Monatsarchiv: Juni 2011

Warum fahren Sie bei der Gaza-Flotte mit, Herr Leo Gabriel?

Aus dem FALTER 26/11

Telefonkolumne

Zehn Österreicher befinden sich an Bord der zweiten Gaza-Flottille, die diese Woche von verschiedenen europäischen Häfen ablegen soll. Einen davon, den Autor und Linksaktivisten Leo Gabriel, erreichte der Falter in der Metro von Athen.

Herr Gabriel, wann legt Ihr Schiff ab?

Das kommt auf viele Faktoren an. Im Augenblick geht es wegen des griechischen Generalstreiks darum, wann die Schiffe auslaufen können. Aber es wird im Laufe dieser Woche sein.

Wie viele Personen sind an Bord?

Auf dem großen Schiff sind ungefähr 70, auf dem Cargoboot 20. Wo ich sein werde, weiß ich nicht.

Fürchten Sie sich? 2010 starben neun Aktivisten, als israelische Streitkräfte die Gaza-Flotte beschossen. Heute nennt Österreichs Außenministerium die Aktion „lebensgefährlich“.

Das Ministerium tut, als handle es sich um eine Naturkatastrophe. Was wir fürchten, sind israelische Menschenrechtsverletzungen. Spindelegger sollte also besser bei der israelischen Regierung protestieren, statt uns zu sagen: Das ist gefährlich.

Laut Kritikern lassen gerade Aktionen wie diese den Konflikt eskalieren.

Wir sind eine unbewaffnete Friedensbewegung, die ausdrücken will, dass die Gaza-Blockade ungerechtfertigt ist. Dies als Provokation aufzufassen und – wie im Vorjahr – mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, ist böse politische Absicht.

Machen Sie sich nicht auch zum Komplizen eines Islamistenregimes?

Parlamentsabgeordnete und Schriftsteller sind an Bord, Islamisten habe ich dagegen noch keinen gesehen. Mit der Hamas habe ich keinen Kontakt.

Ägypten nach Mubarak beginnt ohnehin allmählich, die Gaza-Grenze zu öffnen.

Ein Nadelöhr wurde geöffnet, mehr nicht. Der Personenverkehr läuft schleppend, der Güterverkehr überhaupt nicht. Und: Die aktuellen Veränderungen wurden nur durch einen Regimewechsel möglich – weil in Kairo eine Bewegung auf die Straße ging, wie auch die unsrige eine ist.

Interview: Joseph Gepp

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Die Politik ist nicht mehr zu begreifen – es lebe der Beauftragte!

Aus dem FALTER 26/11

Polit-PR-Glosse

Geniale Ideen sind immer einfach, weshalb wir der grünen Planungsstadträtin Maria Vassilakou zu einer genial einfachen Idee gratulieren: Sie schuf einen Beauftragten.

Vorbei die Zeit, in der die Kluft zwischen Verwaltung und Bürger breit und Entscheidungsfindungsprozesse undurchsichtig waren. Jetzt hat jedes Wiener Thema ein Gesicht, eine Telefonnummer, einen Beauftragten. Vassilakous Fahrradbeauftragter ist sicher nur der Anfang. Einer für Spitalsbetten könnte folgen. Der für Hundstrümmerln scharrt in den Startlöchern. Gemeindebauten schreien danach, Politverdrossenheit und Integrationsfragen sowieso. Und am Ende?

Ein Beauftragter für Beauftragte wäre denkbar. Oder man schafft Beauftragte ab und lässt Politiker die Arbeit ihrer Abteilungen kommunizieren. Oder wurden sie dazu nicht beauftragt?

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Öffis ins Umland: Die ÖVP will U-Bahnen bis nach Purkersdorf

Aus dem Falter 26/11

Vergangene Woche hatte der Falter über den Plan berichtet, Wiener Straßenbahnen wie anno dazumal ins niederösterreichische Umland zu verlängern (siehe 25/11). Bisher sind solche Pläne gescheitert, weil St. Pölten nicht mitzahlen wollte.

Nun präsentiert die ÖVP einen Vorschlag: In überregionaler parteilicher Eintracht wollen Stadtrat Wolfgang Gerstl aus Wien und Landtagsabgeordneter Lukas Mandl aus Gerasdorf die U3 bis Schwechat, die U1 bis Gerasdorf und die U4 bis Purkersdorf und Klosterneuburg verlängern. Zusammen mit dichteren Schnellbahnintervallen und billigeren Parkanlagen soll dies den Verkehrskollaps an Wiens Stadtrand eindämmen.

Die Frage ist aber: Wer finanziert’s? Kostenmäßig gelten U-Bahnen als Königsklasse der Verkehrsmittel, gedacht für dichte Innenstadtgebiete. Bims kommen dagegen bis zu zehnmal billiger – rund 20 Millionen Euro errechneten die Grünen pro Linie.

Konkrete Kostenvorstellung für die U-Bahn gebe es noch keine, sagt Lukas Mandl. „Aber on the long run sollten wir uns einig werden, dass wir irgendwann Wien und Niederösterreich besser verbinden wollen.“

Was am Ende auch herauskommt: In eine gefrorene Debatte scheint etwas Bewegung gekommen zu sein.

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Bim am Land

Aus dem FALTER 25/2011

Um die Verkehrsmisere in Wiens Umland zu bewältigen, will man auf ein längst totgeglaubtes Gefährt zurückgreifen: die Straßenbahn

Bericht: Joseph Gepp

Wiens Öffi-Netz zählt zu den besten der Welt. Zahlreiche Stationen und kurze Intervalle machen das Auto überflüssig. Das sagen Stadtpolitiker gern, und ein wenig haben sie Recht.

Drei Viertel aller Wege innerhalb des Gürtels legen Wiener laut Verkehrsclub Österreich inzwischen nicht im Auto zurück. In ganz Wien überholte 2006 der Anteil der Öffi-Fahrten jenen der Autos – erstmals seit Beginn des motorisierten Zeitalters. Im Jahr darauf sank erstmals die Zahl angemeldeter Pkw. Glaubt man Statistiken, dann befindet sich Wien auf dem Weg in eine gesunde und sozialverträgliche mobile Zukunft. Doch es gibt eine massive Gegentendenz.

Am Stadtrand und im Umland steigt die Zahl der Autos rasant. In Mödling, Kaiserebersdorf oder Hirschstetten ist das Leben ohne Kraftwagen offenbar hart. Der sogenannte grenzüberschreitende Verkehr zwischen Niederösterreich und Wien erhöhte sich laut Gemeinde allein zwischen 2000 und 2005 um zehn Prozent. Der Fahranteil der Nichtwiener in Wien, hauptsächlich Pendler, wuchs um 17 Prozent. Was im Stadtinneren dem Autoverkehr abgerungen wird, geht außerhalb der Stadt wieder verloren. Bedenkt man, wie rasch im Umland seit Jahren Bevölkerung und Bauten wachsen, dann könnte Wien der Verkehrskollaps drohen – vom Rand her.

Grund: Eine leistungsstarke Vorortebahn wie die Pariser RER oder die Berliner S-Bahn gibt es hier nicht. Nur ÖBB-Züge und einige kleine Verbindungen – Badner Bahn, Busse – überqueren die Stadtgrenze. Dabei hat der Ballungsraum Wien 2,4 Millionen Einwohner, deutlich mehr als die 1,7 innerhalb der Stadtgrenze – mit acht Prozent Bevölkerungswachstum seit 2001. Trabantenstädte wie Gänserndorf und Gerasdorf vergrößerten sich seit den 80ern gar um mehr als die Hälfte. Doch die städtische Raumplanung endet an einer Grenze, die nur noch für das Finanzamt relevant ist. Wo sich Wiens Magistrat mit Niederösterreich koordinieren müsste, wo er nicht mehr Herr im Haus ist, verkommt Verkehrspolitik zur Provinzposse.

Heute politisches Wunschdenken zwischen Wien und St. Pölten, bis 1971 Realität: die Straßenbahnlinie nach Großenzersdorf (Foto: Flickr)

So trommelt ausgerechnet die einflussreiche Kronen Zeitung, sonst eher auto-affin, seit Monaten für Öffis zwischen Wien und Niederösterreich – vor allem eine U-Bahn nach Klosterneuburg würde dem Blatt gefallen. In Wien stellen zudem die Grünen mit Maria Vassilakou die Planungsstadträtin: Im Wahlkampf hat die Partei für Schnell-Straßenbahnen ins Umland geworben. Und auch in Niederösterreich, das urbanen Öffis stets ablehnend gegenüberstand, könnte sich ein Umdenken abzeichnen: Nach Johanna Mikl-Leitners Gang in den Bund baute Erwin Pröll die Landesregierung um; ÖVP-Verkehrslandesrat ist seitdem statt Johann Heuras Karl Wilfing. Der, meinen Niederösterreichs Oppositionelle, zeige sich einem Ausbau gegenüber etwas aufgeschlossener als sein Vorgänger.

Optimistisch interpretiert könnte all dies bewirken, dass auch an Wiens Peripherie in den nächsten Jahren die Mobilität des 21. Jahrhunderts Einzug hält. Wie notwendig es wäre, zeigt eine neue Studie der „Planungsgemeinschaft Ost“, die dem Falter exklusiv vorliegt. Zwischen 2008 und 2010 zählten Experten aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland akkurat Autofahrten nach Wien. Ergebnis: Ausgerechnet Bewohner der dichtbesiedelten Gebiete nahe der Stadtgrenze nehmen häufig das Auto in die Stadt. Die Südeinfahrt beispielsweise mit rund 150.000 Pendlern aus der Mödlinger Gegend ist die meistbefahrene Einfahrt Wiens – hier stehen 84 Prozent Autofahrten nur 16 Prozent Öffis gegenüber. Aus der Region um Bruck und Schwechat – nicht weit von der Stadtgrenze – kommen 77 Prozent mit dem Auto. Ähnlich ist das Verhältnis im Norden, aus Stockerau, Mistelbach und Gänserndorf.

Parkplatznot, Staus und Lärm sind nur die offensichtlichen Folgen des Autopendelns. In belasteten Grätzeln, etwa in Simmering und Favoriten, verlieren auch Immobilien an Wert, was zur Ballung einkommensschwacher Schichten führt. Dazu kommen gesundheitliche Folgen: Die Feinstaubstelle am Belgradplatz etwa, nahe der stark befahrenen Triester Straße in Favoriten, maß 2010 die zweithöchste Belastung im deutschen Sprachraum.

Was kann man gegen die Verkehrsmisere an der Peripherie tun? Maßnahmen beschränken sich bislang nur auf Ausbau und Taktung von ÖBB-Strecken, die viele als unzureichend empfinden. Eine U-Bahn aufs Land nennen Experten unrealistisch – auch wenn sie auf dem Netzplan hübsch aussehen würde. Die enormen Baukosten rechnen sich außerhalb des dichten Stadtgebiets nicht, sagt VCÖ-Fachmann Martin Blum. Aussichtsreicher sind Straßenbahnen. Je nach Bauweise kosten sie pro Kilometer nur zehn bis 25 Prozent einer U-Bahn. Wiens Grüne forderten im Wahlkampf Bimlinien nach Schwechat, Mödling, Großenzersdorf und Wolkersdorf; für rund 20 Millionen Euro Errichtungskosten pro Linie.

Freilich müsste Sankt Pölten mitzahlen – und an dieser Frage scheiterte schon der vorherige SPÖ-Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker, dessen ehemaliges niederösterreichisches Pendant ein paar Straßenbahnkilometer nach Schwechat nicht mitfinanzieren wollte. Nun klingt Nachfolger Karl Wilfing im Falter-Gespräch zuversichtlicher: Er präferiere eine U-Bahn, sei aber auch davon abgesehen bei Öffis „für neue Ideen offen“.

Dabei ist die Idee gar nicht so neu. Bis in die Nachkriegszeit fuhren Straßenbahnen nach Großenzersdorf, Schwechat, Perchtoldsdorf, Mödling und Bratislava – vier dieser fünf Orte sind heute im Gespräch. Wien hatte damals das weltweit größte Straßenbahnnetz. Weil Tramways Autos Platz rauben, wurden jedoch viele Linien geschlossen, sodass die Stadt heute über das weltweit siebentlängste Netz verfügt. Von den Umland-Bims überlebte dank Anrainerprotesten nur die Badner Bahn, die heute als einziges Schienenfahrzeug etwa die vielbesuchte SCS anfährt. Auf der 1945 eingestellten Bim-Trasse nach Bratislava fährt heute die Schnellbahn 7 nach Wolfsthal knapp vor der slowakischen Grenze. Das kurze Stück bis Bratislava verkauften die ÖBB ausgerechnet im Wendejahr 1991 an Häuslbauer.

Fehler der Vergangenheit
werden zaghaft und mühsam ausgebügelt. Im Juli trifft einander das schwarz-grüne Gespann Wilfing und Vassilakou in Poysdorf. Um die Wiener Verhandlungsposition zu stärken, soll städtischer Parkraum verteuert werden: Die Parkpickerlreform, um die Rathaus und Bezirke gerade feilschen, solle „Druck schaffen, damit niederösterreichische Pendler auf die Schiene umsteigen“, sagt Wiens grüner Verkehrssprecher Rüdiger Maresch. Auch in Niederösterreich selbst steigt der Druck. Im verkehrsbelasteten Süden um Vösendorf und Wiener Neudorf protestieren immer mehr Bewohner gegen die Belastung.

Wenn sich Bürger engagieren, wenn Wiens und Niederösterreichs Landespolitiker Willen zeigen und einflussreiche Medien wie die Krone Stimmung machen, dann könnte dem Land um Wien der Schritt in die Mobilität der Zukunft gelingen – und 50 Jahre in die Vergangenheit.

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Der Wolf als jüdischer Hausierer: ein ORF-Lapsus und seine Folgen

Aus dem FALTER, 25/2011


Joseph Gepp

Widersprüchlich fielen vergangene Woche die Reaktionen des ORF aus, nachdem der Falter über den Zeichentrickwolf berichtet hatte, der sich im Disney-Cartoon von 1933 als jüdischer Hausierer verkleidet.

In einer ersten Stellungnahme schloss Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz „etwaige antisemitische Konnotationen“ aus – weil der Wolf, wiewohl er wie ein antisemitisches Zerrbild aussieht, doch keinen jiddischen Akzent spreche. Etwas später entschuldigte sich Programmchef Wolfgang Lorenz. „Ich bedauere sehr, dass dieser Film mit der historisch belasteten Sequenz auf Sendung gehen konnte“, sagte er. Er werde „Sorge tragen, dass ein solcher Fehler, wie er im ORF eine absolute Ausnahme darstellt, sich nicht wiederholen kann“.

Archetyp der totalitären Gesellschaft? Die Schlümpfe

Unterdessen stellt sich aber auch eine Frage, die über den ORF hinausgeht: Welche Version des Comic-Klassikers „Drei kleine Schweinchen“ kann man als TV-Anstalt bei Disney beziehen? Neben jener mit dem jüdischen Hausierer existiert nämlich auch eine entschärfte Version, in der der Wolf keine Judenmaske trägt.

Bei der deutschen Niederlassung in München wollte man dazu dem Falter kein offizielles Statement geben. Nur informell teilte ein Mitarbeiter des Konzerns mit, dass derzeit geprüft werde, wie es zur Ausstrahlung der Sendung kam. Für die Zukunft sei jedenfalls sichergestellt, dass die belastete Version aus den 30er-Jahren nicht mehr gezeigt werde.

In Frankreich gibt es währenddessen eine Debatte um eine weitere berühmte Zeichentricksendung: Der Politikwissenschaftler Antoine Buéno will in Schlumpfhausen den „Archetyp einer totalitären Utopie, geprägt von Stalinismus und Nationalsozialismus“ entdeckt haben. Die Figur Gagamels steht unter Verdacht, von der antisemitischen Sowjetpropaganda inspiriert worden zu sein.

Schon 2007 hatte ein ähnlicher Fall Aufsehen erregt, als ein kongolesischer Student in Brüssel gegen Hergés – rassistisch angehauchten – Comicband „Tim im Kongo“ klagte.

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Wer hat Angst vorm bösen Juden?

Aus dem FALTER 24/11

Im ORF-Kinderprogramm laufen am Samstag US-Cartoons mit antisemitischen Klischees aus den 30er-Jahren. Warum?

Bericht: Joseph Gepp

Der böse Wolf verkleidet sich als jüdischer Hausierer, um zu den drei kleinen Schweinchen ins Haus zu gelangen. Er trägt eine lange Nase, einen dichten schwarzen Bart, einen zerlumpten braunen Kaftan samt Hut. Wären da nicht die charakteristisch großen Zeichentrickhände, man würde die zusammengeballten jüdischen Stereotypen glatt in der Nazi-Hetzschrift Der Stürmer vermuten.

Zeitlich läge man damit gar nicht so falsch: Der berühmte achtminütige Zeichentrickfilm „Three Little Pigs“ stammt aus dem Jahr 1933. Allerdings ist er US-amerikanischer Provenienz, aus dem Hause Walt Disney. 1934 erhielt er den Oscar. Während in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, lenkten in Amerika fröhliche Animationsfilmchen mit Judenklischees die Menschen von den Härten der Weltwirtschaftskrise ab.

Heute laufen solche Filme nicht etwa kommentiert und kontextualisiert im Bildungsfernsehen. Sondern im ORF-Kinderprogramm am Samstagvormittag. Konkret sendete Österreichs staatliches Fernsehen „Die drei kleinen Schweinchen“ am 4. Juni, 11.20 Uhr, im Rahmen der Reihe „Classic Cartoons“. Kurz davor lief „Miniversum“, etwas später folgte „Parker Lewis – Der Coole von der Schule“.

Was heute auf verstörende Weise judenfeindlich wirkt, war zur Zeit der Entstehung oft gar nicht antisemitisch gemeint, erklärt der Historiker Florian Schmidlechner, der sich im neuen Sammelband „Theorien des Comics“ im Transcript-Verlag mit dem Thema befasst. Jüdische Stereotype galten anno dazumal als ebenso witzig und harmlos wie heute etwa Franzosenscherze. In den 30er-Jahren strotzte der US-Trickfilm vor Judenklischees, obwohl viele der Zeichner selbst Juden waren. Erst am Ende des Jahrzehnts wurde die filmische Herabwürdigung von Religion unter Strafe gestellt, wodurch die Judenklischees verschwanden, erklärt Florian Schmidlechner.“Unser kulturelles Verständnis deutet diese Cartoons zwangsläufig als antisemitisch“, sagt er. Die Erfahrungen des Nationalsozialismus lassen einst als harmlos geltende Klischees heute wie erschreckende Vorboten von Hass und Genozid erscheinen.

Der Hausierer in der entschärften Fassung ohne jüdische Stereotype (Disney)

Der Hausierer in der alten Fassung mit jüdischen Stereotypen (Disney)

Entsprechend gibt es die DVD von „Three Little Pigs“ in der US-amerikanischen und deutschen Version nur noch mit einleitender Erklärung über den historischen Kontext. Und auch der Film selbst existiert in einer zweiten, entschärften Fassung: Disney gestaltete später eine Version, in der der Wolf keine jüdische Maske trägt. In einer dritten Fassung, die im Zweiten Weltkrieg entstand, trägt er sogar ein kleines Hitlerbärtchen.

Bleibt die Frage: Warum brachte der ORF den Cartoon nicht in einer entschärften Form – oder klärte in irgendeiner Weise über den Kontext auf? Dieser existiert für die Sendungsverantwortlichen gar nicht. „Etwaige antisemitische Konnotationen sind ausgeschlossen“, sagt Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz.

Grund: In der ORF-Fassung stamme das Bild zwar aus den 30ern – die Tonspur jedoch sei jüngeren Datums.

Bogad-Radatz bezieht sich mit dieser Erklärung darauf, dass es neben der ORF-Fassung des Trickfilms eine noch ältere Urfassung gibt. Darin sieht der Wolf nicht nur wie die Karikatur eines Juden aus; er spricht auch mit jiddischem Akzent.

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Unterwegs abseits der ausgetretenen Pfade: Was der Prater außer Riesenrad und Schweizerhaus zu bieten hat

Aus dem FALTER 24/11
Ressort: Extra

Joseph Gepp

Wer sehen will, wie sehr die Wiener dem Herdentrieb folgen, der braucht nur an einem sonnigen Wochenende die Prater-Hauptallee zu besuchen. An ihrem Beginn, unweit von Praterstern und Wurstelprater, stauen sich die Menschen, massenweise Spaziergänger, Jogger und Sonnenhungrige. Weiter hinten jedoch, bei Stadion, Lusthaus und darüber hinaus, wird die Menschendichte deutlich geringer. Schade für viele Wiener, dass sie versäumen, was auf dem 6-Quadratkilometer-Areal alles abseits der ausgetretenen Pfade liegt. Gut für jene, die sich die Mühe machen, den Stadtwald etwas genauer zu erkunden.

Ein Geheimtipp sind beispielsweise die letzten verbliebenen Pavillons der Wiener Weltausstellung von 1873 – prachtvolle Gründerzeitgebäude, die verlassen im Gestrüpp zwischen Trabrennbahn Krieau und Stadion stehen. Eine weitere Gründerzeitanlage findet man noch weiter stadtauswärts: die Galopprennbahn Freudenau. Am 10. September findet zwischen ihren Ställen und Tribünen das Day&Night Festival statt, unter anderen beehren dann Tiefschwarz oder Aphrodite die Rennbahn.

Ein gutes Stück stadteinwärts liegt ebenfalls ein architektonisches und musikalisches Schmankerl. Dass die Pratersauna vom 60er-Treff der Wiener Schickeria zum Club mutiert ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Ende Juni hält sie ihr eigenes Festival ab, mit dem eingängigen Namen: „Prater Unser – Das neue Festament“. Wer vor dem Tanz noch einen Happen essen will, dem sei die nahegelegene Estancia Santa Cruz an der Hauptallee empfohlen: Kommt auch die Stimmung etwas penetrant pseudo-lateinamerikanisch rüber, so sind die Spareribs doch hervorragend.

Weitere Tipps gefällig? Ein gutes Stück stadtauswärts vom Lusthaus – gleich neben dem Fischrestaurant Lindmayer – steht am Donauufer Wiens buddhistische Pagode von 1983 samt der goldenen, drei Meter großen Buddhastatue. Wer hier in den Wald geht, findet eine Aulandschaft mit alten Donauarmen, verfallenen Heiligendenkmälern auf Lichtungen und Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute Tümpel beherbergen.

Festivitätenmäßigen Retrocharme bietet außerdem das Volksstimmefest der KPÖ – am 3. und 4. September auf der Jesuitenwiese.

Wiener Prater

Jesuitenwiese
2., Rustenschacherallee
und Rotundenallee,
1020 Wien

Pratersauna
2., Waldsteingartenstraße 135
Estancia Santa Cruz
2., Prater-Hauptallee 8

Galopprennbahn Freudenau
2., Freudenau 65

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„Leichen, Oida“

Aus dem FALTER 24/11

In Meidling findet die Polizei zwei Tote in einem Kellerabteil. Die Nachbarn haben es irgendwie geahnt

Reportage: Joseph Gepp

Erhard Berek*, Stammgast im „Scharfen Eck“ zwei Straßen weiter, hat es die ganze Zeit gewusst. „I hob immer g’sogt: Des is ka Guate“, sagt er in seinen Schnauzbart. Ein kräftiger Schluck aus seinem Krügerl verschafft ihm eine Kunstpause, um die Dramatik seiner Ausführungen noch zu steigern. „Aber er wollt ja net auf mi hör’n.“

Er, das ist der Oberösterreicher Manfred H., 47, Eismaschinenvertreter, seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Nun wurden seine Überreste entdeckt. Einbetoniert und verteilt auf mehrere Betonwannen und Kühlgeräte, in einem modrigen, ziegelsteinernen Kellerabteil 50 Meter von Erhard Bereks Stammbeisl entfernt. Daneben lag der Schädel einer zweiten Leiche.

Sie, das ist Estibaliz C., 32, Manfred H.s Exfreundin. Was tagelang als Verdacht und Gerücht umherschwebte, gestand sie Freitagabend: dass sie die Mörderin ihres Ex-Freundes Manfred H. und ihres Ex-Mannes sei. Im Gründerzeithaus über dem Keller führte die Spanierin noch vor wenigen Tagen den Eissalon Schleckeria. Nachdem die Leichen entdeckt worden waren, räumte sie ihre Bankkonten leer und nahm ein Taxi an die italienische Grenze. Am Freitag wurde sie am Bahnhof von Udine festgenommen.

Vom „Eis-Engel“, der „Todeshexe“ und der „Eis-Baronin mit dem Erdbeermund“ schreiben unentwegt Boulevardzeitungen. Ob C. Komplizen hatte und wo die restlichen Körperteile ihres Ex-Manns versteckt sind, stand bei Redaktionsschluss am Freitag noch nicht fest.

Ein grausiges Verbrechen geschah in der beschaulichen Oswaldgasse, einer kopfsteingepflasterten Kastanienallee nahe der Meidlinger Polizeikaserne. Fast alle ihrer Bewohner kannten die Chefin zumindest flüchtig. Nun wachen Polizisten vor den bunten Schaufenstern der zugesperrten Schleckeria. Drei türkische Teenager, die die Straße entlangspazieren, unterhalten sich über die „Leichen, Oida“. Aus den schmalen Fenstern des Kellers, den nur Beamte in Schutzkleidung betreten dürfen, dringt Verwesungsgeruch auf die Straße, als würde man Fleisch wochenlang ungekühlt liegen lassen.

Dennoch reagiert der Großteil der Anrainer, wenn man sie auf den Fall anspricht, weniger entsetzt und verstört als vielmehr erfreut: über das riesige Interesse und die Möglichkeit, Gerüchte mitzuverbreiten. Zum Beispiel Erkan Köksal, 39, Friseur. Über dem immensen Bauch des kleinen Mannes spannt sich ein T-Shirt mit nautischem Motiv. Ausgerechnet in diesen Tagen wird Köksal neben der Schleckeria seinen Frisiersalon Aymen eröffnen. Er sieht das Medieninteresse positiv und posiert wie ein Serienstar für die Fernsehteams, die ihn der Reihe nach interviewen. „Schreiben Sie unbedingt auch den Namen meines Geschäfts“, sagt er, „Publicity ist immer gut.“

Weil der Friseur für sein neues Lokal Rohre in den wenig benutzten Keller verlegen musste, wurden die Leichen entdeckt. Bei einem Abteil fand sich kein dazugehöriger Besitzer. Köksal und seine Handwerker brachen nach einigem Nachfragen das Vorhängeschloss an der Holztür auf. Drinnen lagen zwei Taschen. Eine enthielt laut Köksal zwei Gewehre samt Zielfernrohr, die andere eine Pistole und einige spanische Notizen. In dahinterstehenden Mörtelwannen und Gefrierschränken bedeckte jeweils eine Schicht Katzenstreu getrockneten Beton. Köksal schob in einer Wanne die Streu zur Seite und sah, aus dem Beton ragend, den Zipfel eines schwarzen Müllsacks. „Ich hab ihn aufgeschnitten“, sagt er. „Und wie mir der Gestank entgegenkommt, hab ich schon gewusst, was los ist.“ Der Beton wurde später von Kriminalisten aufgestemmt, drinnen fand sich der kaum verweste Unterschenkel samt Fuß von Manfred H.

Die Stammtischrunde um Erhard Berek im „Scharfen Eck“ wusste schon am vergangenen Mittwoch, was Esti C. erst zwei Tage darauf gestand: dass es sich beim zweiten Leichnam um den Ex-Mann handelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei vom zweiten Opfer lediglich bekannt gegeben, dass es männlich gewesen sei und an einem Kopfschuss starb.

Am Sonntag vor zwei Wochen, dem Abend vor dem Leichenfund, besuchte C. noch zusammen mit ihrem aktuellen Freund die nahe Pizzeria Chaplin. Der, lästert nun die Stammtischrunde um Erhard Berek, sei seinem Schicksal gerade noch entwischt. Im Chaplin selbst schütteln der Koch und die Kellnerin fassungslos die Köpfe. Im vergangenen Jahr seien Esti C. und Manfred Hinterberger fast jede Woche hierhergekommen, erzählen sie.

H., ein gut gelaunter Hüne von fast zwei Metern Größe, bestellte regelmäßig Spare Ribs und scherzte mit der Bedienung. Und Esti C.? Zierlich und engelhaft sei sie gewesen, irgendwie unschuldig habe sie gewirkt, sagt der Koch. „Immer sexy, immer im Mini“, fügt die Kellnerin hinzu.

Nicht nur im Grätzel, auch auf Internetseiten ist die verschwundene Esti C. nach wie vor als Eissalonchefin präsent. Auf Facebook tauscht sie Nachrichten mit Manfred H. aus, auf einer Website mit Stellenanzeigen sucht sie Speiseeiserzeuger für ihre Schleckeria. Wählt man die angegebene Telefonnummer, dann stellt sich auf Band eine fröhliche Stimme als Esti C. vor. Nachrichten bitte nach dem Piepton.

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Eingeordnet unter Behörden, Reportagen, Wien

Polen, Serben und die Erzdiözese: Ottakrings kleiner Glaubenskrieg

Aus dem FALTER 24/11

Joseph Gepp

So bringt man sich in eine verfahrene Situation: Weil Wiens katholische Kirchen oft leer stehen, will die Erzdiözese einige der – in der Erhaltung teuren – Kirchengebäude an andere Christen verschenken: vor allem an die zahlreichen Wiener Serbisch-Orthodoxen, die Orte für ihre Gottesdienste suchen. Nachdem der erste Versuch – die Übergabe der prachtvollen Maria vom Siege am Gürtel – am Denkmalschutz scheiterte, glaubt Kardinal Schönborn nun in Ottakring fündig geworden zu sein. Dass die schlichtere Neulerchenfelder Kirche den Serben gegeben werden soll, scheint vonseiten der Diözese fix.

Mit einer Sache hat der Bischof aber nicht gerechnet: Gerade hier hält die polnische Gemeinde um Pfarrer Tadeusz Cichon ihre Messen ab. Im Gegensatz zur taufscheinkatholischen Mehrheit sind Wiens 36.000 Polen neben 50.000 Kroaten äußerst brave Katholiken. Ausgerechnet mit den treuesten Schäfchen muss die Diözese nun also streiten. Cichon will nicht weichen und hat sogar den Vatikan angerufen. Dieser setzte die Schenkung vorerst aus und zwang die Streithähne zu Verhandlungen. Dieser Tage finden die Gespräche zwischen Erzdiözese und den widerspenstigen Polen statt – mit einer Lösung wird vorerst nicht gerechnet.

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Asyl für den Aufdecker

Aus dem FALTER 24/11

Srebrenica-Enthüller Jovan Mirilo hat endlich Asyl in Österreich erhalten – nach einem skandalösen Verfahren

Bericht: Joseph Gepp

Im April 2007 wähnte sich Jovan Mirilo endlich am Ziel. In seiner serbischen Heimatstadt Sid hatte man ihn auf der Straße bespuckt, im Kaffeehaus bedroht und mit dem Auto angefahren. 50.000 Euro Kopfgeld hatte eine nationalistische Clique einstiger Kriegstreiber auf ihn ausgesetzt. Deshalb floh der Serbe, 46, mit seiner Frau und der kleinen Tochter Marija nach Österreich. „Mein Fall schien mir so klar“, sagt Jovan Mirilo heute. „In sechs Monaten kriegen wir Asyl, dachte ich 2007. Dann hat dieser Horror ein Ende.“

Am 26. Mai 2011 bekommt Mirilo, vertreten durch die Asylanwältin Nadja Lorenz, tatsächlich Asyl in Österreich. Nur sind nicht sechs Monate, sondern vier Jahre seit 2007 vergangen. Am selben Tag wird in Lazarevo – 70 Kilometer östlich von Sid – Ratko Mladic gefasst.

Der Fall des Srebrenica-Aufdeckers Jovan Mirilo, dem Ehrungen zuteil wurden und der trotzdem beinahe nach Serbien abgeschoben worden wäre, offenbarte bedenkliche Missstände im Asylwesen und warf Fragen auf, die teils bis heute unbeantwortet geblieben sind.

Mirilos Geschichte beginnt 2005. Seine Heimatstadt Sid ist selbst für serbische Verhältnisse ein radikaler Ort. Seit dem Balkankrieg siedeln hier anstelle vertriebener Kroaten serbische Flüchtlinge aus Bosnien, in deren Köpfen der Krieg weitertobt. In einer Videothek kursiert unter dem Ladentisch ein Handvideo, das siegestrunkene serbische Milizionäre zeigt, wie sie 1995 in Srebrenica bosniakisch-muslimische Zivilisten ermorden.

8000 Burschen und Männer starben im größten Massaker der Nachkriegszeit. Als Mirilo zehn Jahre später einen der Mörder im Lokal-TV sieht, wie er über die humanen Aspekte des sportlichen Karpfenfischens schwadroniert, platzt ihm der Kragen. Er beschafft sich das Video und schickt eine Kopie an den Strafgerichtshof von Den Haag. Dort dient es im Prozess gegen Slobodan Milosevic als wichtiges Beweismaterial. Bald wird es auch gegen Mladic, den Kommandanten der bosnisch-serbischen Armee, zum Einsatz kommen.

Mirilo jedoch zog durch seine Tat den Hass von ganz Sid auf sich. „Verräterisches Vieh“ nennen ihn bis heute auf Facebook Nationalisten, die von der Polizei und Geheimdienst gedeckt werden. Keine drei Tage würde er in Sid überleben, sagt er.

Srebrenica-Aufdecker Jovan Mirilo bekommt endlich Asyl in Österreich (Foto: Katharina Gossow)

Einige Monate nach seiner Flucht erhielt der Asylwerber für sein Engagement den Bruno-Kreisky-Preis, den renommiertesten Menschenrechtspreis Österreichs. Vor Mirilo hatten ihn unter anderen Kofi Annan und Benazir Bhutto bekommen; die Jury bilden etwa UN-Experte Manfred Nowak, Historiker Oliver Rathkolb und Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg. Doch das Bundesasylamt ließ sich vom Votum der renommierten Kapazunder nicht beirren.

Anfang 2010 wird Mirilos Asylantrag nach drei Jahren endgültig abgelehnt. Wenige Tage blieben der Familie nun noch bis zur Abschiebung.

Das Asylamt schenkte Jovan Mirilo keinen Glauben. Trotz der Experten der Kreisky-Preis-Jury und trotz Medienberichten im In- und Ausland hielt die Behörde Mirilo weder für den Übermittler des Srebrenica-Videos noch für gefährdet in Serbien. Im Gegenteil, er sei ein Hochstapler, Betrüger, gar kriminell. Der Kreisky-Preis sei „auch aufgrund falscher Angaben“ verliehen worden, schrieb das Asylamt, ohne mit den Organisatoren des Preises gesprochen zu haben.

Worauf fußten die Behauptungen der Behörde? Wer das wissen will, stößt auf einen sogenannten „Rechercheergebnisbericht“ aus dem Jahr 2008. Dessen Informationen flossen später in den negativen Asylbescheid ein. Autor war ein anonymer Sachverständiger, der im Auftrag des Wiener Innenministeriums Jovan Mirilos Umfeld in Ex-Jugoslawien erkundet haben will. Das Dokument strotzt vor Unterstellungen und Weglassungen.

So schrieb der Sachverständige, dass Mirilo zum „kriminellen Milieu“ gehöre – ohne die äußerst hinterfragenswerte Quelle dieser Information zu thematisieren: das nationalistisch unterwanderte Belgrader Innenministerium. Der Sachverständige befragte weiters Mirilos Bekannte per E-Mail – und gab deren Antworten selektiv und manipulativ wieder. Aus Zeitungsartikeln schwärzte er jene Passagen, die eine Gefährdung Mirilos nahelegen, zum Beispiel: „Mirilo war (…) bedroht und hat ständig bei der Polizei um Schutz ersucht“.

Falter-Recherchen ergaben später, dass es sich beim anonymen Sachverständigen um einen Kosovo-Albaner handelte, der unter seinen einstigen serbischen Kriegsgegnern recherchierte – ob dieses nationalistische Motiv zum verzerrten Bericht führte, bleibt allerdings eine Vermutung. Rund 50 anonyme Gutachter durchleuchten wie der Albaner im Auftrag der Republik Asylfälle im Ausland.

Nachdem der Fall 2010 im Falter publik geworden war, begann der unabhängige Asylgerichtshof die Causa erneut zu prüfen. Nun liegt ein neuer Bericht vor – diesmal positiv. Im Gegensatz zum früheren Dokument nennt dieses die Namen der Autoren. Auch die Kreisky-Preis-Jury kommt darin zu Wort. In Bezug auf den Bericht von 2008 heißt es vorsichtig, die dort behaupteten „gravierenden Widersprüche“ konnten „nicht festgestellt werden“. Der anonyme Sachverständige habe offenbar übersehen, dass die Angaben vieler Auskunftspersonen „in wesentlichen Punkten“ mit denen Mirilos übereinstimmen. Anwältin Lorenz behält sich rechtliche Schritte gegen das Asylamt vor.

Der Familie Mirilo ist nach vier Jahren der Ungewissheit die Erleichterung anzusehen. Als anerkannte Flüchtlinge dürfen Jovan und Ehefrau Dragana nun einer Arbeit nachgehen. Dragana Mirilo will muttersprachliche Volksschullehrerin werden, Jovan denkt über seinen künftigen Berufsweg noch nach. Nach vier Jahren beginnt für sie das Leben in Österreich.

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Eingeordnet unter Balkan, Behörden, Jovan Mirilo, Migranten