Monatsarchiv: September 2010

Ein Handymast ist ein Handymast ist ein Schornstein

In der Josefstadt werden Handymasten hinter Ziegelimitat versteckt. Was Anrainern in der Schönborngasse als „Schornsteinreparatur“ verkauft wurde, war in Wirklichkeit die Aufstellung eines Masts und dessen sofortiges Verbergen hinter Platten mit Ziegelimitat. Für die Aufstellerfirma ist es laut Kurier normal, dass sich Masten ihrem Umfeld anpassen. Die Anrainer jedoch sprechen von Vertuschung und laufen Sturm: Eine Klage, wonach der Mast die erlaubte Bauhöhe überschreitet, wird gerade geprüft.

Erschienen im Falter 37/2010

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Nein, das ist keine Schornsteinreparatur

(Fotos von Michaela Kruck)

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Behörden, Das Rote Wien

STADTRAND – U-Ertüchtigung und Rolltreppenzierzeilen

Früher sorgte der Staat im Großen und Ganzen dafür, dass wir irgendwann unsere Pension kriegen und bis dahin nicht abgemurkst werden. Heute steht Ersteres in den Sternen, weshalb uns der Staat in seiner Weisheit sagt, wir sollen bitte nicht rauchen, gesund essen und Sport machen. Weil wir sture Egoisten dies aber verweigern, hilft der Staat samt seinem Vollstrecker Wiener Linien ein bisschen nach. Zum Beispiel in der U1 Karlsplatz. Dort gibt es in Richtung Oper eine Rolltreppe, die verlässlich nicht funktioniert. Wie eine gebaute Zierzeile schläft sie einen ewigen Schlaf. Wir drängen also mit einer hundertköpfigen Menschenmasse auf die zweite Rolltreppe, turnen über Pensionisten, zertreten beinahe kleine Hunde, betäuben uns im immer empörteren Rechts-stehen-links-gehen-Singsang. Dann grinst uns am Rand des Fiaskos höhnisch eine Werbung der Gemeinde Wien entgegen: „Das beste Fitnessstudio ist eine Treppe.“ Warte nur, Staat! Du hältst dich wohl für witzig. Wirst schon sehen: Wenn wir oben sind, hauen wir uns auf der Stelle eine Käsekrainer rein.

Erschienen im Falter 37/10

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Eingeordnet unter Medien, Stadtrand, Verkehr

Warum echte Olympier zu Burger King gehen (und andere FPÖ-Interna)

Stefan Apfl und Joseph Gepp

Es sind oft die kleinen Zwischentöne, die das Ganze erst verständlich und einschätzbar machen. So vergangenen Donnerstagabend am Viktor-Adler-Markt in Favoriten. Zwei Stunden lang redet sich HC Strache auf der Bühne müde und heiser. Hinten, beim Türken, sitzen derweil Barbara Rosenkranz, Martin Graf und einige Kompagnons. Und am Nebentisch zwei Falter-Redakteure.

Was reden hohe FPÖ‘ler eigentlich so, wenn sie sich unbeobachtet wähnen? Sie reden über Gegendemonstranten und fordern einander auf zuzusehen, wie selbige ihren „Frust ablassen“ (Graf in die Runde). Sie reden darüber, dass sie ihr Referat für die Vertriebenenorganisation noch fertig machen müssen (Graf zu Kompagnon). Sie überlegen, welchem Fast-Food-Lokal sie nachher einen Besuch abstatten. Kriterium: „Ein echter Olympier geht ned zum McDonald‘s, er geht zum Burger.“ (Der rechtsextreme und deutschnationale Politiker Norbert Burger war ein Alter Herr der Olympia, Anm.)

Nach soviel nonchalantem Wortwitz und nachdem die Rede von HC Strache schlicht kein Ende nimmt, entschließt sich Rosenkranz zu gehen. „Meine Herren“, sagt sie, „ich danke für die reschpektvolle Begleitung“.

Erschienen im Falter 37/10

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Eingeordnet unter Kurioses, Worte

Klettern gegen Rechts

Die Naturfreunde und der Alpenverein wehren sich gegen die rechtsextreme Namensgebung und Vereinnahmung von Sportkletterrouten (siehe Panoramaweg Besatzerfraß Falter 30/10). Beide fordern eine Umbenennung der niederösterreichischen Steige. Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer will zudem eine „einheitliche Sprachregelung aller alpinen Vereine“ anregen.

Erschienen im Falter 31/10

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Eingeordnet unter Allgemein

Panoramaweg Besatzerfraß

Kletterrouten rund um Wien tragen rechtsextreme Bezeichnungen

Bericht: Joseph Gepp

Jedes warme Wochenende packen tausende junge Wiener ihre Siebensachen und fahren ins Umland klettern. Die Hohe Wand, das Rax-Schneeberg-Gebiet und manche Stellen im Wienerwald sind die Hot Spots in Tagesausflugsnähe zur Stadt. Die Kletterer reiben die Hände mit Kreide ein und ziehen sich Hänge hinauf. Dicke Kletterführer verzeichnen die Routen samt all ihren Tücken. In der Szene ist es Usus, dass eine Route vom jeweiligen Erstbesteiger kartografiert, mit Haken und Ösen ausgestattet und einem Namen versehen wird.

Die Frage ist nur: Wie lauten diese Namen?

Mitte August sorgte in Schweden ein Fall für Aufregung: Nahe Stockholm trugen Routen Nazi-Bezeichnungen wie „Zyklon B“, „Kristallnacht“ oder „Kleiner Hitler“. Der Herausgeber jenes Kletterführers, in dem diese Namen verzeichnet waren, sprach laut APA von „internen Scherzen“ der Kletterszene. Er selbst war der Namensgeber einiger der Routen.

Nun gibt es einen ähnlichen Fall in Österreich.

Die Routen um Wien sind nicht ganz so direkt benannt wie jene um Stockholm. Sie heißen etwa „Kristalltag“, „Swastikaar“, „Besatzerfraß“, „Heimaterde“, „Totenburg“, „Ewiges Reich“, „Riefenstahl“, „Antreten zum Verrecken“, „Nordreich“ oder „Heil der Eiche“. Manche dieser Ausdrücke versteht man nur im Kontext einer pseudonordischen Mythologie oder der Codes der Rechtsrock-Szene.

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„Ich mach heute den Kristalltag“: Kletter-Hot-Spot Höllental zwischen Rax und Schneeberg (Wikipedia)

So ist etwa „Totenburg“ eine Band aus Thüringen. Der dortige Verfassungsschutz rechnet sie der „NSBM-Musik“ („National Socialist Black Metal“) zu; der Leadsänger nennt sich Jens „Asemit“ Fröhlich. Ähnlich gelagert der Ausdruck „Besatzerfraß“: Dabei handelt es sich um einen Songtitel von „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“; der Liedtext kritisiert Fast Food mittels ständiger Wiederholung der Wortkreationen „McScheiße“ und „McZion“. „Nordreich“ ist wiederum ein Onlinespiel, bei dem unter dem Banner eines reichsadlerähnlichen Geschöpfes ein europäisches Imperium aufgebaut werden soll. Ähnliche Kontexte finden sich auch bei den anderen Routennamen.

Diese tauchen in offiziellen Führern auf, die meist von Kletterfans in Kleinverlagen publiziert werden und etwa in Bergsteigerläden oder Reisebuchhandlungen wie Freytag & Berndt am Kohlmarkt erhältlich sind. Die Namen finden sich auch in Internetforen, wo Kletterer – total apolitisch – über die Vorzüge heimischer Routen sprechen. „Wenn die Route neu ist, kennt noch niemand ihren Namen“, beschreibt ein Insider der Wiener Kletterszene die Problematik. „Aber nach und nach tröpfeln sie ins Bewusstsein der Kletterer. Sie tauschen Erfahrungen aus. Und irgendwann ist der Name der Route ebenso gebräuchlich wie irgendein Orts- oder Straßenname. Dann sagen die Kletterer halt: ‚Ich mach heute den Kristalltag.‘“ Neben Route und Routennamen verzeichnen die Kletterführer auch den Erstbesteiger – also Namensgeber. Im Fall der einschlägigen Routen handelt es sich dabei um den Niederösterreicher Thomas Behm, einen alten Hasen der Szene. Behm gilt als Pionier des ostösterreichischen Klettersports und ist Autor einiger Kletterführer. Kenner loben die liebevolle Machart der Bücher und wundern sich gleichzeitig über die Routennamen.

Knapp vor Redaktionsschluss ließ Behm dem Falter eine schriftliche Stellungnahme zukommen: „Die Namensgebung weist verschiedene Einflüsse auf“, heißt es darin, „nicht zuletzt Namen von Musikgruppen und Liedtiteln.“ Weiters: „Beschäftigung mit Mythologie, Heidentum, Heimatliebe (…) sowie Musik haben für mich jedenfalls nichts mit Nationalsozialismus zu tun – ich lehne diese Ideologie ab“, schreibt Behm. „Andere Interpretationen meiner Routennamen sind natürlich zulässig, aber nicht in meinem Sinne.“

Erschienen im Falter 30/2010

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Eingeordnet unter Allgemein

Verkaufte Säle

Die Sofiensäle wurden verkauft – womit ein weiteres Kapitel einer unendlichen Geschichte beginnt: Wie vergangenes Wochenende bekannt wurde, erwarben die Kärntner Soravia-Brüder die (2001 abgebrannte) Kulturruine von der rathausnahen Arwag, die seit Jahren den Wiederaufbau versprochen hatte. Lange Zeit hatte es geheißen, ein Hotel komme ins denkmalgeschützte Gemäuer im 3. Bezirk – bis dies laut Arwag krisenbedingt unrealisierbar wurde. Nun will die Soravia zwischen Frühling 2011 und 2013 90 freifinanzierte Eigentumswohnungen errichten. Den Bauplatz daneben behält sich die Arwag und errichtet ihrerseits 60 Wohnungen. So etwas nennt man wohl die optimale Ausnutzung hochpreisiger Stadtzentrumsflächen.

Erschienen im Falter 30/2010

 

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung

Thilo Sarrazin schafft sich ab

In seinem neuen Buch erklärt der SPD-Provokateur und deutsche Bundesbanker die ganze Welt mit einem Problem: dem Islam

Rezension: Joseph Gepp

Thilo Sarrazin hat also ein Buch geschrieben. Sarrazin ist jener deutsche Bundesbankvorstand und Berliner Ex-Finanzsenator der SDP, der 2009 Aufsehen erregte, als er in einem Interview mit der Lettre International von der ständigen Produktion „neuer kleiner Kopftuchmädchen“ sprach und vielen Deutschtürken „keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel“ zugestand. Jetzt, im Jahr danach, ist ein 464 Seiten dicker Wälzer erschienen. Als wolle er den eilig hingeworfenen Zuspitzungen Fakten hinterhertragen. Das Buch heißt „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Es strotzt vor Tabellen, Statistiken und Prognosen. Einige davon sind richtig, logisch und nachvollziehbar. Viele sind krudes Zeug.

Deutschland verblödet

Wobei man Sarrazin vorweg eines zugutehalten muss: Er scheint ein echtes Interesse am Verstehen und Erklären zu haben. „Deutschland schafft sich ab“ klingt nicht, als wolle es nur Hass und Angst schüren, auch wenn das ein Nebeneffekt der Lektüre sein kann. Der Autor ist weniger ein Rassist oder einer dieser Seelenfänger mit Fremdes-tut-nix-gut-Attitüde, wie man sie in Österreich häufig findet. Er wirkt eher wie ein Intellektueller, der sich in seinem Denkgebäude verrannt hat. Der in seinem Bestreben, die Gesellschaften des modernen Deutschlands und Europas in ihrer komplexen Gesamtheit zu erfassen, derart viele Faktoren ausblendet und Entwicklungen derart linear fortschreibt, dass das Ergebnis am Ende zwar recht übersichtlich und manierlich klingt. Aber mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat.

Beginnen wir bei den Dingen, bei denen man schnell Sarrazins Meinung sein kann: Über die ganze erste Hälfte seines Werks liefert er eine Bestandsaufnahme deutscher Probleme. Auf oft kluge Weise beschreibt er die Notwendigkeit qualifizierter Bildung, weil Jobs für Ungelernte häufig wegrationalisiert würden. Er beklagt das mangelnde Interesse an Naturwissenschaften, das den Standort Deutschland gefährde. Er warnt vor den Folgen niedriger Geburtenraten und beschreibt den Teufelskreis aus Fehlernährung und Fernsehkonsum, in den Langzeitarbeitslose oft geraten.

Dann aber setzt Sarrazin mit seiner Kernthese an: Die deutsche Bevölkerung schrumpfe und verdumme, ihr Potenzial gehe verloren, sie schaffe sich selbst ab. Hauptursache dafür seien bildungsferne Migranten, ausschließlich Moslems – denn die seien im Gegensatz zu anderen Gruppen absolut nicht lern- und integrationsfähig.

Warum die breite soziologische Analyse der ersten Buchhälfte hier so plötzlich in einer Zuwanderungsdebatte aufgeht, erschließt sich dem Leser nicht. Sarrazin musste wohl seinem Ruf gerecht werden. Überhaupt tritt im zweiten Teil anstelle des erwähnten ehrlichen Verstehenwollens eine Provokationslust und falsch verstandene Konfliktfreude, die sich nicht nur in Sarrazins Thesen äußert, sondern auch in der Wortwahl und diversen Phrasen (jede Menge „Importbraut“, „Morgenland“, „ferne Heimat“ oder etwa „Eroberung durch Fertilität“). Warum, denkt man bei der Lektüre, hat es ein Mann mit offensichtlich exzellentem Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge nötig, in eine solche Richtung abzubiegen?

Moslems verändern sich nicht

Die Fakten, mit denen Thilo Sarrazin dabei argumentiert, sind wahr und allseits bekannt – etwa die unterdurchschnittlichen Schulerfolge muslimischer Migranten, ihre wenig ausgeprägte Bildungsmobilität, der großfamiliär bedingte Hang zum Clandenken. Derartiges als Probleme anzusprechen ist legitim. Sarrazin allerdings tut so, als wäre Deutschlands muslimische Gemeinde eine einzige Clique aus Ehrenmördern und sexuell frustrierten Zeitbomben. Dem Islam, sei er nun pakistanischer, türkischer oder bosnischer Provenienz, spricht er dabei jede Veränderungs- und Entwicklungsfähigkeit ab. Er präsentiert Negativtendenzen als unumstößliche Wahrheiten – und negiert alles Gegenläufige, alle Nuancen und Unterschiede. Und er biegt sich Fakten so zurecht, dass sie seine Thesen möglichst bestätigten.

Dieses Zurechtbiegen bezieht sich weniger auf das statistische Material – mit einigen Ausnahmen wie die anzweifelbaren Ausführungen zur Geschichte der Fertilitätsrate oder die Langzeit-Bevölkerungsprognosen. Es manifestiert sich eher in unzähligen kleinen Weglassungen, wenn Sarrazin seine Gedanken formuliert.

Nur ein paar Beispiele: Es ist schlichter Unsinn zu behaupten, in der Türkei „unterliegt das öffentliche wie private Leben den Gesetzen der Scharia“ – wer nicht dazu sagt, dass die Reislamisierung nur eine Tendenz von vielen ist, argumentiert unseriös. Ebenso wenig kann man nicht (in einem Kapitel über den Islam) die Genozide in der Türkei im Ersten Weltkrieg ansprechen, ohne zu erwähnen, dass diese nicht unter islamischen, sondern unter europäisch-nationalistischen Vorzeichen geschahen. Ebenso wenig kann man etwa die Intoleranz der maurischen Kalifen im mittelalterlichen Spanien beklagen, ohne zu sagen, dass die katholischen Könige kurz danach vielfach intoleranter waren.

Mithilfe solcher Weglassungen, mit der Leugnung jedes gegenläufigen Trends und dem perfiden Wechsel zwischen (passendem) Einzelfall und (vermeintlicher) Gesamtentwicklung zeichnet Sarrazin das Bild eines irreparabel rückständigen, per definitionem anpassungsunfähigen Islam – des Ursprungs aller deutschen Probleme. Das ist menschenverachtend und vor allem sehr ungerecht gegenüber all den „Stabilen, Intelligenten und Tüchtigen“, die er an anderer Stelle im Buch so lobt. Nur unter den Moslems mag Thilo Sarrazin sie nicht finden. Ohne dieses Vorurteil wäre aus ihm ein brillanter Denker geworden.

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Thilo Sarrazin:
Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.
DVA Sachbuch,
464 S., € 23,70

(Foto: Amazon)

Am Tag vor der Buchpräsentation kam es zum Eklat, weil Thilo Sarrazin im Interview von einem „bestimmten Gen“ bei Juden sprach. Nun fordern Politiker und Beobachter seinen Rücktritt als Bundesbanker. Die SPD hat ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet

Erschienen im Falter 35/2010

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Eingeordnet unter Bücher, Migranten, Religion