Kriegsheld oder Kriminalfall? „Onkel Jovos“ Haft in Korneuburg

Joseph Gepp

So viel internationale Polit-Prominenz hat das Landesgericht am Korneuburger Hauptplatz noch nicht erlebt: Die komplette Regierungsspitze von Bosnien-Herzegowina war gekommen, um einen prominenten Häftling zu besuchen. In Sarajevo und Wien demonstrierten gleichzeitig hunderte muslimische Bosniaken für seine Freilassung. Ex-General Jovan Divjak, 73, von seinen Fans „Onkel Jovo“ genannt, war am 3. März in Schwechat gelandet – und wegen eines internationalen Haftbefehls prompt festgenommen worden.

Was ist geschehen?

Jovan Divjak (Wikipedia)

Serbien wirft Divjak Kriegsverbrechen vor. Selbst ethnischer Serbe in bosniakischen Diensten, soll der General 1992 das Feuer auf abziehende jugoslawische Soldaten befohlen haben, als diese die neue bosnische Hauptstadt Sarajevo verließen. Dagegen spricht allerdings nicht nur ein Video, in dem Divjak „Nicht schießen!“ schreit. Auch Den Haag hat die Ermittlungen eingestellt. Die britische Justiz sprach in einem ähnlichen Fall 2010 von „politisch motivierten“ Ermittlungen Serbiens.

Ein Formalfehler bei Interpol führte dazu, dass die Haftorder gegen Divjak trotzdem aufrecht blieb. In einem Brief erklärte die Behörde derartige Befehle für ungültig – und vergaß zu erwähnen, dass dies auch gilt, wenn der Haftbefehl nur einige Staaten umfasst und nicht die ganze Welt. Eben das war bei Divjak der Fall.

Nun jedenfalls scheint die Affäre nach einigen hektischen Telefonaten zwischen Wien und Sarajevo ausgeräumt. Divjak wurde auf freien Fuß gesetzt, nachdem der Kanton Sarajevo eine Kaution gestellt hatte. Eine Auslieferung an Serbien nennt ÖVP-Außenminister Michael Spindelegger nun „undenkbar“. Wie es derzeit aussieht, ist es möglich, dass Jovan Divjak nach einiger Zeit als freier Mann nach Bosnien zurückreisen darf. Dort feiern ihn Muslime als Helden der Verteidigung ihrer Hauptstadt während der serbischen Belagerung 1992 bis 1996. Die Gesellschaft für bedrohte Völker zeichnete Divjak deshalb 2008 mit dem Victor-Gollancz-Preis aus.

Aus dem Falter 11/2011

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s