Einstürzender Altbau

Aus dem FALTER 34/2011

Obwohl alle Fakten seit Jahren bekannt sind, gerät die Parlamentssanierung zur unendlichen Geschichte

Bericht: Joseph Gepp

Nicht nur der Energieverlust im Parlament sei „exorbitant“. Auch könne das Haus wegen mangelnden Schutzes zur „Brandfalle“ werden. Und das Dach sei „nur bedingt tragfähig“. Im Hohen Haus am Ring bestehe solcherart „Gefahr für Leib und Leben“.

Die Einschätzung des Architekturkonsulenten Matthias Rant ist nicht etwa neu. Sie stammt aus dem Jahr 2009. Zwei Jahre später muss wie zur Bestätigung der Nationalratssaal gesperrt werden. Das Glasdach ist akut einsturzgefährdet. Nun verstellen Stahlträger den Blick auf den Saal von 1956. Einige hunderttausend Euro kostet die Reparatur, dann geht das Wursteln weiter.

Seit Jahren ist bekannt, wie sanierungsbedürftig Theophil Hansens Prachtbau ist. In 1600 Räumen gibt es keine einzige Brandschutztür. Damit Schneemassen im Winter nicht das Dach eindrücken, muss es von innen beheizt werden.

Trotzdem zieht sich – Kosten für Sofortmaßnahmen hin oder her – seit Jahren eine Debatte hin, um wieviel Geld das Gebäude zu renovieren sei.

Bei der Parlamentssanierung hat die Öffentlichkeit den Überblick verloren. Das könnte, auch abseits von Zusatzkosten, zu einem bösen Erwachen führen. Denn 2015 laufen die feuerpolizeiliche und sonstige Genehmigungen aus. In vier Jahren also ist das Haus, wenn nichts passiert, endgültig nicht mehr benutzbar.

Die Geschichte des Projekts beginnt 2002, als alle Parteien den Umbau des Plenarsaals beschließen. Diese Entscheidung folgte einem jahrelangem Muster: Statt das gesamte Haus anzugehen, befasste man sich nur mit jeweils notwendigem Stückwerk. So wurden 2004 die Rampe erneuert und ab 2000 die Quadrigen, die Streitwägen auf dem Dach. Ab 2002 sollte nun der große Brocken Sitzungssaal drankommen.

2008 gewann der Linzer Architekt Andreas Heidl den Wettbewerb: 17 Millionen soll der neue Plenarsaal kosten, Fertigstellung 2012. Während der Vorarbeiten jedoch bemerkten die verantwortliche SPÖ-Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und einige mit dem Umbau befasste Abgeordnete: Sofort das ganze Haus zu sanieren, käme am Ende billiger als die Summe der vielen Einzelschritte.

Die Idee mochte gut sein, der Zeitpunkt war schlecht: Denn erstens wurde Heidls Saalentwurf nun nach hinten gereiht, er soll jetzt am Schluss ins fertig sanierte Parlament eingefügt werden. Zweitens musste Prammer der Öffentlichkeit erklären, dass nicht mehr nur ein Saalumbau für Dutzende Millionen Euro ansteht – sondern eine Totalsanierung für Hunderte.

Auf 335 Millionen schätzte ein Experte 2011 die Gesamtkosten. Fachleute halten dies zwar für angemessen für die Totalsanierung eines denkmalgeschützten Großbauwerks. Die Klubchefs jedoch streiten, seit sich 2009 der Schwenk vom Saalumbau zur Totalsanierung abzeichnete. Prammer scheiterte mit ihrem Versuch, Einigkeit herzustellen. Entscheidungen wurden hinausgeschoben; Prammers Ankündigung von 2010, dass noch heuer mit der Arbeit begonnen würde, blieb ein Wunsch. Noch 2011 stritten die Parteien monatelang, ob man das Projekt einer ausgegliederten Gesellschaft überantworten solle oder nicht.

Inzwischen ist nach drei Jahren immer noch nicht klar, wie weit die Sanierung gehen und wieviel sie kosten darf. Die Entscheidung wurde auf 2014 vertagt. Im selben Jahr, heißt es, soll der Baubeginn erfolgen. Dass die Parlamentarier in die alte Wirtschaftsuni am Alsergrund ausweichen, gilt als fix. Der Neubau der WU entsteht gerade im Prater.

Wer aber sind die Verhinderer, die den Bau verzögern? Vordergründig polemisieren FPÖ und BZÖ gegen den „Luxuspalast“. Im Hintergrund scheinen auch die Regierungsparteien, aus Angst um Stimmen, das Projekt nicht mit Nachdruck zu unterstützen. Darauf lässt zumindest eine in der Kleinen Zeitung kolportierte Aussage von Prammer im kleinen Kreis schließen: Als sie sich über die „Feigheit der Regierung“ beschwerte, habe ihr Parteichef Faymann einzig mit dem Ratschlag reagiert, in der Sache doch „etwas leiserzutreten“.

Nun soll das Projekt 2017 fertig sein – mit einem Unsicherheitsfaktor: 2013 wird gewählt. Eine nächste Regierung, etwa mit FPÖ-Beteiligung, könnte danach das Budget blockieren. Denn erst 2014 soll über die Sanierungskosten entschieden werden.

Möglicherweise könnte Österreichs Abgeordneten solcherart ein längerer Aufenthalt in der WU bevorstehen – zum Studium der Wirtschaftlichkeit.

Die Geppbloggt-Chronik zur Parlamentssanierung

Fotos der Schäden auf der Parlaments-Homepage
Gutachten zum Download auf der Parlaments-Homepage

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtplanung, Wien

Eine Antwort zu “Einstürzender Altbau

  1. Stevie Beier

    Hahaha das ist doch wohl ein Scherz! Ein Kumpel arbeitet bei einem Baumeister in Wien http://www.koenig-heinrich.at/einzelgewerke/baumeister (König Heinrich) – und der hat auch mal versucht, eine Sanierung des Parlaments zu schätzen.
    Sein Facit:
    -Es ginge ca. um 1/3 billiger
    -Je länger man wartet, desto teurer wird es
    -Ein Großteil der notwendigen Sanierungen wäre nicht mal besonders kompliziert.
    Aber vermutlich ist das Parlament nur symptomatisch für die Arbeitsweise der darin Beschäftigten… 😉

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