Monatsarchiv: Oktober 2011

Blutland: Historiker Timothy Snyder präsentiert sein Werk

Aus dem FALTER 42/2011

Manchen Historikern gelingt es, alte Erkenntnisse mit neuen Deutungsmustern anzureichern – und eine neue Perspektive zu schaffen. So wie Timothy Snyder. In seinem Buch „Bloodlands“ definiert der US-Amerikaner einen Streifen des Grauens quer durch Europa, etwa vom Baltikum zur Krim (siehe Falter 34/11). Vor diesem Hintergrund erzählt er Hitlers und Stalins Verbrechen neu.

Am Donnerstag präsentiert der Yale-Professor, der am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen forscht, sein Werk. Die Veranstaltung wird in deutscher und englischer Sprache stattfinden. Im Anschluss diskutiert Snyder mit der heimischen Historikern Sybille Steinbacher. Am 20.10., 19 Uhr, im IWM, 9., Spittelauer Lände 3.

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GONE: Der Film zum Fall

„GONE“ heißt der US-Dokumentarfilm über Aeryn Gillern. 2007 verschwand der Amerikaner nach einem Saunabesuch in Wien spurlos (siehe hier). Der Fall wurde im Falter von Joseph Gepp ausführlich behandelt. Im Rahmen der Viennnale kommt „GONE“ nach Wien: am 23.10., 18.30 Uhr, im Urania-Kino und am 24.10., 13 Uhr, im Gartenbau

Ankündigung auf der Viennale-Seite

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Rosenwasser und Redewettbewerbe

Aus der FALTER-Buchbeilage 41/2011

Geschichte: Jonathan Phillips schildert die mittelalterlichen Kreuzzüge anschaulich und atemberaubend spannend

Die Geschichte des Mittelalters scheint vielen interessierten Laien als Aneinanderreihung von Schlachtschauplätzen und Herrschernamen. Oder aber sie setzt sich zusammen aus TV-Klischeebildern wie Schwertergeklirr oder würdigem sakralem Getue vor dem Hintergrund gotischer Kathedralen.

Wer meint, diese Epoche lasse sich gar nicht anders darstellen, weil sie einfach schon zu weit zurückliegt, sollte das neu erschienene Buch „Heiliger Krieg“ von Jonathan Phillips lesen. Phillips ist Professor für die Geschichte der Kreuzzüge am Royal Holloway College der Universität London.

Sein „Heiliger Krieg“ vollbringt auf 639 Seiten eine Meisterleistung: Er vermittelt umfassend, anschaulich, lebensnah, vielschichtig und stilistisch elegant eine Ära, die entweder nur als besagtes Fernsehklischee wahrgenommen wird – oder aber als historische Bezugsgröße für Fanatiker wie Osama bin Laden oder Anders Behring Breivik.

Wohl vernünftig bei einem Thema, bei dem man so wenig Vorwissen voraussetzen kann, gliedert Phillips sein Werk ganz konventionell chronologisch: Er erzählt die Historie der Feldzüge strikt vom Beginn des Ersten Kreuzzugs 1096 bis zum Fall der letzten Kreuzfahrerstadt Akkon 200 Jahre später.

Trotzdem versteht und vermittelt Phillips die Kreuzzüge nicht nur als Abfolge militärischer Kämpfe um die Stadt Jerusalem, sondern auch als politische Idee mit wechselndem geografischem Bezug, die Europa zwei Jahrhunderte lang dominierte.

So gab es etwa auch einen Wendenkreuzzug gegen heidnische Slawen im heutigen Ostdeutschland und Westpolen, den Albigenserkreuzzug gegen christliche Häretiker im heutigen Frankreich oder die Reconquista des muslimischen Spanien.

All dies firmierte bei Zeitgenossen unter „Kreuzzug“, und all dies konsolidierte die Macht der römischen Kirche, die im Hochmittelalter den Staub der Völkerwanderung gleichsam abschüttelte und im kleinräumigen und zersplitterten Westeuropa zum bestimmenden Faktor aufstieg.

Phillips befasst sich mit der Dehnbarkeit des Begriffs Kreuzzug. Er geht auf muslimische Quellen ebenso ein wie auf christliche. Er thematisiert „die unzähligen Widersprüche und die Vielschichtigkeit des Heiligen Krieges“.

Darunter fallen auch „Kreuzzüge gegen Christen und Aufrufe zum Dschihad gegen Muslime“. Ein prominentes, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür ist die Plünderung des griechisch-orthodoxen Konstantinopel durch ein Kreuzfahrerheer 1204.

Im letzten Kapitel liefert Phillips zudem eine Art Rezeptionsgeschichte der Kreuzzüge: Während sie Gelehrten der Barockzeit noch als „einzigartiges Denkmal des menschlichen Irrsinns“ galten, fand im 19. Jahrhundert eine Romantisierung statt, die sich etwa in den populären Ritterromanen von Walter Scott manifestierte.

Im Kolonialismus und später im arabischen Nationalismus wurden die Kreuzzüge wieder zum Politikum, was sie bis heute geblieben sind.

Um ihren Verlauf zu schildern, greift Phillips auf Augenzeugenberichte zurück – fast 100 Seiten umfasst das Literatur-und Personenverzeichnis am Ende des Buchs. Die Berichte liefern nicht nur einen Einblick in die Geschichte der Kämpfe, sondern auch ins Alltagsleben einer fernen Epoche: was die Menschen aßen, woran sie litten, wie sie Macht und Status zur Schau stellten, an welcher Stelle der Stadtmauer der Durchbruch nach Konstantinopel oder Jerusalem erfolgte usw., usf.

Die großen geopolitischen Linien des Mittelalters verbinden sich in seinem Buch mit einer faszinierenden und detailreichen Alltagsgeschichte von Okzident und Orient.

So ließ, um nur ein Beispiel zu nennen, Sultan Saladin den Jerusalemer Tempelberg 1187 mit Rosenwasser säubern, um symbolisch die fast 100-jährige christliche Herrschaft wegzuwaschen. Das kupferne Kreuz, das die siegreichen Muslime vom Felsendom stürzten, ließ Saladin – aus heutiger Perspektive widersprüchlich – vergolden, um es danach, als es sozusagen wertvoller geworden war, in seiner Hauptstadt Bagdad nahe der Moschee zu vergraben.

Ein Redewettbewerb ermittelte danach, wer die erste Predigt in der Al-Aksa-Moschee halten durfte. Sogar der Gewinner ist überliefert, er hieß Ibn al-Zaki, ein Imam aus Damaskus.

Des Weiteren ließ Sultan Saladin eine kunstvolle Kanzel aus Aleppo nach Jerusalem bringen, um sie in der Al-Aksa-Moschee aufzubauen. Dort stand sie, bis sie im Jahr 1969 ein Brand zerstörte – an einem Ort, der wohl niemals in seiner Geschichte unumstritten war.

Jonathan Phillips: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. DVA, 640 S., € 30,90

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Wir Wutmenschen

AUS DEM FALTER 41/2011

In Steinhof und an der Alten Donau revoltieren Bürger gegen Bauprojekte. Warum die Politik empörte Städter nicht länger übersehen kann

Reportage: Joseph Gepp
Fotos: Heribert Corn

Wer Christine Muchsel auf einen Kaffee treffen möchte, sollte ein Lokal mit großen Tischen wählen. Denn kaum hat sie Platz genommen, schiebt sie auch schon die Häferl beiseite und breitet einen riesenhaften Flächenwidmungsplan vor sich aus.

„Schauen Sie.“ Muchsels Hand gleitet über symmetrisch angeordnete Kästchen. Das Otto-Wagner-Spital am Steinhof, das von der berühmten Kirche mit der grün-goldenen Kuppel bekrönt ist, galt bei seiner Gründung vor 100 Jahren als wegweisend. Die Funktionalität eines Krankenhausbetriebs verband sich mit Grünflächen, die sich zwischen Jugendstilspitalspavillons hinzogen. Heute jedoch entspricht die Anlage nicht mehr modernen Erfordernissen. Das Spital soll teilweise abgesiedelt werden. Wo Nervenkranke kuriert wurden, will die gemeindeeigene Wohnbaugesellschaft Gesiba nun Wohnungen bauen. „Bis auf wenige Meter rücken sie an die historischen Pavillons heran“, klagt Muchsel und fährt mit dem Fingernagel den Rand der Anlage entlang.

Muchsel, 63, Hausfrau, gehört einer Gruppe an, die immer mächtiger wird in Wien. Bürger, die gemeinsam für Belange ihrer Stadt eintreten, wurden früher – von spektakulären Einzelfällen abgesehen – als Fantasten oder Querulanten abgetan. Heute findet eine Professionalisierung statt. Um gegen den oft inhaltsleeren Politikersprech anzukommen, eignen sich immer mehr Bürger Fachkenntnisse an, ob planerischer, juristischer oder medizinischer Natur. „Vieles hat sich verändert“, sagt Herta Wessely, die als Obfrau der sogenannten Aktion 21 die meisten Wiener Bürgerinitiativen koordiniert. „Wenn sich heute eine neue Initiative bildet, dann ist die Website oft schon fertig, und einen Anwalt haben sie auch gleich mit.“

Christine Muchsel (r.) und ihre Mitstreiter vor der Otto-Wagner-Kirche in Steinhof (Corn)

Rund 60 Initiativen mit über 100.000 Mitgliedern gehören der Aktion 21 mittlerweile an. Triebkraft ist das Gefühl, bei konventionellen Entscheidungsfindungsprozessen übergangen zu werden. „Jahrelang verlor keine offizielle Stelle über Planungen ein Wort“, erzählt Christine Muchsel von Steinhof. „Und plötzlich war die erste Baugrube da.“

Das politische Engagement vieler Wiener verlagert sich weg von der Wahlurne und dem allgemeinen Interesse an Tagespolitik hin zu konkreten Projekten im Lebensumfeld. Oder besser: zur Verhinderung derselben. Die geplante Verbauung von Steinhof gehört zu den größten Aufregern, die Wien derzeit in Atem halten.

Noch ist das Gelände ein verschlafener Ort am Stadtrand. Es riecht nach geschnittenem Gras, zwischen den Pavillons werden Nordic Walker von Joggern überholt. Bis 2016 will die Gesiba hier 620 Wohnungen errichten. Muchsel spricht von „Profitmaximierung“. Eine „gated community“ drohe, „bei der sowohl Ensembleschutz als auch Erholungswert unter die Räder kommen“.

2006 beschlossen SPÖ und FPÖ im Rathaus gegen den Willen von ÖVP und Grünen eine Umwidmung der denkmalgeschützten Anlage in Bauland. 2008 wurde die Fläche – zu einem äußerst günstigen Quadratmeterpreis, wie die Grünen damals aufdeckten – an die Gesiba verkauft. Im ersten Schritt sollen nun Neubauten errichtet werden, die bis knapp an die Pavillons heranreichen. Doch die Bürger fürchten, dass es dabei nicht bleibt. Bald könnten auch in den Pavillons selbst Luxuswohnungen entstehen, sagt Muchsel. Darauf deuten Unterlagen hin, die der Initiative zugespielt wurden und in denen die Pavillons als Zielgebiet für Bautätigkeit definiert werden. Auch prüft das Bundesdenkmalamt gerade eine „Adaptierung für Wohnzwecke“. Je mehr Pläne ans Licht kommen, desto mehr befürchten die Anrainer ein abgeschottetes Luxusdorf – und fordern stattdessen eine öffentliche Nutzung, wie sie etwa im Alten AKH am Alsergrund möglich ist.

Die Bewegung durchlaufe gerade die „Wandlung vom Klein- zum Mittelbetrieb“, sagt Wolfgang Veit, einer von Muchsels Mitstreitern. Im Zivilberuf leitet Veit ein schickes Café am Yppenplatz. Vorher war er Stadtplaner und kennt die Tücken von Umwidmungen, die Finten der Baupolizei, die Feinheiten von Parteienstellung bei Bauprojekten. Auf der Rückseite der Flugblätter, die Veit und Muchsel verteilen, finden sich neben Politikeradressen jene von Medien. Mobilisierung lautet die Devise. Die Behörde wolle Steinhof zum „Anrainerproblem“ erklären, sagt Veit. „Das lasse ich mir nicht bieten. Die ganze Stadt geht hier spazieren und kennt das Areal. Also ist Steinhof die Sache von ganz Wien.“

Während Veit sein Anliegen zu einem ganz Wiens
erklären will, versucht Herta Wessely, Obfrau der Aktion 21, ihre Aktivität gleich auf ganz Österreich auszuweiten. Seit September trifft sie Bürgerinitiativen aller Bundesländer. Eine bundesweite Kommunikation und Rechtsberatung soll die Bewegung stärken.

„Ich merke bei Gesprächen, wie das Gefühl, dass rein gar nichts geschieht, spürbar stärker wird“, sagt Wessely, die 2006 den Bau einer Tiefgarage im Bacherpark in Margareten verhinderte. Erst vergangene Woche hat sie die jüngste Wiener Initiative begrüßt; Wieden wehrt sich gegen den großen Umbau der kleinen Goldegggasse. „Dass sich das Mitbestimmungsrecht der Bevölkerung darauf beschränkt, alle paar Jahre ein Kreuzerl zu machen, ist unzeitgemäß und absurd“, sagt Wessely.

Um das zu ändern, überreichte die Aktion 21 der zuständigen Wiener Stadträtin Maria Vassilakou von den Grünen im Juli einen Forderungskatalog. Er fasst erstmals zusammen, was sich die Bürger auf legislativer Ebene wünschen. So verlangen sie öffentliche Einsicht in Gutachten. Vertreter von Initiativen sollen bei Bauverhandlungen zugegen sein dürfen – ein Recht, dass bisher Anrainern vorbehalten ist. Ebendiese sollten breiter gefasst werden. Neben unmittelbaren Nachbarn sollen etwa auch Grätzelbewohner gemeint sein, denen ein neues Hochhaus die Sicht rauben würde.

Die Grünen haben bereits reagiert und mit der SPÖ eine neue „Koordinationsstelle für Bürgerinnenbeteiligung“ ausverhandelt, die ressortübergreifend eingerichtet werden soll. Dennoch zeigen sich viele Bürger enttäuscht von der Partei, die seit 2010 in Wien mitregiert. Viel haben sie sich versprochen von den Grünen, die selbst aus Protestbewegungen hervorgingen und stets als Schirmherren betroffener Bürger auftraten (siehe auch Interview mit Christoph Chorherr). „Das Gesprächsklima ist heute zwar freundlicher als zu Zeiten der roten Alleinregierung“, sagt Wessely, „aber in der Sache sind die Grünen zurückhaltend bis ablehnend.“ In einigen Fällen wolle sich die Partei an ihre Versprechen nicht mehr erinnern; in anderen könne man leider nichts mehr tun. „Dadurch werden die Leute sauer.“

Sauer ist auch Arno Aigner, 51,
aus der Donaustadt, im Brotberuf Selbstständiger. „Die Grünen haben unser Anliegen immer unterstützt. Seit sie aber in der Stadtregierung sitzen, wollen sie praktisch nichts mehr von uns wissen.“ Aigner und seine Mitstreiter engagieren sich in einer Sache, die neben Steinhof derzeit wohl das stadtweit größte Aufsehen erregt: dass am beschaulichen Ufer der Alten Donau immer mehr Luxuswohnungen entstehen.

Einst zogen Taglöhner und Arbeitslose hierher, um Baracken zu bauen und Erdäpfel zu pflanzen. Aus den Baracken wurden die Schrebergartensiedlungen, die das Ufer bis heute prägen. Die dazugehörigen Grundstücke gehören vielerorts dem Stift Klosterneuburg, dem die Transdanubier eine – traditionell niedrige – Pacht zahlen.

Heute jedoch ist die Donaustadt der schnellstwachsende Bezirk Wiens. Der Boden unter den kleinen Häusern wird immer teurer. Wer von Kagran zur Alten Donau geht, stößt zwischen Schrebergärten auf schicke Mehrfamilienhäuser mit großem Balkon, flachem Dach und einer breiten Glasfront zum Wasser hin. „Luxury Living“ steht davor, oder: „Wohnen wie am Wörthersee“.

Dutzende dieser Häuser wurden in den vergangenen Jahren errichtet. Die angestammte Bevölkerung werde mittels Preistreiberei und unsanfter Methoden aus ihren Schrebergärten verdrängt, sagt Aigner. Er beklagt ein undurchsichtiges „Zusammenspiel von Stadt Wien, Stift Klosterneuburg und Baubehörde“. Will ein Pächter sein Haus einem Nachfolger übergeben, erhöhe das Stift die Pacht oft um das Zehnfache. Wenn sich der Nachfolger das nicht leisten kann, fällt das Grundstück an das Stift zurück – und bald entsteht darauf ein neues Luxusappartement.

Arno Aigner (3. v. r.) und seine Mitstreiter an der Alten Donau (Corn)

Das Stift Klosterneuburg bestätigt die Preiserhöhungen. Allerdings würde sie nur zwischen Generationen fällig und nicht etwa, wenn das Haus einem Ehepartner übergeben werde. Auch helfe das Stift nach eigener Aussage Pächtern mit „Sozialklauseln“, sofern diese bedürftig sind.

Trotzdem haben die Kleingärtner am Ufer der Alten Donau kaum Mitspracherecht. Wird beispielsweise auf dem Nachbargrundstück gebaut, dürfen sie nicht an der Bauverhandlung teilnehmen – sondern nur das Stift als Grundeigentümer. Da dieses in vielen Fällen auch gleich das Nachbargrundstück besitzt, wird die Bauverhandlung zur Pflichtübung. Aigners Initiative beklagt intransparente Pachtverträge mit unterschiedlichen Bedingungen für Kleinpächter und Immobilieninvestoren. „Es geht mir nicht darum, dass sich an der Alten Donau nichts verändern darf“, sagt er. „Ich will nur, dass der kleine Pächter dieselben Rechte hat wie die große Immobilienfirma.“

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass in der Donaustadt ein erbitterter Kampf zwischen Kleinhäuslern und Investoren tobt. Anrainer berichten von Einschüchterungen, Immobilienhaie würden in der Nacht Sturm läuten. Bei unbotmäßigem Verhalten drohe das Stift, „sich Pachtverträge noch mal ganz genau anzuschauen“, erzählt ein Anrainer. Wie eine „Schauplatz“-Dokumentation des ORF zeigte, bietet die niederösterreichische Baufirma Glorit, einer der großen Player am Ufer, in Hochglanzprospekten Grundstücke zum Kauf, auf denen Kleinhäusler ein intaktes Pachtverhältnis unterhalten.

Zwar hat Vassilakou nun für einen Teil des Grätzels eine Begrenzung der Höhe von Neubauten durchgesetzt. Trotzdem führen Aigner und seine Mitstreiter einen Kampf an vielen Fronten, der sich von Projekt zu Projekt neu entscheidet. Ganz im Gegensatz zu Christine Muchsel und ihrem Engagement gegen die Wohnungen am Steinhof: Bei diesem Vorhaben fungiert als Bauherr und Auftraggeber allein die Gemeinde samt ihren Firmen.

Die Chancen für die wütenden Bürger stünden trotzdem schlecht, sagt ein Insider aus dem Rathaus, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Widmung auf Bauland liege Jahre zurück, die Grundstücke seien längst an die Wohnbaugesellschaft Gesiba verkauft. „Die Proteste hätten viel früher beginnen müssen“, meint der Insider. „Jetzt können die Bürger höchstens erreichen, dass die Anzahl der neuen Wohnungen verringert wird.“

Muchsel und ihre Mitstreiter bleiben trotzdem optimistisch. Die Zahl der Engagierten sei ins Unübersehbare gewachsen, sagt sie. Die Bewegung habe sich „verselbstständigt“. Außerdem hat Muchsel gute Erfahrungen mit Bürgerbewegungen.

Es war 1981, vor genau 30 Jahren, als die Steinhofgründe schon einmal verbaut hätten werden sollen. Wütende Bürger erzwangen im letzten Moment eine Volksbefragung, bei der 53,5 Prozent gegen das Projekt votierten. Die Initiatorin des Protests hieß auch damals Christine Muchsel.

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„Demokratie ist derzeit ein ziemlicher Patient“

AUS DEM FALTER 41/2011

Christoph Chorherr über direkte Demokratie, den Zenit von allem und Wiens Grüne auf dem steinigen Weg von der Ideal- zur Realpolitik

Interview: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Verändert!“ heißt das neue Buch des grünen Vordenkers Christoph Chorherr. Der Titel bezieht sich auf Stéphane Hessels Pamphlet „Empört euch!“. Von Bildung über Energie bis zu Entwicklungshilfe schreibt Chorherr „über die Lust, Welt zu gestalten“.

Falter: Herr Chorherr, Bürger fühlen sich frustriert und machtlos. Was kann man tun?

Christoph Chorherr: Man soll eine Debatte über die Grundfesten unserer Demokratie führen. Die repräsentative Demokratie muss erneuert, direktdemokratische Elemente stärker eingeführt werden. Demokratie ist derzeit ein ziemlicher Patient.

In ihrem Buch empfehlen Sie eine Staatsreform. Sind Österreich und Europa undemokratischer geworden oder reicht uns nur das bisherige Maß an Demokratie nicht mehr?

Christoph Chorherr will (auch) das Parlament verändern (Foto: Corn)

Chorherr: Angesichts großer Aufgaben in Bildung, Umwelt oder bei der Finanzkrise sind die derzeitigen Personen und Strukturen nicht zur Erneuerung imstande. Wir müssen uns etwa fragen, ob wir wirklich die Auswahl unserer Spitzenrepräsentanten den Parteien überlassen wollen? Oder wie das Parlament mehr sein könnte als ein Vollzugsorgan der Regierung?

Wie kann der durchschnittliche Bürger, abgesehen von der Wahlurne, etwas verändern?

Chorherr: Es gibt vieles. Ich persönlich engagiere mich etwa für südafrikanische Schulen. Es gibt politisches Engagement und das, was ich als Mühe um Entfeudalisierung betrachte. Man kann sich engagieren, dass Leute endlich ihre Nase in ihre eigenen Angelegenheiten stecken. Kompetenz gehört zu jenen, die sie am besten lösen. Zum Beispiel brauchen die Schulen Autonomie statt einen Streit, ob der Bund oder die Länder die Lehrerbestellung politisch beeinflussen darf.

In Wien versuchen immer mehr Menschen sich einzumischen. Von der grünen Regierungsbeteiligung versprachen sie sich viel und sind nun enttäuscht. Was läuft schief?

Chorherr: Der Protest bezieht sich oft auf Beschlüsse von vor unserer Zeit. Wir wollen und können den Rechtsstaat nicht aushebeln. Wo wir aber in der Tat einen Nachholbedarf haben, ist der Anspruch auf transparente Entscheidungsfindungsprozesse. Das ist uns bisher nicht annähernd so gelungen wie von uns gewollt. Bürger einzubeziehen ist leichter gesagt als getan, dafür mag die Umgestaltung der Mariahilfer Straße ein Beispiel sein. Wien ist halt obrigkeitshörig, und ein knappes Jahr ist zu kurz, um die Grundlagen einer jahrhundertealten habsburgischen Tradition zu verändern.

Reicht eine Legislaturperiode?

Chorherr: Nach fünf Jahren muss einiges anders sein. Aber nach den Habsburgern sind auch fünf Jahre ein bisschen kurz.

Wie kann man direkte Demokratie leben, ohne zu riskieren, dass alle alles blockieren?

Chorherr: In vielen Fällen soll am Schluss schon das repräsentativ-demokratische System entscheiden. Wichtig ist aber, Konzepte früh öffentlich zu machen. Man darf Bürgern keine fixfertigen Projekte aufs Aug drücken. Man muss es aushalten, wenn Entscheidungen einige Monate länger dauern. Leidenschaftlich soll über Vor- und Nachteile gestritten, und Alternativen sollen aufgezeigt werden. Der Streit um Steinhof würde etwa anders aussehen, wäre man im Vorfeld transparenter gewesen.

In ihrem Buch erweitern Sie den „Peak Oil“, den Zenit der Erdölförderung, zum „Peak Everything“. Nahrungsmittel, Energie, alles gehe zur Neige. Sie schlagen radikale Maßnahmen vor. Glauben Sie tatsächlich, dass die internationale Politik dazu in der Lage ist? Sie kann doch selbst bei drängendsten Problemen nicht koordiniert handeln.

Chorherr:
Der Wandel muss dramatisch sein, wenn neun Milliarden Menschen Ernährung, Energie und Mobilität haben wollen. Demokratie und Frieden sind nicht möglich, wenn die einen das 20-Fache der anderen konsumieren. Nein, zu Verteilungspolitik auf globaler oder europäischer Ebene sind die Verantwortlichen nicht imstande. Ich glaube, dass die lokale Politik, etwa in Sachen Energie, viel tun kann.

Christoph Chorherr:
Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten. Kremayr & Scheriau, 190 S., € 22,-

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Schunkelstimmung kurz vor Sirte: die Botschafterin im Dirndl

AUS DEM FALTER 41/2011

Wüstenmode Glosse

Dass der Österreicher selbst in wahrhaft ungemütliche Gefilde ein bisschen fröhliche Schunkelstimmung zu bringen vermag, bewies gekonnt Dorothea Auer, ihres Zeichens heimische Botschafterin in Libyen. Anlässlich des Besuchs von Außenminister Michael Spindelegger, den kluge Berater wohl im letzten Moment vom Tragen eines Lodenjankers abgebracht haben, zog sich Auer flugs ein Dirndl an, um damit durch Tripolis zu flanieren.

Wer dies für etwas merkwürdig hält, wo doch im selben Land zur selben Zeit Granaten einschlagen und Menschen sterben, dem sei gesagt: Libyen und Kleidung, das ging für Österreicher noch nie gut. Liegt wohl am schlechten Vorbild des vormaligen Machthabers. Man erinnere sich nur an den massigen Kamelhaarmantel, den dieser Bruno Kreisky schenkte.

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Westsahara: Umstrittenes EU-Abkommen

Aus dem FALTER 40/2011

Darf die EU mit Kolonialherren Geschäfte machen? Diese Frage steckt hinter der Debatte über ein Fischereiabkommen mit Marokko, das die Küsten der marokkanisch besetzten Westsahara betrifft (siehe Falter 13/11). Nun votierte das EU-Parlament trotzdem gegen eine fundierte Prüfung des Deals durch europäische Juristen. Von Österreichs Abgeordneten stimmten die Grünen für die Prüfung, die ÖVP nicht. Die FPÖ war ebenso geteilter Meinung wie – interessanterweise – die SPÖ. Letztere gilt sonst als Unterstützer der saharauischen Sache.

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