„Wir waren junge Dinger“

Aus dem FALTER 46/2011

Was geschah vor 35 Jahren am Wilhelminenberg? Zwei mutmaßliche Täterinnen erzählen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Ein einziges Mal, erzählt Inge Krasonek*, habe sie etwas getan, das sie nicht tun hätte sollen. Das war bereits Jahre nach ihrer Zeit als Betreuerin am Wilhelminenberg, in einem anderen Heim, beim Erdäpfelschneiden mit einem Zögling in der Küche. Das Mädchen ließ ein scharfes Messer fallen, „einen halben Zentimeter neben meinem Zechen“, sagt Krasonek. „Vor Schreck hab ich sie weggestoßen, dann haben wir uns ganz geschockt angeschaut.“

Inge Krasonek und ihre Kollegin Elfriede Walmayr*, heute beide knapp 60, waren jahrzehntelang für die Stadt Wien als diplomierte Sozialpädagoginnen tätig. Nun werden ihnen Taten von fast unvorstellbarer Grausamkeit vorgeworfen.

Sie sollen vor 35 Jahren begangen worden sein, im Kinderheim am Wilheminenberg. „Wir waren junge Dinger“, sagt Walmayr. Mit 19 Jahren, im September 1972, versetzte sie das städtische Jugendamt MA 11 auf den Wilhelminenberg. 1975 folgte Kollegin Krasonek. Beide blieben bis 1977, als das unzeitgemäße Kinderheim geschlossen wurde.

Mit schlimmen Vorwürfen traten Mitte Oktober die beiden ehemaligen Heimkinder Eva L. und Julia K. im ORF und Kurier an die Öffentlichkeit. Sie beschrieben ein System organisierter Grausamkeit am Wilhelminenberg, das weit über die berüchtigten Methoden der „schwarzen Pädagogik“ hinausging – also über jene „gsunde Watschn“, die in den 70er-Jahren als legitimes Erziehungsmittel galt.

Schreckliche Dinge sollen im Schloss Wilheminenberg geschehen sein (Foto: Heribert Corn)

Laut L. und K. waren Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution alltäglich. Sie sprachen von Demütigungen, exzessiven Schlägen, Messerstichen. Einmal wöchentlich seien Rettungswagen vorgefahren, um misshandelte Kinder ins Spital zu bringen, manche von ihnen könnten sogar gestorben sein.

All dies erfolgte „jedenfalls mit Wissen und Billigung“ von Inge Krasonek, Elfriede Walmayr und einer Handvoll weiterer Erzieherinnen, heißt es in einer Klagsdrohung, die dem Falter vorliegt. Während Walmayr fremde Männer in die Schlafsäle ihrer Schützlinge gelassen haben soll, habe Krasonek darüber hinaus auch „Mädchen gezwungen, bei ihr im Bett zu schlafen, und diese vergewaltigt“.

„Wir wehren uns gegen diese Vorwürfe“, sagt Walmayr. „In über 40 Berufsjahren haben wir solche Verbrechen weder begangen noch gebilligt.“

Diese Geschichte zeigt die Sichtweise zweier mutmaßlicher Täterinnen. Ihre Namen sind dem Falter bekannt, doch wurde ihnen Anonymität zugesagt, um sie vor Anfeindungen zu schützen. Krasonek und Walmayr sehen sich als Opfer einer medialen Hysterisierung, die ständig schaurige Enthüllungen einer genauen Prüfung von Fakten vorzieht.

Durchaus hätten die beiden Gewalt am Wilheminenberg mitbekommen, erzählen sie. Aber sie habe in einem Rahmen stattgefunden, der damals – wenn auch schwer vorstellbar – als normal galt. „Vor allem bei älteren Erzieherinnen ist die Hand oft locker gesessen“, sagt Walmayr.

Die jungen Kolleginnen hätten wenig sagen können, wenn wieder einmal ein Zögling mit blauen Flecken auftauchte. „Dazu war das autoritäre Denken der Alten zu stark verankert. Erst ab Mitte der 70er sind Leute nachgerückt, die solche Methoden nicht mehr angewandt haben.“ Die Vorwürfe, die L. und K. gegen sie erheben, seien „aus der Luft gegriffen“ und würden sie „absolut fassungslos“ machen, sagt Inge Krasonek.

In der Öffentlichkeit lösten sie eine Lawine aus. 772 weitere Opfer haben sich seitdem bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring gemeldet, um von Gewalt in Kinderheimen zu berichten. Bis zu den ORF-Abendnachrichten präsentieren Medien dies als Beweis dafür, dass die Schilderungen von L. und K. wahr sind.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden ersten Opfern und den 772 weiteren: Kein einziges bestätige bislang Missbräuche in der Organisiertheit und Systematik, wie sie L. und K. beschreiben, sagt Erika Bettstein, Sprecherin des Weißen Ring. Von Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution berichten auch keine weiteren Zeugen wie Sanitäter und Ärzte.

In der Berichterstattung verschwimmt die Grenze zwischen seinerzeit weithin akzeptierten harten Methoden und Schwerverbrechen, die auch schon damals als solche gegolten hätten. Opferanwälte und Psychologen warnen, dass alle Opfer unglaubwürdig wirken könnten, wenn Berichte über Missbrauch zu Skandalen aufgebauscht oder gar politisch instrumentalisiert würden.

Nun soll eine Kommission der Juristin Barbara Helige herausfinden, was am Wilhelminenberg wirklich geschah. Berichte von Krasonek und Walmayr werden für sie von großer Wichtigkeit sein.

Der Falter trifft die Erzieherinnen in einem Innenstadtcafé. Je länger sie reden, desto mehr tritt der Heimalltag vor vier Jahrzehnten zutage. Wenn sie selbst unschuldig sind – könnten ihnen Gewalttaten anderer entgangen sein? „Massenvergewaltigungen müsste man doch hören“, antwortet Krasonek. „Außerdem gab es ja die Direktorin, die auf allem die Hand hatte.“

In Krasoneks und Walmayrs Schilderungen erscheint der Wilhelminenberg und dessen Chefin Hildegard Müller als altbacken, bieder und verstaubt. Manchmal lachen sie sogar über die kleinen Absurditäten des einstigen Alltags; schließlich begegnen sich hier auch zwei Arbeitskolleginnen nach langer Zeit wieder. Der schrullige Magazineur im Kleiderdepot zum Beispiel. Und, immer wieder, Direktorin Müller, die „wie der Zerberus alles bewachte“.

Müller sei „altmodisch, autoritär und tiernarrisch“ gewesen, sagt Walmayr. Pudel Murlimuck war immer dabei. An junge Erzieherinnen appellierte die längst verstorbene Frau Direktor, „Zucht und Ordnung“ zu wahren und „sich mit den Mädchen nicht zu fraternisieren“. Dass ab den 70ern eine Reformgruppe am Wilheminenberg antiautoritäre Erziehung praktizierte, sah Müller skeptisch. „Sie fürchtete schlechten Einfluss“, sagt Walmayr. Glaubt man L. und K., sollen auch Erzieher der Reformgruppe vergewaltigt haben.

„Der Wilhelminenberg war schon ein Kindergefängnis“, sagt Walmayr. Mit einem großen Schlüsselbund sei man durch lange Gänge gelaufen. Die Heimuniform für Kinder war „fürchterlich altmodisch, pure 50er“. Insgesamt war es ein Erziehungssystem mit kaum Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse. Jeden Morgen etwa, erzählt Krasonek, gab es für kleine Kinder den Klogang. „Dann sind wir alle runter zu den Toiletten und jeder bekam zwei Stück Klopapier. Ob er überhaupt musste, spielte keine Rolle. Das war einfach der vorgesehene Zeitpunkt dafür.“

Und Gewalt? Hin und wieder bemerkten die Erzieherinnen „ordentliche blaue Flecken“. Meist stammten sie von Wochenenden, die die Mädchen zuhause bei ihren Problemfamilien verbrachten. Manchmal waren sie aber auch „heim- und nicht hausgemacht“, sagt Krasonek. „Wir wussten schon, dass manche von den Alten mitunter zuschlugen.“

Systematischere Gewalt jedoch will Krasonek und Walmayr nicht untergekommen sein, ebenso wenig wie schlimme Demütigungen. Von sechs Erzieherinnen, die inklusive ihnen selbst in der Klagsschrift vorkommen, habe es lediglich eine einzige gegeben, „bei der die Hand wohl locker saß“, sagt Walmayr. Es ist die berüchtigte „Schwester Linda“, die in Berichten als die große Sadistin vorkommt.

Wie also kommt es zu den Vorwürfen, wenn diese nicht stimmen? Psychologen erklären sie mit kindlichen Traumaerlebnissen, die später auf andere Personen übertragen werden. „In diesem Sinn kann man sie gar nicht als erlogen bezeichnen“, sagt eine Psychologin, die in der erhitzten Stimmung ungenannt bleiben möchte. Auch Krasonek und Walmayr vermuten, dass L. und K. möglicherweise die Gewalt der eigenen Familie auf Erzieher im Heim projizieren.

Der Sozialpädagoge Hans Feigelfeld erklärt das Phänomen anhand eines nachvollziehbaren Beispiels: „Stellen Sie sich vor, Sie sehen immer wieder ein Foto von sich selbst, wie sie als Kind Fußball spielen. Irgendwann wissen Sie nicht mehr, ob Sie sich tatsächlich an das Kicken erinnern und nur das Foto zu oft gesehen haben.“ Auch Feigelfeld arbeitete in den 70ern am Wilhelminenberg, als Leiter der Reformgruppe, von der auch Krasonek und Walmayr erzählen. Auch er glaubt nicht, dass diese Verbrechen möglich waren.

Eva L. und Julia K. selbst erlebten Krasonek und Walmayr als „liebe Mädchen“. Krasonek hat sogar Fotos von einer der beiden dabei, sie habe sie damals von ihr geschenkt bekommen.

Es sind alte Polaroids, die ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren zeigen. Auf einem macht sie einen Pflug beim Schulskikurs, auf einem zweiten sitzt sie vor dem Stockbett in ihrem Schlafsaal und zupft an einer Gitarre. „Wenn ich sie vergewaltigt hätte“, sagt Krasonek, „hätte Sie mir dann wirklich Fotos von sich geschenkt?“

*Namen von der Redaktion geändert

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Medien, Wien

2 Antworten zu “„Wir waren junge Dinger“

  1. Pippi W.

    Ich finde das für eine Frechheit, wenn jetzt ehemalige Anstaltkinder, wohlwollende Erzieherinnen durch den Dreck ziehen. Das ist alles so widersprüchlich.

  2. Pingback: Wilhelminenberg: Jetzt arbeitet eine Kommission die Vorwürfe auf | Geppbloggt

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