Ein Liquidator aus Wien blickt nach Fukushima

Aus dem Falter 11/2011

Einst dirigierte Iouli Andreev als Oberst den Hilfseinsatz in Tschernobyl. Japans Informationspolitik traut er nicht

Bericht: Joseph Gepp

Foto: Hans Hochstöger

Iouli Andreev, 73, steht jetzt am Ufer der Alten Donau und klettert auf sein Segelboot: „Heute bin ich kein Oberst der Roten Armee mehr“, sagt er, „sondern mein eigener Kapitän.“

25 Jahre ist es her, dass Andreev der Sowjetarmee diente – in Tschernobyl. Sein letzter Einsatz kommt ihm dieser Tage wieder in den Sinn.

Der stämmige Mann stand der nuklearen Notfalltruppe vor. Im April 1986 war er einer der ersten Soldaten vor Ort. Vom nahen Prypjat aus befehligte er fünf Jahre die Katastrophenbewältigung. Heute liegt die Kleinstadt überwuchert in einer verbotenen Zone, ein zugewachsener Rummelplatz erinnert an das Stadtleben von einst.

Nach der Wende übersiedelte Andreev nach Wien, um an Universitäten zu unterrichten. Wie erlebt er die Katastrophe in Japan? „Ein Aspekt erinnert mich an Tschernobyl: die Informationspolitik.“ In der Absicht, Panik zu vermeiden, verbreite die Regierung Desinformation. Dass der Reaktor früher außer Kontrolle geraten ist, als die Behörden zugeben, darauf weisen für den Experten etliche Details hin.

Etwa der Versuch, schmelzende Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen. „Das sei „reine Improvisation, panische Schadensbegrenzung“. Salzwasser greife Metall stärker an als das hochgradig saubere Wasser, mit dem man sonst kühlt. „Niemand weiß, wie sich das auswirkt.“

Dreieinhalb Meter breit und 18 Meter hoch seien die Reaktoren in Fukushima, erklärt Andreev. Drinnen sind Brennstäbe, bleistiftdicke Röhren. Diese wiederum enthalten das spaltbare Material in Form von Pellets – Tabletten, klein wie Aspirin, keramikfarben, Uran oder Plutonium.

Ein Oberst der Roten Armee in Kaisermühlen: Atomexperte Iouli Andreev über Tschernobyl und Fukushima

Was wird in Fukushima passieren? „Es könnte gelingen, die Reaktoren zu kühlen – mit wenig entweichender Radioaktivität.“ Oder? „Die Masse bricht durch den Reaktor oder explodiert in die Luft.“ Diese unwahrscheinlichere Variante verursache eine Kettenreaktion wie Tschernobyl.

Dorthin schickte das Sowjet-Regime einst bis zu eine Million Aufräumarbeiter, sogenannte Liquidatoren. Es waren junge Soldaten, die von der Gefahr nichts ahnten. Andreev selbst durfte nicht länger als zehn Minuten mit dem Hubschrauber über dem Kraftwerk kreisen, sonst wäre die Belastung zu groß geworden.

„Es müsste eine unabhängige Instanz geben, die atomare Notfälle managt und über Gefahren aufklärt“, sagt er heute und deutet leicht abfällig auf die Uno-City, die unweit in den Himmel ragt. „Die Internationale Atomenergiebehörde hat ja dezidiert die Aufgabe, eine friedliche Nutzung der Kernkraft zu fördern.“ Andreev selbst wurde kürzlich wegen einer Krebserkrankung ein Lungenflügel entfernt. Nun will er eine Website starten. „Auf ihr sollen sich alle Liquidatoren eintragen, die Schäden davontragen. Wenn es sonst keiner tut, machen wir eben unsere eigenen Statistiken.“


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