Die Stadt, die niemand kennt

Aus dem FALTER 44/2011

Bunker, Keller und Skelette: Eine Gruppe junger Wiener erforscht, was seit Jahrzehnten verborgen im städtischen Untergrund liegt

Reportage: Joseph Gepp

Fotos: Heribert Corn

Abgesehen von Thomas Keplinger und seinen Freunden hat diesen Ort wohl seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr betreten. Die massive Stahltür liegt, weit geöffnet, halb unter Schutt und Herbstlaub vergraben. Keplinger klettert hindurch, in einen wohnzimmergroßen Raum mit Betongewölbe. Holzlatten entlang der Wand deuten darauf hin, dass hier einmal Sitzreihen waren. Am Boden liegen rostige Trümmer und der Schädel eines Hundes. Ein halb verschütteter Seitenraum war einmal das Klo. Keplinger wirft den Strahl seiner Taschenlampe an die Wand. „Susi und Sepperl“ ist da in altertümlicher Handschrift geschrieben. „Du bist so lieb.“ Alte Inschriften, sagt Thomas Keplinger, würden ihn besonders faszinieren. Etwas weiter stehen große Druckbuchstaben neben einem Pfeil: „Vergiftete Kleidung abwerfen.“

Thomas Keplinger und sein Kollege Georg Demmer bei der Arbeit im Untergrund (Corn)

Warum die Kleidung vergiftet war und was dieser Weltkriegsbunker in einem Waldstück am dünn besiedelten Stadtrand von Liesing überhaupt sollte, weiß heute niemand mehr. Einzig eine rechteckige Senke neben ihm lässt darauf schließen, dass hier ein Gebäude stand. „Vielleicht“, mutmaßt Keplinger, „gehörte der Bunker ja zu einem Labor, in dem mit Giftstoffen hantiert wurde.“

Keplinger, 37, im Brotberuf PR-Angestellter, ein schlaksiger Mann mit umgehängter Kameratasche und Wanderstiefeln, gehört zu einer Gruppe namens „Verborgene Räume“. Das sind im Kern acht bis zehn Leute, mit und ohne wissenschaftlichen Hintergrund, die seit zwei Jahren den Wiener Untergrund erforschen und Faszination an ihm wecken wollen. Zum eigenen Schutz und zu jenem der Objekte ihrer Wissbegierde haben sie sich dabei eine Art Kodex auferlegt. Zwei voneinander unabhängige Lichtquellen muss ein Mitglied der Verborgenen Räume stets bei sich tragen. Vor Ort darf nichts verändert oder gar mitgenommen werden, lediglich fotografiert. Auch der Falter nennt keine genauen Ortsangaben, um die Stätten vor Vandalen und Sprayern zu schützen.

Warum die Kleidung vergiftet war, weiß man heute nicht mehr (Corn)

Hinweise auf interessante Orte beziehen Keplinger und Kompagnons aus Internetforen. Dort tobt mitunter eine erbitterte Debatte darüber, ob denn mehr dahinter sein könnte, wenn ein Stück Feldweg an Wiens Peripherie unvermittelt asphaltiert ist. „Das Tolle an unserer Beschäftigung ist“, sagt Keplinger, „dass man aus einer scheinbar vertrauten Umgebung sofort in eine komplett andere Welt abtaucht.“ Er meint eine Welt aus vergessenen, zufällig liegengebliebenen Fetzen, die Geschichten erzählen. Eine Nische ohne offenkundigen Zweck, ein rostiger Haken an der Wand. Ein altes Holzfass, ein Flugblatt aus der Zwischenkriegszeit. „Bei uns vermischen sich Forschungsinteresse und Erlebnisfaktor“, sagt Georg Demmer, 28, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume. „Es sind kleine Dinge, die in die Vergangenheit führen.“

"Susi und Sepperl", steht da. "Du bist so lieb."
(Corn)

Vereine, die den Untergrund erforschen, sind in den vergangenen Jahren in vielen Städten Europas aufgetaucht. In Hamburg, Berlin, Paris und Rom können Interessierte mittlerweile sogar unterirdische Theateraufführungen und Thementage buchen. In Osteuropa streifen Passionierte durch die bröckelnden Hinterlassenschaften von forcierter Industrialisierung und Kaltem Krieg. In Wien hingegen ist die Bewegung noch am Anfang.

Ende 2010 erregten Thomas Keplinger und seine Freunde erstmals Aufsehen. Im dritten Bezirk entdeckten sie ein ganzes Schwimmbad wieder, von dem man zwischenzeitlich schon gedacht hatte, es existiere nicht mehr.

1888 errichtet, ist das Beatrixbad in der Linken Bahngasse das älteste der Stadt. Einst hat der jüdische Sportverein Hakoah hier trainiert, nach dem 2. Weltkrieg geriet der Ort aber in Vergessenheit. Bis Keplinger 2010 durch das Fenster der Schnellbahn über einem Haus einen Turm erblickte, der nur auf eine dampfbetriebene Einrichtung hindeuten konnte. In Kooperation mit dem Hauseigentümer und dem Bezirksmuseum grub er sich danach zwei Monate lang durch den Keller. Er entdeckte einen Grundwasserbrunnen, eine alte Pumpe, gar zwei Schrotflinten und Revolver aus dem 19. Jahrhundert, die wohl 1945 hier versteckt worden waren. Jetzt soll das Schwimmbad mit dem Ziegelgewölbe und dem Marmorbrunnen behutsam renoviert werden und als Teil eines Fitnessstudios seinen alten Zweck wiedererlangen.

Wendeltreppe in einem Keller in der Innenstadt (Corn)

Praktisch jede freie Minute streift Thomas Keplinger durch die Stadt. Er erzählt von Kellerabteilen, die zur Zeit der großen Wohnungsnot im frühen 20. Jahrhundert als Einzimmerwohnungen dienten und bis heute über Türschild, Luster und Tapeten verfügen. Am Cobenzl in Döbling – einem seiner Lieblingsorte in der Stadt, wie er sagt – erforscht er die Reste einer 1931 errichteten Skisprungschanze und eines Schlosses, von dem heute nur noch die breite Treppe existiert. Manchmal muss man auch gar nicht erst in verborgene Orte vordringen, um Unerwartetes und Zweckentfremdetes zu entdecken: Keplingers Kollege Georg Demmer erzählt etwa vom Designermöbelgeschäft Roche Bobois in der innerstädtischen Wipplingerstraße. Früher beherbergte das Gebäude eine Bank – sodass man schicke Accessoires bis heute hinter den Panzertüren des Tresorraums besichtigen kann. Außerdem liegt unter einer Glasscheibe im Untergeschoß ein römisches Skelett, Überbleibsel jenes antiken Friedhofs, der sich gleich hinter den Mauern des Heerlagers Vindobona, nahe des heutigen Tiefen Grabens erstreckte.

Ein Anzugträger, der gerade mitten in der Innenstadt aus einem Barockhaus tritt, schöpft nicht weiter Verdacht, als ihm in der Hauseinfahrt Keplinger, Demmer und andere Unbekannte entgegenkommen. „Die Leute in Wien sind diesbezüglich ziemlich okay“, sagt Demmer. „Sie werden nicht gleich misstrauisch.“ Er betritt ein Haus mit altertümlichen Pawlatschen, das über zwei Kellergeschoße untereinander verfügt. Wer über steile Stufen ins untere der beiden hinabsteigt, findet ein Labyrinth an hohen Räumen und Gängen. Manche enden im Nirgendwo, an einer Wand aus Erdreich. Andere verengen sich zu Kriechgängen von kaum einem halben Meter Höhe. Auch ein etwa 15 Meter tiefer Grundwasserbrunnen findet sich im Keller. „Man darf diese alten Keller nicht mit modernen Augen sehen“, erklärt Keplinger. „Einerseits gab es damals keine Auflagen beim Bau, also wurde einfach gegraben. Andererseits hatten Keller mehr Funktionen als heute. Zum Beispiel auch jene eines Verstecks im Kriegsfall.“

In der oberen der beiden Kelleretagen
führt ein Mauerdurchbruch in den Keller des Nachbarhauses. „Zum Luftschutzraum“ steht neben der Luke an die Wand gepinselt. Die Nationalsozialisten hätten Keller miteinander verbunden, um bei Bombardements Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, sagt Keplinger. Daraus resultiere auch die Urban Legend, dass man durch Wiens Keller unterirdisch die halbe Stadt durchkreuzen könne. „Tatsächlich wurden die meisten Durchbrüche später wieder zugemauert.“ Nur in wenigen Fällen, etwa unter der Wollzeile, blieben Verbindungen bestehen.

"Zum Luftschutzraum" (Corn)

Nicht nur in Form von Kellern überzog das Naziregime die Stadt mit einer umfassenden Schutzinfrastruktur für Luftangriffe, die, kaum fertiggestellt, schon wieder funktionslos und vergessen wurde. Die sechs Wiener Flaktürme sind nur augenfälligster Ausdruck zahlreicher Bunker und Unterstände in der ganzen Stadt. Viele bergen Aufschlussreiches: So erkundete eine Gruppe um den Historiker Marcello La Speranza, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume, einen Bunker im Anne-Carlsson-Park am Alsergrund. Als man eine Toilettenmuschel freilegte und umdrehte, fielen Hakenkreuznadeln und NSDAP-Parteiabzeichen heraus. Schutzsuchende im Bunker wollten sie in den letzten Kriegstagen offenkundig das Klo hinunterspülen, als draußen bereits russische Soldaten durch die Straßen zogen.

Ein weiterer Luftschutzraum, zu dem Thomas Keplinger führt, wurde als Stollen in eine Felswand in Liesing getrieben. Für hunderte Menschen muss der Platz in dem langen Schachtsystem damals gereicht haben. Warum im dörflichen Rodaun Bedarf dafür bestand und ob die Anlage – wie damals gängig – von Zwangsarbeitern errichtet wurde, weiß man heute nicht mehr. Nach dem Krieg jedenfalls wurde der Einstieg zugemauert, bis ihn irgendwann jemand wieder aufbrach.

Schmaler Einstieg in ein Stollensystem in Liesing (Corn)

Wer heute durch die schmale Luke klettert, findet sich in einem feuchten, dunklen Schacht wieder. Einrichtungsgegenstände wie im Anne-Carlsson-Park sucht man hier vergeblich, dafür ragen hunderte verrostete Stangen aus dem Fels, Halterungen für Sitzbänke. Altertümliche Keramikisolatoren künden von einer einstigen Elektrizitätsversorgung. Ganz am Ende eines Gangs schlafen zwei Menschen in Schlafsäcken. Es müssen Obdachlose und Betrunkene sein, die hier im stockdunklen Schacht übernachten und weder auf Zurufe noch auf den Schein der Taschenlampen reagieren. „Zum ersten Mal, seit ich in der Unterwelt herumklettere, treffe ich Menschen“, sagt Keplinger erstaunt, als er wieder aus dem Stollen steigt. „Es soll auch einen zweiten Schacht hier in der Nähe geben. Das habe ich in einem Forum gelesen, allerdings haben wir ihn bis jetzt nicht gefunden.“

Die Verborgenen Räume wollen nun
Schritte in Richtung Professionalisierung setzen. Eine quartalsmäßig erscheinende Vereinszeitung soll über aktuelle Entdeckungen berichten, eine Homepage die Vernetzung mit Unterweltfans anderer Städte vertiefen. „Erfassen, dokumentieren, erhalten“ sei das Ziel, sagt Keplinger. Auch könne man sich vorstellen, wie anderswo Führungen durch den Untergrund zu veranstalten, „aber das liegt noch in weiter Ferne“.

Die Stangen waren einmal Halterungen für Sitzbänke (Corn)

Mittlerweile hat er einen weiteren Bunker erreicht, in einem Waldstück in Floridsdorf. Die Einstiege in den gewundenen Stahlbetonschlauch sind derart von Unterholz überwuchert, dass man sie kaum sieht. Drinnen lassen Inschriften wie „Telefonist“ oder „Feuerwehr“ die einstige Arbeitsteilung erahnen.

Früher befand sich rund um diesen Bunkerschlauch eine große Fabrik für Flugzeugteile, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Von den Werkshallen, Arbeiterunterkünften und Löschteichen wurden allerdings im Jahr 2002 die letzten Reste beseitigt. Einzig den Bunker scheint man übersehen zu haben. Rundherum wachsen heute Bäume und Sträucher, als hätte es nie ein Fabriksgelände gegeben. Nur einige asphaltierte Flecken auf dem Waldboden zeigen die Fundamente jener Gebäude an, die einst hier standen. Thomas Keplinger legt eine rechteckige Asphaltfläche frei, indem er Laub und Erde mit dem Schuh beiseite schiebt. „Solche Sachen muss man sich immer ganz genau anschauen“, sagt er. „Sie könnten verraten, dass es hier irgendwo noch mehr gibt.“

BUCHTIPPS

Vergessene Kellertheater, U-Bahn-Schächte unter der Stadtmauer, osmanische Minentunnel und unterirdische Kerker der Gestapo: Ein neues Buch dokumentiert Wiens Unterwelt
Robert Bouchal, Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller, Labyrinthe, fremde Welten. Pichler, 208 S., € 24,99

Bereits 2000 erschienen ist „Unterirdisches Wien“, ein Stadtführer in die Tiefen der Stadt
Bernd Anwander: Unterirdisches Wien. Falter Verlag, 352 S., € 25,50

INTERNET-LINKS

Wien: Verborgene Räume, Unterirdisch-Forum

Unterwelten Berlin

Unterwelten Hamburg

Unterwelten Rom:

Unterwelten Neapel:

Unterwelten französischer Städte

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

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