Zehn Jahre 9/11: Stichwort JIHAD

Aus dem FALTER 36/2011

Mut zur Lücke – so könnte man die Art bezeichnen, wie sich postmoderne Radikale historischer Versatzstücke bedienen, um sich eine ideologische Rechtfertigung für ihre Gewalt zu basteln.

Aktuelles Beispiel ist der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik, der auf Hunderten Seiten ein wirres Weltbild aus Umvolkungs-und Islamisierungsängsten niederschrieb. Aber auch die islamistischen Massenmörder von New York, Madrid, London bedienten sich eines extrem frei interpretierten historischen Unterbaus. Dieser ist vor allem mit einem Begriff verbunden: mit „Jihad“, meist übersetzt mit „Heiliger Krieg“.

Dabei stammt der Gedanke dahinter ursprünglich aus dem Okzident. Die alten Griechen etablierten den Begriff „Heiliger Krieg“, als es galt, Tempel und Pilger militärisch zu schützen.

Später waren jene Kriege „heilig“, die sie gegen die barbarischen Perser führten. Nochmals 500 Jahre später zogen die Kreuzritter mit dem lateinisch nicht korrekten Schlachtruf „Deus lo vult“ („Gott will es“) nach Jerusalem.

Inzwischen war auf der Arabischen Halbinsel eine machtvolle Bewegung entstanden. Mohammed, Prophet der Muslime, propagierte seinerseits die „Anstrengung“ auf dem Weg zu Gott – so lautet die korrekte Übersetzung von Jihad.

35 Mal kommt das Wort im Koran vor. Die Passagen befassen sich mit Kämpfen gegen arabische Christen, Juden und Animisten. Zur Zeit der Kolonialisierung entwickelten islamische Gelehrte eine zweite Definition von Jihad: den spirituellen Kampf gegen sich selbst. Diesen gewinne man nicht mit dem Schwert, sondern durch gottgefälliges Leben. Erst die Entstehung von arabischen Nationalstaaten ließ im 20. Jahrhundert Terrorgruppen entstehen, die unter Jihad den „gerechten“ Kampf gegen Ungläubige verstanden.

Al-Jihad nannte sich jene Vorgängerorganisation von al-Qaida, die 1981 den israelfreundlichen ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordete. Zu dieser Zeit ging die Deutungshoheit des Jihad-Begriffes auf jene radikale Muslime über, die im September 2001 zu ihrem folgenreichsten Schlag ausholten.

Freilich: Nicht nur die innerislamische Sicht bestimmt, was Jihad bedeutet. In den 80er-Jahren etwa unterstützten die USA die afghanischen Taliban-Krieger im Kampf gegen die Sowjets. Zu dieser Zeit galten Jihadisten im Westen noch als tapfere Freiheitskämpfer. JOSEPH GEPP

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Eingeordnet unter Religion, Weltpolitik

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