„Ich bekomme jede Woche drei, vier Morddrohungen“

Aus dem FALTER, 14/2011

Marco Schicker, Chef der ungarisch-deutschen Zeitung Pester Lloyd, über Ungarns neue Verfassung, mediale Exilgänge und letzte Reste einer großen Zeitungstradition

Gespräch: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Ein Berliner in Wien macht eine Budapester Zeitung: Marco Schicker, 39, ist seit zwei Jahren Chefredakteur der ungarischen deutschsprachigen Onlinezeitung Pester Lloyd. Er übernahm den Job von seinem Vater Gotthard. Dieser, einst ein Ostberliner DDR-Kulturpolitiker, kaufte nach der Wende 1994 um 400 US-Dollar den klingenden Namen Pester Lloyd. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Zeitung eine der führenden in Mitteleuropa gewesen. Von den Nazis missbraucht von den Kommunisten verboten, gründete Gotthard Schicker das Blatt schließlich als einen Ort profunder und parteifreier Osteuropa-Berichte neu. Sohn Marco, der heute zwischen Wien-Donaustadt und Budapest pendelt, stellte 2009 auf online um. Seitdem habe sich die Zahl der Leser auf etwa 120.000 pro Monat versechsfacht, sagt er – wohl auch, weil ständige Hiobsbotschaften aus dem einstigen Vorzeigeland Ost das Orientierungsbedürfnis steigen lassen.

Marco Schicker, Chefredakteur des "Pester Lloyd"

Falter: Herr Schicker, Ungarn wirkt mitunter, als würde es in die 30er zurückfallen. Da gibt es militante Garden, Mediengängelung und eine Regierung mit autoritären Zügen. Was ist bei unserem Nachbarn los?

Marco Schicker: Ich muss das relativieren. Ungarn und ganz Osteuropa mussten in 20 Jahren durchmachen, wofür der Westen 50 hatte. Es gab Wiederaufbau, Massenwohlstand, EU-Integration, Globalisierung. Und nebenbei mussten sich die Länder als Nationen selbst finden. Wenn dann nicht alles läuft, wie wir uns das im Westen wünschen – keine Überraschung.

Aber in den vergangenen Jahren gab es eindeutig eine Radikalisierung in Ungarn.

Schicker: Ja, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise und verursacht durch jahrelange Fehlentwicklungen. Die bis 2010 regierenden Sozialisten bildeten ein Biotop von Machtmissbrauch und Korruption. Sie haben, man muss es so hart sagen, sich einen Dreck ums Volk gekümmert. Die Sozialisten brachten zusammen, was per definitionem nicht zusammengeht: extremen Neoliberalismus bei zugleich extremer Protektion eigener Interessen.

Was war die Folge?

Schicker: Die Zweidrittelmehrheit für Viktor Orbáns rechtspopulistische Fidesz-Partei im April 2010. Orbán führt seither eine Revolution von oben durch. Er nennt seinen Wahlsieg ja auch „Revolution“. Wie einst im Kommunismus soll das Volk zu seinem Glück gezwungen werden. Und was auf dem Weg dorthin stört, wird beseitigt.

Wie sieht diese sogenannte Revolution aus?

Schicker: Orbán propagiert eine Rückbesinnung auf einen angeblich autonomen ungarischen Mittelstand. Das Eigene, die Scholle und der Handwerker werden betont. Die Propaganda erinnert ein wenig an den österreichischen Ständestaat. Damit verbunden will sich Ungarn von den internationalen Finanzmärkten abkoppeln, etwa indem es das Rentensystem zwangsverstaatlicht und das Verfassungsgericht in Budgetfragen entmachtet. Diese Abkopplung könnte auch eine Forderung der Aktivisten von Attac sein, allerdings findet sie in Ungarn unter nationalistischen Vorzeichen statt. Begleitet wird all das von einer Aushebelung demokratischer Kontrollinstrumente und Gegengewichte. Orbán sagte: „Nicht das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen muss sich ändern, sondern die alten Regelungen.“ Das Gerechtigkeitsgefühl verkörpert seit dem Wahlsieg angeblich Fidesz. Das ist autoritär.

Warum nehmen die Ungarn das hin?

Schicker: Es freut sie, dass die Verfehlungen der Sozialisten gerächt werden. Die Frage ist nur: wie? Orbán hat einen Sonderkommissar für Regierungskriminalität bestellt. Dieser soll Vorwürfe gegen sozialistische Politiker publik machen. Nach dieser Vorverurteilung geht die Sache an die Staatsanwaltschaft – klassische Siegerjustiz.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die neue ungarische Verfassung?

Schicker: Sie soll die Macht der Fidesz absichern, etwa indem Steuersätze in der Verfassung verankert werden – jede spätere Regierung ohne Verfassungsmehrheit wird es demnach schwer haben. Gleichzeitig bekräftigt die Verfassung die Staatsideologie und die frömmelnde Atmosphäre, die derzeit vorherrschen. Das wirkt wie ein Freibrief für Kräfte rechts von Fidesz, vor allem die Jobbik. Die hetzt unentwegt gegen die „Menschen nichtungarischen Herzens“, vor allem Juden und Roma. Durch den großen Wahlsieg der Fidesz meinte man zuerst, die Jobbik gebändigt zu haben. Tatsächlich ist vor einer Woche im nordungarischen Hejöszalonta wieder die Ungarische Garde aufmarschiert. Die Rechtsextremisten sind obenauf, wenig überraschend.

Wie bewerten Sie das neue Mediengesetz?

Schicker: Mit diesem Gesetz könnte man ebenso die freieste Presse der Welt schaffen oder sie extrem unterdrücken. Das Problem ist, dass beides geht. Es wird in naher Zukunft stark auf die Auslegung ankommen. Die Formulierungen allein finden sich auch in anderen Mediengesetzen Europas. Aber in Ungarn gibt es bewusst kalkulierte Schwammigkeiten, die zumindest eine Selbstzensur zur Folge haben. Zum Beispiel sieht das Gesetz Berichte über regionale, nationale und europäische Themen vor – nicht aber über globale. Streng genommen ist das also ungesetzlich. Strafen verhängt ein Medienrat, der ausschließlich mit Fidesz-Leuten besetzt ist. In diesem Fall muss das Medium erst das Bußgeld zahlen, danach kann es vor ein reguläres Gericht ziehen. Wenn es nicht schon pleite ist.

Ist der Pester Lloyd auch davon betroffen?

Schicker: Nicht so sehr, wir können uns als Internetzeitung dem Staat leicht entziehen. Nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und bei der staatlichen Nachrichtenagentur sehe ich bislang Selbstzensur und personelle Ausdünnung unter guten Journalisten. Der Pester Lloyd hingegen übersiedelt im Ernstfall mit seinem Server ins Ausland. Wobei es natürlich schlimm genug ist, den Exilgang zu erwägen – es wäre für den Pester Lloyd das dritte Mal nach der ungarischen Räterepublik 1919 und der Nazizeit. Eine andere Sache sind die vielen Hassmails, die wir bekommen. Sie haben nichts mit dem Mediengesetz zu tun, sondern mit der gesellschaftlichen Radikalisierung insgesamt. Das hat vor zwei oder drei Jahren begonnen. Mittlerweile bekomme ich jede Woche drei, vier Morddrohungen – à la: „Die nächste Laterne ist für dich reserviert, Judenschwein.“

Judenschwein?

Schicker: Der Pester Lloyd wurde 1853 von bürgerlich-liberalen Juden gegründet, Rechtsradikale feinden ihn bis heute als Judenblatt an. Als Deutschland und Österreich schon nationalsozialistisch waren, schrieben im Pester Lloyd noch etwa Thomas Mann, Felix Salten und Stefan Zweig. Außerdem bietet es Angriffsfläche, dass wir Entwicklungen in Ungarn kritisieren und gleichzeitig nicht von Ungarn gemacht werden.

Osteuropa hatte einst eine blühende deutschsprachige Zeitungslandschaft. Was ist heute davon übrig?

Schicker: Nicht viel. In Prag gibt es noch die Prager Zeitung, in Russland die Sankt Petersburger Nachrichten und die Moskauer Deutsche Zeitung. Dazu kommen einige Volksgruppenblätter der deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen, aber die zähle ich nicht dazu. Zeitungen wie Prager Zeitung oder Pester Lloyd waren einst Weltblätter.

Wie gehen Sie mit diesem Erbe um?

Schicker: Wir wollen Interesse und Verständnis für Osteuropa schaffen. Die Empörung über das ungarische Mediengesetz beispielsweise ist pure Heuchelei, wenn damit keine tiefere Auseinandersetzung mit dem Land einhergeht. Man muss sich bewusst sein, dass sich die Ereignisse in Ungarn morgen etwa in Rumänien wiederholen können. Viele Entwicklungen im Osten laufen parallel. Und was die Tradition des Pester Lloyd betrifft: Die jüdischen Funktionäre, die früher das Blatt machten, waren gleichzeitig glühende ungarische Patrioten. Ihr Patriotismus konnte aber nur ein liberaler und europäischer sein, weil sie als Juden und Deutschsprachige unweigerlich über den Tellerrand Ungarns hinausblickten. Diese Leute würden heute genauso gegen Viktor Orbán polemisieren, wie wir es tun.

Zur Person
Marco Schicker, 39, aus Ostberlin, kam 1996 nach Budapest und begann beim Pester Lloyd zu arbeiten. Er lernte Ungarisch und blieb sechs Jahre in Ungarn, wo sein Vater Gotthart B. Schicker 1994 mit Freunden die Zeitung neugegründet hatte. Danach übersiedelte Schicker nach Wien. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur schreibt der Journalist auch für andere Zeitungen. Als einstiger DDR-Bürger bedeute Ungarn für ihn „mal frei atmen.“ Hier „verbanden sich immer Liebe und folkloristische Neugier“

Was bedeutet Pester Lloyd?
Pest ist der am Ostufer der Donau gelegene Teil von Budapest und war bis 1873 eine eigene Stadt
Im Lloyd’s Coffee House, das im 17. Jhdt. begründet wurde, schlossen Versicherer und Reeder Schifffahrtsversicherungen ab. Später übernahm eine Londoner Gesellschaft den Namen, der bald in ganz Europa Schifffahrtsversicherungen bezeichnete – im ungarischen Fall für die Donauschifffahrt, an deren Piers im frühen 19. Jahrhundert traditionell Neuigkeiten angeschlagen wurden

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Medien, Ungarn

Eine Antwort zu “„Ich bekomme jede Woche drei, vier Morddrohungen“

  1. Eine Antiglobalisierungsbewegung und Entkopplung vom Finanzsystem können nur dann ehrenwerte Ziele sein, wenn sie nicht Menschen ausschließen und Ungarn rückt immer mehr nach rechts, in eine Ecke in die kein Sonnenlicht fällt.

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