Monatsarchiv: November 2010

STADTRAND – Gedacht für Menschen. Genutzt von Ratten

Kürzlich stand ein Mann am Schwedenplatz und tränkte seine Ratte. Das klingt ekelerregend, war aber tatsächlich niedlich anzusehen. Die Ratte saß auf der Handfläche des Mannes und schlürfte aus einem Trinkbrunnen wie eine immens geschrumpfte Kuh. Ringsum rotteten sich lachende Kinder zusammen; danach pirschten sich Touristinnen mit Kameras wie Sturmgewehren heran. Wir standen daneben und dachten, dass wir bisher nie Menschen am Brunnen gesehen hatten, immer nur Ratten. Liegt das an der extremen Hässlichkeit des Dings? Das mag man noch mit dem Verweis auf Geschmacksfragen und die nivellierende Kraft des Durstes entkräften. Eher könnte die Ursache sein, dass das Brunnenwasser ständig über den Rand schwappt. Um es zu erreichen, müssen Menschen einen Sumpf aus Herbstblättern und Zigarettenstummeln durchwaten. Sie können ja nicht einfach auf Besitzerhänden anfliegen wie Ratten. Also, liebe Verantwortliche: Könnte man den Sumpf nicht trockenlegen? Es ist ja nicht immer eine Ratte zur Stelle, die die Situation doch noch angenehm macht.

Erschienen im Falter 45/2010

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand

Buch: Hoch die internationale Solidarität

Die Wege der Geschichte sind verschlungen: 1952 brach in Algerien der Befreiungskrieg gegen die Franzosen aus. Begeisterte Unterstützer in aller Welt: junge Linke. So kam es, dass sich auch der österreichische Sozialismus mit der nationalistischen Front de Liberátion Nationale (FLN) verbündete. Karl Blecha etwa robbte mit den Aufständischen durch die Wüste; Kreisky und Kirchschläger unterstützten die FLN in der Heimat. Mit seiner Dissertation über Österreichs Algerien-Kampf zeichnet der Historiker Fritz Keller eine andere Sozialdemokratie, als man sie heute kennt. Bei Solidaritätsaktionen weltweit war sie vorne dabei. Die Identifikation ging laut Keller so weit, dass man von einer „58er-Generation“ sprechen kann – einer Erfahrungsgemeinschaft zwischen Kriegskindern und Hippies, die von Algerien geprägt wurde. Ein penibel recherchiertes, erhellendes, wertvolles Stück Zeitgeschichte.

Joseph Gepp

Fritz Keller: Gelebter Internationalismus. Österreichs Linke und der algerische Widerstand (1958–1963). Promedia, 320 S., € 19,90

Erschienen im Falter 45/2010

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Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte

Phönix aus der Asche

„Wie Phönix aus der Asche“ ist Wien nach dem Weltkrieg auferstanden – wenn auch leicht verändert. Neue Straßen, schlichter als davor wiedererrichtete Gebäude, funktionale Neubauten und natürlich Leute zeigt ein beeindruckender neuer Fotoband. Was heute allzu normal wirkt – Donaubrücken, Autobahnarme, Gemeindebauten –, war damals nigelnagelneu und Grund zum Stolz. Die Stadtleben-Redaktion empfiehlt.

Ferdinand Opll (Hg.): Wie Phönix aus der Asche. Wien von 1945 bis 1965 in Bilddokumenten. Echomedia. 240 S., € 29,90

Erschienen im Falter 45/2010

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Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte

Kurzfristig kommerzbefreit

Pur wie noch nie und nie mehr: Die alte Westbahnhofhalle ist wieder öffentlich zugänglich

Beschau: Joseph Gepp

Wenn etwas eine Zeitlang aus dem Blickfeld verschwunden war, weiß man es nachher mehr zu schätzen. Vergangenen Mittwoch wurde nach zweijähriger baustellenbedingter Sperre die denkmalgeschützte Westbahnhofhalle wiedereröffnet. Auch wenn ihr größter Teil immer noch zu ist und derzeit nur eine Bresche zwischen Bauzäunen zu den Bahnsteigen führt, sieht die Halle doch groß und schlicht aus. Größer und schlichter sogar, als sie es vorher war. Denn durch den Wegfall alles Beiwerks – Läden, Fast-Food-Einbauten, Werbetafeln – kommt der alte Charakter der lichtdurchfluteten Halle wieder zum Vorschein. Ein Raum, wie die Nachkriegsgesellschaft, die ihn 1951 erbaute: zurückgenommen und trotzdem monumental, illusionslos und doch optimistisch.

Allzu lange wird das aber nicht so bleiben. Noch vor Weihnachten soll der Bau laut ÖBB ganz fertig sein. Dann ziehen nicht nur in die Neubautrakte, die rund um die historische Halle entstehen, Geschäfte ein. Sondern auch in den alten Teil selbst. Die pure Anmutung, die man derzeit vorfindet, ist also ein Vergnügen auf Zeit. Sie währt, solange ein nahes spanplattenverkleidetes Provisorium die profanen Alltagsgeschäfte eines Bahnhofs übernimmt, zum Beispiel Tickets und Frühstücksweckerln verkaufen. Anfang 2011 wird die neue „BahnhofCity Wien West“ fertig sein. Zwei Glas- und-Stahl-Quader beidseitig des alten Westbahnhofs, die schon jetzt als Rohbauten stehen, beinhalten dann Büros, Dienstleistungsbetriebe und die Filiale eines Billighotels.

Fazit: Am allerbesten ist die Halle, wenn sie leer ist. Leer wie nie mehr.

Erschienen im Falter 44/2010

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtplanung, Wien

STADTRAND – Der Dauerauftrag. Eine Allerheiligengeschichte

Okay, wir müssen ja nicht gleich bibelfest werden und die Geschichte von Jesus und den Tempelkaufleuten erzählen. Aber was am Zentralfriedhof passiert, ist nicht lustig. Dort stehen Keiler beim Haupttor und zocken im Namen der Krebshilfe alte Frauen ab. Die stehen am Weg zum Familiengrab irdischen Belangen sowieso eher indifferent gegenüber. Je dementer, desto besser, lautet also die Devise. Münzen nehmen wir keine, das Leiden krebskranker Kinder muss Ihnen schon fünf Euro wert sein. Oder Sie unterschreiben gleich einen Dauerauftrag. Zweifellos machen die Friedhofskeiler ein besseres Geschäft als ihre Pendants am Schottentor oder Schwedenplatz. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass das den Kollegen nicht als Ansporn dient. Denn die Idee wäre ausbaufähig: Insassen von Hospizen wären zum Beispiel ein lohnendes Publikum, sie sind bei finanziellen Dingen eher gleichgültig. Oder Angehörige von Kranken in Spitälern. In diesem Fall sollte man allerdings beachten, dass es sich nicht um Eltern krebskranker Kinder handelt. Sonst wäre die Optik gar unschön.

Erschienen im Falter 43/2010

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Eingeordnet unter Konsum, Stadtrand, Wien