STADTRAND – Auch an Tieren kann die Zivilcourage scheitern

Letztens glaubten wir zu träumen. Wir spazierten den Donaukanal entlang, fröhlich, nichtsahnend, das Leben kann ja nicht immer nur aus Abenteuern bestehen. Es war das Landstraßer Ufer, wo statt des Asphalts schon Grünraum den Fluss säumt, aber – he! – es ist ja nicht Angkor Wat. Dachten wir. Bis wir die Schlange sahen. Sie haben richtig gelesen: eine Schlange, Schuppen, gespaltene Zunge, knapp zwei Meter lang, grünbraun, dick wie ein dünnes Ärmchen. Erst lag sie quer über dem Gehsteig, dann verzog sie sich flink in den Kanal, was uns in helle Aufregung versetzte: Womöglich ist sie ausgebüxt, schoss uns in den Kopf, ein hochgiftiges, gemeingefährliches Tier; man sollte sofort die Polizei rufen, die Feuerwehr, den Entminungsdienst. Am Ende machten wir – vom gestandenen österreichischen Bürgersinn geprägt – gar nichts. Außer am nächsten Tag beim Kollegen von der Falter-Tierkolumne nachzufragen. Der sagte, es sei wohl eine Äskulapnatter gewesen. Eine heimische, ungiftige Art. Hat uns unser Bürgersinn also doch nicht getäuscht.

Erschienen im Falter 31/10

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand, Wien

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