Gedenktafel: Meidlings Stalin-Stätte wird zusatzkommentiert

Aus dem FALTER 32/11

Joseph Gepp

„Ich sitze gerade in Wien und schreibe allerhand Blödsinn“, schrieb 1913 Iossif Dschugaschwili seinen Freunden nach Georgien. Dschugaschwili, der einige Wochen in Wien verbrachte, sollte einige Jahre später als Josef Stalin zum allmächtigen Sowjetdiktator werden. Bei dem „Blödsinn“ handelte es sich um sein Traktat „Marxismus und nationale Frage“. Inspiriert vom Völkerchaos der Donaumonarchie, skizzierte Stalin in Wien die Gründzüge einer Nationalitätenpolitik, die Jahre später Millionen Menschen die Heimat und das Leben kosten sollte.

Die Stalin-Gedenktafel in Meidling (Wikipedia)

Zur Untermiete wohnte Stalin bei der russischen Adelsfamilie Trojanowski in der Schönbrunner Schlossstraße 30 in Meidling. Dort schmückt bis heute eine wuchtige Gedenktafel die Hauswand. Sie wurde 1949 zum 70. Geburtstag des Diktators auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht enthüllt und hat als wohl letzte Stalin-Gedenkstätte Europas die Zeit überdauert.

Der jahrelangen Forderung der Wiener FPÖ und ÖVP, wonach die Tafel zu entfernen oder mit einem Zusatztext zu versehen sei, hat SPÖ-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nun nachgegeben. Eine Zusatztafel, die die Entstehungsgeschichte erläutert und die Millionen Ermordeten und Deportierten anspricht, sei schon zur Anbringung bereit. Man warte nur noch auf das Einverständnis der Hauseigentümer, sagt die Sprecherin von Mailath-Pokorny.

Die Zusatztafel dürfte auch im Sinne der einstigen Besatzungsmacht sein. Schon 1991 bat der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse den damaligen Wiener Bürgermeister Leopold Gratz um die Entfernung der Tafel. Neben Wien, schrieb Schewardnadse, würde man höchstens noch im albanischen Tirana und in Stalins georgischem Geburtstort Gori vergleichbare Gedenkstätten finden. Gratz lehnte das Ansinnen ab: Österreich habe sich im Staatsvertrag 1955 zur Erhaltung alliierter Denkmäler verpflichtet, und darunter falle auch die Tafel.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien

Eine Antwort zu “Gedenktafel: Meidlings Stalin-Stätte wird zusatzkommentiert

  1. Beatrix Ivkosic

    Nachdem ich im Nebenhaus in der Schönbr.-Schlossstr.28 meine Kindheit und Jugend verbrachte,ist für mich das alles eine Erinnerung an längst vergangene Tage und auch eine Mahnung an die Greueltaten damaliger Zeit. Deshalb bin ich zur Erhaltung dieser Tafel.

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