Mies: Missbrauchsvorwürfe und politisches Kleingeld

Aus dem FALTER 47/2011

Kommentar Missbrauch

Jede Woche wird offensichtlicher, wie alltäglich Gewalt im Umgang mit Kindern jahrzehntelang war. Was man 2010 noch mit den Besonderheiten der katholischen Kirche erklärte, hat sich nun auf Kinderheime und andere Institute ausgeweitet. In Behindertenheimen, in Kinderspitälern – überall werden Zustände publik, die heute als gewalttätig und unmenschlich gelten.

Das fordert Psychologen, Historiker und Juristen heraus: Inwiefern kann man heute als Verbrechen behandeln, was vor 40 Jahren jedem egal war? Soll man nur Fakten aufarbeiten oder auch nachträglich strafen? Wie kann man Berichte von Opfern auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen, ohne ihnen jene Empathie und jenes Verständnis zu verwehren, die ihnen schon so lange verwehrt blieben? Es ist gut, wenn, wie derzeit, eine breite Öffentlichkeit über solche Fragen diskutiert.

Allerdings müssten sich alle Beteiligten auch ihrer Verantwortung bewusst sein. Und genau hier setzt die FPÖ noch mehr aus, als man es bei anderen Themen ohnehin von ihr gewohnt ist. Vor allem in Wien werden Missbrauchsvorwürfe auf billigste Weise instrumentalisiert.

Beispiele? FP-Klubchef Johann Gudenus unterstellt Barbara Helige, die die Wilhelminenberg-Kommission leitet, „Verbindungen in die Pädophilen-Szene“. Ein ORF-Mitarbeiter wird zum „Peiniger und Sadisten“. Eine Gudenus-Aussendung trägt gar den Titel „Gutmenschin Ute Bock misshandelte Zöglinge“.

Noch gehen solche miesen Unterstellungen in der Breite der Berichte eher unter. Längerfristig jedoch können sie eine Debatte über Schuld und Aufarbeitung zerstören, die wahres Potenzial gehabt hätte.

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