Monatsarchiv: Oktober 2010

Ein Bus für drei Millionen

Rundkurs: Joseph Gepp

Es ist ein strahlend heller und kalter Tag, und von den Bäumen wirbeln Blätter in allen Farben des Herbstes. Perfekt für eine Fahrt mit Wiens wohl friedlichster Buslinie.

Sie trägt die Nummer 106, „Rundkurs“ steht auf der Frontseite des Dr.-Richard-Wagens. Ein junges Pärchen hat Platz genommen und spricht flüsternd über irgendein Begräbnis vor sieben Jahren. Ein alte, weißhaarige Frau sitzt weiter vorne. Der Chauffeur redet am Handy noch über Wurst- und Käsebrote, bevor er den Motor anlässt.

Es war 1957, als die einsetzende Massenmotorisierung der Verwaltung des Zentralfriedhofs in Simmering zu viel wurde. Seitdem soll eine Zufahrtsgebühr von heute 2,20 Euro verhindern, dass zu viele Privat-Pkws den zweitgrößten Friedhof Europas befahren. Weil die Maut aber manchen finanz- und gehschwachen Besuchern die Pflege der Familiengruft erschwerte – immerhin ist der Friedhof fast so groß wie die Innenstadt –, folgte im Jahr 1971 die Gründung der Buslinie 106, die im Uhrzeigersinn durch die Anlage fährt.

Ob noch eine zweite europäische Stadt über eine eigene Friedhofsbuslinie verfüge? Das wisse er nicht genau, sagt Anton Köfmüller von der Bestattung Wien, der in einem der prachtvollen Jugendstilbauten neben dem Haupttor sitzt. In Hamburg-Ohlsdorf werde der größte Friedhof Europas jedenfalls von einer Busroute angeschnitten. Aber das sei nicht dasselbe, der Zentralfriedhof habe seinen Bus ja exklusiv.

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Wiens wohl friedlichste Buslinie: Der 106er fährt alle 30
Minuten über den Zentralfriedhof
(Foto: euxus.eu)

Er fährt durch einspurige Alleen, die sich schnurgerade durch die Gräberreihen ziehen. Wo ein Gründerzeit-Schild die Gruppe 23 anzeigt, machen sich zwei alte Frauen durch Winken bemerkbar. Sie erklimmen mühevoll die Stufen ins Businnere.

Das Erste, was auffällt, ist, dass am Friedhof mehr Verkehr als angenommen herrscht. Taxis, Pritschenwagen mit Arbeitern und gar nicht wenige private Pkw kreuzen den Weg des 106er – es gilt die Rechtsregel. Des Weiteren überrascht, dass sich zwischen den Gräbern enorm viel Freifläche befindet. Drei Millionen Menschen wurden seit 1874 hier bestattet, und trotzdem verteilen sich in den rückwärtigen, abgelegenen Teilen des Friedhofs manchmal zwei Handvoll Gräber über eine große Wiese. Wie zufällig hingeworfene Felsbrocken sehen sie aus.

Nach einiger Zeit kommt eine Lautsprecherdurchsage, „Station 4“ verkündet sie, leider nur eine Zahl. „Station 5“ wird immerhin schon durch das Wort „Gärtnerei“ ergänzt, passenderweise steigt eine Frau mit Gießkanne zu. Bei „Station 6 Halle“ ziehen sich ziegelsteinerne Wirtschaftsgebäude das Fenster entlang. Bei Station 8 murmelt das junge Pärchen etwas von „Faszination Friedhof“. Bei Station 9 steigen zugleich drei alte Damen zu. Jetzt überbietet die Linie 106 in ihrer Besetzung schon so manchen Waldviertler Regionalzug.

Die Gräber wechseln sich ab mit diversen Einrichtungen zu ihrer Erhaltung, Wasserhähnen zum Beispiel oder betonierten Einfassungen für Biomüll („Kränze, Buketts, Blumen, Gras …“). Krähen sitzen auf den Grabstellen, die sich hier naturgemäß in allen Formen finden, vom gediegen verwitterten Biedermeier-Mausoleum zum trashigen 1980er-Marmorherz.

Unfälle? Jeden Tag zwischen neun Uhr und halb fünf fahre der Bus im Halbstundentakt, antwortet Anton Köfmüller, trotzdem habe es bisher „nur kleine Blechschäden“ gegeben. Und damit das auch so bleibt, fährt der Bus an einem Tag im Jahr nicht: zu Allerheiligen.

Erschienen im Falter 43/2010

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Endstation Reumannplatz

Text Joseph Gepp

Irgendwo in den Tiefen der U1, zwischen Südtiroler Platz und Keplerplatz, passiert man die Wiener Stadtgrenze.

Formell unterquert die U-Bahn ab hier Favoriten, Wiens zehnten Gemeindebezirk. Informell hat sie eine Art Nebenstadt erreicht. Denn Favoriten – mit 170.000 Einwohnern theoretisch viertgrößte Stadt Österreichs – hat einen eigenen lokalen Charakter, ein eigenes Straßenbild, eine eigene Prägung. Vom breiten Südbahnhofareal seit jeher vom Rest der Stadt abgetrennt, spielt es unter Wiens Bezirken eine Sonderrolle. Und wie sich die anfühlt, erfährt man, wenn man schließlich die U-Bahn verlässt. Am Reumannplatz, der U1-Endstation und dem Hauptplatz von Favoriten.

Menschenmassen schieben sich an diesem Knotenpunkt hin und her, von U-Bahn zu Buslinie zu Straßenbahn. Die Architektur ist schlicht und funktional, die Geschäfte migrantischer als im Rest der Stadt. Die Gestaltung ist eher 70er-Jahre-sozialistisch denn altwienerisch-gründerzeitlich. Kugellaternen werfen mattes Licht; unter efeuumrankten Zierbögen aus Beton vertreiben sich Jugendliche die Zeit.

Bevölkerungsumfragen und Kundenfrequenzmessungen zeigen, dass Favoritner ihren Bezirk vergleichsweise selten verlassen. Warum auch? Wie es sich für eine Nebenstadt gehört, findet sich alles Notwendige hier. Die Favoritenstraße, die gleich an den Reumannplatz anschließt, bildet samt Viktor-Adler-Markt eines der größten Einkaufsareale der Stadt. Zwischendrin liegen ausgedehnte Wohnviertel mit Schulen und Freizeiteinrichtungen.
Am Reumannplatz selbst stammt das prunkvollste Gebäude – wie passend! – nicht aus der Donaumonarchie, sondern dem Roten Wien: das turmbekrönte Amalienbad von 1926, das vielleicht schönste Hallenbad Europas. Gleich gegenüber liegt ein Wiener Unikat aus den 50ern: der – in Einrichtungsstil wie Speisekarte – einzigartige Eissalon Tichy, der auch viele Rest-Wiener nach Favoriten lockt (Sonst kommen sie gemeinhin ebensowenig hierher wie die Favoritner nach Rest-Wien).

In diesem Sinn: Auf zum Reumannplatz! Man fährt ja nicht alle Tage in eine andere Stadt.

EIS ESSEN

Tichy
1952 von Kurt Tichy eröffnet und heute wohl der beste Eissalon der Stadt. Allein die arbeiterkammerbarocke Innengestaltung lohnt schon den Besuch. Legendäre Spezialität: Eismarillenknödel.
Reumannplatz 13, 1100
01 604 44 46

TÜRKISCH ESSEN
Kümmeltürk
Unweit des Reumannplatzes liegt eins der besten türkischen Restaurants Wiens – neben klassischen Gerichten gibt es eine große Auswahl türkischer Pizzen.
Rotenhofgasse 11, 1100
01 60 22 038


KAFFEE TRINKEN

Viktor-Adler-Markt
Jeden ersten Samstag im Monat gibt’s von 6 bis 17 Uhr einen Bauernmarkt mit rund 60 Ständen. Oder man besucht dem Viktor-Adler-Markt einfach so, trinkt türkischen Kaffee mit Lokum und genießt die Favoritner Parallelatmosphäre. Empfohlen, solange man draußen sitzen kann.
Viktor-Adler-Platz, 1100
Mo–Fr 6–19.30 Uhr (Gastronomie 6–22 Uhr)

ALTES KAUFEN
RES ANTIQUA

Favoriten meets Harry Potter: Ein idyllisch-vollgestopftes Antiquitätengeschäft in einem idyllisch-versteckten Innenhof. Ein Geheimtipp, wie er sich auch sonstwo in Wien nicht leicht findet.
Erlachgasse 85, 1100
Mo–Fr 10–18 Uhr

T-SHIRTS TRAGEN
REUMANNPLATZ
Der Designer Thomas Kreuz gestaltet T-Shirts mit der Aufschrift „Reumannplatz“ – neben dem Riesenrad! Für Mann, Frau und Kind, mehrere Größen und Farben, zu bestellen im Internet.
Westbahnstraße 7, 1070
reumannplatz.com

BAUSTELLE SCHAUEN

BAHNORAMA
Favoritens jüngste Sehenswürdigkeit: Von Europas höchstem Holzturm lässt sich seit kurzem die gewaltige Baustelle Wien-Hauptbahnhof überblicken. Inklusive Ausstellung und Kaffeehaus.
Favoritenstraße 51, 1100

Erschienen im Best Of Vienna 2/2010

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Die andere Seite

Die Donaustadt ist Wiens größter und am schnellsten wachsender Bezirk. Und obwohl dort kaum Migranten leben, wählt jeder Dritte FPÖ. Wie kann das sein? Eine Suche am anderen Flussufer

Reportage: Joseph Gepp

Weit draußen über der Donau, wo Fasane aus Böschungen flattern und Nebel über flachen Feldern hängt, steht die Schafflerhofsiedlung. Es sind Einfamilienhäuser mit Gärten, die sich einige rasterförmig angelegte Straßen entlangziehen. Kürzlich ist die Stadt hierher gekommen, findet Franz Höger. Er lenkt seinen roten Citroën im Schritttempo durch die Straßen und zeigt, was er damit meint.

Höger, 63, ist pensionierter Techniker der Wiener Linien. Er trägt Schnurrbart, Bundfaltenhose, ein weißes Hemd lugt aus dem V-Ausschnitt seines Pullovers hervor. Er ist ein schlichter und ordentlicher Mann. Keiner, der Probleme macht. Aber das hier regt ihn auf.

„Schauen Sie!“ Er deutet aus dem Fenster. Nagelneue Gehsteige laufen die Gartenzäune entlang. „Gehsteige haben die hier angelegt. Für die wir bezahlen müssen und Grund abtreten.“ Auch sein eigenes Häuschen werde bald zum Gehsteig verdonnert, sagt er kopfschüttelnd. Den Ärger darüber durchsetzen Momente der Einsicht. „Gut. Wien ist eine Stadt. Und in einer Stadt müssen Gehsteige halt sein. Aber wer, frag ich Sie, braucht die denn hier?“

Städtische Gehsteige kommen ins ländliche Essling, einen Bezirksteil der Donaustadt, eine Busreise von der neuen U2-Endstation Aspernstraße entfernt. Und Franz Höger hat bei der Wien-Wahl vor einer Woche zum zweiten Mal in seinem Leben FPÖ gewählt. Auch deshalb, sagt er. Aber er fühlt sich dort generell angenommen. Und nicht nur er – in Högers Esslinger Wahlsprengel hat die FPÖ sogar die regierende SPÖ überholt.

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Noch fehlen in seiner Welt die Gehsteige: Franz Höger,
Pensionist und FPÖ-Wähler, in seiner Siedlung

Foto: Heribert Corn

Dabei sollte das alles überragende Erfolgsrezept der Freiheitlichen im fernen Essling nicht wirken. Migranten gibt es hier kaum. Keine Türkenkinder in Parks, keine Moscheen im Hinterhof, keine Sprachschwierigkeiten an Schulen. Woanders tobt der Kampf ums Abendland, hier tobt der Kampf um Gehsteige.

Etwas abgeschwächt gilt das Esslinger Paradoxon für den ganzen 22. Wiener Bezirk. Im flächenmäßig größten und mit 154.000 Einwohnern bevölkerungsmäßig zweitgrößten Bezirk hinter Favoriten haben 22,9 Prozent der Bewohner Migrationshintergrund. Das ist der drittniedrigste Wert hinter Liesing und Hietzing. Verdrängungsängste müsste es also keine geben. Dazu kommt der höchste Grünraumanteil Wiens; viele Bewohner wohnen im Eigenheim plus Garten. Zwölf Tage vor der Wahl eröffnete der Bürgermeister mit Pomp und Trara die neue U2-Verlängerung Aspernstraße. Kurz danach verlor die SPÖ in der Donaustadt zehn Prozent. Die FPÖ dagegen errang mit einem Drittel der Stimmen ihr viertbestes Ergebnis wienweit.

Die Donaustadt ist anders. Hier gibt es keine dicht aneinandergereihten Gründerzeithäuser wie auf der anderen Flussseite. Hier drängen sich stattdessen niedrige Bauernhäuser um Plätze, die oft „Hauptplatz“ heißen. Die Donaustadt ging aus Bauerndörfern des Marchfelds hervor, das einst bis hier herein reichte. Kagran heißen sie, Breitenlee, Stadlau, Aspern, Essling. Zwischen ihren alten Kernen steht wie Fugenmasse Neubau in Form von Reihen- oder Einfamilienhäusern, etwa Franz Högers Schafflerhofsiedlung. Die Donaustadt ist gewissermaßen die österreichische Form des US-Suburbs, der Eigenheimwüste am Stadtrand. Nur hat der 22. noch Acker übrig, aus dem Bauten sprießen können. Also wird das transdanubische Boomdorf größer. Baukräne drehen sich allerorten. In keinem Bezirk wächst die Bevölkerung schneller als in der Donaustadt. 20.000 Zuzügler oder 15 Prozent Zuwachs sind es seit 2001.

Die Reihen- und Einfamilienhäuser sind aber nicht die ganze Wahrheit. In manchen Teilen der Donaustadt zeigt sich auch das altbekannte Wiener Straßenbild. Altbaugrätzeln oder Gemeindebauten stehen zum Beispiel in Kagran, Gebäude in Glas- und Stahlarchitektur auf der Donauplatte. In diesen Vierteln ist der Migrantenanteil etwa gleich hoch wie im Rest der Stadt. Liegt hier das Erfolgsgeheimnis der FPÖ? Strahlen die Probleme dieser Orte aus bis in die Schafflerhofsiedlung? Vielleicht reüssiert die Rechte gar nicht so sehr im charakteristisch transdanubischen Suburb. Sondern dort, wo die Donaustadt ausschaut wie der Rest von Wien und mit täglichen Wiener Problemen kämpft.

Einen schönen Blick auf den Donaupark hat man von hier, sagt Josef Gerstmayer und zeigt aus seinem Fenster im dritten Stock. Darunter erstreckt sich groß und dichtbewachsen der Park, dessen Blätterdach nur der Donauturm durchstößt.

Josef und Christine Gerstmayer, IT-Konsulenten, Mitte 40, wohnen auf der Donauplatte, U1 Kaisermühlen. Im Schatten der gläsernen Türme, die seit den 90er-Jahren hier entstehen, hat man auch Genossenschaftsbauten gebaut. Die Fassade jenes, in dem die Gerstmayers wohnen, zieren Sprüche von H.C. Artmann. Draußen huschen Männer mit Krawatten zwischen Firmenportalen und U-Bahn hin und her.

gerstmayers
Nirgends ist der 22. Bezirk städtischer als hier: die
Gerstmayers auf der Donauplatte
(Corn)

Einst sollte die Donauplatte Mittelpunkt Transdanubiens werden, modernes Gegenstück zur Wiener Innenstadt. Heute ist vor allem von Planungsfehlern die Rede. Als Erfolg rathausgesteuerter Stadtplanung gilt das Neubauviertel nicht. Die Gerstmayers, die vor elf Jahren von südlich der Donau hierherzogen, beklagen die Unbelebtheit des Grätzels, den Lärm der Donauuferautobahn und den Wind, der zwischen den Türmen pfeift. Ein Fall für eine Protestpartei, sollte man meinen. Ein Fall für die FPÖ.

Aber im Gegensatz zu Franz Högers Essling konnte sie hier nicht Fuß fassen. In Gerstmayers Sprengel stimmten sieben Prozent für die Freiheitlichen. Dafür lagen die Grünen jenseits der 20. „Die haben sich von Anfang an für unsere Probleme stark gemacht“, sagt Josef Gerstmayer. „Aber auch davon abgesehen würden die Leute hier nicht FPÖ wählen. Obwohl es so ziemlich alle Migranten gibt, die man sich denken kann.“ Viele der Nachbarn arbeiten in der nahen Uno-City, ergänzt Christine. Oder zogen auch aus anderen Bezirken zu.

Will man also verstehen, warum die FPÖ in der Donaustadt trotz fehlender Migranten erfolgreich ist – auf der Platte ist man falsch. Vielleicht muss man stattdessen dorthin, wo klassische FPÖ-Themen als wichtiger erachtet werden. Wo die Rechtspopulisten der Sozialdemokratie angeblich scharenweise Wähler abjagen: in den Gemeindebau.

Wie eine Vorhut stehen beim Aufgang zur Kagraner Rennbahnwegsiedlung die Sozialbüros der Gemeinde für ein friedliches Miteinander. „Wohnpartner“ und „Nachbarschaftsbüro“ heißen sie hier. 8000 Menschen leben in den verrufenen Plattenbauten am Rennbahnweg, zwei U1-Stationen nördlich des Donauzentrums gelegen, gruppiert um eine verglaste Einkaufspassage. Sie beherbergt neben Penny-Markt und Café Plauscherl einen Kiosk, der zugleich als Greißler, Beisl und Treffpunkt alteingesessener Rennbahnweg-Bewohner dient.

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70er-Plattenbau, sozialarbeiterisch betreut: die
Rennbahnwegsiedlung
(Corn)

Die Astra-Moden nebenan sind jetzt ein Kebabstand, klagt die Chefin, der Fleischhacker ist ein Wettcafé. Sie erzählt Geschichten, wie man sie in vielen Wiener Gemeindebauten hört. Am einzigen Tisch des Kiosks trinken Männer Wieselburger und steigen in die Debatte ein. In die Schulen darf man neuerdings keine Torte mehr zum Kindergeburtstag schicken, sagen sie, weil die Ausländer die Butter nicht wollen. Im Stiegenhaus lagen letztens aufgebissene Sonnenblumenkerne, eh klar. Und wer ein Geschäft eröffnen will, der setzt sich am besten gleich ein Kopftuch auf. Weil Steuern zahlen die Ausländer ja auch nicht.

Hin und wieder aber entwischen der Runde auch relativierende Töne. „Die Unsrigen führen sich auch auf“, räumt die Chefin einmal ein. Und: „Kinder abschieben ist schon brutal.“ Die Stimmung im Kiosk ist zwar ressentimentgeladen, aber nicht blanker Hass – was Fachleute auch der sozialarbeiterischen Betreuung zuschreiben, die die Gemeinde ihren Bauten angedeihen lässt. Sie zeigt sich auch im Wahlausgang: Trotz Verlusten errang die SPÖ am Rennbahnweg 54 Prozent. Wo also tatsächlich Migranten leben, wo sich tatsächlich prekäre soziale Situationen in Einsamkeit und Verwahrlosung äußern, dort können die Sozialdemokraten ihren eindeutigen Vorsprung halten. Der Rennbahnweg ist ein Gemeindebau wie andere, kein Donaustädter Spezifikum. Warum die FPÖ in der Donaustadt trotz fehlender Migranten dermaßen erfolgreich ist, erklärt er nicht.

Aber was erklärt es dann?

Nein, Probleme mit Ausländern gebe es in Essling keine, sagt Franz Höger, der Mann mit den Gehsteigen. Nach der Autofahrt sitzt er im Queen-Beisl im Dorfkern. Er kenne aber solche Schwierigkeiten von seiner alten Gemeindewohnung in Simmering. Höger erzählt von überfüllten Straßen, wenn die Moslems nach dem Freitagsgebet aus der Moschee traten. Straches „Wiener Blut“-Kampagne unterstützt er deshalb voll. Aber Ausländer in Essling? Nein, gar nicht.

Es sind andere Dinge, beginnt er. Die Gehsteige der Schafflerhofsiedlung. Die Lkw in seiner Gasse, die das ganze Wohnzimmer zum Beben bringen. Die Baugrube in der Nähe, die kürzlich so schlampig zuasphaltiert wurde, dass jetzt beim Drüberfahren das ganze Auto wackelt. Der Versuch vor Jahren, wegen seiner Simmeringer Wohnung einen Termin beim SPÖ-Wohnbaustadtrat Faymann zu bekommen. Die Bürgermeister Gratz und Zilk habe er noch persönlich gekannt, sagt Franz Höger. Faymann aber wollte und wollte ihn nicht empfangen.

Die Worte klingen nach Grätzelfrust und dem Gefühl, überhört zu werden. Sie klingen nach Ärgernissen, die plötzlich auftauchen und sich nie ganz verhindern lassen. Aber auch nach echten Problemen, für die Höger Lösungen fordert. Aber warum sucht er sie – gemeinsam mit so vielen anderen – bei der FPÖ?

Gerade hier, am nordöstlichen Stadtrand, wo Leute wie Höger in Einfamilienhäusern wohnen, zeigen Sprengelergebnisse den größten Erfolg der Rechtspopulisten. Nicht auf der Donauplatte und am Rennbahnweg, hier liegt die blaue Basis. Hier wurde die SPÖ ein-, gar überholt. Hier ist die FPÖ beispielsweise um rund zehn Prozentpunkte stärker als in Rudolfsheim-Fünfhaus, der ärmsten Gemeindeeinheit Österreichs mit 47 Prozent Migranten.

Es gibt eine große Verunsicherung im Bezirk, sagt fünf Kilometer entfernt Hans Randa, katholischer Pfarrer von Stadlau. Ein zwiespältiger Zustand greife um sich. Das sei nicht nur schlecht. Seit beispielsweise die U2 verlängert wurde, erreiche man die Innenstadt in einer Viertelstunde. Andererseits, sagt der Pfarrer, „wird hier versucht, etwas Dörfliches entstehen zu lassen“. Wie um zu verhindern, dass Stadlau immer näher an die Stadt rücke, gebe es immer öfter Adventpunschstände, Bauernmärkte oder Kirtage. Je mehr Stadlau Stadt wird, desto mehr will es Dorf sein.

Randa ist ein engagierter Priester; er leistet Sozialarbeit, kennt die Probleme vor Ort. Manche hier wissen nicht, wie ihnen geschieht, sagt er. Sie fürchten die Veränderung. Zum Beispiel, dass Stadlau eines Tages zur Kurzparkzone wird. „Und dann passiert irgendetwas mit Ausländern. Irgendeine Kleinigkeit in der Schule zum Beispiel“, sagt Randa. „Und plötzlich ist alles ganz klar.“

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„Einen zwiespältigen Zustand“ ortet der Stadlauer Priester Hans Randa (Corn)

Nicht die Ausländer machen die Donaustädter zu FPÖ-Wählern – sondern der Wandel, die Veränderung, die Verstädterung. Die Gehsteige der Schafflerhofsiedlung. Der Bezirk steht zwischen Stadt und Land, „zwischen den Stühlen“, sagt Randa. Das schaffe eine verstörende Dynamik.

Wer diese Erfahrung aus der Donaustadt auf ganz Wien umlegt, erkennt, dass die FPÖ weniger von Migrantenanteilen und realen sozialen Problemen profitiert als von rasanter Bautätigkeit und Veränderungen im Straßenbild. Die größten Zugewinne gab es in Simmering, Favoriten, Floridsdorf und Donaustadt. Das sind allesamt Randbezirke, in denen viel gebaut wird, wo sich Stadtviertel ändern und ein großes Bevölkerungswachstum stattfindet.

In den Bezirken Ottakring, Rudolfsheim-Fünfhaus und Hernals dagegen – stark migrantisch geprägt – blieb die FPÖ unter den Erwartungen. Dort ist die Dynamik der Veränderung schwach. Diese Bezirke sehen seit hundert Jahren relativ gleich aus: Auf gürtelnahe Altbauten folgen in einiger Entfernung Cottageviertel. Da bleibt kein Platz für große Bautätigkeit und Zuzug.

Oder Liesing, 23. Bezirk: Hier leben noch weniger Migranten als in der Donaustadt, und die Bevölkerung ist einigermaßen wohlhabend. Allerdings ergaben Zuzügler aus zentralen Stadtteilen ein Bevölkerungswachstum von zehn Prozent seit 2001. Fazit: 28 Prozent wählen FPÖ.

Nicht Integrationspolitik ist also das rechte Erfolgsgeheimnis. Nicht das Ansprechen angeblich echter Probleme. Sondern die Angst der Menschen vor Wandel und Verstädterung. Wo die Zukunft eines Viertels noch ungewiss ist, wo die Stadt offen, formbar und wachsend ist – dort gewinnt die FPÖ. Und ist die Verstädterung abgeschlossen, ziehen wie auf der Donauplatte Zuzügler in fertige Viertel – dann bleibt die FPÖ schwach.

Ja, sagt Franz Höger im Queen-Beisl, er habe Angst vor der Zukunft. Absolut. Es werde so viel gebaut hier. Neubauten schießen aus dem Boden wie Pilze. Gleich hinter seinem Haus entsteht etwa hinter einem Lärmschutzwall das neue Stadtviertel Aspern. 20.000 Menschen sollen wohnen, wo derzeit eine alte Flugpiste seit Jahrzehnten brachliegt. Wer weiß, wie viele von ihnen Ausländer, sagt Franz Höger.

Aber muss man sich denn auch vor denen fürchten? Schließlich zahlen jene, die dorthin ziehen, 30.000 Euro Genossenschaftsbeitrag, bevor sie überhaupt einen Fuß in die neue Wohnung setzen. Ob In- oder Ausländer, es werden wohl mittelständische Kleinfamilien kommen, die sich wie alteingesessene Donaustädter über den Grünraum und die Stille freuen.

Eh, antwortet Franz Höger. Stimmt schon. Aber wer weiß.

Link: Die Wien-Wahl-Ergebnisse in der Donaustadt (und anderen Bezirken)

Erschienen im Falter 42/2010

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Self-Storage-Spende: warum eine Lagerfirma Erdäpfelpüree bunkert

Normalerweise, sagt Sprecherin Alexia Gerhardus, würden die Kunden in ihrer Firma zum Beispiel Ski einlagern, weil man die nur im Winter braucht. Oder kurzfristig ganze Wohnungseinrichtungen, wenn der neue Verputz nicht rechtzeitig trocken geworden ist. Seit gestern aber stehen in einem der vielen Mietabteile der Self-Storage-Firma My Place am Gürtel palettenweise Reis, Erdäpfelpüree, Dosen mit Kidney-Bohnen und passierten Paradeisern. Seit dem Welthungertag am vergangenen Samstag können Spendenwillige originalverpackte und haltbare Lebensmittel in den sieben My-Place-Filialen in Wien abgeben. Von dort werden sie an die Wiener Tafel weitergeleitet. Zehn bis zwölf Leute waren seither schon hier, sagt Robert Diermair, der die Waren in Empfang nimmt. Wenn jemand kommt, nimmt der Angestellte den Schlüssel mit dem grünen Anhänger vom Pult und schiebt die Spenden auf seinem Handwagen nach hinten ins blechverkleidete Lager.

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„Über-Lebensmittel für Bedürftige“ lautet das Motto der Aktion.
In den sieben Wiener Filialen von My Place können Lebensmittel
für die Wiener Tafel gespendet werden. Robert Diermaier führt
sie dann ins Lager

Foto von Heribert Corn

Erschienen im Falter 42/2010

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Entschuldigung, dass es uns gibt

Wie jedes Jahr: die Heeresleistungsschau am Heldenplatz

Unterschwellig tendiert das österreichische Bundesheer stets dazu, sich für seine Existenz zu entschuldigen. Ob das angebracht ist oder nicht, sei dahingestellt. Unvergessen ist jedenfalls die praktische schwarz-braune Sporttasche, die jeder Wehrpflichtige zu seiner Uniform bekommt und nach Ablauf seines Militärdienstes behalten darf. Einer der Sprüche darauf: „Der Zweck fordert Mittel“. Jemand, dessen Zweck zweifelsfrei feststeht, würde das wohl nicht betonen müssen.

Also gilt es am Nationalfeiertag, die „Vielseitigkeit und hochmoderne Ausrüstung“ des Heers vorzuführen.

Die jährliche Leistungsschau der Truppen am 26. Oktober am Heldenplatz fühlt sich ein wenig an wie der Spruch auf den Taschen. Offizielles Motto: „Schutz und Hilfe, Mensch und Technik“. Inoffizielles Motto: „Ihr wollt uns zwar nicht, aber auch wir haben einen Sinn, und das zeigen wir euch heute mal“. Dieser Grundton lässt das Spektakel nicht unbedingt patriotisch oder gar kriegerisch-martialisch erscheinen. Eher wirkt es kurios und dadurch sogar ein bisschen sympathisch. Sozusagen als Ausdruck des Dilemmas von Streitkräften in demokratischen Gesellschaften.

Es gibt das übliche Einmal-im-Leben-in-einen-Panzer-Steigen oder Einmal-einen-Eurofighter-Betatschen. Dazu Würstchen, Langos, von Menschenmassen umringte Hubschrauber und junge Abkommandierte, die auf Heurigenbänken zu Schauzwecken undefinierbares Gestänge aus der „hochmodernen Ausrüstung“ zusammenschrauben. Dazu kommt ein Showexerzieren der Garde für das US-Marines-Feeling. Die Edlseer sorgen für gediegene musikalische Untermalung. Und als Höhepunkt des Ganzen fungiert wie üblich die Angelobung der jungen Rekruten, standesgemäß mit Zapfenstreich der Gardemusik und in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer.

Nicht lange danach dürfen die Rekruten ihre Sporttasche verdientermaßen nach Hause mitnehmen.

Heldenplatz, Di 9.00

JOSEPH GEPP

Erschienen in der Falter-Woche 42/2010

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Das rostrote Erbe

Der Dammbruch von Kolontár öffnet die Augen dafür, was im ehemaligen Osten alles unter und über der Erde liegt

Reportage und Fotos: Joseph Gepp, Kolontár

Am Montag, dem 4. Oktober, um 12.25 Uhr, geht Imre Fuzessy, 63 Jahre, hinter sein Haus, um die Hasen im Käfig zu füttern. Ein paar Häuser weiter legt sich János Szanyi, 85, zur gleichen Zeit zum Mittagsschlaf nieder. Seine Frau Karolina, 84, tritt währenddessen in den Garten hinaus.

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Die Welle sei um die Mittagszeit über das Dorf gerollt, weswegen hauptsächlich alte Menschen zu Hause waren, erzählt zehn Tage später eine Sprecherin des ungarischen Katastrophenschutzes. Nur deshalb seien neben 150 Verletzten lediglich acht Tote zu beklagen – und nicht einige hundert.

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Die Szanyis waren aber zu Hause, ebenso Fuzessy. Sie wurden Opfer einer der größten Umweltkatastrophen der jüngeren europäischen Geschichte. Die Welle, die bis ins Schlafzimmer von János Szanyi vordrang, war zweieinhalb Meter hoch. Eine Milliarde Liter rostroter Schlamm ergoss sich über das westungarische 850-Einwohner-Dorf Kolontár und umliegende Ortschaften. Die Brühe bestand aus Eisenoxid, ätzender Natronlauge und, wie sich erst später herausstellte, hochgiftigem Arsen und Quecksilber.

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Imre Fuzessy hat überlebt, weil die Tür zu seinem Bauernhaus ein paar Stufen über dem Bodenniveau liegt. „Ich bin ins Haus gerannt, der Schlamm hinter mir. Danach bin ich auf einen Sessel geklettert und dann auf den Tisch, der Schlamm hinter mir. Knapp unter der Tischplatte ist er dann stehengeblieben.“ János Szanyi dagegen erlag nach wenigen Tagen im Spital seinen Verletzungen. Seine Frau ist vermisst. Nur ihre Krücke wurde bisher gefunden, sie steckte hinter dem Haus im Schlamm.

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Magyar Aluminium heißt die Firma, die den giftigen „Rotschlamm“, wie er genannt wird, in einem 500 mal 500 Meter großen Becken unweit von János Szanyis Haus deponierte. Er ist ein Abfallprodukt der Alu-Produktion.

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Wer von Szanyis Haus über die Felder geht, sieht den Beckenrand. Er gleicht einem begrünten, etwas überdimensionierten Bahndamm. Wer noch ein wenig weitergeht, sieht in diesem Damm einen etwa dreißig Meter breiten Spalt klaffen.

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Am vergangenen Freitag staksten schutzbebrillte Männer in weißen Plastikanzügen, halb in der roten Brühe versunken, durch das kontaminierte Gelände, das vorher Kolontár war. Soldaten mit Atemmasken sprangen von Lastwagenladeflächen und fassten Schaufeln aus. Der Schlamm hatte Autos in Hinterhöfe geschwemmt, wo sie neben Hühnerkadavern liegenblieben. Der Geruch fauligen Wassers mischt sich in Kolontár mit dem von Eisen. Als würde man eine rostige Leiter hinaufklettern und dann an den Händen riechen.

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Die Ursache des Unfalls ist noch nicht bekannt. Umweltorganisationen spekulieren, dass das Becken schlicht übervoll war. Ausgehoben wurde es 1985, zu kommunistischer Zeit. Nach der Wende verkaufte der Staat Magyar Aluminium billig an Zoltán Bakonyi und Lajos Tolnay, zwei ehemalige Parteikader, die heute zu den reichsten Unternehmern Ungarns zählen. Ein vom WWF publiziertes Foto lässt darauf schließen, wie die beiden Geschäftsleute mit dem kommunistischen Erbe umgingen: Das Bild zeigt bereits im Juni 2010 rote Rinnsale, die durch den undichten Damm in die Felder Kolontárs sickern. Zoltán Bakonyi wurde vergangenen Montag in U-Haft genommen.

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Kolontár hat aufgezeigt, dass auch 20 Jahre Marktwirtschaft und europäische Integration eine gefährliche Altlast des Kommunismus nicht entschärfen konnten: Überall im Osten wurden unrentable Industriebetriebe und Schrottdepots nach der Wende billig verkauft. Die Privatisierungen waren undurchsichtig, die Umwelt- und Sicherheitsstandards totes Recht.

Im Jahr 2000 geschah im rumänischen Baia Mare ein ähnlicher Unfall, als eine Golderzaufbereitungsanlage barst und chemisch verseuchtes Wasser in die Donau rann. Der WWF warnt nun vor Schrottbetrieben in Serbien und Bulgarien. Im nordungarischen Almásfüzitö steht zudem ein weiteres Rotschlammbecken – im Unterschied zu jenem in Kolontár exakt fünf Meter vom Donauufer entfernt. Demnach könnte ein Vorfall dort zur Folge haben, was im Fall Kolontár ausgeblieben ist: eine großflächige Verseuchung der Flusssysteme Osteuropas. Im Internet kursieren Bilder von Almásfüzitö, die eine völlig schrottreife Anlage zeigen. Im Gleichklang mit anderen Umweltorganisationen fordert der WWF nun strikte EU-weite Regeln für Industrieanlagen.

Für Österreich befürchtet die Hohe Warte eine mit Schwermetallen angereicherte Staubwolke, sobald der Schlamm als trockener Staub über Ungarn weht – und darüber hinaus.

Kolontár selbst wurde inzwischen zur Gänze evakuiert, weil der Damm zu Falter-Redaktionsschluss ein zweites Mal zu brechen drohte. Außerdem hat Ungarns Premier Viktor Orbán eine Auflassung des am stärksten betroffenen Ortsteils angekündigt. Die Häuser sollten jedoch, wie er beim Besuch der Opfer vergangene Woche sagt, stehenbleiben. Als umzäuntes „Memento für die Ewigkeit“.

Erschienen im Falter 41/2010

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STADTRAND – Das Plakat hängt schief. Und das ist Absicht

Wenn ein kleines Geschäft aufsperrt, zusperrt, ausverkauft oder sonderanbietet, dann verlautbart es dies gemeinhin auf streifenförmigem Buntpapier, das hinter das Schaufenster geklebt wird. Diese Tatsache ist wohl weniger Wien-spezifisch als eher dem Umstand geschuldet, dass kleine Geschäfte im Gegensatz zu großen keine teuren Großplakate affichieren und keine Fernsehwerbung schalten können. Wien-spezifisch ist aber – zumindest ist uns das sonst in keiner Stadt aufgefallen –, dass die Plakate stets schief aufgehängt werden. Ob „Neueröffnung“, „Alles muss raus“ oder „Geschäftsaufgabe“: Hinter dem Schaufenster regiert die Asymmetrie. Was dort geschieht, erinnert ein wenig an die Anordnung von Bravo-Postern in den Zimmern Frühpubertierender. Wie kam es wohl dazu? Wir glauben: Einst hingen alle Plakate gerade. Dann dachte ein findiger Geschäftsmann: Wenn ich meines schief platziere, falle ich mehr auf. Irgendwann begannen alle ihre Plakate schief aufzuhängen. Was wäre wohl heute der Weg, um aufzufallen?

Erschienen im Falter 41/2010

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