„Vor Jahren den Höhepunkt überschritten“

Aus dem FALTER, 18/2011

Foto von Hans Hochstöger

Andre Gingrich, Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien, ist der vielleicht bekannteste Ethnologe Österreichs. Er forscht in entlegenen Regionen wie Südarabien und Tibet. Gingrich befasst sich mit verschiedenen Konzepten von Identität, lokalen Reaktionen auf äußeren Druck und den Erscheinungen der Globalisierung. 2000 wurde er mit dem Wittgensteinpreis, dem höchsten Preis für Wissenschaftler in Österreich, ausgezeichnet.

Falter: Herr Gingrich, wie hat Osama bin Laden die Welt verändert?

Andre Gingrich: Er war Sprachrohr und zugleich auch Inspirator einer Fraktion innerhalb des militant-politischen Islam, die sich radikalisiert hat. Er erzielte dabei propagandistische und teils auch militärische Erfolge. Dabei hat er schon vor Jahren den Höhepunkt des Wirkens erreicht und überschritten.

Wann war dieser Höhepunkt?

Die Blütezeit des militanten Islamismus ist vorbei, meint Ethnologe Andre Gingrich

Gingrich: 2002, als gegen die Erwartungen von Al-Kaida und Taliban sehr große Kreise der afghanischen Bevölkerung die Afghanistan-Operation der Nato unterstützt haben. Zwar gab es auch Gegenwehr. Aber trotzdem begann hier der Abstieg der Al-Kaida. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte fand die Vertreibung in ein Exil statt. Davor hatte die Organisation immer eine sichere Heimstätte in irgendeinem Land gehabt.

Heißt das, dass Osama bin Laden an Bedeutung für islamische Fundamentalisten verloren hat? Oder blieb er ein Vorbild für Radikale?

Gingrich: Seine Rolle als Ikone innerhalb der Jugend- und Massenkultur in Teilen der muslimischen Welt war größer als sein realer Einfluss. Man findet Porträts von bin Laden auf T-Shirts von Pakistan bis Westafrika. Sein Image dient vielen männlichen Jugendlichen auf Postern als Mittel der Provokation – auf eine fast popkulturelle Art. Demgegenüber steht aber ein Bedeutungsverlust der Al-Kaida in organisatorischer, militärischer und propagandistischer Hinsicht.

Wie geht es jetzt mit Al-Kaida weiter?

Gingrich: Im arabischen Raum reagierte die Organisation vor etwa fünf Jahren mit einer verstärkten Innenorientierung auf ihre Schwäche. Regionalgruppen, die vor Ort gut vernetzt sind, sollten verstärkt werden und eine Verankerung in der Bevölkerung haben – zum Beispiel bei der Al-Kaida der arabischen Halbinsel, Irak oder im Maghreb. Aber die Strategie ist gescheitert, weil sie statt zu einer Verankerung zu nur noch mehr Zersplitterung geführt hat. Dies machte es für die Gegner der Al-Kaida leicht, die Organisation zu überwachen und zu bekämpfen.

Also hat der „war on terror“ tatsächlich den Terrorismus besiegt? Durch Einfluss von außen, durch Überwachung und den Entzug von Operationsbasen?

Gingrich: Im engeren Sinn schon. Man darf nicht unterschätzen, dass die Kriegsmittel namhafter Westmächte und ihrer islamischen Verbündeten gegen eine kleine Zahl aktiver Militanter eingesetzt wurden. Es hat lange gedauert, bis das wirksam wurde – aber es wurde wirksam. Das zeigt ja auch die Liquidierung von Osama bin Laden. Abgesehen davon hat sich aber auch die normale Bevölkerung arabischer Städte ganz anders entwickelt, als Al-Kaida das im Sinn hatte.

Wie hat sie sich entwickelt?

Gingrich: In Ägypten zum Beispiel schwenkten die städtischen Jugendlichen der Mittel- und Unterschichten am Tahrir-Platz keine grünen Fahnen und trugen keine Koran-Zitate als Banner der Mobilisierung vor sich her. Das Spektrum der Demonstrierenden war sehr heterogen und reichte von gemäßigten Linksliberalen bis zu gemäßigt-konservativen Moslems. Aber für militante Extremisten war kein Platz.

Könnte Bin Ladens Tod, den man ja auch als Märtyrertod interpretieren kann, dem Aufstand ein neues fundamentalistisches Gesicht verleihen?

Gingrich: Es gibt sicher Kräfte, die sich das überlegen. Natürlich will eine militante Gruppe im Niedergang, die auch noch die Tötung ihres Anführers erleidet, nochmals aggressiv werden, bevor sie weiter zerfällt.

War die Al-Kaida überhaupt jemals so zentralistisch auf bin Laden zugeschnitten, wie es den Anschein hatte? Oder musste der Westen dem Bösen nur ein prägnantes Gesicht geben?

Gingrich: Das Gesicht des faszinierenden Bösen, wie es vermittelt wurde, war sicher überspitzt. Aber die Zentralisierung war nach allem, was wir von Forschung und Geheimdiensten wissen, doch weit fortgeschritten. Es war eine klassische zellenartige Struktur von illegalen militanten Organisationen, bei denen immer nur die nächsthöhere Ebene bekannt ist und die Direktiven von einem kleinen Führungskreis ausgehen.

Warum wurde Osama bin Laden eigentlich umgebracht und nicht verhaftet und vor Gericht gestellt?

Gingrich: Das kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich wollten die pakistanischen und US-amerikanischen Kräfte Bin Laden nicht die Möglichkeit einer neuen Propagandabühne bieten, sondern die offene Entscheidung suchen. Und aus manchen Schriften von Al-Kaida glaube ich zu entnehmen, dass paradoxerweise dieser sogenannte Märtyrertod auch eher im Sinn von Osama bin Laden selbst war.

Interview: Joseph Gepp

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Religion, Weltpolitik

Eine Antwort zu “„Vor Jahren den Höhepunkt überschritten“

  1. ben

    danke fürs posten!

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