Monatsarchiv: November 2010

Kurzfristig kommerzbefreit

Pur wie noch nie und nie mehr: Die alte Westbahnhofhalle ist wieder öffentlich zugänglich

Beschau: Joseph Gepp

Wenn etwas eine Zeitlang aus dem Blickfeld verschwunden war, weiß man es nachher mehr zu schätzen. Vergangenen Mittwoch wurde nach zweijähriger baustellenbedingter Sperre die denkmalgeschützte Westbahnhofhalle wiedereröffnet. Auch wenn ihr größter Teil immer noch zu ist und derzeit nur eine Bresche zwischen Bauzäunen zu den Bahnsteigen führt, sieht die Halle doch groß und schlicht aus. Größer und schlichter sogar, als sie es vorher war. Denn durch den Wegfall alles Beiwerks – Läden, Fast-Food-Einbauten, Werbetafeln – kommt der alte Charakter der lichtdurchfluteten Halle wieder zum Vorschein. Ein Raum, wie die Nachkriegsgesellschaft, die ihn 1951 erbaute: zurückgenommen und trotzdem monumental, illusionslos und doch optimistisch.

Allzu lange wird das aber nicht so bleiben. Noch vor Weihnachten soll der Bau laut ÖBB ganz fertig sein. Dann ziehen nicht nur in die Neubautrakte, die rund um die historische Halle entstehen, Geschäfte ein. Sondern auch in den alten Teil selbst. Die pure Anmutung, die man derzeit vorfindet, ist also ein Vergnügen auf Zeit. Sie währt, solange ein nahes spanplattenverkleidetes Provisorium die profanen Alltagsgeschäfte eines Bahnhofs übernimmt, zum Beispiel Tickets und Frühstücksweckerln verkaufen. Anfang 2011 wird die neue „BahnhofCity Wien West“ fertig sein. Zwei Glas- und-Stahl-Quader beidseitig des alten Westbahnhofs, die schon jetzt als Rohbauten stehen, beinhalten dann Büros, Dienstleistungsbetriebe und die Filiale eines Billighotels.

Fazit: Am allerbesten ist die Halle, wenn sie leer ist. Leer wie nie mehr.

Erschienen im Falter 44/2010

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtplanung, Wien

STADTRAND – Der Dauerauftrag. Eine Allerheiligengeschichte

Okay, wir müssen ja nicht gleich bibelfest werden und die Geschichte von Jesus und den Tempelkaufleuten erzählen. Aber was am Zentralfriedhof passiert, ist nicht lustig. Dort stehen Keiler beim Haupttor und zocken im Namen der Krebshilfe alte Frauen ab. Die stehen am Weg zum Familiengrab irdischen Belangen sowieso eher indifferent gegenüber. Je dementer, desto besser, lautet also die Devise. Münzen nehmen wir keine, das Leiden krebskranker Kinder muss Ihnen schon fünf Euro wert sein. Oder Sie unterschreiben gleich einen Dauerauftrag. Zweifellos machen die Friedhofskeiler ein besseres Geschäft als ihre Pendants am Schottentor oder Schwedenplatz. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass das den Kollegen nicht als Ansporn dient. Denn die Idee wäre ausbaufähig: Insassen von Hospizen wären zum Beispiel ein lohnendes Publikum, sie sind bei finanziellen Dingen eher gleichgültig. Oder Angehörige von Kranken in Spitälern. In diesem Fall sollte man allerdings beachten, dass es sich nicht um Eltern krebskranker Kinder handelt. Sonst wäre die Optik gar unschön.

Erschienen im Falter 43/2010

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