Monatsarchiv: Juni 2011

Warum fahren Sie bei der Gaza-Flotte mit, Herr Leo Gabriel?

Aus dem FALTER 26/11

Telefonkolumne

Zehn Österreicher befinden sich an Bord der zweiten Gaza-Flottille, die diese Woche von verschiedenen europäischen Häfen ablegen soll. Einen davon, den Autor und Linksaktivisten Leo Gabriel, erreichte der Falter in der Metro von Athen.

Herr Gabriel, wann legt Ihr Schiff ab?

Das kommt auf viele Faktoren an. Im Augenblick geht es wegen des griechischen Generalstreiks darum, wann die Schiffe auslaufen können. Aber es wird im Laufe dieser Woche sein.

Wie viele Personen sind an Bord?

Auf dem großen Schiff sind ungefähr 70, auf dem Cargoboot 20. Wo ich sein werde, weiß ich nicht.

Fürchten Sie sich? 2010 starben neun Aktivisten, als israelische Streitkräfte die Gaza-Flotte beschossen. Heute nennt Österreichs Außenministerium die Aktion „lebensgefährlich“.

Das Ministerium tut, als handle es sich um eine Naturkatastrophe. Was wir fürchten, sind israelische Menschenrechtsverletzungen. Spindelegger sollte also besser bei der israelischen Regierung protestieren, statt uns zu sagen: Das ist gefährlich.

Laut Kritikern lassen gerade Aktionen wie diese den Konflikt eskalieren.

Wir sind eine unbewaffnete Friedensbewegung, die ausdrücken will, dass die Gaza-Blockade ungerechtfertigt ist. Dies als Provokation aufzufassen und – wie im Vorjahr – mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, ist böse politische Absicht.

Machen Sie sich nicht auch zum Komplizen eines Islamistenregimes?

Parlamentsabgeordnete und Schriftsteller sind an Bord, Islamisten habe ich dagegen noch keinen gesehen. Mit der Hamas habe ich keinen Kontakt.

Ägypten nach Mubarak beginnt ohnehin allmählich, die Gaza-Grenze zu öffnen.

Ein Nadelöhr wurde geöffnet, mehr nicht. Der Personenverkehr läuft schleppend, der Güterverkehr überhaupt nicht. Und: Die aktuellen Veränderungen wurden nur durch einen Regimewechsel möglich – weil in Kairo eine Bewegung auf die Straße ging, wie auch die unsrige eine ist.

Interview: Joseph Gepp

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Die Politik ist nicht mehr zu begreifen – es lebe der Beauftragte!

Aus dem FALTER 26/11

Polit-PR-Glosse

Geniale Ideen sind immer einfach, weshalb wir der grünen Planungsstadträtin Maria Vassilakou zu einer genial einfachen Idee gratulieren: Sie schuf einen Beauftragten.

Vorbei die Zeit, in der die Kluft zwischen Verwaltung und Bürger breit und Entscheidungsfindungsprozesse undurchsichtig waren. Jetzt hat jedes Wiener Thema ein Gesicht, eine Telefonnummer, einen Beauftragten. Vassilakous Fahrradbeauftragter ist sicher nur der Anfang. Einer für Spitalsbetten könnte folgen. Der für Hundstrümmerln scharrt in den Startlöchern. Gemeindebauten schreien danach, Politverdrossenheit und Integrationsfragen sowieso. Und am Ende?

Ein Beauftragter für Beauftragte wäre denkbar. Oder man schafft Beauftragte ab und lässt Politiker die Arbeit ihrer Abteilungen kommunizieren. Oder wurden sie dazu nicht beauftragt?

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Eingeordnet unter Kurioses, Wien

Öffis ins Umland: Die ÖVP will U-Bahnen bis nach Purkersdorf

Aus dem Falter 26/11

Vergangene Woche hatte der Falter über den Plan berichtet, Wiener Straßenbahnen wie anno dazumal ins niederösterreichische Umland zu verlängern (siehe 25/11). Bisher sind solche Pläne gescheitert, weil St. Pölten nicht mitzahlen wollte.

Nun präsentiert die ÖVP einen Vorschlag: In überregionaler parteilicher Eintracht wollen Stadtrat Wolfgang Gerstl aus Wien und Landtagsabgeordneter Lukas Mandl aus Gerasdorf die U3 bis Schwechat, die U1 bis Gerasdorf und die U4 bis Purkersdorf und Klosterneuburg verlängern. Zusammen mit dichteren Schnellbahnintervallen und billigeren Parkanlagen soll dies den Verkehrskollaps an Wiens Stadtrand eindämmen.

Die Frage ist aber: Wer finanziert’s? Kostenmäßig gelten U-Bahnen als Königsklasse der Verkehrsmittel, gedacht für dichte Innenstadtgebiete. Bims kommen dagegen bis zu zehnmal billiger – rund 20 Millionen Euro errechneten die Grünen pro Linie.

Konkrete Kostenvorstellung für die U-Bahn gebe es noch keine, sagt Lukas Mandl. „Aber on the long run sollten wir uns einig werden, dass wir irgendwann Wien und Niederösterreich besser verbinden wollen.“

Was am Ende auch herauskommt: In eine gefrorene Debatte scheint etwas Bewegung gekommen zu sein.

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Bim am Land

Aus dem FALTER 25/2011

Um die Verkehrsmisere in Wiens Umland zu bewältigen, will man auf ein längst totgeglaubtes Gefährt zurückgreifen: die Straßenbahn

Bericht: Joseph Gepp

Wiens Öffi-Netz zählt zu den besten der Welt. Zahlreiche Stationen und kurze Intervalle machen das Auto überflüssig. Das sagen Stadtpolitiker gern, und ein wenig haben sie Recht.

Drei Viertel aller Wege innerhalb des Gürtels legen Wiener laut Verkehrsclub Österreich inzwischen nicht im Auto zurück. In ganz Wien überholte 2006 der Anteil der Öffi-Fahrten jenen der Autos – erstmals seit Beginn des motorisierten Zeitalters. Im Jahr darauf sank erstmals die Zahl angemeldeter Pkw. Glaubt man Statistiken, dann befindet sich Wien auf dem Weg in eine gesunde und sozialverträgliche mobile Zukunft. Doch es gibt eine massive Gegentendenz.

Am Stadtrand und im Umland steigt die Zahl der Autos rasant. In Mödling, Kaiserebersdorf oder Hirschstetten ist das Leben ohne Kraftwagen offenbar hart. Der sogenannte grenzüberschreitende Verkehr zwischen Niederösterreich und Wien erhöhte sich laut Gemeinde allein zwischen 2000 und 2005 um zehn Prozent. Der Fahranteil der Nichtwiener in Wien, hauptsächlich Pendler, wuchs um 17 Prozent. Was im Stadtinneren dem Autoverkehr abgerungen wird, geht außerhalb der Stadt wieder verloren. Bedenkt man, wie rasch im Umland seit Jahren Bevölkerung und Bauten wachsen, dann könnte Wien der Verkehrskollaps drohen – vom Rand her.

Grund: Eine leistungsstarke Vorortebahn wie die Pariser RER oder die Berliner S-Bahn gibt es hier nicht. Nur ÖBB-Züge und einige kleine Verbindungen – Badner Bahn, Busse – überqueren die Stadtgrenze. Dabei hat der Ballungsraum Wien 2,4 Millionen Einwohner, deutlich mehr als die 1,7 innerhalb der Stadtgrenze – mit acht Prozent Bevölkerungswachstum seit 2001. Trabantenstädte wie Gänserndorf und Gerasdorf vergrößerten sich seit den 80ern gar um mehr als die Hälfte. Doch die städtische Raumplanung endet an einer Grenze, die nur noch für das Finanzamt relevant ist. Wo sich Wiens Magistrat mit Niederösterreich koordinieren müsste, wo er nicht mehr Herr im Haus ist, verkommt Verkehrspolitik zur Provinzposse.

Heute politisches Wunschdenken zwischen Wien und St. Pölten, bis 1971 Realität: die Straßenbahnlinie nach Großenzersdorf (Foto: Flickr)

So trommelt ausgerechnet die einflussreiche Kronen Zeitung, sonst eher auto-affin, seit Monaten für Öffis zwischen Wien und Niederösterreich – vor allem eine U-Bahn nach Klosterneuburg würde dem Blatt gefallen. In Wien stellen zudem die Grünen mit Maria Vassilakou die Planungsstadträtin: Im Wahlkampf hat die Partei für Schnell-Straßenbahnen ins Umland geworben. Und auch in Niederösterreich, das urbanen Öffis stets ablehnend gegenüberstand, könnte sich ein Umdenken abzeichnen: Nach Johanna Mikl-Leitners Gang in den Bund baute Erwin Pröll die Landesregierung um; ÖVP-Verkehrslandesrat ist seitdem statt Johann Heuras Karl Wilfing. Der, meinen Niederösterreichs Oppositionelle, zeige sich einem Ausbau gegenüber etwas aufgeschlossener als sein Vorgänger.

Optimistisch interpretiert könnte all dies bewirken, dass auch an Wiens Peripherie in den nächsten Jahren die Mobilität des 21. Jahrhunderts Einzug hält. Wie notwendig es wäre, zeigt eine neue Studie der „Planungsgemeinschaft Ost“, die dem Falter exklusiv vorliegt. Zwischen 2008 und 2010 zählten Experten aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland akkurat Autofahrten nach Wien. Ergebnis: Ausgerechnet Bewohner der dichtbesiedelten Gebiete nahe der Stadtgrenze nehmen häufig das Auto in die Stadt. Die Südeinfahrt beispielsweise mit rund 150.000 Pendlern aus der Mödlinger Gegend ist die meistbefahrene Einfahrt Wiens – hier stehen 84 Prozent Autofahrten nur 16 Prozent Öffis gegenüber. Aus der Region um Bruck und Schwechat – nicht weit von der Stadtgrenze – kommen 77 Prozent mit dem Auto. Ähnlich ist das Verhältnis im Norden, aus Stockerau, Mistelbach und Gänserndorf.

Parkplatznot, Staus und Lärm sind nur die offensichtlichen Folgen des Autopendelns. In belasteten Grätzeln, etwa in Simmering und Favoriten, verlieren auch Immobilien an Wert, was zur Ballung einkommensschwacher Schichten führt. Dazu kommen gesundheitliche Folgen: Die Feinstaubstelle am Belgradplatz etwa, nahe der stark befahrenen Triester Straße in Favoriten, maß 2010 die zweithöchste Belastung im deutschen Sprachraum.

Was kann man gegen die Verkehrsmisere an der Peripherie tun? Maßnahmen beschränken sich bislang nur auf Ausbau und Taktung von ÖBB-Strecken, die viele als unzureichend empfinden. Eine U-Bahn aufs Land nennen Experten unrealistisch – auch wenn sie auf dem Netzplan hübsch aussehen würde. Die enormen Baukosten rechnen sich außerhalb des dichten Stadtgebiets nicht, sagt VCÖ-Fachmann Martin Blum. Aussichtsreicher sind Straßenbahnen. Je nach Bauweise kosten sie pro Kilometer nur zehn bis 25 Prozent einer U-Bahn. Wiens Grüne forderten im Wahlkampf Bimlinien nach Schwechat, Mödling, Großenzersdorf und Wolkersdorf; für rund 20 Millionen Euro Errichtungskosten pro Linie.

Freilich müsste Sankt Pölten mitzahlen – und an dieser Frage scheiterte schon der vorherige SPÖ-Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker, dessen ehemaliges niederösterreichisches Pendant ein paar Straßenbahnkilometer nach Schwechat nicht mitfinanzieren wollte. Nun klingt Nachfolger Karl Wilfing im Falter-Gespräch zuversichtlicher: Er präferiere eine U-Bahn, sei aber auch davon abgesehen bei Öffis „für neue Ideen offen“.

Dabei ist die Idee gar nicht so neu. Bis in die Nachkriegszeit fuhren Straßenbahnen nach Großenzersdorf, Schwechat, Perchtoldsdorf, Mödling und Bratislava – vier dieser fünf Orte sind heute im Gespräch. Wien hatte damals das weltweit größte Straßenbahnnetz. Weil Tramways Autos Platz rauben, wurden jedoch viele Linien geschlossen, sodass die Stadt heute über das weltweit siebentlängste Netz verfügt. Von den Umland-Bims überlebte dank Anrainerprotesten nur die Badner Bahn, die heute als einziges Schienenfahrzeug etwa die vielbesuchte SCS anfährt. Auf der 1945 eingestellten Bim-Trasse nach Bratislava fährt heute die Schnellbahn 7 nach Wolfsthal knapp vor der slowakischen Grenze. Das kurze Stück bis Bratislava verkauften die ÖBB ausgerechnet im Wendejahr 1991 an Häuslbauer.

Fehler der Vergangenheit
werden zaghaft und mühsam ausgebügelt. Im Juli trifft einander das schwarz-grüne Gespann Wilfing und Vassilakou in Poysdorf. Um die Wiener Verhandlungsposition zu stärken, soll städtischer Parkraum verteuert werden: Die Parkpickerlreform, um die Rathaus und Bezirke gerade feilschen, solle „Druck schaffen, damit niederösterreichische Pendler auf die Schiene umsteigen“, sagt Wiens grüner Verkehrssprecher Rüdiger Maresch. Auch in Niederösterreich selbst steigt der Druck. Im verkehrsbelasteten Süden um Vösendorf und Wiener Neudorf protestieren immer mehr Bewohner gegen die Belastung.

Wenn sich Bürger engagieren, wenn Wiens und Niederösterreichs Landespolitiker Willen zeigen und einflussreiche Medien wie die Krone Stimmung machen, dann könnte dem Land um Wien der Schritt in die Mobilität der Zukunft gelingen – und 50 Jahre in die Vergangenheit.

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Der Wolf als jüdischer Hausierer: ein ORF-Lapsus und seine Folgen

Aus dem FALTER, 25/2011


Joseph Gepp

Widersprüchlich fielen vergangene Woche die Reaktionen des ORF aus, nachdem der Falter über den Zeichentrickwolf berichtet hatte, der sich im Disney-Cartoon von 1933 als jüdischer Hausierer verkleidet.

In einer ersten Stellungnahme schloss Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz „etwaige antisemitische Konnotationen“ aus – weil der Wolf, wiewohl er wie ein antisemitisches Zerrbild aussieht, doch keinen jiddischen Akzent spreche. Etwas später entschuldigte sich Programmchef Wolfgang Lorenz. „Ich bedauere sehr, dass dieser Film mit der historisch belasteten Sequenz auf Sendung gehen konnte“, sagte er. Er werde „Sorge tragen, dass ein solcher Fehler, wie er im ORF eine absolute Ausnahme darstellt, sich nicht wiederholen kann“.

Archetyp der totalitären Gesellschaft? Die Schlümpfe

Unterdessen stellt sich aber auch eine Frage, die über den ORF hinausgeht: Welche Version des Comic-Klassikers „Drei kleine Schweinchen“ kann man als TV-Anstalt bei Disney beziehen? Neben jener mit dem jüdischen Hausierer existiert nämlich auch eine entschärfte Version, in der der Wolf keine Judenmaske trägt.

Bei der deutschen Niederlassung in München wollte man dazu dem Falter kein offizielles Statement geben. Nur informell teilte ein Mitarbeiter des Konzerns mit, dass derzeit geprüft werde, wie es zur Ausstrahlung der Sendung kam. Für die Zukunft sei jedenfalls sichergestellt, dass die belastete Version aus den 30er-Jahren nicht mehr gezeigt werde.

In Frankreich gibt es währenddessen eine Debatte um eine weitere berühmte Zeichentricksendung: Der Politikwissenschaftler Antoine Buéno will in Schlumpfhausen den „Archetyp einer totalitären Utopie, geprägt von Stalinismus und Nationalsozialismus“ entdeckt haben. Die Figur Gagamels steht unter Verdacht, von der antisemitischen Sowjetpropaganda inspiriert worden zu sein.

Schon 2007 hatte ein ähnlicher Fall Aufsehen erregt, als ein kongolesischer Student in Brüssel gegen Hergés – rassistisch angehauchten – Comicband „Tim im Kongo“ klagte.

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Wer hat Angst vorm bösen Juden?

Aus dem FALTER 24/11

Im ORF-Kinderprogramm laufen am Samstag US-Cartoons mit antisemitischen Klischees aus den 30er-Jahren. Warum?

Bericht: Joseph Gepp

Der böse Wolf verkleidet sich als jüdischer Hausierer, um zu den drei kleinen Schweinchen ins Haus zu gelangen. Er trägt eine lange Nase, einen dichten schwarzen Bart, einen zerlumpten braunen Kaftan samt Hut. Wären da nicht die charakteristisch großen Zeichentrickhände, man würde die zusammengeballten jüdischen Stereotypen glatt in der Nazi-Hetzschrift Der Stürmer vermuten.

Zeitlich läge man damit gar nicht so falsch: Der berühmte achtminütige Zeichentrickfilm „Three Little Pigs“ stammt aus dem Jahr 1933. Allerdings ist er US-amerikanischer Provenienz, aus dem Hause Walt Disney. 1934 erhielt er den Oscar. Während in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, lenkten in Amerika fröhliche Animationsfilmchen mit Judenklischees die Menschen von den Härten der Weltwirtschaftskrise ab.

Heute laufen solche Filme nicht etwa kommentiert und kontextualisiert im Bildungsfernsehen. Sondern im ORF-Kinderprogramm am Samstagvormittag. Konkret sendete Österreichs staatliches Fernsehen „Die drei kleinen Schweinchen“ am 4. Juni, 11.20 Uhr, im Rahmen der Reihe „Classic Cartoons“. Kurz davor lief „Miniversum“, etwas später folgte „Parker Lewis – Der Coole von der Schule“.

Was heute auf verstörende Weise judenfeindlich wirkt, war zur Zeit der Entstehung oft gar nicht antisemitisch gemeint, erklärt der Historiker Florian Schmidlechner, der sich im neuen Sammelband „Theorien des Comics“ im Transcript-Verlag mit dem Thema befasst. Jüdische Stereotype galten anno dazumal als ebenso witzig und harmlos wie heute etwa Franzosenscherze. In den 30er-Jahren strotzte der US-Trickfilm vor Judenklischees, obwohl viele der Zeichner selbst Juden waren. Erst am Ende des Jahrzehnts wurde die filmische Herabwürdigung von Religion unter Strafe gestellt, wodurch die Judenklischees verschwanden, erklärt Florian Schmidlechner.“Unser kulturelles Verständnis deutet diese Cartoons zwangsläufig als antisemitisch“, sagt er. Die Erfahrungen des Nationalsozialismus lassen einst als harmlos geltende Klischees heute wie erschreckende Vorboten von Hass und Genozid erscheinen.

Der Hausierer in der entschärften Fassung ohne jüdische Stereotype (Disney)

Der Hausierer in der alten Fassung mit jüdischen Stereotypen (Disney)

Entsprechend gibt es die DVD von „Three Little Pigs“ in der US-amerikanischen und deutschen Version nur noch mit einleitender Erklärung über den historischen Kontext. Und auch der Film selbst existiert in einer zweiten, entschärften Fassung: Disney gestaltete später eine Version, in der der Wolf keine jüdische Maske trägt. In einer dritten Fassung, die im Zweiten Weltkrieg entstand, trägt er sogar ein kleines Hitlerbärtchen.

Bleibt die Frage: Warum brachte der ORF den Cartoon nicht in einer entschärften Form – oder klärte in irgendeiner Weise über den Kontext auf? Dieser existiert für die Sendungsverantwortlichen gar nicht. „Etwaige antisemitische Konnotationen sind ausgeschlossen“, sagt Film- und Serienchefin Andrea Bogad-Radatz.

Grund: In der ORF-Fassung stamme das Bild zwar aus den 30ern – die Tonspur jedoch sei jüngeren Datums.

Bogad-Radatz bezieht sich mit dieser Erklärung darauf, dass es neben der ORF-Fassung des Trickfilms eine noch ältere Urfassung gibt. Darin sieht der Wolf nicht nur wie die Karikatur eines Juden aus; er spricht auch mit jiddischem Akzent.

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Unterwegs abseits der ausgetretenen Pfade: Was der Prater außer Riesenrad und Schweizerhaus zu bieten hat

Aus dem FALTER 24/11
Ressort: Extra

Joseph Gepp

Wer sehen will, wie sehr die Wiener dem Herdentrieb folgen, der braucht nur an einem sonnigen Wochenende die Prater-Hauptallee zu besuchen. An ihrem Beginn, unweit von Praterstern und Wurstelprater, stauen sich die Menschen, massenweise Spaziergänger, Jogger und Sonnenhungrige. Weiter hinten jedoch, bei Stadion, Lusthaus und darüber hinaus, wird die Menschendichte deutlich geringer. Schade für viele Wiener, dass sie versäumen, was auf dem 6-Quadratkilometer-Areal alles abseits der ausgetretenen Pfade liegt. Gut für jene, die sich die Mühe machen, den Stadtwald etwas genauer zu erkunden.

Ein Geheimtipp sind beispielsweise die letzten verbliebenen Pavillons der Wiener Weltausstellung von 1873 – prachtvolle Gründerzeitgebäude, die verlassen im Gestrüpp zwischen Trabrennbahn Krieau und Stadion stehen. Eine weitere Gründerzeitanlage findet man noch weiter stadtauswärts: die Galopprennbahn Freudenau. Am 10. September findet zwischen ihren Ställen und Tribünen das Day&Night Festival statt, unter anderen beehren dann Tiefschwarz oder Aphrodite die Rennbahn.

Ein gutes Stück stadteinwärts liegt ebenfalls ein architektonisches und musikalisches Schmankerl. Dass die Pratersauna vom 60er-Treff der Wiener Schickeria zum Club mutiert ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Ende Juni hält sie ihr eigenes Festival ab, mit dem eingängigen Namen: „Prater Unser – Das neue Festament“. Wer vor dem Tanz noch einen Happen essen will, dem sei die nahegelegene Estancia Santa Cruz an der Hauptallee empfohlen: Kommt auch die Stimmung etwas penetrant pseudo-lateinamerikanisch rüber, so sind die Spareribs doch hervorragend.

Weitere Tipps gefällig? Ein gutes Stück stadtauswärts vom Lusthaus – gleich neben dem Fischrestaurant Lindmayer – steht am Donauufer Wiens buddhistische Pagode von 1983 samt der goldenen, drei Meter großen Buddhastatue. Wer hier in den Wald geht, findet eine Aulandschaft mit alten Donauarmen, verfallenen Heiligendenkmälern auf Lichtungen und Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg, die heute Tümpel beherbergen.

Festivitätenmäßigen Retrocharme bietet außerdem das Volksstimmefest der KPÖ – am 3. und 4. September auf der Jesuitenwiese.

Wiener Prater

Jesuitenwiese
2., Rustenschacherallee
und Rotundenallee,
1020 Wien

Pratersauna
2., Waldsteingartenstraße 135
Estancia Santa Cruz
2., Prater-Hauptallee 8

Galopprennbahn Freudenau
2., Freudenau 65

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