Monatsarchiv: November 2010

Brücken in die Vergangenheit

Am Balkan löste es einen Krieg aus, im Rest Euroas führt es zumindest zu heißen Debatten: das Thema Vergangenheitsbewältigung. Ihm widmet sich ein englischsprachiger Sammelband europäischer Intellektueller, editiert von den österreichischen Balkan-Kennern Wolfgang Petritsch und Vedran Džihic. Von südosteuropäischen Definitionskriegen, wie sie sich etwa in Srebrenica oder Mostar grausam äußerten, leitet er über zu großen gesamteuropäischen Vergangenheitserzählungen vieler Epochen – zum Beispiel zur „pangermanischen Identität“ der Zwischenkriegszeit, zur Rolle der (gemeinsamen) osmanischen Geschichte in so unterschiedlichen Städten wie Sarajevo und Beirut oder zum Vergangenheitsbild in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Autoren sind etwa Oliver Rathkolb, der britische Europa-Experte Martin Dangerfield, der polnische Ex-Dissident Konstanty Gebert, die serbische Menschenrechtsaktivistin Nataša Kandic und die Herausgeber selbst. Lesenswert!

Joseph Gepp

Vedran Džihic, Wolfgang Petritsch (Hg.): Conflict and Memory. Bridging Past and Future in (South East) Europe. Nomos, 326 S., € 69,-

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Eingeordnet unter Balkan, Bücher

Mit freundlicher Unterstützung von

Joseph Gepp

Dass der Staat in Österreich Medieninhalte finanziert, ist so gängig, dass es kaum noch hinterfragt wird. Soll das so sein?

Diesen Seiten entstanden in redaktioneller Unabhängigkeit in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bundesregierung. Mit freundlicher Unterstützung des Europäischen Integrationsfonds. Dieses Projekt wird vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur kofinanziert.

Ob es nun – um nur drei Beispiele von vielen zu nennen – der Logofriedhof unter dem Technologiejournal im Standard ist, die Migrantenseite des Vereins M-Media in der Presse oder das dem Falter beiliegende Wissenschaftsmagazin Heureka: Kooperationen von österreichischen Medien mit staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen begegnen dem Leser so häufig, dass er sie kaum noch wahrnimmt. Weder gelten sie als bedenklich noch als störend, dienen sie doch der guten Sache. Den gesellschaftlichen Wert von Bildung sollen sie beispielsweise fördern oder die produktive Kraft ethnischer Vielfalt – wer wird an solchen Zielen schon zweifeln.

Journalistisch unsauber sind derartige Kooperationen nicht, weil Logos und Floskeln über ihren Hintergrund und Zweck aufklären – zumindest was Qualitätsmedien betrifft. Dazu ergänzen sie Themen, die der freie Medienmarkt scheinbar nicht im ausreichenden Maß abdeckt: Migranten, Europäische Union, Forschung, Wissenschaft, Vielfalt, Minderheiten, mittelständische Betriebe – nicht selten wird der aufmerksame Leser neben solchen Geschichten einen Hinweis auf einen Sponsor entdecken. Der österreichische Sozialstaat kümmert sich demnach nicht nur ums Schulwesen und die Pensionsvorsorge. Er sorgt auch dafür, dass in der Zeitung steht, was wir lesen sollen.

Diese Praxis sagt zum einen viel über das österreichische Staatsverständnis aus. Denn was vom Staat mittels Finanzierung in gewisser Weise für befunden wird, geht in der Wahrnehmung des Lesers durchaus als echter Journalismus durch – man denke an zahlreiche gesponserte Wissenschaftsstrecken. Würde hingegen McDonald’s ein Ernährungsheft sponsern oder Novartis ein Forschungsressort – das Ergebnis würde, wahrscheinlich zu Recht, viel stärker als Werbung empfunden werden.

Zum anderen führt die Praxis zur Frage, ob das Vertrauen in den Staat auch gerechtfertigt ist. Dürfen wir uns als Medienkonsumenten zurücklehnen und daran glauben, dass behördlich autorisierte Informationen richtig sind oder zumindest nicht bewusst in die Irre leiten?

Dazu ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, im Jahr 2030 gründet die Regierungspartei FPÖ eine Kommunikationsagentur zur Aufwertung von Heimatliebe und Traditionsbewusstsein. Die Agentur finanziert Zeitungsbeilagen zu alpinen Brauchtümern oder steirischer Trachtenkultur. Diese Geschichten sind informativ und weltanschaulich völlig unbedenklich; jeder Leserbrief in der Kronenzeitung klingt aggressiver und chauvinistischer als sie. Darf man ihnen deshalb vertrauen? Oder resultieren sie nicht doch aus einer Geisteshaltung, die auf Angstmache und Abgrenzung fußt?

Das ist natürlich ein polemischer Vergleich. Was derzeit an Medienkooperationen existiert, hat keinen menschenfeindlichen Hintergrund; stattdessen soll gefördert werden, was in den Augen des Sponsors sonst zu kurz käme. Und was abgesehen davon als Ideologie mitschwingt, ist völlig harmlos.

Die Frage ist aber – und das soll das Gedankenexperiment mit der Heimatliebe zeigen: Muss das immer so sein? Läuft man, wenn man sich als Medium auf Kooperationen mit dem Staat einlässt, nicht Gefahr, eines Tages mit bedenklicheren Subtexten konfrontiert zu sein als beispielsweise dem Wert von Vielfalt und Bildung? Natürlich, das Medium kann in diesem kritischen Moment immer noch die Zusammenarbeit aufkündigen. Aber sollte es einmal soweit sein: Hat die jahrelange Praxis von Kooperationen nicht schon dazu geführt, dass kofinanzierte Medieninhalte vom Leser längst als normaler, unabhängiger Journalismus wahrgenommen werden? Und kann man es sich als Medium dann überhaupt noch leisten, auch ohne staatliche Hilfe finanziell über die Runden zu kommen?

Dies soll kein Pamphlet gegen Kooperationen sein. Vielleicht sind sie hierzulande sogar unentbehrlich – in einem Staat mit schwach ausgeprägten Qualitätsmedien, lautem Boulevard und ebensolchen Populisten auf politische Bühne. Aber ein Faktum darf man in derartigen Angelegenheiten nicht vergessen: Wer zahlt, der hat auch ein Interesse.

Erschienen auf thegap.at am 22.11.2010

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Eingeordnet unter Konsum, Medien

Verschwörung auf der TU: eine Konferenz mit kruden Thesen

Joseph Gepp

Aufregung in informierten Kreisen verursachte vergangene Woche die SciCom 2010, eine Tagung zu Wissenschaft in den Medien. Sie wurde von der Kommunikationsagentur Science4public auf der TU organisiert. Ministerin Beatrix Karl eröffnete. Auf der Rednerliste standen renommierte Wissenschaftler und Journalisten – und zwei bekannte Verschwörungstheoretikerinnen: Christl Meyer, radikale Aids-Leugnerin, und Jane Bürgermeister, die im Internet von einem angeblichen Massenmord durch Pharmakonzerne und „Rockefellers und Rothschilds“ spricht.

Nach kritischen Web-Postings wurde zumindest Meyer wieder ausgeladen. Die habe man gar nicht gebeten zu kommen, sagt Science4public-Chefin Susanne Schwinghammer, stattdessen lud sie sich im Vorfeld der Konferenz selbst ein. Anders bei Bürgermeister: Deren Teilnahme sei gerechtfertigt, sie zeige „im geschützten Rahmen eines kritischen Fachpublikums, wie Blogs und Internet benützt werden, um Panik und Unwissenheit zu verbreiten“, so Schwinghammer über ihre Tagung, die „definitiv keine Plattform für extremistische Ansichten ist“. Und somit auch Bürgermeisters Haltung nicht legitimiere.

So saß sie neben Vertretern von profil, Ö1, FAZ, Kleiner Zeitung und Presse – und das Gespräch nahm seinen Lauf: Unterstützt von „schmutzigen Tricks der Mainstreammedien“, so Bürgermeister, würden Pharmakonzerne „absichtlich eine Pandemie auszulösen versuchen“. Als der Moderator den Fortgang solcher Ausführungen unterbinden wollte, wurde er seinerseits von einer Dame aus dem Publikum brüsk zurechtgewiesen. „Ausreden lassen!“, man lasse sich doch nicht „mundtot machen“. Also sprach Bürgermeister weiter.

Die wütende Zuhörerin, die dies artikuliert hatte und später unter Unmutsbezeugungen Flugzettel verteilte, war Christl Meyer, die ausgeladene Aids-Leugnerin. Gemeinsam mit Jane Bürgermeister war es ihr gelungen, der Veranstaltung einen bizarren Anstrich zu geben.

Erschienen im Falter 46/2010

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Eingeordnet unter Kurioses, Medien

Advent Event

Kaum ein Markt in Europa ist so berühmt und erfolgreich wie der Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz. Das Geheimnis der Wiener Weihnachtswirtschaftsmaschine

Reportage: Joseph Gepp

Stephanie heißt das Christkind des Jahres 2010. Blond gelockt, weiß gewandet und etwas unsicher tapst die 20-jährige Medizinstudentin in den neugotischen Rathaussaal, wo sie sogleich von Kameras und Diktiergeräten umringt wird. Vergangenen Mittwoch, 44 Tage vor Weihnachten, war der erste große Auftritt des jährlich neugewählten Stadtengels. In den kommenden Wochen wird sich die Frau Kinderwünsche am Christkindlmarkt anhören und damit jene Rolle übernehmen, die in US-amerikanischen Malls traditionell weißbärtige Männer innehaben. Vorerst aber wohnt sie noch der Präsentation der organisatorischen und finanziellen Aspekte des sogenannten Wiener Adventzaubers bei, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Das Müllentsorgungssystem beispielsweise werde noch besser als in den vergangenen Jahren, schwärmt einer der Redner am Podium. Auf den Pfandhäferln für den Punsch prange heuer erstmals ein Mini-Rathaus in Reliefform. Denn immerhin entstehe vor den Toren desselben in den kommenden Wochen einer der größten Wirtschaftsbetriebe der Stadt.

Jährlich drei Millionen Besucher

Über drei Millionen Menschen, davon eine halbe Million Touristen, besuchen laut Wirtschaftskammer jährlich das Advent-Event am Rathausplatz. 18 Euro gibt der Besucher im Schnitt dafür aus, was einen stolzen Umsatz von 54 Millionen ergibt. Was Nächtigungen betrifft, ist der graue Wiener Dezember deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Boommonat geworden: 2009 kamen mit 916.000 Gästen im Dezember genauso viele wie im schönen Monat Mai. Um 19 Prozent ist die Nächtigungszahl jeweils im November und Dezember von 2005 bis 2009 gestiegen. „Deshalb ist die Adventzeit einer der Markenbausteine der Wien-Werbung“, erklärt Robert Nürnberger von Wien-Tourismus und zeigt jene Plakatsujets, die dies auch für die Zukunft sicherstellen sollen: leuchtende Kinderaugen zwischen illuminierten Standreihen, ein Luftblick über laternenbehängte Bäume auf schneebedeckte Markthütten. „Seit Mitte der 90er“, sagt Nürnberger, „spielen die heimischen Adventmärkte touristisch eine wesentliche Rolle.“

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So wirbt Wien-Tourismus für den Weihnachtsurlaub (Foto: Wien-Tourismus)

Eine Notwendigkeit wird zur Show
Schon im Jahr 1764 wird erstmals in Wien ein „Nikolomarkt“ urkundlich erwähnt, damals auf der Freyung. Jener am Rathausplatz findet seit 1975 statt – im Vergleich zu anderen Christkindlmärkten ein Neuling. Zehn Jahre später begann man auch den umliegenden Rathauspark saisongemäß idyllisch herzurichten. Was ursprünglich im ganzen deutschen Sprachraum aus der Not heraus entstanden war, sich vor den klirrend kalten Monaten mit Überlebensnotwendigem einzudecken, ist heutzutage beliebt wie noch nie: Auf festlich beleuchteten Märkten entwischt man dem Wintergrau; heißer Alkohol und die Körperwärme der Passanten vertreiben die Kälte. Der Christkindlmarkt scheint im modernen Städter eine Saite anzuschlagen, sonst wäre sein Konzept nicht inzwischen sogar nach Übersee exportiert worden – ins japanische Osaka beispielsweise und nach Denver, Colorado, wo ein „Christkindl Market“ jährlich „German Christmas Spirit“ vermitteln will.

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Klingelingeling am Rathausplatz: Im November und Dezember
werden am Rathausplatz 54 Millionen Euro umgesetzt – hier durch die Balustrade des Rathauses fotografiert (Foto:
Heribert Corn)


Ein Türke und der Christkindlmarkt

Doch der sich jedes Jahr neu manifestierende Traum von der dörflichen Geborgenheit will auch angemessen realisiert sein. In Wien arbeiten gleich drei Institutionen daran, dass die Bustouristen nicht enttäuscht von der Weihnachtsmarktfahrt nach Hause fahren: Da ist zuerst die Gemeinde Wien, die den „Adventzauber“, also das Drumherum, stellt – sie hält etwa das Rathauserdgeschoß für bastelnde Kinder frei und bestückt Parkwiesen mit Wolkenpostamt und Leseturm. Da ist zweitens die Wirtschaftskammer, die mit 240.000 Euro finanzieller Unterstützung den Werbeetat des Events aufpeppt. Und da sind drittens die Marktstandler, die den eigentlichen Christkindlmarkt bilden. Sie werden von Akan Keskin, 53, Kommerzialrat und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer, vertreten. Der Herr über den Wiener Christkindlmarkt ist ursprünglich Türke, geboren neben der Sülemaniye-Moschee im Zentrum Istanbuls und mit elf Jahren nach Wien gekommen. Im Zivilberuf führt er das Orient & Occident am Naschmarkt.

In dem Marktlokal herrscht auch im November kein Winteridyll. Die Sonne scheint durch die Glasfront auf Frühstücksplatten mit taufrischen Petersilienblättern, dazwischen zupft der Chef liegengebliebene Brotbrösel von Sitzbänken und führt hektische Telefonate. Und wenn Akan Keskins Handy zwischendurch fünf Minuten schweigt, erzählt der Geschäftsmann, wie das Weihnachtsbusiness funktioniert.

Es startet schon im Jänner, beginnt Keskin, nur Tage nachdem der Trubel des vorangegangenen Jahres vorüber ist. Zu dieser Zeit kommt erstmals jener Verein zusammen, dessen Obmann Keskin ist. Er dient der „Förderung des Marktgewerbes“ in der traditionell schwierigen Winterzeit. „Das ist ein Vereinszweck, für den sich ein Christkindlmarkt natürlich ziemlich gut eignet.“

Bis 2006 hatte die Gemeinde Wien die Stände auf Weihnachtsmärkten selbst vergeben. Danach lagerte sie die Aufgabe – unterschiedlich je nach Standort – an Eventagenturen und Geschäftsleute aus. Am Rathausplatz kam Keskins Verein zum Zug, der sonst Kirtage und Straßenfeste organisiert.

Dieser entscheidet nun jeden Jänner über alle Angelegenheiten, die dem einzelnen Standler übergeordnet sind. Das Logo des Markts wird hier beispielsweise besprochen oder das Design der so identitätsstiftenden Pfandhäferln (siehe unten). Danach müssen bis zum 1. April die Ansuchen jener Betriebe eingetroffen sein, die einen Stand betreiben wollen. Fünf bis zehn Seiten ist so ein Antrag dick, erzählt Akan Keskin. Darin findet sich eine Beschreibung des Unternehmens samt Firmenbuchauszug, Fotos der Waren, die man anzubieten gedenkt, und „Referenzen“, wie Keskin das nennt. „Wenn jemand unterm Jahr irgendwo einen Stand betrieben hat, dann legt er normalerweise ein Foto davon bei.“

Rund 7000 Euro kostet ein solcher Stand für die gesamte Dauer des Weihnachtsmarkts. Bietet man Speisen und Getränke an, erhöht sich der Preis deutlich, auf etwa 12.000 Euro. Am Rathausplatz bewerben sich jährlich rund 500 Betriebe für heuer 144 Stände. Fünf bis zehn davon werden jährlich ausgetauscht, sagt Akan Keskin. Aber insgesamt sei das System ziemlich „familiär“. Die Antragsteller durchlaufen ein Verfahren, in dem die Qualität ihrer Produkte und das weihnachtliche Ambiente geprüft werden – schließlich will der Kunde möglichst Bratäpfel statt Falafel und Weihnachts- statt Mottenkugeln.

Im ersten Schritt des Auswahlverfahrens durchleuchtet eine Jury die Ansuchen. Sie besteht aus jeweils einem Vertreter von Rathaus, Wien-Marketing, Wien-Tourismus, Wiener Wirtschaftsagentur und „meiner Wenigkeit“, sagt Akan Keskin. „Aber die Namen der einzelnen Vertreter verrate ich Ihnen nicht. Es soll ja niemand außerhalb des Verfahrens mit Begehrlichkeiten an die Jury herantreten.“ Später wird das, was das Gremium für gut befunden hat, dem siebenköpfigen Vorstand von Keskins Verein zur Förderung des Marktgewerbes vorgelegt. „Die Zahl sieben verhindert nämlich Pattsituationen bei den Beschlüssen“, sagt der mächtige Marktfunktionär.

Tonnen von Waldviertler Reisig
Diesen Auswahlprozess überlagern zahlreiche Regeln, die das weihnachtliche Flair des Ganzen sicherstellen sollen. Für die tausenden Euro, die der Verein von den Standlern kassiert, stellt er die Hütten samt Strom, Licht, Reinigung und Müllentsorgung. Auch die Dekoration fällt in seine Zuständigkeit, dafür karren Lastwägen Tonnen von Reisig aus dem Waldviertel heran. Pflanzen aus Plastik lehnt Akan Keskin ebenso ab wie den übermäßigen Einsatz von Neonlicht, „da wird einem nicht so warm ums Herz“. Und wer mehr Speisen als nur belegte Brötchen anbietet, der muss aus Wettbewerbsgründen seine Punschkesselbatterien dezent in den Hintergrund rücken.

Überhaupt nimmt die Gastronomie am Christkindlmarkt weniger Raum in Beschlag, als der Augenschein glauben macht. Sie stellt nur zehn Prozent der Stände, sagt Keskin. „Es wirkt, als wäre es mehr, weil die Kunden so lange dort stehen, bis sie ihr Häferl zurückbringen.“

Generell sei der Christkindlmarkt bisher jedes Jahr gewachsen, immer um eine einstellige Prozentzahl. Nur im Vorjahr gab es wirtschaftskrisenbedingt einen Rückgang. „Der Standler raunzt ja die ganze Zeit. Aber 2009 hat er eindeutig mehr geraunzt“, sagt Keskin. Deswegen sind heuer die Standmieten zehn Prozent niedriger. Ob der Markt unabhängig davon tatsächlich – wie man es ihm gern nachsagt – eine Goldgrube für Standler ist, kann Keskin nach eigener Aussage nicht beantworten: Er koordiniere ja nur das große Ganze. Eine einfache Rechnung liefert aber eine Erklärung, warum sich Jahr für Jahr 500 Bewerber um rund 140 Stände reißen: Laut Wirtschaftskammer gibt jeder der drei Millionen Besucher im Schnitt 18 Euro aus. Dividiert man das Ergebnis von 54 Millionen Euro durch die 144 Stände, ergibt das 375.000 Euro Umsatz pro Stand. Selbst wenn man hiervon noch etwa 10.000 Euro Standmiete sowie Kosten für Personal, Material und Organisation abzieht – der Gewinn bleibt trotzdem beträchtlich. Freilich muss man bei dieser Milchmädchenrechnung bedenken, dass nicht jeder Stand gleich viel Geld macht. Die Punschtheke wird wohl weit mehr abwerfen als der Stand mit den mundgeblasenen Christbaumkugeln.

Keskin ist jedenfalls optimistisch, den Expansionskurs fortzusetzen. Er leert sein Glas mit Zitronentee, während einen Kilometer vom Orient & Occident entfernt die Christkindlstandler die allerletzten Vorbereitungen für den Eröffnungstag treffen.

Nach den Kindern die Punschfraktion
Drei Tage später, Sonntag, 17 Uhr nachmittags. Untertags hatten 20 Grad Celsius die Stadt in Frühlingsstimmung versetzt, jetzt ist der Christkindlmarkt überraschenderweise trotzdem übervoll. Fortbewegen kann man sich nur stockend. Die Menschen drängen sich um Stände, drehen prüfend Haarreifen mit rotleuchtenden Weihnachtssternen hin und her, reden darüber, wie chemisch der Punsch doch heutzutage geworden ist. Um 16 Uhr vernahm Stephanie, das Christkind des Jahres, Kinderwünsche. Zwei Stunden danach sind die Kinder schon eher von der Punschfraktion verdrängt worden. Wie Inseln stehen Gruppen junger Menschen im Gedränge und balancieren Pfandhäferln. Manch Winterjacke hat schon Mayonnaisespuren abbekommen von den prall gefüllten Erdäpfeln auf Papiertellern, die hier überall verkauft werden.

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Übervolle Punschtheke: Die Wirklichkeit zum Klischee (Foto: Corn)

Man verdiene nicht schlecht am Markt, sagt einer der Standler. Er bietet Süßgebäck an, Zahlen möchte er keine nennen. Ein „weihnachtliches Einkaufserlebnis“ hat Akan Keskin den Markt Tage zuvor genannt. Hier kommt einem eher eine brummende Maschine in den Sinn, die Menschen ansaugt und sie nach einiger Zeit in leicht erschöpftem Zustand wieder in die normale Welt entlässt. Nicht selten halten sie am Ausgang immer noch ihre Häferln mit dem Mini-Rathaus in der Hand.

Christkindlmarkt und Adventzauber
1., Rathausplatz
13.11. bis 23.12.
So-Do 10-21.30,
Fr-Sa 10-22 Uhr,
7.12. 10-22 Uhr

Die kleine Häferlhistorie
Kitsch, Kommerz und Symbol des Christkindlmarkts ist das Anfang der 90er aufgekommene Pfandhäferl, aus dem Hektoliter an Punsch und Glühwein ihren letzten Weg antreten. Am Rathausplatz kam es erstmals 1992 zum Einsatz:

Erschienen im Falter 46/2010

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Konsum, Wien

Da lacht die neue Macht

Die Grünen treten an, als Regierungspartner Wien zu verändern – ohne große Knaller, aber mit vielen kleinen Überraschungen

Analyse: Stefan Apfl, Joseph Gepp, Nina Horaczek

Monika Vana hat das Motto des Tages um die Schulter hängen. Die grüne Gemeinderätin trägt eine Tasche, auf der in fetten Lettern „staatstragend“ steht.

Genau so präsentieren sich die Wiener Grünen auf ihrer Landesversammlung vergangenen Sonntag. Die Brust stolz geschwellt, den Kopf hoch erhoben marschieren die grünen Funktionäre zur Versammlung, um Rot-Grün abzusegnen. Von „einem historischen Moment“, von einer „neuen Zeitrechnung“ wird die Rede sein, ehe 338 Grüne für den Pakt der Wiener Parteichefin Maria Vassilakou stimmen – und nur vier dagegen.

Auch die Wiener SPÖ scheint sich nach dem Verlust der absoluten Mehrheit nun doch auf den neuen Juniorpartner zu freuen. Im Gegensatz zu den Grünen waren Journalisten beim entscheidenden Ausschuss nicht erwünscht, und auch die Diskussion kann so lebhaft nicht gewesen sein: Sie endete nach nicht einmal zwei Stunden mit 100 Prozent Zustimmung. Ein Indiz für die Unterschiedlichkeit der politischen Kulturen, die Wien nun fünf Jahre lang gemeinsam regieren werden.

In der Bildungspolitik, bei der Armutsbekämpfung, beim Verkehr, in der Energiepolitik soll es eine spürbare Wende geben. Was aber taugen die großen Worte von der „neuen Zeitrechnung“, was ist das gegenseitige Lob wert, was der „historische Koalitionsvertrag“, wie Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) ihn nannte?

Kurz gesagt: Revolutionen sehen anders aus. Stattdessen wird die Stadt durch verschiedene kleine und größere Projekte ökologischer, sozialer – und vielleicht auch weltoffener. Und man kann schon jetzt prophezeien, dass sich die politischen Diskussionen nicht nur um andere Themen drehen werden. Sondern dass sich auch die Art des Diskurses ändern wird. War während des Wahlkampfs das Thema Sicherheit noch allgegenwärtig, so war davon seit Beginn der rot-grünen Verhandlungen nichts mehr zu hören. Auch im Koalitionspapier kommt „Sicherheit“ nur am Rande vor: auf einer Seite, ganz weit hinten.

Auffällig ist hingegen der starke Fokus auf Kinder im Regierungsprogramm. „Ich habe eine Sehnsucht nach einer Stadt, in der kein Kind zurückgelassen wird“, formuliert es Vassilakou auf der grünen Landesversammlung. Unter Rot-Grün soll kein Wiener Kind in Armut leben. Eine hehre Aufgabe, behauptete doch der von den Wiener Grünen präsentierte Wiener Armutsbericht, jedes vierte Kind sei arm.

Die wesentlichste Sozialmaßnahme ist die Anhebung der Mindestsicherung für Kinder von österreichweit 134 auf 200 Euro in Wien. Dazu sollen an Wiener Schulen flächendeckend Sozialarbeiter engagiert werden. Laut Regierungsprogramm wird bis 2015 in jedem Bezirk zumindest eine Ganztagsschule entstehen.

Die von Vassilakou bei der Präsentation des Koalitionspakts angekündigten 500 zusätzlichen Begleitlehrer kommen nicht. Da hat die grüne Parteichefin die Zahlen verwechselt. Fixiert wurde, dass zusätzlich zu den momentan 500 Begleitlehrern der muttersprachliche Unterricht ausgebaut wird. Auf eine konkrete Zahl haben sich SPÖ und Grüne aber nicht festgelegt.

Für Kinder aus armen Familien kommt der Nachhilfelehrer gratis in die Schule. Diesen Job sollen angehende Lehrer übernehmen und so Praxispunkte sammeln. So zumindest der Plan. Wie überhaupt vieles im neuen Programm vage bleibt; bei etlichen Maßnahmen sind Umsetzung und Finanzierung unklar.

Auch im Kindergarten findet bis zum Ende dieser Regierungsperiode zumindest die Hälfte aller Wiener Ein- bis Dreijährigen ein Plätzchen. Dazu gibt’s noch einige Soft-Themen, um die Herzen der Eltern und Kinder zu gewinnen: Jährlich werden 40 Kinderspielplätze „den neuesten Trends entsprechend“ ausgebaut werden, pro Bezirk kommt ein „Schulgarten“ und ein „Grätzelgarten“ zum Gemüseanbauen für Anrainer.

Anderes klingt zwar revolutionär, wird aber Vision bleiben. Die flächendeckende Gesamtschule zum Beispiel. „Wir haben sämtliche Landeshauptleute auf unserer Seite“, sagt Michael Häupl wenige Minuten nach der Vertragsunterzeichnung im roten Salon des Rathauses, während er mit Vassilakou auf das Verhandlungsergebnis anstößt. Allerdings bräuchte Wien für so ein Schulprojekt nicht die Landeshauptleute, sondern eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Und die ÖVP will von so einer „Eintopfschule“ nichts wissen. Es sind diese Momente der vergangenen Tage, in denen nicht ganz klar ist, ob Rot-Grün nun visionär oder illusionär ist.

Die Grünen setzen ihren Schwerpunkt für die nächsten fünf Jahre aber woanders. Vassilakou wird Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Verkehr, Stadtplanung, Klimaschutz und Energie. Es geht für die Grünen also zurück zum Ursprung, der ja in der Ökologiebewegung lag. Allerdings hat das Ressort zwei Defizite: Obwohl die Verantwortung für Verkehr und Energie bei Vassilakou liegt, gibt die SPÖ Wien Energie und Wiener Linien nicht her. Die Grünen müssen ein zentrales Wahlversprechen zurücknehmen: Statt des versprochenen 100-Euro-Jahrestickets kommt bis 2011 eine Öffi-Tarifreform.

Im Verkehrskapitel steht, dass die neue Stadträtin bis 2015 ein Drittel weniger Autos durch Wien kurven und dafür doppelt so viele Wiener durch die Stadt radeln sehen will. 40 Prozent der Wiener sollen mit Bus und Straßenbahn unterwegs sein.

Das klingt ambitioniert, aber ist es das auch? Schon der Wiener „Masterplan Verkehr“ aus dem Jahr 2003 proklamierte eine Verlagerung von Autos zu Öffis im Stadtverkehr. Und schon jetzt werden 35 Prozent aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht. Selbst wenn es gelingt, den Fahrradanteil von fünf auf zehn Prozent zu verdoppeln, ist Wien noch lange nicht Fahrradhauptstadt Europas. Durch München kurven dreimal mehr Radler, durch Kopenhagen gar sechsmal so viele – das sind Zahlen, die die rot-grüne Zielvorgabe von zehn Prozent alt aussehen lässt.

Ob die Grünen diese Verkehrsziele erreichen, hängt nicht nur von Vassilakous Geschick, sondern vor allem von der Arbeit in den Bezirken ab. Denn das Stückwerk an Radwegen, das vielen Radlern so sauer aufstößt, ist ebenso Bezirkssache wie das Radeln gegen die Einbahn.

Was Autos betrifft, wurde ein grünes Projekt schon vor der Wahl abgeschossen: Die City-Maut ist laut Regierungsprogramm „nicht vorgesehen“. Denn die haben die Wiener Anfang 2010 in einer Volksbefragung abgelehnt. Also soll das Pendlerproblem – zwei Drittel der 210.000 Pendler überqueren täglich die Stadtgrenze im Auto – mit Parkpickerln in den Außenbezirken gelöst werden. Diese Maßnahme trifft aber kein Bezirkskaiser gerne – doch die müssten zustimmen.

Leichter als bei den Autos taten sich Grüne und SPÖ in der Integrationspolitik. Dort geht es nämlich – fast – so weiter wie zuvor. Projekte wie „Start Wien“, die Niederlassungsbegleitung für Einwanderer, werden ebenso beibehalten wie „Mama lernt Deutsch“. Neu hinzu kommt ein „Wiener Vertrag“, den Einwanderer künftig unterzeichnen sollen. Es werde eine Art „wir freuen uns, dass ihr da seid, aber ihr müsst auch Regeln einhalten“, beschrieb die grüne Parteichefin den geplanten Integrationsvertrag.

Dafür gab es woanders einiges zu streiten. Beim sogenannten „kleinen Glücksspiel“, also den Spielautomaten, wünschten sich die Grünen ein Wien-weites Verbot – und scheiterten. Umweltsprecher Rüdiger Maresch versuchte den Roten die Schließung des Flötzersteigs schmackhaft zu machen. Eine Müllverbrennungsanlage im Wohngebiet ist aus grüner Sicht ein No-go. Geeinigt hat man sich auf Initiativen zur Müllvermeidung. Auch ein „Bürgerinitiativen-Fonds“, der sicherstellen sollte, dass NGOs um Förderungen nicht betteln müssen, fand keine rote Zustimmung. Selbst bei der Bitte der Grünen, die Trophäenjagd im Lainzer Tiergarten abzuschaffen, blieb die SPÖ hart.

Während der Verhandlungen war die Stimmung kurz am Boden, weil die Stadt die Wagenburg räumen ließ. Um die Laune der Ökos zu heben, stimmten die Roten einer „Agentur für Zwischennutzung“ zu, die „Freiräume und Zwischennutzungen von leerstehenden Gebäuden und Baulücken“ ermöglichen soll. Auch die verpflichtenden Bürgerbefragungen zu Garagenprojekten ist nicht das, was sich die Roten unter Politik vorstellen.

Dann wurden Dinge einfach ausgeklammert, das Thema Prostitution zum Beispiel. Da scheiterten die beiden Partner schon daran, wie man Dinge ausdrückt. „Für uns sind das Sexarbeiterinnen“, sagt die neue grüne Gemeinderätin Martina Wurzer. Die Wiener SP-Frauen setzen lieber auf Druck auf die Männer. Also ließ man das Thema aus dem Pakt heraus.

Es gibt also genug Potenzial für Konflikte. Bei manchen Punkten wird sich erst zeigen, ob Rot und Grün dasselbe meinen. So wird das Institut für Zeitgeschichte alle nach Personen benannten Orte überprüfen. Nur was passiert danach? Gleich neben dem Rathaus droht der erste Disput. Den Dr.-Karl-Lueger-Ring, benannt nach dem früheren Wiener Bürgermeister und Antisemiten Lueger, wollen die Grünen schon lange umbenennen. Die SPÖ legte sich quer. Bei geplanten Denkmälern, eines für Deserteure, eines für homosexuelle NS-Opfer möchten die Grünen prominente Plätze, mancher Rote hätte sie lieber etwas im Abseits.

Was Rot-Grün verändern wird, ist wohl den „Spirit der Stadt“, wie es der frühere Grünpolitiker Johannes Voggenhuber vergangenen Sonntag in der ORF-Diskussion „Im Zentrum“ ausdrückte. Nun werde Wien Stück für Stück nach links rücken. Bis das rot-grüne Lüftchen auch im tiefsten Gemeindebau ankommt, wird es aber wohl noch dauern. Einen Vorgeschmack auf die große Erwartungshaltung gab es schon am Tag der Verkündung der neuen Koalition. Da liefen im grünen Rathausklub die Telefone heiß. „Warum sind die Öffis noch nicht billiger?“, klagten dutzende Anrufer – nicht nur Öko-Wähler, wie eine Mitarbeiterin erzählt.

Die Grünen können neue Wählerschichten erschließen – aber auch alte Freunde verlieren. Die Erwartungen an die Ökopartei sind hoch. Gleichzeitig haben sie mit der SPÖ ein Sparbudget vereinbart. Ihren vielleicht wichtigsten Test der kommenden Legislaturperiode haben die Grünen im Hinblick auf Wiens dutzende Bürgerinitiativen zu bestehen – sozusagen ihren Heim-Soziotopen. Die Augarten-Besetzer sind schon vergrämt. Vassilakou erklärte nämlich, da seien durch den Baubeginn bereits Fakten geschaffen. „Wir beobachten ein gravierendes Beispiel dafür, wie Idealpolitik zu Realpolitik wird“, sagt eine Sprecherin der Augarten-Initiative.

Wo alte Freunde sich abwenden, kommen neue dazu. Tagelang verhandelte der grüne Umweltsprecher Rüdiger Maresch mit der roten Umweltstadträtin Ulli Sima, feilschte um Elektrofahrzeuge, Solaranlagen oder neue Parks. Als die Verhandlungen abgeschlossen waren, bekam Maresch ein Mail. Der Inhalt: eine Facebook-Freundschaftsanfrage von Sima.

Erschienen im Falter 46/2010

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STADTRAND – Die Wiener Schule der Bankplatzauswahl

Geheime Dokumente machen es dem Falter möglich zu rekonstruieren, wie in Wien die Auswahl der Standorte für Sitzbänke abläuft. Und zwar so: In der Magistratsabteilung 264.811 wirft der zuständige Oberamtsdirektor zwei Faust voll trockene Bohnen über einen Stadtplan. Wo sie liegen blieben, kommen Bänke hin. Diese sogenannte Wiener Schule der Bankplatzauswahl gilt nicht umsonst international als Vorbild, wie ein Beispiel in der Ottakringer Friedmanngasse zeigt: Dort schauen zwei Bänke mit den Fronten direkt ins Wohnzimmer der dahinterliegenden Erdgeschoßwohnung, das sich so in eine Art Terrarium verwandelt. Man erkennt hier, wie geschickt die Wiener Schule öffentlichen und privaten Raum in einer Sphäre übergreifender Harmonie verquickt. Und doch wäre das System noch ausbaufähig: Anzudenken wären etwa Bänke im Grauen Haus, zum star watch prominenter U-Häftlinge. Oder in der Döblinger Cottage vor den Panoramafenstern reicher Wiener. Allerdings bitte mit den Hecken dazwischen. Ein bisschen Ruhe braucht der Mensch ja auch.

Erschienen im Falter 46/2010

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Eingeordnet unter Behörden, Stadtplanung, Stadtrand

Ein totes Eck

Vor hundert Jahren ließ man sie unfertig stehen. Jetzt baut man weiter. Was die Favoritner Rieplstraße über die Dynamik städtischer Veränderung erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Das ist keine Geschichte über die Favoritner Rieplstraße. Dafür ist die Gasse zu gewöhnlich. Zwei Fahrspuren, zwei Parkspuren. Eine Sackgasse mit einer Betonmauer am Ende. Fünf Jahrhundertwendehäuser auf der linken Seite, drei und ein ziegelsteinernes Fabriksgebäude auf der rechten. Die vergilbte Aufschrift „Fußpflege“ an einer Fassade, die heruntergelassenen Rollläden einer Trafik in einem Erdgeschoß.

Das ist vielmehr die Geschichte über das, was rund um die Rieplstraße ist. Nämlich nichts. Ein Nichts aus flacher, schlammbrauner, von Baggerreifenspuren zerfurchter Erde, so groß wie die Josefstadt.

Vor wenigen Jahren noch lag rund um die Straße das Südbahnhofgelände. ÖBB-Arbeiter werkten hier in Lagerhallen und an Verschubanlagen. Dann wurde das Areal abgetragen. Nun entsteht bis 2019 der große Hauptbahnhof samt dazugehörigem Stadtviertel. Das Wahrzeichen einer modernen Stadt soll die derzeit größte Baustelle Wiens werden, der Brückenschlag zwischen so unterschiedlichen Stadtgebieten wie dem Arbeiterquartier Favoriten und der gegenüberliegenden Gürtelseite mit Belvedere und Theresianum. 5000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, 33.000 Menschen. Und mittendrin die Rieplstraße.

Wie ein Alien steht sie heute auf der zu verbauenden Großfläche. Eine isolierte Halbinsel menschlicher Zivilisation, die von der benachbarten Sonnwendgasse ungefähr 100 Meter in die Leere ragt, ehe sie vor dieser kapituliert. Sie steht völlig frei, sodass sie von allen Seiten einsehbar ist. An ihrer Hinterseite wuchern Satellitenschüsseln aus Fensterrahmen, Stiegenhäuser schrauben sich in die Höhe. Die Rieplstraße wirkt wie ein Potemkin’sches Dorf, eine Kulisse. Ein baulicher Fremdkörper, die vorübergehende Laune einer sich verändernden Stadt. „Sie schaut aus wie eine Rippe“, sagt Rance Miletic´, ein Bewohner der Straße, und lacht. „Sie heißt ja auch so ähnlich.“

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Zivilisationshalbinsel: Oben die Rieplstraße von der Seite, mit den sich nähernden Baukränen des Hauptbahnhofs im Hintergrund. Unten die Rieplstraße „von innen“. Als wäre sie eine ganz normale Wiener Gasse
Fotos: Heribert Corn

Tatsächlich heißt die Straße nach Franz Xaver Riepl, der Österreichs erste Dampfeisenbahn von Wien nach Deutsch-Wagram baute. Aber warum schaut sie so exponiert ins ehemalige Bahnhofsgelände und in die nunmehrige Leere? Miletic, 45, Bauarbeiter, schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die Häuser nichts mit den ÖBB zu tun haben, sondern Privatbesitz sind und immer schon waren.“ Seine Eltern, Gastarbeiter aus dem Belgrader Umland, seien in den 80ern hergezogen. „Damals hat es genauso ausgesehen wie heute“, sagt Miletic´ und zeigt auf die Außenmauer seiner Erdgeschoßwohnung, wo nackte Ziegel durch Risse im Verputz lugen. „Das ist ein totes Eck hier. Ich freu mich, dass der Bahnhof und die vielen neuen Häuser kommen. Es kann nur besser werden.“

Wer einen Stadtplan zur Hand nimmt, der sieht noch deutlicher, dass die Rieplstraße wie ein Speer ins Bahnhofgelände dringt. Ansonsten grenzt sich das Areal entlang von Gürtel, Arsenalstraße, Gudrunstraße und Sonnwendgasse klar von seiner Umgebung ab. Warum die Ausnahme? Bei den ÖBB weiß man dazu auch nicht mehr als Rance Miletic´. Ihres Wissens, so Hauptbahnhof-Sprecherin Alexandra Kastner, habe die Rieplstraße nie zum Südbahnhof gehört. Die Gasse sei auch jetzt nicht Teil des Projektgebiets, das Neubauviertel würde lediglich an sie heranreichen. Die Rieplstraße ist also einfach da, mitten im Bahnhofsniemandsland. Und warum, das scheint sich trotz ihrer grotesken Anmutung nie jemand gefragt zu haben.

Wer ihre Geschichte zu rekonstruieren versucht, der stößt auf städtebauliche Kontinuitäten, die heutigen Verantwortlichen wohl gar nicht bewusst sind. Er stößt auf Geschichten, die mehr erzählen als nur die Historie einer Straße. Sie lassen Rückschlüsse auf die Entwicklung der ganzen Stadt zu – und darauf, wie sich ihre Besiedlung nach Stillständen und Unterbrechungen gleichsam natürlich einen Weg bahnt.

Ursprünglich befanden sich anstelle der Rieplstraße Industrieanlagen wie überall auf dem Bahnhofsgelände. Gasspeicher waren es an diesem Ort, sagt der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus vom Wien Museum anhand des Wiener Katasterplans aus dem Jahr 1875. Später, als man die Anlage nicht mehr brauchte, entstand an ihrer statt die nach Riepl benannte Straße. Das war 1904, zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Es war eine Epoche der Wohnungsnot. In kaum 20 Jahren war Wien mit 2,1 Millionen Einwohnern zur fünftgrößten Stadt der Welt angewachsen. Täglich kamen Zuwanderer auf Arbeitssuche in die Stadt. In Favoriten, das ein Vierteljahrhundert davor noch aus Dörfern bestanden hatte, ließen sich vor allem Tschechen nieder. Für sie stampfte man rasterförmig Zinshaus um Zinshaus aus dem Boden. Ein bis drei Jahre dauerte der Bau eines solchen Quartiers. Die prachtvolle Fassadendekoration stand im krassen Gegensatz zum stickigen Elend im Inneren. Ein Wohn- und Schlafraum mit Dielenboden, eine Vorraum- und Küchennische mit gemauertem Herd und Gangfenster zur Entlüftung – hunderttausende solcher Kleinwohnungen wurden errichtet. Ein Dutzend Menschen teilte sich nicht selten 35 Quadratmeter. Alle Flächen, die verbaut werden konnten, wurden verbaut.

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(Corn)

So auch die Rieplstraße, wo 1904 anstelle der Gasspeicher zwei erste Häuser errichtet wurden. Sie stehen bis heute, auch wenn, vermutlich kriegsbedingt, der Stuck von den Fassaden geschlagen ist. Dahinter folgen wie Jahresringe eines Baums weitere Gebäude der ins Bahnhofsland wuchernden Gasse: 1905 entstand das Haus, in dem heute Rance Miletic´ wohnt; 1906 das danebenliegende, 1908 das übernächste. Sie alle entsprechen der Norm dieser Ära: In den Stiegenhäusern ranken sich gusseiserne Pflanzenstauden die Geländer hinauf; Schilder weisen in Frakturschrift auf das Mezzanin hin und die Portiersloge, die im Fin de Siècle selbst in bettelarmen Häusern Usus war. Zwei weitere Gebäude, die es heute nicht mehr gibt, entstanden 1911.

Dann hört die Bautätigkeit abrupt auf. Nach Kriegsausbruch 1914 gab es für den Ausbau der Reichshaupt- und Residenzstadt kein Geld mehr. Die Rieplstraße ist eine der Bruchkanten des gründerzeitlichen Wien. Hier fand die Expansion ein Ende, hier blieb ein Projekt unfertig stehen. Diese Unfertigkeit erklärt auch die exponierte Lage und die ungewöhnliche Sackgassenform, schildert Andreas Nierhaus vom Wien Museum.

Denn ursprünglich schloss an die Rieplstraße eine zweite Gasse an. Nierhaus deutet auf den Stadtplan von 1912. Die mittlerweile verschwundene Gasse zweigte von der Rieplstraße ab und führte zurück zur Sonnwendgasse. Mit Rieplstraße und Sonnwendgasse formte sie ein Dreieck. Die aufgelassene Straße hieß Seyfriestraße, nach dem Biedermeierkomponisten Ignaz von Seyfried. Die Rieplstraße verdankt die isolierte und kulissenhafte Anmutung also nur dem nicht mehr existenten Gegenüber. Sonst wäre sie Teil eines gewöhnlichen Wiener Straßenzugs.

Noch zur Nazi-Zeit scheint die Seyfriedstraße im Wiener Straßenverzeichnis auf. Ab 1950 ist sie gestrichen. Wahrscheinlich wurde sie aufgelassen, weil hier ohnehin nie viele Häuser standen – war die Straße doch erst knapp vor 1914 angelegt worden. Nach Ende der Donaumonarchie hatte sich in der erheblich schrumpfenden Stadt die Wohnraumsituation entspannt. Nun nehmen den zur Verfügung stehenden Platz wieder Industriebauten in Beschlag.

So verkam die Rieplstraße zum toten Eck, von dem Rance Miletic´ heute spricht. Zum willkürlich ins Bahnhofsgelände ragenden Wurmfortsatz. Kurz nach ihrer Entstehung sank sie in einen über 100-jährigen Schlaf. Erst heute wacht sie wieder auf.

„Schauen Sie.“ Stefan Pesel rollt in seinem Büro einen Plan aus. Er zeigt die Skizze eines Gebäudes mit acht Stockwerken. In zwei davon sind Büroräume und ein großer Veranstaltungssaal mit angedeuteten Sesseln und einer Bühne eingezeichnet. Das soll Stefan Pesels Kirche sein, wenn die Rieplstraße einmal ganz neu ist.

Pesel, 52, rumänischer Slowake, hat vor zehn Jahren das ziegelsteinerne Fabriksgebäude am Ende der Rieplstraße gekauft. Ursprünglich war das ebenerdige Areal eine Zementmühle, erzählt er. Pesel ist Pastor der Pfingstkirche, einer freievangelischen Bewegung, wie man sie aus den USA kennt, den Baptisten und Methodisten ähnlich. Seine Gemeinde umfasst einige hundert Personen, vorwiegend Rumänen und Ungarn. Promiskuität lehnen sie ebenso ab wie übermäßigen Alkoholkonsum. Als der Prediger, der selbst im 22. Bezirk wohnt, einen Versammlungsort für seine Kirche suchte, stieß er im Internet auf die Rieplstraße.

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Pesels Kirche, ehemals eine Zementmühle (Corn)

Die Pfingstkirchler renovierten die alte Halle, bauten Dachfenster ein, ließen eine Bühne zimmern, auf der heute Gitarrenverstärker und ein Drumset stehen. Im Büro daneben lugen weißgewandete Engelspuppen aus Schachteln und stapeln sich Spenden für rumänische Straßenkinder. „Ich hätte nie gedacht“, sagt der Pastor, „dass mit dieser ruhigen Gasse einmal so etwas passieren wird.“

Neun Firmen seien bisher mit Kaufangeboten an ihn herangetreten. Namen will er keine nennen, aber eine Hotelkette sei dabei und Bauträger für Wohnungen und Büros. „Ich will meine Kirche aber nicht verkaufen. Der Hauptbahnhof wird unsere Quelle an Gläubigen. Wir werden das einzige Gotteshaus im neuen Viertel sein.“ Manche der Interessenten reagierten, indem sie Sakralräume in ihre Pläne miteinbezogen. Pesel rollt den Plan wieder zusammen. „Ich weiß noch nicht“, sagt er. „Ich muss noch überlegen. Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht so aus.“

Heute reißen sich Baufirmen und Investoren um das, was hundert Jahre lang toter Winkel war. 3D-Pläne von Gemeinde und ÖBB zeigen, wie die Gegend in einigen Jahren ausschauen wird. Auf ihnen ist die Rieplstraße von Glas- und Stahlbauten umgeben, die einen lebendigen Stadtteil formen sollen. In der Nähe hat die Gemeinde bereits mit dem Bau einer Genossenschaftswohnanlage begonnen. Ein anderer Neubau wird direkt an die Häuser der Rieplstraße anschließen. Seine Funktion ist noch nicht klar, sagt Hauptbahnhof-Sprecherin Kastner. Fix ist aber, dass er kommt.

2019, wenn das Viertel fertig ist, wird die Rieplstraße keine Sackgasse mehr sein. Sondern ein Tor in den Stadtteil. Statt der Betonmauer an ihrem Ende wird eine neugebaute Verlängerung ins Grätzel führen und dort in eine Hauptstraße münden. Dieser neue Teil der Rieplstraße wird Gombrichgasse heißen, nach dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wo Rieplstraße und Gombrichgasse aufeinandertreffen, wird eine weitere Straße abzweigen und zurück zur Sonnwendgasse führen – im Verlauf entspricht dies der alten Seyfriedstraße.

Das geplante Dreieck ist exakt jenes, das vor 100 Jahren schon einmal existierte. Vorläufig jedoch hat die Straße, die einst Seyfriedstraße hieß, noch keinen neuen Namen.

Erschienen im Falter 45/2010

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