Der Wolf als jüdischer Hausierer: ein ORF-Lapsus und seine Folgen

Aus dem FALTER, 25/2011


Joseph Gepp

Widersprüchlich fielen vergangene Woche die Reaktionen des ORF aus, nachdem der Falter über den Zeichentrickwolf berichtet hatte, der sich im Disney-Cartoon von 1933 als jüdischer Hausierer verkleidet.

In einer ersten Stellungnahme schloss Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz „etwaige antisemitische Konnotationen“ aus – weil der Wolf, wiewohl er wie ein antisemitisches Zerrbild aussieht, doch keinen jiddischen Akzent spreche. Etwas später entschuldigte sich Programmchef Wolfgang Lorenz. „Ich bedauere sehr, dass dieser Film mit der historisch belasteten Sequenz auf Sendung gehen konnte“, sagte er. Er werde „Sorge tragen, dass ein solcher Fehler, wie er im ORF eine absolute Ausnahme darstellt, sich nicht wiederholen kann“.

Archetyp der totalitären Gesellschaft? Die Schlümpfe

Unterdessen stellt sich aber auch eine Frage, die über den ORF hinausgeht: Welche Version des Comic-Klassikers „Drei kleine Schweinchen“ kann man als TV-Anstalt bei Disney beziehen? Neben jener mit dem jüdischen Hausierer existiert nämlich auch eine entschärfte Version, in der der Wolf keine Judenmaske trägt.

Bei der deutschen Niederlassung in München wollte man dazu dem Falter kein offizielles Statement geben. Nur informell teilte ein Mitarbeiter des Konzerns mit, dass derzeit geprüft werde, wie es zur Ausstrahlung der Sendung kam. Für die Zukunft sei jedenfalls sichergestellt, dass die belastete Version aus den 30er-Jahren nicht mehr gezeigt werde.

In Frankreich gibt es währenddessen eine Debatte um eine weitere berühmte Zeichentricksendung: Der Politikwissenschaftler Antoine Buéno will in Schlumpfhausen den „Archetyp einer totalitären Utopie, geprägt von Stalinismus und Nationalsozialismus“ entdeckt haben. Die Figur Gagamels steht unter Verdacht, von der antisemitischen Sowjetpropaganda inspiriert worden zu sein.

Schon 2007 hatte ein ähnlicher Fall Aufsehen erregt, als ein kongolesischer Student in Brüssel gegen Hergés – rassistisch angehauchten – Comicband „Tim im Kongo“ klagte.

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