Der kleine Rempler eines Lehrers

Aus dem FALTER 23/2011

Im noblen Kollegium Kalksburg soll ein Lehrer ein Kind attackiert haben. Mit ungewöhnlichen Methoden versucht die Schule, die Eltern zu diskreditieren

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Irgendwann soll es ihr Sohn Rastko leichter haben als sie selbst, sagt Mutter Ljiljana I., die vor drei Jahren aus dem bosnischen Banja Luka nach Wien kam. Deshalb besuchte der Neunjährige die noble Volksschule im Kollegium Kalksburg in Liesing. 550 Euro kostet hier das monatliche Schulgeld, Rastko drückte mit Anwalts- und Politikerkindern die Schulbank. Von außen sieht das katholische Privatinstitut wie ein Schloss aus vergangenen Tagen aus. Und auch innen, behauptet zumindest Rastkos Mutter, hat manch unzeitgemäße Methode überdauert.

Drei Tage vor Weihnachten verlor der Supplierlehrer Martin W. die Nerven. Weil Rastko mit anderen Kindern Verstecken spielte, packte ihn der Lehrer und stieß ihn mit beiden Händen so fest, dass er mitsamt Sessel gegen die Wand prallte. So erzählte es Rastko später der Polizei. Das Krankenhaus stellte Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung fest. Statt zu helfen, soll Martin W. dem weinenden Kind noch die Schultasche durchs Klassenzimmer hinterhergeworfen haben.

Die Geschichte von Rastko handelt nicht nur von einem angeblich gewalttätigen Lehrer. Sie handelt auch davon, wie eine Privatschule aus Angst um ihren Ruf den Fall vertuscht und aus Opfern Täter macht – darauf lassen zumindest Dokumente und Aussagen von Eltern schließen. Sie wirft auch die Frage auf, ob die Schule genauso gehandelt hätte, wenn es statt eines Migrantenkindes eins von Anwälten oder Politikern getroffen hätte.

Zunächst passierte, was in solchen Fällen immer passiert. Zeitungen behandeln die Causa, die Schule verspricht eine Untersuchung, der Stadtschulrat verkündet die vorläufige Suspendierung von Lehrer W.

Doch als die Weihnachtsferien vorbei sind, ist alles anders. Nach „eingehender Untersuchung“, lässt Schuldirektorin Doris Holfeld die Eltern brieflich wissen, unterrichte Martin W. wieder an der Schule. Was haben die Ermittlungen nun ergeben? Haben Rastko und seine Eltern gelogen? Das erfahren weder die Eltern noch – auf Nachfrage – der Falter. „Kein Kommentar“, heißt es nur aus der Direktion.

Rüde Methoden werfen Eltern der Volksschule im Kollegium Kalksburg vor

Rastkos Klassenfreunde jedenfalls erzählen zu Hause ihren Eltern von dem Übergriff. „Es tut mir schmerzhaft leid, dass unsere Kinder so etwas erleben mussten“, schreibt danach eine Mutter per E-Mail. Eine zweite antwortet: „Ich wünsche allen, dass ein solcher Vorfall nicht unter den Tisch gekehrt wird.“

Solidarität mit Rastkos Familie zu zeigen, fällt den Eltern trotzdem schwer. Denn am Tag nach dem Vorfall lässt die Schule in einem Rundmail wissen, dass Rastkos Eltern die – an dem Vorfall völlig unbeteiligte – Klassenlehrerin des Sohnes verklagt hätten. Wegen „fremdenfeindlichen Verhaltens und rassistischen Äußerungen“, wie es heißt. Doch so eine Klage existiere gar nicht, versichern Rastkos Eltern. Die Geschichte sei von der Schule erfunden worden, um die Familie in den Augen anderer Eltern zu diskreditieren. Sie sollten wie Querulanten dastehen, die die Diskriminierungskeule schwingen. Leicht ließe sich feststellen, ob sie die Wahrheit sagen – doch die Schule will auf Bitte des Falter die Anzeige von Rastkos Familie nicht vorweisen.

Rastko befindet sich heute in psychologischer Betreuung. Er hat Albträume, wacht in der Nacht schweißgebadet auf. Fotos von seiner alten Schule zerreißt er in kleine Stückchen, sobald er sie in die Finger bekommt. Immerhin musste der Volksschüler dem Lehrer Martin W. nach dem Vorfall nicht mehr gegenübertreten. Am Tag nach den Weihnachtsferien wechselte er in eine andere Schule.

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Eingeordnet unter Migranten, Soziales

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