„Leichen, Oida“

Aus dem FALTER 24/11

In Meidling findet die Polizei zwei Tote in einem Kellerabteil. Die Nachbarn haben es irgendwie geahnt

Reportage: Joseph Gepp

Erhard Berek*, Stammgast im „Scharfen Eck“ zwei Straßen weiter, hat es die ganze Zeit gewusst. „I hob immer g’sogt: Des is ka Guate“, sagt er in seinen Schnauzbart. Ein kräftiger Schluck aus seinem Krügerl verschafft ihm eine Kunstpause, um die Dramatik seiner Ausführungen noch zu steigern. „Aber er wollt ja net auf mi hör’n.“

Er, das ist der Oberösterreicher Manfred H., 47, Eismaschinenvertreter, seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Nun wurden seine Überreste entdeckt. Einbetoniert und verteilt auf mehrere Betonwannen und Kühlgeräte, in einem modrigen, ziegelsteinernen Kellerabteil 50 Meter von Erhard Bereks Stammbeisl entfernt. Daneben lag der Schädel einer zweiten Leiche.

Sie, das ist Estibaliz C., 32, Manfred H.s Exfreundin. Was tagelang als Verdacht und Gerücht umherschwebte, gestand sie Freitagabend: dass sie die Mörderin ihres Ex-Freundes Manfred H. und ihres Ex-Mannes sei. Im Gründerzeithaus über dem Keller führte die Spanierin noch vor wenigen Tagen den Eissalon Schleckeria. Nachdem die Leichen entdeckt worden waren, räumte sie ihre Bankkonten leer und nahm ein Taxi an die italienische Grenze. Am Freitag wurde sie am Bahnhof von Udine festgenommen.

Vom „Eis-Engel“, der „Todeshexe“ und der „Eis-Baronin mit dem Erdbeermund“ schreiben unentwegt Boulevardzeitungen. Ob C. Komplizen hatte und wo die restlichen Körperteile ihres Ex-Manns versteckt sind, stand bei Redaktionsschluss am Freitag noch nicht fest.

Ein grausiges Verbrechen geschah in der beschaulichen Oswaldgasse, einer kopfsteingepflasterten Kastanienallee nahe der Meidlinger Polizeikaserne. Fast alle ihrer Bewohner kannten die Chefin zumindest flüchtig. Nun wachen Polizisten vor den bunten Schaufenstern der zugesperrten Schleckeria. Drei türkische Teenager, die die Straße entlangspazieren, unterhalten sich über die „Leichen, Oida“. Aus den schmalen Fenstern des Kellers, den nur Beamte in Schutzkleidung betreten dürfen, dringt Verwesungsgeruch auf die Straße, als würde man Fleisch wochenlang ungekühlt liegen lassen.

Dennoch reagiert der Großteil der Anrainer, wenn man sie auf den Fall anspricht, weniger entsetzt und verstört als vielmehr erfreut: über das riesige Interesse und die Möglichkeit, Gerüchte mitzuverbreiten. Zum Beispiel Erkan Köksal, 39, Friseur. Über dem immensen Bauch des kleinen Mannes spannt sich ein T-Shirt mit nautischem Motiv. Ausgerechnet in diesen Tagen wird Köksal neben der Schleckeria seinen Frisiersalon Aymen eröffnen. Er sieht das Medieninteresse positiv und posiert wie ein Serienstar für die Fernsehteams, die ihn der Reihe nach interviewen. „Schreiben Sie unbedingt auch den Namen meines Geschäfts“, sagt er, „Publicity ist immer gut.“

Weil der Friseur für sein neues Lokal Rohre in den wenig benutzten Keller verlegen musste, wurden die Leichen entdeckt. Bei einem Abteil fand sich kein dazugehöriger Besitzer. Köksal und seine Handwerker brachen nach einigem Nachfragen das Vorhängeschloss an der Holztür auf. Drinnen lagen zwei Taschen. Eine enthielt laut Köksal zwei Gewehre samt Zielfernrohr, die andere eine Pistole und einige spanische Notizen. In dahinterstehenden Mörtelwannen und Gefrierschränken bedeckte jeweils eine Schicht Katzenstreu getrockneten Beton. Köksal schob in einer Wanne die Streu zur Seite und sah, aus dem Beton ragend, den Zipfel eines schwarzen Müllsacks. „Ich hab ihn aufgeschnitten“, sagt er. „Und wie mir der Gestank entgegenkommt, hab ich schon gewusst, was los ist.“ Der Beton wurde später von Kriminalisten aufgestemmt, drinnen fand sich der kaum verweste Unterschenkel samt Fuß von Manfred H.

Die Stammtischrunde um Erhard Berek im „Scharfen Eck“ wusste schon am vergangenen Mittwoch, was Esti C. erst zwei Tage darauf gestand: dass es sich beim zweiten Leichnam um den Ex-Mann handelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei vom zweiten Opfer lediglich bekannt gegeben, dass es männlich gewesen sei und an einem Kopfschuss starb.

Am Sonntag vor zwei Wochen, dem Abend vor dem Leichenfund, besuchte C. noch zusammen mit ihrem aktuellen Freund die nahe Pizzeria Chaplin. Der, lästert nun die Stammtischrunde um Erhard Berek, sei seinem Schicksal gerade noch entwischt. Im Chaplin selbst schütteln der Koch und die Kellnerin fassungslos die Köpfe. Im vergangenen Jahr seien Esti C. und Manfred Hinterberger fast jede Woche hierhergekommen, erzählen sie.

H., ein gut gelaunter Hüne von fast zwei Metern Größe, bestellte regelmäßig Spare Ribs und scherzte mit der Bedienung. Und Esti C.? Zierlich und engelhaft sei sie gewesen, irgendwie unschuldig habe sie gewirkt, sagt der Koch. „Immer sexy, immer im Mini“, fügt die Kellnerin hinzu.

Nicht nur im Grätzel, auch auf Internetseiten ist die verschwundene Esti C. nach wie vor als Eissalonchefin präsent. Auf Facebook tauscht sie Nachrichten mit Manfred H. aus, auf einer Website mit Stellenanzeigen sucht sie Speiseeiserzeuger für ihre Schleckeria. Wählt man die angegebene Telefonnummer, dann stellt sich auf Band eine fröhliche Stimme als Esti C. vor. Nachrichten bitte nach dem Piepton.

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