er hat keine Wahl. Meine Stimme hat er aber trotzdem.

Thomas Frank
Der US-Kolumnist schreibt unter anderem für das Wall Street Journal und Harper’s Magazine. In seinem ersten Buch „What’s The Matter With Kansas“ beschäftigt er sich mit dem Konservatismus im sogenannten Bibelgürtel Amerikas


Thomas Frank: Arme Milliardäre! Der große Bluff oder Wie die amerikanische Rechte aus der Krise Kapital schlägt. Verlag Antje Kunstmann, 224 S., € 19,50

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