Skiurlaub bei Freunden

Aus dem FALTER, 27/2011

Warum behandelte Österreichs Justiz Michail Golowatow so nachsichtig? Die Antwort liegt in der Ramsau

Bericht:
Joseph Gepp
Herwig G. Höller

Neben dem Urlaub am Bauernhof ist der nordische Skisport der ganze Stolz von Ramsau am Fuß des steirischen Dachsteins. Rollerstrecken und Schanzenanlagen bieten Sportlern auch im Sommer Trainingsmöglichkeiten in dem pittoresken Bergdorf. Aus aller Herren Länder strömen sie hierher. Auch jener Mann, der vorvergangene Woche anreisen hätte sollen, wollte sich „einfach nur erholen“, wie ein russischer Gesprächspartner erzählt.

Dazu kam es aber nicht. Stattdessen reiste Michail Golowatow am Abend des 15. Juli flugs zurück nach Moskau. 24 Stunden hatten Österreichs Behörden den KGB-Oberst aus der legendären russischen Spezialeinheit Alfa zuvor am Schwechater Flughafen festgehalten. Während dieser Frist konnten oder wollten sie nicht nachvollziehen, was Litauen dem Russen in einem europäischen Haftbefehl vorwirft: dass er während der Kämpfe um die litauische Unabhängigkeit im Jänner 1991 Kriegsverbrechen begangen habe.

Österreich habe mit der schnellen Enthaftung einer Intervention Russlands nachgegeben, kritisieren seitdem empört die baltischen Staaten. Zeitungskarikaturen zeigen einen rot-weiß-roten Pudel zu Füßen Putins.

Wollte in die Ramsau reisen: der mutmaßliche Kriegsverbrecher Michail Golowatow beim Langlaufen (Foto: Alphagroup)

In Wien verweist man auf einen schwammigen Haftbefehl. Das sechsseitige Dokument vom Oktober 2010, das kurz nach dem Vorfall in russischen Medien auftauchte, enthalte nur allgemeine Informationen, heißt es aus dem Justizministerium. Sie würden sich eher mit Golowatows Militäreinheit als mit individuellen Verbrechen befassen. Wiens Bitte um zusätzliche Informationen sei von Litauen nicht rechtzeitig beantwortet worden. Gestützt werden diese Angaben von einem Parlamentsbericht aus Litauen selbst, der erst kürzlich Schlampereien der Generalstaatsanwaltschaft bei den Ermittlungen der sogenannten „Blutnacht von Wilna“ am 13. Jänner 1991 offenlegte.

Andererseits setzte Österreich Litauen eine unnötig kurze Frist von nicht einmal 24 Stunden, um die Vorwürfe gegen Golowatow zu untermauern. Und dass laut Polizeiberichten kurz nach der Verhaftung ein hektischer Krisensitzungsreigen zwischen Ministern und Diplomaten ausbrach, deutet auch nicht auf den „Akt einer unabhängigen Justiz“ hin, als den Österreichs Politiker den Fall Golowatow darzustellen versuchen.

Ein Blick in die kleine Ramsau, Golowatows Reiseziel, zeigt, warum Österreich so wenig an einem Konflikt mit Russland gelegen ist. Denn die Biografie und Kontakte von Michail Golowatow verweisen auf eine Gemeinsamkeit der beiden Länder: die Bedeutung des Wintersports und seiner Funktionäre. In Russland sind beide traditionell Domänen der mächtigen Geheimdiensteliten um Putin.

Golowatow ist nicht nur hochdekorierter KGB-Veteran und Chef eines Sicherheitsunternehmens. Seit 2004 fungiert er auch als Präsident der Moskauer Langlauf-Föderation und als Vizepräsident der offiziellen Langlauf-Föderation Russlands. In Ramsau wollte er neben seinem Urlaub auch alte Bekanntschaften pflegen: Zum einen trainierten dort vergangene Woche Skispringer und nordische Kombinierer aus Russland. Zum anderen unterhält Golowatow auch Kontakt zu einheimischen Ramsauern.

Zentraler Ansprechpartner für russische Sportfunktionäre in der Ramsau ist der pensionierte Volksschuldirektor Hans Pickl. Mit dem Falter will er nicht sprechen, mit hochrangigen Gästen aus Russland lässt er sich dafür gern fotografieren. Lokalmedien wie die Kleine Zeitung feiern Pickl etwa als Berater von Leonid Tjagatschow – 2005 bis 2010 Vorsitzender des russischen Olympischen Komitees und nun Parlamentsabgeordneter in Moskau. Tjagatschow, der gern mit Putin sportelt, gründete in den 90ern zusammen mit Hans Pickl die Firma T & P Marketing Unternehmensberatung in Graz. Der Zweck der Firma lässt sich nicht mehr feststellen, 2010 wurde sie liquidiert. Co-Eigentümer Tjagatschow hat ebenso wie Golowatow eine Geheimdienstvergangenheit, wie sie für sowjetische Sportfunktionäre nicht unüblich ist: Seit den 70ern arbeitete er laut dem Historiker Yuri Felshtinsky in der fünften Hauptabteilung des KGB, jener für Ideologie. Einem Regimetreuen wie Tjagatschow war gestattet, was für andere Sowjetbürger undenkbar gewesen wäre: lange Aufenthalte im westlichen Ausland, etwa als Pistenkumpan von Toni Sailer.

Jahrzehnte später spielte Tjagatschow als Vorsitzender des russischen Olympischen Komitees bei der Bewerbung von Sotschi für die Winterspiele 2014 eine zentrale Rolle. Wider Erwarten setzte sich die Schwarzmeerstadt 2007 gegen die Favoriten Salzburg und Pyeongchang in Südkorea durch. Wilde Korruptionsgerüchte kursierten damals um Russlands Bewerbung. Heinz Jungwirth, Generalsekretär des heimischen ÖOK, sprach bitter enttäuscht von einer „Bewerbung des Geldes“: „Wenn man weiß, was alles hinter der Bühne läuft, sind wir stolz, dass wir das nicht brauchen.“

Tjagatschow selbst hat das Ereignis etwas positiver in Erinnerung. „Dank Österreich haben wir Olympia in Sotschi bekommen“, sagt er dem Falter. „Österreich hat Russland unterstützt.“ Genauso wie der kurzzeitig verhaftete Golowatow hielt sich auch Tjagatschow vorvergangene Woche in Österreich auf. Reiseziel und -zweck will er allerdings nicht verraten, von der Affäre Golowatow will er gar nichts mitbekommen haben. „Die Sportbeziehungen zu Österreich“, schwärmt Tjagatschow stattdessen allgemein, „waren und sind die allernächsten und die vertrauensvollsten.“

Damit hat er wohl Recht: 2007, nachdem Sotschi zum Austragungsort gekürt worden war, rief Putin bei Bundespräsident Heinz Fischer an. Sotschi werde „auch eine österreichische Olympiade“ sein, soll er gesagt haben. Er versprach, dass österreichische Firmen – Konzerne wie Strabag, Wienerberger oder das Liftunternehmen Doppelmayr – bei den massiven Investitionen in Sotschi mit Aufträgen bedacht würden. Bei Fischers Russlandbesuch im Mai 2011 wurde das Versprechen etwas konkreter: Das Auftragsvolumen, so hieß es, liege bei ungefähr einer Milliarde Euro.

Ein bisschen litauischen Hohn hält man dafür schon aus.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Behörden, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

2 Antworten zu “Skiurlaub bei Freunden

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