Küssel 2.0

Aus dem FALTER, 16/2011

Kapitalismuskritisch, verschwörerisch, vernetzt: Die Ermittlungen gegen Gottfried Küssel zeigen, dass die Neonazi-Szene von einst eine neue Sprache gefunden hat

Bericht:
Joseph Gepp

Foto:
Heribert Corn

Das Leopoldstädter Czerninviertel war einmal das Herz des jüdischen Wien. In der Tempelgasse markieren vier Stelen den Ort, an dem bis 1938 die größte städtische Synagoge stand. Daneben liegen bis heute Bethäuser, eine koschere Bäckerei und ein Geschäft für Heilschlamm aus dem Toten Meer.

Das Haus in der Unteren Donaustraße (Foto: Heribert Corn)

Zwei Ecken weiter, in der Unteren Donaustraße, steht ein Gründerzeithaus wie viele. Prachtfassade, kopfsteingepflasterter Hof. Ein Aushang fordert zur Mülltrennung auf. Viele Namen auf der Klingelleiste sind türkischer und exjugoslawischer Provenienz. Nur einer fällt auf. In Frakturschrift steht da: „Akad. FV Reich.“

Montag, 11. April, 20 Uhr. Dutzende Cobra-Beamte stürmen sechs Wohnungen im angeblichen Epizentrum des Rechtsextremismus. Darunter auch die Klubräume des Vereins Akademische Ferialverbindung Reich, dessen Schriftführer Gottfried Küssel ist, ein seit Jahrzehnten amtsbekannter Neonazi. Gemeinsam mit einem Gefolgsmann wird er verhaftet. Stundenlang schleppen Polizisten Festplatten und Waffen aus dem Gebäude in der Unteren Donaustraße. Seit zehn Jahren besitzt Küssel, 52, hier drei Wohnungen. Bis vor einigen Jahren betrieb er dazu im Erdgeschoß den „Nationalen Bioladen Naturnah“. Daneben bewohnen andere Rechtsextreme das Haus.

Gottfried Küsel (Picturedesk)

Gemeinsam mit Küssel hatten sie Mitte der 80er Jahre die Neonazigruppe Vapo gebildet, die Volkstreue Außerparlamentarische Opposition, die eine neue Nazi-Herrschaft herbeisehnte. Gemeinsam betrieben sie bis vor einem Monat mutmaßlich die Webseite alpendonau.info. Der Fall beunruhigt Experten und Verfassungsschützer. Er zeigt, dass stramm militante Kellernazis von einst eine völlig neue Sprache gefunden haben.

Pamphlete wider das „Judengeschmeiß“ und die „Gaskammerlüge“ fanden sich auf der seit 2009 von einem US-Server betriebenen Seite, die im März plötzlich vom Netz ging. Politiker von Gemeinderäten bis zu Heinz Fischer wurden ebenso bedroht wie Polizisten und Journalisten, oft mittels Veröffentlichung von Privatadressen. Immer wieder ließen Hinweise auch auf Kontakte zur FPÖ schließen – etwa 2009, als eine Faxkopie auf alpendonau.info die Kennung der Familie Gudenus aufwies. Oder kürzlich, als sich ein codiertes Mail auf FPÖ-Nationalrat Werner Königshofer zurückführen ließ, was dieser dementiert.

Um Gottfried Küssel selbst war es zwischen Vapo und Alpendonau still geworden. 1994 zerschlugen die Behörden die Vapo und verurteilten Küssel zu zehn Jahren Haft. Es war die Zeit, in der Briefbomben Österreich verunsicherten und die Freude über den Mauerfall in Zukunftsangst umgeschlagen war. Haiders FPÖ feierte Erfolge. 1999 wurde Küssel, der sich in Interviews selbst als Nationalsozialist bezeichnet, vorzeitig entlassen.

Die Website alpendonau.info (Foto: erstklassigerechte.at)

Seither soll um den alten Vapo-Chef eine Kommandostruktur von etwa 15 Personen entstanden sein. Ihr Sprachrohr war angeblich alpendonau.info. Ihre Ideologie hat nach Küssels Enthaftung erneut Anschluss gefunden an einen Rechtsextremismus, dessen Ausdrucks- und Organisationsweisen sich seit den 90ern verändert haben.

Willi Lasek vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes fasst diesen Wandel als „Dezentralisierung“ zusammen. Kleinere Einheiten organisieren sich, so Lasek, heute meist im Internet. Die Folge sind viele Subkulturen, die sich unter dem Dach des Rechtsextremismus herausgebildet haben. Sie tragen Namen wie „freie Autonome“ oder „Nationalrevolutionäre“. Die Anmutung früherer Neonazis haben diese Gruppen stark modernisiert. Oft wirkt die Gestaltung ihrer Webseiten auf das ungeschulte Auge fast punkig. Und auch betreffend Inhalt und Terminologie nimmt die Rechtsextreme Anleihen bei ihrem weltanschaulichen Gegenüber: den Linksradikalen.

Auf der deutschen Internetseite fahnentraeger.com zum Beispiel, einer der wichtigeren der Szene, finden sich Inhalte, die ideologisch scheinbar gar nicht zusammenpassen. Einerseits spielen die Macher mit dem Hitlergruß-Code 88. Andererseits fordern sie in Aufsätzen Klassenkampf und „Arbeiterräte“. Ein Artikel befasst sich mit „Rudi Dutschkes Haltung in der nationalen Frage“. Auf einer anderen Seite, deutschmaschine.info, finden sich nebeneinander eine Solidaritätsadresse für Gottfried Küssel, ein Spendenaufruf für Japan, ein Buchtipp zur geheimen Weltverschwörung der Bilderberger und ein Video, in dem FPÖ-Chef Strache wegen afrikanischer Flüchtlinge eine Aussetzung von Schengen fordert.

Versatzstücke und Schlagwörter vieler Ideologien
mischen sich laut DÖW auf solchen Seiten. Manche von ihnen berufen sich auf einen linken Flügel der NSDAP, der auf den Nationalsozialisten Otto Strasser zurückgeht. Strasser strich den antikapitalistischen Aspekt am „nationalen Sozialismus“ hervor und floh vor Hitler ins Exil – obwohl seine Ideologie Historikern nicht weniger rassistisch und antisemitisch war als die der Hitleranhänger.

Und welche Rolle spielte alpendonau.info in diesem Gefüge? Laut Willi Lasek vom DÖW fungierte sie als Anlauf- und Kontaktstelle für sämtliche rechtsextremen Gruppen. Mit etwa 1000 Besuchen pro Tag liegt die Seite an der Spitze unter Naziseiten, ergänzt der Verfassungsschützer Uwe Sailer – solche Zugriffszahlen erreichen in etwa beliebte Weblogs. „Alpendonau war die Klammer für deutschsprachige Rechtsextreme – wohl auch, weil sich die Macher so sicher fühlten, dass sie sich nicht um das Strafrecht kümmerten.“

Wie alpendonau.info fungierte auch ihr mutmaßlicher Macher Gottfried Küssel als verbindendes Element. Fans nennen ihn gern den „alten Kämpfer“. Küssel gilt modernen Rechtsextremen als jemand, dem man ob seiner Vergangenheit und seiner Gefängnisstrafen Respekt zollt. Er tourte zu Vorträgen im In- und Ausland und traf sich mit Rechtsextremen aller Untergruppierungen.

Dementsprechend formiert sich jetzt der Protest gegen seine Verhaftung. Im Online-Netzwerk Facebook etwa planen österreichische, deutsche, tschechische, slowakische und ungarische Rechtsextreme für den 1. Mai eine Protestkundgebung. Wenn auch vorerst nur im Onlinechat.

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