Rosenwasser und Redewettbewerbe

Aus der FALTER-Buchbeilage 41/2011

Geschichte: Jonathan Phillips schildert die mittelalterlichen Kreuzzüge anschaulich und atemberaubend spannend

Die Geschichte des Mittelalters scheint vielen interessierten Laien als Aneinanderreihung von Schlachtschauplätzen und Herrschernamen. Oder aber sie setzt sich zusammen aus TV-Klischeebildern wie Schwertergeklirr oder würdigem sakralem Getue vor dem Hintergrund gotischer Kathedralen.

Wer meint, diese Epoche lasse sich gar nicht anders darstellen, weil sie einfach schon zu weit zurückliegt, sollte das neu erschienene Buch „Heiliger Krieg“ von Jonathan Phillips lesen. Phillips ist Professor für die Geschichte der Kreuzzüge am Royal Holloway College der Universität London.

Sein „Heiliger Krieg“ vollbringt auf 639 Seiten eine Meisterleistung: Er vermittelt umfassend, anschaulich, lebensnah, vielschichtig und stilistisch elegant eine Ära, die entweder nur als besagtes Fernsehklischee wahrgenommen wird – oder aber als historische Bezugsgröße für Fanatiker wie Osama bin Laden oder Anders Behring Breivik.

Wohl vernünftig bei einem Thema, bei dem man so wenig Vorwissen voraussetzen kann, gliedert Phillips sein Werk ganz konventionell chronologisch: Er erzählt die Historie der Feldzüge strikt vom Beginn des Ersten Kreuzzugs 1096 bis zum Fall der letzten Kreuzfahrerstadt Akkon 200 Jahre später.

Trotzdem versteht und vermittelt Phillips die Kreuzzüge nicht nur als Abfolge militärischer Kämpfe um die Stadt Jerusalem, sondern auch als politische Idee mit wechselndem geografischem Bezug, die Europa zwei Jahrhunderte lang dominierte.

So gab es etwa auch einen Wendenkreuzzug gegen heidnische Slawen im heutigen Ostdeutschland und Westpolen, den Albigenserkreuzzug gegen christliche Häretiker im heutigen Frankreich oder die Reconquista des muslimischen Spanien.

All dies firmierte bei Zeitgenossen unter „Kreuzzug“, und all dies konsolidierte die Macht der römischen Kirche, die im Hochmittelalter den Staub der Völkerwanderung gleichsam abschüttelte und im kleinräumigen und zersplitterten Westeuropa zum bestimmenden Faktor aufstieg.

Phillips befasst sich mit der Dehnbarkeit des Begriffs Kreuzzug. Er geht auf muslimische Quellen ebenso ein wie auf christliche. Er thematisiert „die unzähligen Widersprüche und die Vielschichtigkeit des Heiligen Krieges“.

Darunter fallen auch „Kreuzzüge gegen Christen und Aufrufe zum Dschihad gegen Muslime“. Ein prominentes, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür ist die Plünderung des griechisch-orthodoxen Konstantinopel durch ein Kreuzfahrerheer 1204.

Im letzten Kapitel liefert Phillips zudem eine Art Rezeptionsgeschichte der Kreuzzüge: Während sie Gelehrten der Barockzeit noch als „einzigartiges Denkmal des menschlichen Irrsinns“ galten, fand im 19. Jahrhundert eine Romantisierung statt, die sich etwa in den populären Ritterromanen von Walter Scott manifestierte.

Im Kolonialismus und später im arabischen Nationalismus wurden die Kreuzzüge wieder zum Politikum, was sie bis heute geblieben sind.

Um ihren Verlauf zu schildern, greift Phillips auf Augenzeugenberichte zurück – fast 100 Seiten umfasst das Literatur-und Personenverzeichnis am Ende des Buchs. Die Berichte liefern nicht nur einen Einblick in die Geschichte der Kämpfe, sondern auch ins Alltagsleben einer fernen Epoche: was die Menschen aßen, woran sie litten, wie sie Macht und Status zur Schau stellten, an welcher Stelle der Stadtmauer der Durchbruch nach Konstantinopel oder Jerusalem erfolgte usw., usf.

Die großen geopolitischen Linien des Mittelalters verbinden sich in seinem Buch mit einer faszinierenden und detailreichen Alltagsgeschichte von Okzident und Orient.

So ließ, um nur ein Beispiel zu nennen, Sultan Saladin den Jerusalemer Tempelberg 1187 mit Rosenwasser säubern, um symbolisch die fast 100-jährige christliche Herrschaft wegzuwaschen. Das kupferne Kreuz, das die siegreichen Muslime vom Felsendom stürzten, ließ Saladin – aus heutiger Perspektive widersprüchlich – vergolden, um es danach, als es sozusagen wertvoller geworden war, in seiner Hauptstadt Bagdad nahe der Moschee zu vergraben.

Ein Redewettbewerb ermittelte danach, wer die erste Predigt in der Al-Aksa-Moschee halten durfte. Sogar der Gewinner ist überliefert, er hieß Ibn al-Zaki, ein Imam aus Damaskus.

Des Weiteren ließ Sultan Saladin eine kunstvolle Kanzel aus Aleppo nach Jerusalem bringen, um sie in der Al-Aksa-Moschee aufzubauen. Dort stand sie, bis sie im Jahr 1969 ein Brand zerstörte – an einem Ort, der wohl niemals in seiner Geschichte unumstritten war.

Jonathan Phillips: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. DVA, 640 S., € 30,90

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