Krkrkr, zehntausendfach

Aus dem FALTER 16/11

Wien, ganz dynamisch: Der Vienna City Marathon war wieder ein Volksfest

Reportage: Matthias Dusini, Joseph Gepp, Christopher Wurmdobler

Sonntag, kurz vor neun Uhr. Beim Start drängen sich noch Zehntausende Wade an Wade vor der Uno-City auf der Wagramer Straße. Es wird ein letztes Mal gedehnt und getrunken. Mitgebrachte Jacken und Pullis gegen die Morgenkälte lassen viele vor dem Start einfach am Straßenrand liegen – mit dieser zurückgelassenen Kleidung könnte man wohl eine ganze Kleinstadt ausstatten. Da kommt die Sonne, sehr gut.

Gleich nach dem Startschuss zum 28. Vienna City Marathon setzt sich die Masse noch recht zäh in Bewegung. Nach einigen Minuten hat sich das Gedränge der Läuferinnen und Läufer so weit gelichtet, dass man tatsächlich vorankommt; der große Marathon-Haufen löst sich schnell in Einzelkämpfer auf.

Auf der Reichsbrücke Richtung Stadt zischen die Schnellen an denen vorbei, die diese sportliche Herausforderung lieber langsam angehen. Manchmal machen sie dabei regelrechte Stunts, wenn sie auf der immer noch vollgedrängten Straße im letzten Moment einer Leitplanke oder einem Werbepfosten ausweichen. Den rücksichtsvollen Hasen gelingen diese Kunststücke, ohne dass sie die Igel zur Seite schubsen. Die Rücksichtslosen legen es geradezu darauf an.

Um halb elf hat sich am Ring bereits kollektive Gutlaune breitgemacht. Familien feuern ihre laufenden Töchter, Söhne und Eltern an, orange leuchten die T-Shirts der Bauernjugend. Und überall Gratiszeug von Banken und Lebensmittelketten: Emotionen mit Rhabarber und Minze, Erdbeeren für kluge Naschkatzen. Vor der Universität warten Staffelläufer auf die Übergabe. „Fredl“, ruft einer der Ankommenden. „Fredl“, ruft bald die ganze Menschenmenge im Chor, „Fredl!“ Aber Fredl lässt seinen Laufkollegen im Stich. Wie gemein.

Die Reihen haben sich gelichtet. Eine Gruppe von Holländern schießt im Laufen Erinnerungsfotos. Am Straßenrand applaudieren Anrainer. Immer wieder stehen auf Heurigenbänken Wasserbecher und isotonische Getränke bereit. Auf diese stürzen sich die Schlechttrainierten. Die Folge des hektisch-animalischen Trinkens sind kleine Sturzbäche, durch die man minutenlang tappt. Tausende Füße trampeln über Plastikbecher, das ist der Marathonsound jetzt: krkrkr, krkrkr.

Eine Schnapsidee: Auch Bananen werden gereicht, deren Schalen dann ebenfalls auf der Straße landen. „I’m on the highway to hell“: An der Weißgerberlände hat Radio Wien Boxen aufgebaut, die AC/DC-Nummer ist als Tempomacher wenig geeignet. Eine Gruppe Christen singt tapfer gegen die Beschallung an. Die Stadt hat den lästigen Autoverkehr ausgesperrt und verwandelt sich in eine Bühne für das Volksfest des Jahres.

Am Heldenplatz, Ziel von Österreichs größter Sportveranstaltung, überträgt sich die Euphorie der ankommenden Läufer aufs Publikum. Lady Gaga dröhnt aus den Lautsprecherboxen vorm Heldentor, dort, wo alle durchmüssen – außer sie sind Teil einer Staffel. Gute Stimmung also und laute Musik. Dazwischen ein ebenfalls lauter Moderator, dessen Stimme aktuelle Zwischenergebnisse oder die Ankunft des Siegers verkündet.

Der Sprecher begrüßt den Wiener Landtagspräsidenten als „Landschaftspräsidenten“, aber so etwas kann in der allgemeinen Aufregung ja passieren – bei den komplizierten Namen der kenianischen Läufer. Die kommen jetzt ins Ziel, Applaus für John Kiprotich, 22, mit 2:08:29! Halbmarathon-Erster und Laufstar aus Äthiopien Haile Gebrselassie hält das Siegerband. Den Leuten gefällt’s, sie Jubeln den Laufenden zu, egal wem.

Jeder hat gewonnen, irgendwie. Immer mehr Halb- und Vollmarathonsieger rennen auf dem Roten Teppich durchs Ziel am Heldenplatz. Das Motiv aus „Star Wars“ ist die Musik der Stunde und untermalt jeden kleinen Sieg. Am Ende werden es 32.542 Menschen gewesen sein, die diesen sonnigen Wiener Frühlingssonntag im Laufdress verbracht und nun Blasen an den Füßen haben. Freunde und Verwandte empfangen ihre Helden beim Ballhausplatz.

Während die ersten Guttrainierten ihre Medaillen und Sponsorengeschenke im Billa-Sackerl entgegennehmen und so wirken, als kämen sie gerade vom Einkaufen, kommen immer mehr sehr Erschöpfte, die ihre 42 Kilometer hinter sich gebracht haben. Aber sie sind glücklich, etwas geschafft zu haben. Großes Hallo, wenn man Angehörige trifft. Spitze Schreie, wenn Schutzpflaster von Brustwarzen entfernt werden. Dann Picknick und Bier im Volksgarten, Stelze im Schweizerhaus. Ein Volksfest. Ein schöner Tag.

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien

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