Überlebensstrategien aus dem Jahre 1000

Erschienen im Falter 10/2011, Buchbeilage

Christina Eibl hat ein lesenswertes Buch über das zeitgenössische und alte Russland geschrieben

Rezension: Joseph Gepp
Es gibt Städte, die ihre Sogwirkung entfalten, sobald man aus dem Haustor tritt. Sie wirbeln, streifen, stoßen, drängen, sie geben keine Sekunde Ruhe. Nach ein paar Stunden flüchtet man sich völlig erschöpft in ein Café. Oder man kehrt erleichtert und atemlos in sein Haustor zurück, obwohl man ja eigentlich „nichts“ gemacht hat die ganze Zeit. Moskau ist so eine Stadt. Zehn Millionen Einwohner, die größte Stadt in Europa, abgesehen von Istanbul, das allerdings zum Teil in Asien liegt.

Moskau ist ein Moloch mit achtspurigen Straßen zwischen stalinistischen Zuckerbäckerbauten; ein eiliges, extremes, immer übernachtiges, niemals ausgeruhtes Ungetüm. Moskau ist eine Stadt, deren mittlerweile geschasster Bürgermeister Luschkow Flugzeuge mit Chemikalien in den Himmel schickte, um für sonnige Feiertage zu sorgen. Es ist eine Stadt, in der vor einigen Jahren der größte Swimmingpool der Welt zugeschüttet wurde, um an seiner Stelle die größte orthodoxe Kathedrale der Welt hochzuziehen. Ein neues Buch beschreibt den Alltag in dieser Stadt auf witzige Weise.
Christina Eibl, promovierte Historikerin, war von 2006 bis 2008 Verlagschefin des Medienkonzerns Gruner + Jahr in Russland. Das liefert ihr eine vielversprechende Perspektive. Denn Eibl ist keine Reiseschriftstellerin oder politische Beobachterin, sondern Wirtschaftstreibende, eine Agentin des westlichen Kapitalismus im Osten. Als solche macht sie andere Erfahrungen als etwa Journalisten, die Politiker treffen und Menschenrechtsaktivisten interviewen.
In der Twerskaja-Straße unweit des Roten Platzes im Herzen Moskaus, wo sie wohnt, rangieren die Mietpreise unter den höchsten weltweit. Zu ihrem Umfeld gehört die neue russische Yuppie-Kaste, die den westlichen Konsumstil übernommen und teilweise bis zur Karikatur überzeichnet hat. Ihrer zutiefst russischen Prägung und Mentalität entkommt diese Schicht dadurch aber keineswegs. Nicht umsonst sagen Russen gern, dass sie von den Europäern nur deshalb als artverwandt betrachtet werden, weil sie zufällig nicht ausschauen wie Inder oder Chinesen.

Eibls „Protagonisten“ sind ihr Chauffeur, die Buchhalterin ihres Verlags, ihre Geschäftspartner – allesamt Improvisationstalente, die ihre unsichere Lebenssituation zwingt, auf unverhoffte Fragen schnell Antworten parat zu haben. Was Eibl über Behördengänge und Finanzamtsbedienstete, über Taxifahrten und Geschäftsessen erzählt, spiegelt den Alltag einer Umbruchgesellschaft wider.
Und klingt dennoch nicht nach Kriegsberichterstattung, wie es in solchen Berichten oft der Fall ist. Sieht man von ein paar Kleinigkeiten ab – wie den andauernd kursiv gedruckten Originalausdrücken und dem sperrigen Titel, dessen oberflächliche Aussage dem Inhalt des Buchs noch dazu überhaupt nicht gerecht wird –, ist das Buch also äußerst lesenswert.
Eibl nimmt sich selbst nicht zu wichtig, aber sie leugnet auch nicht den subjektiven Anteil ihrer Eindrücke und Einschätzungen. Sie fürchtet sich nicht davor, als klischeehaft oder ressentimentgeladen zu gelten – und kann gerade deshalb Klischees und Ressentiments auf humorvolle und ungezwungene Weise auf Wahrheitsgehalte abklopfen.
Zum Beispiel, wenn sie den Besuch bei sinistren Netzwerkern in heruntergekommenen Büros beschreibt, die gegen Bezahlung in Problemfällen bei den „richtigen“ Personen intervenieren. Oder wenn Verlagsmitarbeiter urplötzlich eine Wolja antreten, eine Art spirituelle Reise, ähnlich den französischen und amerikanischen Aussteigern.
Ihre Reportagen sind mit soziologischen und historischen Erläuterungen unterfüttert – und auch hier scheut sich die Autorin nicht, in die Breite und Tiefe zu gehen. Aus der Topografie und Ausdehnung Russlands, aus den einstigen Feldzügen asiatischer Steppenvölker lasse sich viel über die Mentalität seiner Bewohner ablesen, schreibt sie: Gesellschaftliche Pflichten hätten sich im dünn besiedelten Riesenreich stets auf Grenzsicherung und Tribut konzentriert, niemals auf eine Intensivierung und Effektivierung nach innen.

„Unter einer dünnen Schicht moderner Zivilisation“, erläutert Eibl, „scheinen überall jahrhundertealte Versatzstücke durch. Russland ist ein konserviertes Land. Es ist verblüffend, wie präsent die Überlebensstrategien aus dem 10. Jahrhundert und wie erfolgreich asiatisch-mongolische Traditionen noch heute sind.“
Über die Beschaffenheit des russischen Wirtschaftslebens räsoniert sie mit ähnlicher Stoßrichtung: „Nach jahrhundertelanger Subordination, Erpressung von Tributleistungen und Verharren im Kontemplativen ist man mehr Objekt als Subjekt. Angewandt auf das wirtschaftliche Leben heißt das: Das Schicksal bestimmte den ökonomischen Output. Unberechenbare Kräfte sind überall am Werk, warum dann schöpferisch und zielgerichtet tätig werden?“
Das sind besagte Beschreibungen, bei deren Abfassung professionelle Schreiber wohl befürchten würden, ins Ressentiment­eck abgestellt zu werden. Wer Russland allerdings ein wenig kennt, weiß um die Absurditäten seiner Gesellschaft, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Staaten Osteuropas nicht allein mit der kommunistischen Vergangenheit erklären lassen – und folgt Eibls Einordnung dessen, was man romantisierend die „russische Seele“ nennt, mit Gewinn.
Ihr Buch lässt Erinnerungen an das bislang erhellendste Werk aus deutscher Feder zum Thema Russland wach werden – an die großartige und preisgekrönte Beschreibung der dreimonatigen Fußwanderung des Zeit-Journalisten Wolfgang Büscher aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Berlin–Moskau“.
Fast ebenso lohnend ist die Lektüre von Christina Eibl.

 

Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken,

und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt. Ein Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus

Christine Eibl
2011 | Weissbooks, 190 Seiten, EUR 19,40

 

 

 

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Osteuropa, Reisen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s