Der nächste Damm

Aus dem FALTER 40/2011

Vor einem Jahr brach im ungarischen Kolontár ein Giftschlammbecken. Ein zweites derselben Bauart steht direkt an der Donau

Reportage: Joseph Gepp

Über dem Tor der stillgelegten Fabrik thront noch die Statue eines stolzen Arbeiters. Darunter sind die Fenster zerschlagen. Auf der breiten Treppe, über die früher allmorgendlich die Werktätigen strömten, sitzt eine alte Frau und verkauft Äpfel.

Das Aluminium-Konglomerat von Almásfüzitö nahe der westungarischen Stadt Györ, 90 Autominuten von Wien, ist längst nicht mehr der Stolz der kommunistischen Industrie. Dafür beschäftigt es heute Umweltschützer aus ganz Europa. Ihnen bereitet ein Abfallprodukt der ehemaligen Produktion Sorge. Es ist eine Piste rotbrauner Erde, 50 Fußballfelder groß, abseits des Fabriksgeländes hinter einem Erdwall versteckt. Sie wirkt, als hätte man ein Stück US-amerikanische Wüste nach Ungarn verpflanzt. Es ist derselbe sogenannte „Rotschlamm“, ätzend und vergiftet mit Chrom und Arsen, der vor genau einem Jahr im Dorf Kolontár zehn Menschen das Leben kostete.

Am 4. Oktober 2010 brach in Kolontár der Damm. Eine zwei Meter hohe Rotschlammwelle wälzte sich mit 35 Stundenkilometern über Teile des 850-Seelen-Dorfs und Umgebung. 300 Menschen wurden verletzt, 358 Häuser zerstört, Hunderte Hektar Ackerland vergiftet. Eine Untersuchung ergab später, dass das Becken zu voll war und sich das Fundament des Damms aufgeweicht hatte.

Rotschlammbecken in Almasfüzitö (J. Gepp)

Ein Szenario, das Aktivisten und Politiker gleich nach der Katastrophe befürchtet hatten, trat jedoch nicht ein: dass Gift über Ungarns Flüsse in die Donau gelangen könnte. Schwermetalle führen heute nur Gewässer um Kolontár. Im Fall Almásfüzitö könnte dies radikal anders sein.

Drei Rotschlammbecken gibt es in Ungarn, in Kolontár, Almásfüzitö und im westungarischen Mosonmagyaróvár, wobei Letzteres laut Umweltschützern als vergleichsweise unbedenklich gilt. Alle stammen aus kommunistischer Zeit. Bei allen wurden Umweltfragen bei der Errichtung auf oft haarsträubende Art missachtet. Am Extremsten in Almásfüzitö: Hier wählte man einen Standort für das Giftschlammbecken, wie er schlechter kaum denkbar ist – 20 Meter vom Donauufer entfernt.

Wer hinter der roten Piste den Damm hinabklettert und durchs Gebüsch stakst, steht direkt an der Donau. Langsam und breit windet sie sich hier durch die Ebene und markiert die Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei. Eine „Umweltkatastrophe internationalen Ausmaßes“ befürchtet Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster, sollte der Damm – etwa durch ein Hochwasser – brechen. Er beklagt auch, dass noch heute Giftmüll im Becken endgelagert werde und dieser bereits jetzt teilweise in die Donau sickern würde.

Zwanzig Meter von hier beginnt das Rotschlammbecken (J. Gepp)

Dass Gefahr droht, räumt selbst die ungarische Regierung ein. Nach dem Dammbruch in Kolontár sei Almásfüzitö zwar überprüft worden, sagt Zoltan Illés, Umweltstaatssekretär von Viktor Orbáns Fidesz-Regierung. „Aber hier kann zweifellos etwas passieren, Tag für Tag.“ Ungarn fehle schlicht das Geld, um die massiven Umweltschäden der Vergangenheit zu beseitigen, sagt Illes. Er verlangt einen „europäischen Super-Fonds“ für Industriestätten mit vergleichbaren Problemen in ganz Osteuropa.

Kolontár, zwei Autostunden von Almásfüzitö entfernt, putzt sich derweil für eine Gedenkfeier zum Jahrestag der Katastrophe heraus. Die obdachlos gewordenen Opfer des Dammbruchs wurden in eilig hochgezogenen Fertigteilhäusern am Dorfrand untergebracht. Wo der Schlamm die Bauernhäuser begrub, fahren heute Bagger über nackte, planierte Erde. Nur eines der Gebäude hat man zur Erinnerung stehen lassen. Bis in zwei Meter Höhe sind dessen Mauern noch immer rot.

Haus als Mahnmal (J. Gepp)

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Osteuropa, Ungarn

Eine Antwort zu “Der nächste Damm

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