Bin Ladens Tötung: eine Frage für Weicheier und Gutmenschen

Aus dem FALTER, 19/2011

Debattenkultur
Kommentar Joseph Gepp

Ach, wie primitiv sind doch Amerikaner, denkt sich dieser Tage wieder manch Selbstzufriedener in Österreich, wenn er die Freudenfeste in US-Städten anlässlich des Todes von Osama bin Laden sieht. Er sollte aber auch vor der eigenen Tür kehren.

Mit welch feiner Klinge Debatten in Österreich ausgefochten werden, zeigt sich gerade besonders an der Tötung des Terroristenchefs. Speziell der Frage: War es legitim, bin Laden gleich zu töten, statt ihn festzunehmen und vor Gericht zu stellen?

Es gibt Argumente dafür und dagegen. Man kann anführen, dass das humanitäre Völkerrecht eine Tötung nur zum Zweck der Notwehr erlaubt und dass der Westen überdies – gerade im Angesicht seines finstersten Feindes – seinen rechtsstaatlichen Idealen folgen sollte. Man kann bin Laden aber auch als feindlichen Kombattanten nach dem Kriegsrecht definieren, was eine Tötung in Notwehr rechtfertigt. Letzteres ist vor allem die Position konservativer Kommentatoren. In Europa wohlgemerkt, nicht in Österreich.

In Österreich wird die Diskussion eine Spur erdiger geführt. Kronen Zeitung-Briefschreiber Michael Jeannée etwa nennt Standard-Kolumnisten Hans Rauscher einen „Gutmensch-Redakteur“, weil der die Frage nach legitim oder illegitim überhaupt zu stellen wagt. Und Christian Ortner packt in der Presse sogar die Nazi-Keule aus: Er vergleicht bin Ladens Tötung mit Stauffenbergs missglücktem Attentat auf Hitler 1944. Das sei ja auch „nicht legal“ gewesen.

Fazit: Soll sich der Rest der Welt doch mit langweiligen Rechtsfragen herumschlagen. Hierzulande machen so etwas nur Weicheier und Gutmenschen. Wenn nicht sogar Verharmloser des Nationalsozialismus.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Medien, Weltpolitik, Worte

Eine Antwort zu “Bin Ladens Tötung: eine Frage für Weicheier und Gutmenschen

  1. Diskutieren, ein Paradox. Beliebt wie nie im Zeitalter des Web 2.0 und der Blogs, aber es passt ja so gar nicht in die Wettbewerbskultur, denn in einer gepflegten Diskussion gewinnt man weder Marktanteile noch die Goldmedaille.

    Jeannée und Ortner setzen folgerichtig in der Debatte auf ihren Platz am hohen Ross und den Borg-Stil: „Sie werden assimiliert werden. Widerspruch ist zwecklos!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s