„Keinen Deut besser als zur Nazizeit“

Aus dem FALTER 44/2011

Was ein einstiger Zögling über Kinderheime vor 50 Jahren in Wien und Niederösterreich erzählt


Bericht: Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Wer mit Mark Schivitz* spricht, merkt, wie schlimm die Kindheitserinnerungen sind, die ihn quälen. Zugleich merkt man aber auch, dass Schivitz keiner ist, den die Vergangenheit gebrochen hat. Viele seiner alten Freunde, erzählt er, hätten sich umgebracht oder zu Tode getrunken. „Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.“ Schivitz hat – nach Therapiestunden und Valium – mit seiner Erinnerung zu leben gelernt, er steht, so scheint es, erfolgreich im Leben.

65 Jahre ist er heute alt. 13 davon verbrachte er in Kinderheimen in Wien und Niederösterreich – auch am Wilhelminenberg, wo es laut ehemaligen Zöglingen massive Kindesmissbräuche gegeben haben soll. Seit diese publik wurden, haben sich mehr als 360 mutmaßliche Opfer beim Weissen Ring, Wiens Anlaufstelle für missbrauchte Heimkinder, gemeldet. Schivitz hat dem Weissen Ring ebenso seine Geschichte anvertraut wie dem Rechtsanwalt Johannes Öhlböck. Für die Stadt soll nun eine Kommission unter der Richterin Barbara Helige die Vorwürfe aufklären – auch die von Schivitz.

Er war gerade fünf, als er in sein erstes Heim im dritten Bezirk eingewiesen wurde. Das war Anfang der 50er-Jahre. Seine überforderte Mutter – „eine arme Seele, der ich nichts Schlechtes nachsagen will“ – hat ihn dorthin und in alle weiteren Heime gegeben. Nachher wollte Schivitz „nur noch raus aus Österreich“. Der Künstler ging nach Deutschland und schließlich in die USA, wo er nun seit einem Vierteljahrhundert in der Filmindustrie Hollywoods arbeitet.

Was er erzählt, zeugt von menschenverachtenden Erziehungsmethoden, für die sich lang niemand interessierte und die „keinen Deut besser waren als zur Nazizeit“, wie Schivitz sagt. Er berichtet aber nicht – wie manch andere Opfer – von Serienvergewaltigungen, Todesfällen und systematischer Prostitution. „Hier sollte ja nicht übertrieben werden“, warnt Schivitz. „Das würde zu einem discredit der Opfer führen und alles infrage stellen.“

Er selbst sei „ein Bub gewesen, der viel Energie gehabt hat, aber ein bissl klein war“. Als solcher habe er die volle Verachtung und Gewalt abbekommen, durch Erzieher wie ältere Zöglinge. Nach dem Heim auf der Landstraße kam Schivitz 1953 auf den Wilhelminenberg, danach, ab 1955, sechs Jahre ins katholische Heim der Kreuzschwestern nach Krems und schließlich in ein privat geführtes nach Wimmersdorf in Niederösterreich.

Am Wilhelminenberg verbrachte Mark Schivitz die Jahre 1953 bis 1955 (Corn)

In der Landstraße hätten Erzieherinnen simuliertes Ertrinken an ihm vollzogen, als er seinen erbrochenen Frühstücksbrei nicht essen wollte, erzählt er. „Sie haben in der Badewanne mit beiden Händen meinen Kopf gehalten und mir Wasser ins Gesicht gespritzt. Dann denkst du, du kannst nicht atmen.“ Am Wilhelminenberg folgten „drei Nächte pro Woche drei Stunden Knien auf dem Marmorboden“. Bettnässer wurden verhöhnt, ihre stinkenden Leintücher nicht gewechselt. Am schlimmsten jedoch wurde es für Schivitz in Krems.

Hier hätte sich die Gewalt der Erzieher am stärksten mit jener anderer Zöglinge vermischt. Ältere hätten sich an jüngeren sexuell vergangen. Zudem waren die Erzieher „ganz, ganz brutale Typen“. Heimkinder seien getreten worden; wer bei Ohrfeigen zuckte, sei noch mehr geschlagen worden. „Krems war der Wilhelminenberg zum Quadrat.“

Schivitz fühlte sich dadurch unentwegt bedroht. Bis heute verfolge ihn das Gefühl, sagt er. „Es gab keinen Platz, wo man sich verkriechen konnte.“ Ein konstanter Stresspegel habe geherrscht, „das Gefühl, dass jeden Augenblick wieder etwas passieren kann“. In den Heimen habe er oft geträumt, dass er weglaufe, sich aber nicht vom Stand bewegen könne. Im Jahr 2001 besuchte Schivitz Wien. Am Schloss Wilhelminenberg sah er die dort angebrachte Gedenktafel: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.“ So ein Hohn, sagt Mark Schivitz. „Das Erste, was man tun müsste, ist diese Tafel wegzureißen.“

* Name von der Redaktion geändert

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Soziales

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s