Monatsarchiv: November 2011

Bir Kipferl istiyorum*

Bericht: Joseph Gepp
Aus dem FALTER 46/2011

Bäckereiangestellte dürfen mit Kunden nicht Türkisch und Serbisch sprechen

Eigentlich spricht Ayse Kurtaran** fließend Deutsch. Aber manchmal sei es für Kunden leichter, in der Muttersprache zu reden, sagt sie. Zum Beispiel, wenn ein alter Mann, im Deutschen unsicher, auf Türkisch frage, was er denn bei Diabetes oder Nussallergie essen könne. Antwortet ihm Kurtaran auf Türkisch, räuspert sich ihr Filialleiter jedoch mit Missfallen. „Er sagt zu mir: ‚Du kennst doch die Regel: Türkisch mit Kunden zu sprechen, ist nicht erlaubt‘“.

* Ein Kipferl, bitte! Türkisch und Serbokroatisch ist beim Kundengespräch in Wiens Bäckereien verboten

Kurtaran, die ihren Namen aus Angst um den Job nicht in der Zeitung lesen will, arbeitet in einer Filiale der Bäckerei Mann in einem Bezirk mit vielen Migranten. Was sie sagt, bestätigen auch Kolleginnen: Eine Sprachregelung verbiete es Mann-Mitarbeiterinnen, Türkisch und Serbokroatisch mit Kunden zu reden.

Spricht jemand die Verkäuferinnen in Zuwanderersprachen an, müssen sie auf Deutsch antworten. „Das wird uns bereits bei der Einstellung und später in Schulungen gesagt“, sagt Kurtaran. „Sonst beschweren sich alteingesessene Österreicher, heißt es.“ Diese Regel scheint es nicht nur bei Mann zu geben. Türkische Ströck- und serbische Anker-Mitarbeiterinnen bestätigen sie gegenüber dem Falter ebenfalls für ihre Handelsketten. Ganz im Gegensatz zu Englisch oder Französisch, wo das fremdsprachige Parlieren sogar erwünscht sei.

Dabei setzen sich Mann, Ströck und Anker sonst gegen Diskriminierung und für ein Zusammenleben der Volksgruppen ein. In Anker-Filialen liegt das Migrantenmagazin Biber auf. Mann engagiert sich im Verein „Wirtschaft für Integration“, der wirtschaftstreibenden Migranten zu Selbstbewusstsein verhelfen will. Ströck wirbt mit dem Slogan „Grenzenloses Brotvergnügen“ und propagiert gern das „gelebte Miteinander“ in seinen Filialen, wo Menschen aus 38 Nationen arbeiten.

Experten bezweifeln jedoch, dass das Muttersprachenverbot dem Miteinander dienlich ist. „Es raubt den Menschen ihr Selbstbewusstsein und signalisiert, dass ihre Sprache nichts wert ist“, sagt der kurdischstämmige Sozialarbeiter Ali Gedik, der mit türkischen Jugendlichen arbeitet. Auch Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia von der Uni Wien nennt die Regel „respektlos und sprachlich diskriminierend“. Sie reagiere auf eine „Ablehnung von Andersprachigkeit“, die sich seit den 90ern breitmache. Besonders zum Ausdruck gekommen sei dies etwa 1999 im Café des Hernalser Krankenhauses des göttlichen Heilands. Dort wurden neben dem Sprachverbot gar Mitarbeiterinnennamen eingedeutscht. „Frau Zorica = Fr. Rosi, Frau Dubravka = Fr. Anni, Frau Mara = Fr. Maria“, hieß es in einem Rundschreiben.

Was sagen die Bäckereien Anker, Ströck und Mann selbst dazu? Ströck streitet sie ebenso wie Mann schlicht ab. „Ein Missverständnis“, sagt der Sprecher von Ströck: „Selbstverständlich darf man mit Kunden Türkisch sprechen, genauso wie etwa Italienisch.“ Erwünscht sei lediglich als „Gebot der Höflichkeit“, dass Ströck-Mitarbeiter untereinander keine Fremdsprache sprechen, wenn Kunden danebenstehen. Auch der Sprecher von Mann bestreitet in knappen Worten die Existenz der Regelung. Näheres würde er dem Falter aber nur unter der Bedingung erläutern, dass er die wahre Identität von Mitarbeiterin Ayse Kurtaran erfahre, um „dieses Missverständnis aufzuklären“.

Einzig die Sprecherin von Anker räumt ein, dass Mitarbeiter im Kundengespräch zur deutschen Sprache „angehalten“ würden. „Anders kann Integration nicht funktionieren“, meint sie. Die Direktive sei jedoch „eher Empfehlung als Regelung“, es drohen auch keine Sanktionen, wenn man jemandem etwa auf Türkisch antwortet.

Ayse Kurtaran von der Bäckerei Mann hat gelernt, auf ihre Weise mit der Regelung zu leben. Die meisten Kolleginnen würden sich fügen, sagt sie. „Aber ich rede Türkisch, wenn es passend ist.“ Einen Rüffel des Filialchefs nehme sie dann eben in Kauf. „Es ist doch gut, wenn man eine Fremdsprache spricht, oder?“

** Name von der Redaktion geändert

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Das Prinzip Besa: die letzte Zuflucht vor dem Holocaust

Aus dem FALTER 46/2011

Joseph Gepp

Von Ungarn nach Weißrussland, von Litauen in die Ukraine – während des Zweiten Weltkriegs wurde der allergrößte Teil der einst riesigen jüdischen Bevölkerung in Osteuropa von den Nazis und ihren Verbündeten ermordet.

Nur in Albanien überlebten trotz deutscher Besatzung praktisch alle Juden. Der Grund ist die Hilfe, die die muslimische Mehrheit, oft selbst unter Lebensgefahr, den Bedrängten zukommen ließ.

Sie liegt in einem alten Gewohnheitsrecht, dem „Kanun“, begründet. „Besa“ lautet darin das Prinzip, das die Hilfe zu einer Frage der Ehre erklärt. Der Kanun ist in Teilen von Nordalbanien immer noch gültig. Ins westliche Blickfeld gerät er manchmal bei Blutrachefällen – oder durch die Romane von Ismael Kadare.

In Kooperation mit dem Jerusalemer Museum Yad Vashem sind bis 17. Jänner im Nestroyhof im zweiten Bezirk Bilder des US-Fotografen Norman Gershman ausgestellt. Sie befassen sich mit dem Prinzip Besa während des Holocausts – und erzählen, wie in einem kaum beachteten Winkel von Europa während des Weltkriegs Außergewöhnliches möglich wurde.

17.11. bis 17.1., Mo-Fr 11-18 Uhr, 2., Nestroyplatz 1

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Eine Million für Ungarn

Aus dem FALTER 45/2011

Seit eineinhalb Jahren schafft Viktor Orbán die Demokratie ab. Die EU sieht tatenlos zu, dafür steht jetzt ein anderes Ungarn auf

Reportage: Joseph Gepp / Budapest

Jede Woche treffen sich Peter Juhász und bis zu 50 Mitstreiter zum Lagegespräch im Siraly, einem Bierlokal im jüdischen Viertel von Budapest.

Das Lokal, zu Deutsch „Möwe“, ist eines der letzten alternativen, die zwischen Luxusrestaurants und Designergeschäften überlebt haben. Die Getränkepreise sind moderat, im Hinterzimmer finden Lesungen statt, ein paar Bilder an der Wand wollen eine Kunstausstellung sein.

Juhász und seine Freunde tragen keine langen Haare oder sonstige Insignien einer Protestkultur. Sie sind smarte Facebook-Revoluzzer, wie man sie auch aus New York oder Wien kennt. Nur sind ihre Ziele konkreter als Kapitalismuskritik. Juhász, 40, robuste Sportschuhe, schlichter Pullover, sieht nichts weniger als den „Fortbestand der Demokratie“ in Gefahr.

Facebook-Revoluzzer: Peter Juhász koordiniert in der "Möwe" den Protest gegen Orbán (Foto: Gepp)

Als Pressesprecher diverser NGOs hat er Organisieren gelernt. Jetzt wendet er es an für die Gruppe „Eine Million für die Pressefreiheit“. Rund 70.000 Menschen brachte er am 23. Oktober auf die Straße. Es war die größte zivile Demonstration in Ungarn seit der Wende. Nahe der Elisabethbrücke sammelten sich die Massen, um gegen mehr als nur Presserestriktionen zu demonstrieren.

Der 23. Oktober ist ein denkwürdiger Tag. 1956 begann an diesem Tag der Volksaufstand. Zu seinem Symbol wurde damals die ungarische Fahne mit einem Loch, dort, wo sich zuvor die Insignien des Kommunismus befunden hatten. Juhász und seine Mitstreiter haben jetzt wieder eine ungarische Fahne zum Logo ihres Protests erkoren. Nur prangt auf ihr die Orange, Symbol der Fidesz-Partei. Rundherum fordert eine strichlierte Linie zum Ausschneiden auf.

Demonstranten auf der Elisabethbrücke. Ihr Logo ist die Orange, Symbol von Fidesz, auf der ungarischen Fahne (Facebook)

Seit die rechtskonservative Fidesz („Ungarischer Bürgerbund“) unter Premier Viktor Orbán bei den Wahlen im April 2010 eine Zweidrittelmehrheit errang, baut sie auf beispiellose Weise den Staat um. „Fidesz hackt die Demokratie“, sagt Juhász. Ein neues Mediengesetz drängt unabhängigen Journalismus immer mehr in Onlineplattformen und soziale Netzwerke. Sozialistischen Ex-Premiers, deren diskreditierte Regierungen Orbán 2010 ablöste, drohen Strafverfahren. Ein wirtschaftspolitischer Sonderweg treibt Staatsschulden hoch und vergrault Investoren. Eine neue Verfassung trieft nicht nur vor kruder Magyaren-Mythologie, sie schreibt auch etwa Steuergesetze bis in kleinste Details fest – sodass spätere Regierungen ohne Zweidrittelmehrheit handlungsunfähig werden.

„Ungarn baut mit demokratischer Mehrheit die Demokratie ab“, sagt Marco Schicker, Chefredakteur der Internetzeitung Pester Lloyd.

Die EU, derzeit anderweitig beschäftigt, hat sich bis auf lauwarme Kritik am Mediengesetz kaum geäußert. Aus der konservativen Fraktion im Europaparlament erntet Orbán teils gar Applaus. Dafür entsteht in Ungarn selbst eine Protestkultur. Mit Straßensperren stemmten sich Gewerkschaften kürzlich gegen ihre Entmachtung. Roma-Aktivisten kämpfen gegen immer offenere Diskriminierung. Juhász und seine Revoluzzer tragen ihren Protest mehr und mehr von der Web-Sphäre auf die Straße.

Zum Beispiel vor das Budapester Új Színház, das Neue Theater, nur Gehminuten von der Möwe entfernt. Dort demonstrierten kürzlich Juhász und rund 2000 weitere Menschen. „Noch 90 Tage“ steht heute auf der Jugendstilfassade. Ende Oktober war bekannt geworden, welchem neuen Direktor und Intendanten Budapests Fidesz-Bürgermeister das Haus ab Februar 2012 anzuvertrauen gedenkt.

Intendant soll István Csurka werden. Der Gründer einer rechtsextremen Kleinpartei gibt das antisemitische Hetzblatt Magyar Fórum heraus, dessen Titelblatt beispielweise der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit mit einem Davidstern ziert – samt der Erläuterung: „Er liebt nicht nur Kinder, sondern auch Israel.“ Eine Interviewanfrage des Falter quittiert Csurka, indem er den Hörer auflegt.

Direktor soll neben Csurka der Schauspieler György Dörner werden. Als Ziel führt er in seiner Bewerbung an, das „unter dem sozial-liberalen Joch schmachtende Ungartum“ von der „entarteten, krankhaften liberalen Hegemonie“ befreien zu wollen.

"Noch 90 Tage": Direktor Istvan Márta vor seinem "Neuen Theater" in Budapest (Gepp)

Die Entscheidung von Bürgermeister István Tarlós empörte im In-und Ausland. Er habe sie gegen den Willen des zuständigen Expertenrats gefällt, klagt István Márta, bisheriger Direktor des Theaters. „Der Bürgermeister hat mehr Macht als früher, die Experten lediglich beratende Funktion.“ Márta leitete das Haus 13 Jahre, sein Büro quillt über von Autogrammkarten und Zeitungsausschnitten.

Er wirkt zerknirscht. Sein Theater galt stets als konventionell, Márta als keiner, der den Konflikt mit Mächtigen sucht. Umso mehr schmerzt ihn jetzt der erzwungene Rücktritt. „Ich hoffe, dass die Entscheidung wegen der Proteste revidiert wird“, sagt er. Beobachter rechnen aber nicht damit. Denn den Beschluss habe wohl gar nicht der Bürgermeister gefasst, sondern Premier Orbán selbst.

Dieser sieht sich einer immer mächtigeren Rechtsextremen gegenüber. Zwölf Prozent erreichte 2010 die Jobbik-Partei („Bewegung für ein besseres Ungarn“). Ihre Anhänger marschieren gern in Dörfern auf und erinnern damit an die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nazis. Aktuelle Umfragen geben der Jobbik gar bis zu 20 Prozent. Orbán begegnet der Gefahr mit Zugeständnissen statt Distanzierung. „Er verfolgt das Prinzip: Teile und herrsche“, sagt Pester Lloyd-Chef Schicker. Durch Besetzungen wie beim Theater sollen Wähler der Rechtsextremen für die Fidesz gewonnen werden. Allerdings: Bislang funktioniert Orbáns Strategie nicht.

Das zeigt zum Beispiel Gyöngyöspata, ein Weinbauerndorf östlich von Budapest. Heruntergekommene Bauernhäuser gruppieren sich hier konzentrisch um eine Kirche. 2600 Seelen leben in Gyöngyöspata, in den desolatesten Häusern am Dorfrand wohnen rund 400 Roma.

Seit Frühling 2011 findet unter den Volksgruppen von Gyöngyöspata eine Radikalisierung statt, ausgelöst durch Rechtsextreme, vorangetrieben durch den populistischen Wankelmut der Fidesz-Regierung, die sich nicht hundertprozentig zum Schutz ihrer Bürger bekennen will.

Reibereien zwischen Mehrheit und Minderheit hatte es hier schon lang gegeben. Im März und April marschierten schließlich rund 150 uniformierte Rechtsradikale gegen „Zigeunerkriminalität“ und postierten sich als „Bürgerwehr“ an „Kontrollpunkten“. Kurz darauf wollten sie auf einem Grundstück, das direkt hinter dem Romaviertel liegt, Wehrsportübungen abhalten. Sechs Busse des Roten Kreuzes evakuierten schließlich 200 Roma-Frauen und -Kinder. Die Fidesz-Regierung, die um die Sympathien der Dorfbewohner fürchtete, schickte viel zu spät Polizisten, um das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen. Die Evakuierung taten Orbáns Minister später als „lange geplanten Osterausflug“ ab.

Janos Farkas, Sprecher der Roma von Gyöngyöspata (Gepp)

Seitdem belauern einander Mehrheit und Minderheit in Gyöngyöspata wie in einem kalten Bürgerkrieg. Über Schikanen klagt János Farkas, 50, Sprecher der Roma im Dorf. Willkürliche Polizeistrafen seien an der Tagesordnung: 15.000 Forint, umgerechnet 50 Euro, habe etwa eine Mutter zahlen müssen, weil sie ihren Kinderwagen auf der Straße vor sich her schob, statt den – nicht vorhandenen – Gehsteig zu benutzen.

Im Sommer wählten die Dorfbewohner infolge der Ereignisse den Jobbik-Kandidaten zum Bürgermeister. Der darf nun eine Sozialmaßnahme implementieren, die die Budapester Regierung ausgerechnet in Gyöngyöspata testen will.

Das problemgeschüttelte Dorf ist einer von zwölf Musterorten für ein Gesetz, das bald für eine Viertelmillion Menschen in Ungarn gelten soll. Inhalt: Wer länger als 90 Tage arbeitslos ist, muss „gemeinnützige Arbeit“ wie Müllräumung und Parkpflege verrichten. Administriert wird dies vom Innenministerium, exekutiert von den Kommunen. Weigert man sich, wird die Sozialhilfe von monatlich 94 Euro für drei Jahre entzogen.

Das Gesetz trifft hauptsächlich Roma und bedient das verbreitete Ressentiment, wonach ihrer Faulheit nur mit Zwang beizukommen sei. Kritiker warnen vor neofeudalen Abhängigkeitsverhältnissen. Die Zeitung Népszabadság schrieb gar von „Zwangarbeitslagern“. Viele Ungarn munkeln schon von künftigen Containerdörfern in Städten, in die tausende Arbeitslose vom Land einquartiert werden könnten, etwa um Baugruben auszuheben. Wie sich die Maßnahme tatsächlich gestalten wird, ist vorläufig nicht abzusehen.

Von "Zwangsarbeit" schreiben ungarische Medien: Sozialhilfeempfänger arbeiten in Gyöngyöspata (Gepp)

Nur im Musterort Gyöngyöspata arbeitet schon ein Kontingent an Sozialhilfeempfängern – Männer wie Frauen, Junge wie Alte. Es sind 22 Roma und fünf ethnische Ungarn. In den vergangenen Wochen entfernten sie Sträucher auf einem Hügel und jäteten Unkraut am Bachufer. Jetzt ist ein Feldweg an der Reihe, dessen Ränder von Gestrüpp befreit werden. Die Arbeiter sind in Brigaden unterteilt, je acht werden von einem Aufseher überwacht. Dieser, ein Nicht-Roma, verbietet dem Falter, den Feldweg zu betreten. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. In der Mittagspause klagt Roma-Sprecher Farkas über demütigende Personenkontrollen am Ende der Schicht. Das Rathaus stelle zudem kaum Arbeitsgerät zur Verfügung. Manch Nicht-Roma, der kürzlich noch mit Rechtsextremen marschierte, sei jetzt Aufseher der Arbeitsverpflichteten, behauptet Farkas. Der Jobbik-Bürgermeister des Ortes will sich dazu nicht äußern.

Peter Juhász, der Budapester Aktivist
, war schon oft in Gyöngyöspata. Neben seiner Facebook-Gruppe „Eine Million für die Pressefreiheit“ koordiniert er noch eine zweite: „Hunderttausend für Gyöngyöspata“.

Als die Extremisten ins Dorf kamen, planten Juhász und seine Freunde im Stammlokal Möwe eine Deeskalationsstrategie. Danach besuchten sie die Roma in Gyöngyöspata und beschworen sie, auf Provokationen nicht zu reagieren. Tatsächlich verhielten sie sich still, bis endlich die Polizei eintraf.

Derlei Oppositionsarbeit wird sich künftig jedoch nicht mehr von der Möwe aus koordinieren lassen. Das Gebäude gehört der Gemeinde, die die Miete drastisch erhöht. Jetzt ist die Zukunft der Möwe ungewiss. Bald könnte auch hier ein Luxusrestaurant oder Designergeschäft einziehen, wie sie überall im Viertel entstehen.

„Macht nichts“, sagt Juhász. „Wir haben schon ein neues Lokal für unsere Treffen gefunden. Es liegt nur zwei Straßen weiter.“

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Die Stadt, die niemand kennt

Aus dem FALTER 44/2011

Bunker, Keller und Skelette: Eine Gruppe junger Wiener erforscht, was seit Jahrzehnten verborgen im städtischen Untergrund liegt

Reportage: Joseph Gepp

Fotos: Heribert Corn

Abgesehen von Thomas Keplinger und seinen Freunden hat diesen Ort wohl seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr betreten. Die massive Stahltür liegt, weit geöffnet, halb unter Schutt und Herbstlaub vergraben. Keplinger klettert hindurch, in einen wohnzimmergroßen Raum mit Betongewölbe. Holzlatten entlang der Wand deuten darauf hin, dass hier einmal Sitzreihen waren. Am Boden liegen rostige Trümmer und der Schädel eines Hundes. Ein halb verschütteter Seitenraum war einmal das Klo. Keplinger wirft den Strahl seiner Taschenlampe an die Wand. „Susi und Sepperl“ ist da in altertümlicher Handschrift geschrieben. „Du bist so lieb.“ Alte Inschriften, sagt Thomas Keplinger, würden ihn besonders faszinieren. Etwas weiter stehen große Druckbuchstaben neben einem Pfeil: „Vergiftete Kleidung abwerfen.“

Thomas Keplinger und sein Kollege Georg Demmer bei der Arbeit im Untergrund (Corn)

Warum die Kleidung vergiftet war und was dieser Weltkriegsbunker in einem Waldstück am dünn besiedelten Stadtrand von Liesing überhaupt sollte, weiß heute niemand mehr. Einzig eine rechteckige Senke neben ihm lässt darauf schließen, dass hier ein Gebäude stand. „Vielleicht“, mutmaßt Keplinger, „gehörte der Bunker ja zu einem Labor, in dem mit Giftstoffen hantiert wurde.“

Keplinger, 37, im Brotberuf PR-Angestellter, ein schlaksiger Mann mit umgehängter Kameratasche und Wanderstiefeln, gehört zu einer Gruppe namens „Verborgene Räume“. Das sind im Kern acht bis zehn Leute, mit und ohne wissenschaftlichen Hintergrund, die seit zwei Jahren den Wiener Untergrund erforschen und Faszination an ihm wecken wollen. Zum eigenen Schutz und zu jenem der Objekte ihrer Wissbegierde haben sie sich dabei eine Art Kodex auferlegt. Zwei voneinander unabhängige Lichtquellen muss ein Mitglied der Verborgenen Räume stets bei sich tragen. Vor Ort darf nichts verändert oder gar mitgenommen werden, lediglich fotografiert. Auch der Falter nennt keine genauen Ortsangaben, um die Stätten vor Vandalen und Sprayern zu schützen.

Warum die Kleidung vergiftet war, weiß man heute nicht mehr (Corn)

Hinweise auf interessante Orte beziehen Keplinger und Kompagnons aus Internetforen. Dort tobt mitunter eine erbitterte Debatte darüber, ob denn mehr dahinter sein könnte, wenn ein Stück Feldweg an Wiens Peripherie unvermittelt asphaltiert ist. „Das Tolle an unserer Beschäftigung ist“, sagt Keplinger, „dass man aus einer scheinbar vertrauten Umgebung sofort in eine komplett andere Welt abtaucht.“ Er meint eine Welt aus vergessenen, zufällig liegengebliebenen Fetzen, die Geschichten erzählen. Eine Nische ohne offenkundigen Zweck, ein rostiger Haken an der Wand. Ein altes Holzfass, ein Flugblatt aus der Zwischenkriegszeit. „Bei uns vermischen sich Forschungsinteresse und Erlebnisfaktor“, sagt Georg Demmer, 28, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume. „Es sind kleine Dinge, die in die Vergangenheit führen.“

"Susi und Sepperl", steht da. "Du bist so lieb."
(Corn)

Vereine, die den Untergrund erforschen, sind in den vergangenen Jahren in vielen Städten Europas aufgetaucht. In Hamburg, Berlin, Paris und Rom können Interessierte mittlerweile sogar unterirdische Theateraufführungen und Thementage buchen. In Osteuropa streifen Passionierte durch die bröckelnden Hinterlassenschaften von forcierter Industrialisierung und Kaltem Krieg. In Wien hingegen ist die Bewegung noch am Anfang.

Ende 2010 erregten Thomas Keplinger und seine Freunde erstmals Aufsehen. Im dritten Bezirk entdeckten sie ein ganzes Schwimmbad wieder, von dem man zwischenzeitlich schon gedacht hatte, es existiere nicht mehr.

1888 errichtet, ist das Beatrixbad in der Linken Bahngasse das älteste der Stadt. Einst hat der jüdische Sportverein Hakoah hier trainiert, nach dem 2. Weltkrieg geriet der Ort aber in Vergessenheit. Bis Keplinger 2010 durch das Fenster der Schnellbahn über einem Haus einen Turm erblickte, der nur auf eine dampfbetriebene Einrichtung hindeuten konnte. In Kooperation mit dem Hauseigentümer und dem Bezirksmuseum grub er sich danach zwei Monate lang durch den Keller. Er entdeckte einen Grundwasserbrunnen, eine alte Pumpe, gar zwei Schrotflinten und Revolver aus dem 19. Jahrhundert, die wohl 1945 hier versteckt worden waren. Jetzt soll das Schwimmbad mit dem Ziegelgewölbe und dem Marmorbrunnen behutsam renoviert werden und als Teil eines Fitnessstudios seinen alten Zweck wiedererlangen.

Wendeltreppe in einem Keller in der Innenstadt (Corn)

Praktisch jede freie Minute streift Thomas Keplinger durch die Stadt. Er erzählt von Kellerabteilen, die zur Zeit der großen Wohnungsnot im frühen 20. Jahrhundert als Einzimmerwohnungen dienten und bis heute über Türschild, Luster und Tapeten verfügen. Am Cobenzl in Döbling – einem seiner Lieblingsorte in der Stadt, wie er sagt – erforscht er die Reste einer 1931 errichteten Skisprungschanze und eines Schlosses, von dem heute nur noch die breite Treppe existiert. Manchmal muss man auch gar nicht erst in verborgene Orte vordringen, um Unerwartetes und Zweckentfremdetes zu entdecken: Keplingers Kollege Georg Demmer erzählt etwa vom Designermöbelgeschäft Roche Bobois in der innerstädtischen Wipplingerstraße. Früher beherbergte das Gebäude eine Bank – sodass man schicke Accessoires bis heute hinter den Panzertüren des Tresorraums besichtigen kann. Außerdem liegt unter einer Glasscheibe im Untergeschoß ein römisches Skelett, Überbleibsel jenes antiken Friedhofs, der sich gleich hinter den Mauern des Heerlagers Vindobona, nahe des heutigen Tiefen Grabens erstreckte.

Ein Anzugträger, der gerade mitten in der Innenstadt aus einem Barockhaus tritt, schöpft nicht weiter Verdacht, als ihm in der Hauseinfahrt Keplinger, Demmer und andere Unbekannte entgegenkommen. „Die Leute in Wien sind diesbezüglich ziemlich okay“, sagt Demmer. „Sie werden nicht gleich misstrauisch.“ Er betritt ein Haus mit altertümlichen Pawlatschen, das über zwei Kellergeschoße untereinander verfügt. Wer über steile Stufen ins untere der beiden hinabsteigt, findet ein Labyrinth an hohen Räumen und Gängen. Manche enden im Nirgendwo, an einer Wand aus Erdreich. Andere verengen sich zu Kriechgängen von kaum einem halben Meter Höhe. Auch ein etwa 15 Meter tiefer Grundwasserbrunnen findet sich im Keller. „Man darf diese alten Keller nicht mit modernen Augen sehen“, erklärt Keplinger. „Einerseits gab es damals keine Auflagen beim Bau, also wurde einfach gegraben. Andererseits hatten Keller mehr Funktionen als heute. Zum Beispiel auch jene eines Verstecks im Kriegsfall.“

In der oberen der beiden Kelleretagen
führt ein Mauerdurchbruch in den Keller des Nachbarhauses. „Zum Luftschutzraum“ steht neben der Luke an die Wand gepinselt. Die Nationalsozialisten hätten Keller miteinander verbunden, um bei Bombardements Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, sagt Keplinger. Daraus resultiere auch die Urban Legend, dass man durch Wiens Keller unterirdisch die halbe Stadt durchkreuzen könne. „Tatsächlich wurden die meisten Durchbrüche später wieder zugemauert.“ Nur in wenigen Fällen, etwa unter der Wollzeile, blieben Verbindungen bestehen.

"Zum Luftschutzraum" (Corn)

Nicht nur in Form von Kellern überzog das Naziregime die Stadt mit einer umfassenden Schutzinfrastruktur für Luftangriffe, die, kaum fertiggestellt, schon wieder funktionslos und vergessen wurde. Die sechs Wiener Flaktürme sind nur augenfälligster Ausdruck zahlreicher Bunker und Unterstände in der ganzen Stadt. Viele bergen Aufschlussreiches: So erkundete eine Gruppe um den Historiker Marcello La Speranza, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume, einen Bunker im Anne-Carlsson-Park am Alsergrund. Als man eine Toilettenmuschel freilegte und umdrehte, fielen Hakenkreuznadeln und NSDAP-Parteiabzeichen heraus. Schutzsuchende im Bunker wollten sie in den letzten Kriegstagen offenkundig das Klo hinunterspülen, als draußen bereits russische Soldaten durch die Straßen zogen.

Ein weiterer Luftschutzraum, zu dem Thomas Keplinger führt, wurde als Stollen in eine Felswand in Liesing getrieben. Für hunderte Menschen muss der Platz in dem langen Schachtsystem damals gereicht haben. Warum im dörflichen Rodaun Bedarf dafür bestand und ob die Anlage – wie damals gängig – von Zwangsarbeitern errichtet wurde, weiß man heute nicht mehr. Nach dem Krieg jedenfalls wurde der Einstieg zugemauert, bis ihn irgendwann jemand wieder aufbrach.

Schmaler Einstieg in ein Stollensystem in Liesing (Corn)

Wer heute durch die schmale Luke klettert, findet sich in einem feuchten, dunklen Schacht wieder. Einrichtungsgegenstände wie im Anne-Carlsson-Park sucht man hier vergeblich, dafür ragen hunderte verrostete Stangen aus dem Fels, Halterungen für Sitzbänke. Altertümliche Keramikisolatoren künden von einer einstigen Elektrizitätsversorgung. Ganz am Ende eines Gangs schlafen zwei Menschen in Schlafsäcken. Es müssen Obdachlose und Betrunkene sein, die hier im stockdunklen Schacht übernachten und weder auf Zurufe noch auf den Schein der Taschenlampen reagieren. „Zum ersten Mal, seit ich in der Unterwelt herumklettere, treffe ich Menschen“, sagt Keplinger erstaunt, als er wieder aus dem Stollen steigt. „Es soll auch einen zweiten Schacht hier in der Nähe geben. Das habe ich in einem Forum gelesen, allerdings haben wir ihn bis jetzt nicht gefunden.“

Die Verborgenen Räume wollen nun
Schritte in Richtung Professionalisierung setzen. Eine quartalsmäßig erscheinende Vereinszeitung soll über aktuelle Entdeckungen berichten, eine Homepage die Vernetzung mit Unterweltfans anderer Städte vertiefen. „Erfassen, dokumentieren, erhalten“ sei das Ziel, sagt Keplinger. Auch könne man sich vorstellen, wie anderswo Führungen durch den Untergrund zu veranstalten, „aber das liegt noch in weiter Ferne“.

Die Stangen waren einmal Halterungen für Sitzbänke (Corn)

Mittlerweile hat er einen weiteren Bunker erreicht, in einem Waldstück in Floridsdorf. Die Einstiege in den gewundenen Stahlbetonschlauch sind derart von Unterholz überwuchert, dass man sie kaum sieht. Drinnen lassen Inschriften wie „Telefonist“ oder „Feuerwehr“ die einstige Arbeitsteilung erahnen.

Früher befand sich rund um diesen Bunkerschlauch eine große Fabrik für Flugzeugteile, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Von den Werkshallen, Arbeiterunterkünften und Löschteichen wurden allerdings im Jahr 2002 die letzten Reste beseitigt. Einzig den Bunker scheint man übersehen zu haben. Rundherum wachsen heute Bäume und Sträucher, als hätte es nie ein Fabriksgelände gegeben. Nur einige asphaltierte Flecken auf dem Waldboden zeigen die Fundamente jener Gebäude an, die einst hier standen. Thomas Keplinger legt eine rechteckige Asphaltfläche frei, indem er Laub und Erde mit dem Schuh beiseite schiebt. „Solche Sachen muss man sich immer ganz genau anschauen“, sagt er. „Sie könnten verraten, dass es hier irgendwo noch mehr gibt.“

BUCHTIPPS

Vergessene Kellertheater, U-Bahn-Schächte unter der Stadtmauer, osmanische Minentunnel und unterirdische Kerker der Gestapo: Ein neues Buch dokumentiert Wiens Unterwelt
Robert Bouchal, Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller, Labyrinthe, fremde Welten. Pichler, 208 S., € 24,99

Bereits 2000 erschienen ist „Unterirdisches Wien“, ein Stadtführer in die Tiefen der Stadt
Bernd Anwander: Unterirdisches Wien. Falter Verlag, 352 S., € 25,50

INTERNET-LINKS

Wien: Verborgene Räume, Unterirdisch-Forum

Unterwelten Berlin

Unterwelten Hamburg

Unterwelten Rom:

Unterwelten Neapel:

Unterwelten französischer Städte

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Vier Jahre ohne jede Spur

Aus dem FALTER 44/2011

2007 verschwand in Wien ein US-Amerikaner. Seine Mutter kämpft gegen das Vergessen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Vergangenen Samstag, 29. Oktober, von 18.45 bis 20.20 Uhr, stand Kathy Gilleran wie jedes Jahr vor der Schwulensauna Kaiserbründl. Sie hielt ein Foto und eine Kerze in der Hand. Das ist für sie ein jährliches Ritual geworden. Mitte Oktober kommt die US-Amerikanerin regelmäßig aus Cortland, Bundesstaat New York, angereist, um zu fragen, was mit ihrem Sohn geschehen ist.

Vor genau vier Jahren, am 29. Oktober 2007, gegen 18.45 Uhr, rannte Aeryn Gillern, damals 34, nackt aus der Sauna in der Weihburggasse im ersten Bezirk und verschwand spurlos. Die Polizei denkt, er habe Selbstmord mittels Sprung in den Donaukanal begangen. Eine Leiche wurde aber nie gefunden. Der einzige Zeuge des angeblichen Suizids, ein Angler, änderte mehrmals die Aussage.

Kathy Gilleran wirft der Polizei Desinteresse, Schlampereien und Homophobie vor. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie 2008 an die damalige US-Senatorin Hillary Clinton. „Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, übertreibe ich nicht.“

Mahnwache für den Verschwundenen: Mutter Kathy Gilleran und ein Freund von Aeryn Gillern vor der Sauna Kaiserbründl (Foto: Hochstöger)

Für die angesprochene Behörde stellt sich der Fall trotzdem derart klar dar, dass die Ermittlungen, kaum begonnen, wieder eingestellt wurden: Ein Streit unter Saunagästen habe Gillern zu einer Panikattacke und der selbstmörderischen Flucht verleitet. Doch welcher Streit löst so etwas aus?

Bei kaum einem Fall der letzten Jahre bleiben so viele Fragen offen: Minuten vor seiner angeblichen Panikattacke schrieb Gillern noch eine harmlose SMS an seinen Lebenspartner: Call you then, will be home soon. Flugtickets für eine bevorstehende Reise waren gebucht, zu Hause am Küchentisch lagen Rice Krispies, die Gillern am nächsten Tag seinen Kollegen bei der Unido mitbringen wollte.

Dazu kommt eine Polizeiarbeit, die die Geschehnisse jenes Abends eher zusätzlich zu verschleiern denn aufzuklären scheint. So begründete die Polizei laut Kathy Gilleran den Selbstmord mit einer positiven Aidsdiagnose – dabei fand sich gerade unter jenen Unterlagen, die zu Ermittlungszwecken konfisziert worden waren, ein negativer HIV-Test. Außerdem behauptete die Polizei gegenüber der verzweifelten Mutter stets, es habe außer dem Angler keine Zeugen des Vorfalls gegegeben. Als jedoch der Falter 2008 über Gillern berichtet hatte, meldeten sich prompt zwei Studenten, die ihn 2007 durch die Innenstadt laufen sahen – was sie Tage danach auch bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten.

Mittlerweile räumt Friedrich Kovar, Menschenrechtskoordinator der Wiener Polizei, Kommunikationsmängel und homophobe Anwandlungen eines inzwischen pensionierten Ermittlers ein. Doch eine polizeiinterne Untersuchung der Vorwürfe endete ergebnislos. Und auch eine parlamentarische Anfrage der Grünen an die damalige ÖVP-Innenministerin Maria Fekter brachte kaum neue Erkenntnisse.

Das liegt vor allem daran, dass niemand weiß, welche Ermittlungen im Fall Gillern eigentlich durchgeführt wurden. Sämtliche Angaben dazu – alle Einvernahmen und Abläufe – stünden zwar im Ermittlungsakt. Doch die Polizei will ihn nicht an die Mutter herausgeben. Begründung: Sollte der Sohn noch leben, würde es seine Privatsphäre beschneiden, wenn Angehörige Details aus seinem Leben erfahren würden.

Auch wenn neue Erkenntnisse ausbleiben und Gillerns Verschwinden inzwischen vier Jahre zurückliegt, zieht der Fall weite Kreise. Im Vorjahr drehte etwa das kalifornische Dokumentarfilmerpaar John und Gretchen Morning einen Film über Aeryn Gillern und seine kämpferische Mutter Kathy. Nach Aufführungen in den USA wurde der Film „Gone“ kürzlich auch im Rahmen der Viennale in Wien uraufgeführt.

Als Kathy Gilleran vergangenen Samstag wie jedes Jahr mit Kerze und Foto vor dem Kaiserbründl stand, gesellten sich erstmals einige Passanten zu ihr. Es waren Leute, die im Kino den Film gesehen hatten.

Mehr zum Fall Aeryn Gillern?
Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)

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„Keinen Deut besser als zur Nazizeit“

Aus dem FALTER 44/2011

Was ein einstiger Zögling über Kinderheime vor 50 Jahren in Wien und Niederösterreich erzählt


Bericht: Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Wer mit Mark Schivitz* spricht, merkt, wie schlimm die Kindheitserinnerungen sind, die ihn quälen. Zugleich merkt man aber auch, dass Schivitz keiner ist, den die Vergangenheit gebrochen hat. Viele seiner alten Freunde, erzählt er, hätten sich umgebracht oder zu Tode getrunken. „Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.“ Schivitz hat – nach Therapiestunden und Valium – mit seiner Erinnerung zu leben gelernt, er steht, so scheint es, erfolgreich im Leben.

65 Jahre ist er heute alt. 13 davon verbrachte er in Kinderheimen in Wien und Niederösterreich – auch am Wilhelminenberg, wo es laut ehemaligen Zöglingen massive Kindesmissbräuche gegeben haben soll. Seit diese publik wurden, haben sich mehr als 360 mutmaßliche Opfer beim Weissen Ring, Wiens Anlaufstelle für missbrauchte Heimkinder, gemeldet. Schivitz hat dem Weissen Ring ebenso seine Geschichte anvertraut wie dem Rechtsanwalt Johannes Öhlböck. Für die Stadt soll nun eine Kommission unter der Richterin Barbara Helige die Vorwürfe aufklären – auch die von Schivitz.

Er war gerade fünf, als er in sein erstes Heim im dritten Bezirk eingewiesen wurde. Das war Anfang der 50er-Jahre. Seine überforderte Mutter – „eine arme Seele, der ich nichts Schlechtes nachsagen will“ – hat ihn dorthin und in alle weiteren Heime gegeben. Nachher wollte Schivitz „nur noch raus aus Österreich“. Der Künstler ging nach Deutschland und schließlich in die USA, wo er nun seit einem Vierteljahrhundert in der Filmindustrie Hollywoods arbeitet.

Was er erzählt, zeugt von menschenverachtenden Erziehungsmethoden, für die sich lang niemand interessierte und die „keinen Deut besser waren als zur Nazizeit“, wie Schivitz sagt. Er berichtet aber nicht – wie manch andere Opfer – von Serienvergewaltigungen, Todesfällen und systematischer Prostitution. „Hier sollte ja nicht übertrieben werden“, warnt Schivitz. „Das würde zu einem discredit der Opfer führen und alles infrage stellen.“

Er selbst sei „ein Bub gewesen, der viel Energie gehabt hat, aber ein bissl klein war“. Als solcher habe er die volle Verachtung und Gewalt abbekommen, durch Erzieher wie ältere Zöglinge. Nach dem Heim auf der Landstraße kam Schivitz 1953 auf den Wilhelminenberg, danach, ab 1955, sechs Jahre ins katholische Heim der Kreuzschwestern nach Krems und schließlich in ein privat geführtes nach Wimmersdorf in Niederösterreich.

Am Wilhelminenberg verbrachte Mark Schivitz die Jahre 1953 bis 1955 (Corn)

In der Landstraße hätten Erzieherinnen simuliertes Ertrinken an ihm vollzogen, als er seinen erbrochenen Frühstücksbrei nicht essen wollte, erzählt er. „Sie haben in der Badewanne mit beiden Händen meinen Kopf gehalten und mir Wasser ins Gesicht gespritzt. Dann denkst du, du kannst nicht atmen.“ Am Wilhelminenberg folgten „drei Nächte pro Woche drei Stunden Knien auf dem Marmorboden“. Bettnässer wurden verhöhnt, ihre stinkenden Leintücher nicht gewechselt. Am schlimmsten jedoch wurde es für Schivitz in Krems.

Hier hätte sich die Gewalt der Erzieher am stärksten mit jener anderer Zöglinge vermischt. Ältere hätten sich an jüngeren sexuell vergangen. Zudem waren die Erzieher „ganz, ganz brutale Typen“. Heimkinder seien getreten worden; wer bei Ohrfeigen zuckte, sei noch mehr geschlagen worden. „Krems war der Wilhelminenberg zum Quadrat.“

Schivitz fühlte sich dadurch unentwegt bedroht. Bis heute verfolge ihn das Gefühl, sagt er. „Es gab keinen Platz, wo man sich verkriechen konnte.“ Ein konstanter Stresspegel habe geherrscht, „das Gefühl, dass jeden Augenblick wieder etwas passieren kann“. In den Heimen habe er oft geträumt, dass er weglaufe, sich aber nicht vom Stand bewegen könne. Im Jahr 2001 besuchte Schivitz Wien. Am Schloss Wilhelminenberg sah er die dort angebrachte Gedenktafel: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.“ So ein Hohn, sagt Mark Schivitz. „Das Erste, was man tun müsste, ist diese Tafel wegzureißen.“

* Name von der Redaktion geändert

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Haben die Bürger von Steinhof ihr Ziel erreicht, Frau Muchsel?

Telefonkolumne aus dem FALTER 44/2011

Vehement kämpfte eine Bürgerinitiative gegen die Verbauung von Steinhof mit Wohnungen durch die städtische Wohnbaugesellschaft Gesiba. Jetzt ist geschehen, womit niemand gerechnet hat: Bürgermeister Häupl hat ein Machtwort gesprochen und 200 von 600 Wohnungen gestrichen. Was sagt Steinhof-Aktivistin Christine Muchsel dazu?

Frau Muchsel, sind Sie zufrieden?

Wir freuen uns natürlich über das Aussagen des Bürgermeisters und sehen darin einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Aber?

Aber wir fordern nach wie vor den totalen Verzicht auf Wohnbebauung. Sämtliche unserer Forderungen bleiben aufrecht, vor allem, dass das Jugendstiljuwel Steinhof unzerstört erhalten bleiben muss.

Rathausinsider meinten, die Grundstücke seien bereits an die Gesiba verkauft, der Zug abgefahren. Was haben Sie richtig gemacht, dass Ihren Forderungen trotzdem nachgegeben wurde?

Christine Muchsel (rechts) und Mitstreiter vor der Wagner-Kirche in Steinhof (Foto: Corn)

Der Zug war gar nicht abgefahren. Im Gegenteil gibt es im Gemeinderat sogar eine Mehrheit dafür, Steinhof zum Weltkulturerbe zu erheben. Die Grünen haben den Antrag 2006 eingebracht, ÖVP und FPÖ vor wenigen Tagen. Wenn sich also die Grünen in dieser Sache von ihrer koalitionären Knebelung befreien könnten, gäbe es eine Mehrheit. Ich sehe unsere Forderung politisch untermauert.

Und dennoch waren die Grundstücke schon an die Gesiba verkauft.

Die Gesiba ist Gemeindeeigentum. Angeblich bemüht man sich gerade um ein Ersatzgrundstück für die 600 Wohnungen. Bei tausenden, die am Stadtrand errichtet werden, wird wohl Platz für läppische 600 sein.

Wiens Bürger klagen immer über Intransparenz und Willkür. Ist es nicht ebenso willkürlich, wenn der Bürgermeister in Steinhof ein Machtwort spricht?

Ich sehe das positiv. Aber man hätte natürlich von Anfang an transparent verfahren können. Dann hätte man sich viele Scherereien erspart.

Interview: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

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