Monatsarchiv: August 2010

Das verflixte neunte Jahr

Die Ruine der Sofiensäle verfällt zusehends. Jetzt melden sich engagierte Bürger mit Vorschlägen zu Wort

Bericht: Joseph Gepp

Der Lokalaugenschein anlässlich des neunten Jahrestags des Brands der Sofiensäle zeigt, dass sich gegenüber dem achten Jahrestag kaum etwas verändert hat. Nach wie vor bröckeln Ziegelornamente, hängen Zuleitungen schlaff aus Maueröffnungen. Nur das Gestrüpp auf den Mauerkronen scheint etwas weniger geworden. Eine Lücke klafft im Bauzaun, drinnen jedoch werkeln nicht etwa Bauarbeiter. Stattdessen sitzt ein Liebespaar am Boden und raucht selbstgedrehte Zigaretten mit Blick auf die gründerzeitlichen Logen.

Einst war dieser Ort in der Landstraßer Marxergasse ein bau- und musikhistorisches Juwel – heute wundern sich die Touristen, wenn sie auf ihrem Weg zum Hundertwasserhaus auf die Reste der Sofiensäle stoßen. Vor einem Jahrhundert geigte hier Johann Strauß auf; vor einem halben spielten die Wiener Philharmoniker wegen der hervorragenden Akustik hier ihre Schallplatten ein; zuletzt gab es noch Club-Veranstaltungen, und die Wiener Festwochen nutzten den Ort als Spielstätte. Am 16. August 2001 fielen die Säle nach Flämmarbeiten einem mysteriösen Feuer zum Opfer. Und harren seitdem, mittlerweile in den Besitz des rathausnahen Bauträgers Arwag gelangt, ihrem Wiederaufbau.

Die Revitalisierung terminisierte SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker einst auf Anfang 2006. Ein Werbeheft der städtischen Betriebe datierte ihn etwas später auf 2007, Fertigstellung Mitte 2010. Im Falter-Interview vor genau einem Jahr sagte der mittlerweile verstorbene Arwag-Chef Franz Hauberl: „baldigst“ (Ausgabe 33/09). Und in einem Gespräch mit Österreich versprach kürzlich Hauberls Nachfolger, der derzeit urlaubsbedingt nicht zu erreichen ist: „noch heuer“.

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Die Sofiensäle von außen und innen
(Fotos: Heribert Corn)

„Wir glauben inzwischen an eine Verzögerungstaktik“, meint Viktor Zdrachal von der Bürgerinitiative „Rettet die Sofiensäle“. Und weiter: „Wenn das Mauerwerk endgültig zerbröselt ist, wird man die Säle für unrettbar erklären und zugunsten eines Wohnblocks abreißen.“

Zdrachal organisierte schon 2006 den Widerstand, nachdem der Vorbesitzer, Bauunternehmer Julius Eberhardt, mit der Schleifung des Großen Saals von 1845 gedroht hatte. In der Folge kaufte die gemeindenahe Arwag die Säle und versprach den Wiederaufbau. „Wir dachten damals, wir haben unser Ziel erreicht“, sagt Zdrachal, „aber es ist nichts und nichts passiert.“

Jetzt präsentiert seine Bürgerinitiative gemeinsam mit dem in Wien lebenden Hamburger Kulturmanager Frank Stahmer eine Idee zur Rettung und Neunutzung der Säle. Der Kernsatz des „Rettungskonzepts Sofiensäle“ lautet: sukzessive erneuern.

„Man könnte“, sagt Stahmer, „mit Baustellenpartys beginnen und auf diese Art Öffentlichkeit schaffen. Die Kosten für bauliche Grundstandards und Sicherheitsmaßnahmen, um die Ruine zumindest wieder als Gebäude nutzen zu können, betragen etwa sieben Millionen Euro. Alles weitere ließe sich nach und nach ausbauen.“

Stahmer und Zdrachal schwebt ein multikulturelles Veranstaltungszentrum mit musikalischem Schwerpunkt vor. „Es gibt ohnehin einen Mangel an mittelgroßen Bühnen in Wien“, so Zdrachal. „Zudem muss man die ausgezeichnete Lage und Frequenz des Ortes bedenken – vor allem, wenn ab 2012 Wien-Mitte fertig ist. Außerdem waren die Säle immer ein kultureller Ort. Es wäre eine vergebene Chance, jetzt ein Hotel oder Wohnhaus draus zu machen, wie die Arwag das plant.“

Als Vorbilder des Bürgerkonzepts dienen selbstverwaltete Kulturprojekte in Deutschland. Etwa das Hamburger Gängeviertel: ein dichtverbautes Gründerzeitgrätzel, das seit einem verhinderten Abriss 2009 immer mehr zum Künstlerquartier wird. Oder das Berliner Radialsystem V, ein Kulturzentrum in einem alten Pumpwerk an der Spree. Das finanziert sich durch die Vermietung der Räumlichkeiten an Kulturschaffende mittlerweile selbst und hat sich als Veranstaltungsort über Berlin hinaus einen Namen gemacht.

Nun will die Bürgerinitiative Stadtpolitiker, Behörden, Architekten und Sponsoren für das Projekt Sofiensäle begeistern. „Sicher, wir werden bescheiden beginnen müssen. Es ist ein Plan der kleinen Schritte“, sagt Viktor Zdrachal. „Aber überlegen Sie doch kurz einmal, was jetzt dort ist.“

Erschienen im Falter 32/10

Vor einem Jahr: Rettet die Säle!

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung

Ein dreiviertel Kilometer Wien

Elend im Erdgeschoß, Künstlerlofts in der Fabrik, international beachteter kommunaler Wohnbau: Nirgends stoßen urbane Gegensätze so aufeinander wie in der Absberggasse. Eine Straße in Favoriten

Reportage: Joseph Gepp

Es hat Vorteile, in der Stadt zu leben. Es hat auch Vorteile, am Land zu leben. Aber es gibt da noch diesen merkwürdigen, undefinierten Zwischenraum.

Exakt 3,94 Kilometer Luftlinie liegt der Beginn der Absberggasse vom Stephansdom entfernt, aber wenn man hier steht, dann scheint es weiter. Schnurgerade und unspektakulär ziehen sich die vier Fahrspuren der Straße durch Favoriten. Sie passieren schmucklose, von Abgasen ergraute Fassaden. Sie werden von Ampelkreuzungen durchbrochen und von den Schienen der Straßenbahnlinie 6, die hier an Erdgeschoßfenstern vorbeirumpelt. Auf einem Dreiviertelkilometer Absberggasse reihen sich heruntergekommene Gründerzeitzeilen aneinander, dann Gemeindebauten, Ziegelmauern, einige moderne Stahl- und Glasfronten. Wohnraum, Funktionalität, Vorstadt. Ein langweiligeres Stück Wien kann man sich schwer vorstellen.

Bis man dann die Absberggasse zum ersten Mal aufmerksam entlangspaziert ist.

Wer nämlich genau hinsieht, wer Passanten anspricht und hie und da einen Blick in ein Stiegenhaus erhascht, der stellt fest, dass die Straße gar nicht so erwartbar und uniform ist, wie es am Anfang vielleicht scheint. Dass sie ganz im Gegenteil über etwas verfügt, das einem sonst leicht entgeht in Wien. Etwas, das man in dieser Stadt oft suchen muss, weil es hier meist unauffällig und fließend im Ganzen aufgeht. Gegensätze.

Wien ist keine Stadt der krassen Unterschiede. Hier gibt es keine brennenden Autos, keine No-go-Areas, keine Sicherheitsmänner vor kamerabewehrten Reichenvierteln. Natürlich unterscheiden sich Gesellschaftsschichten voneinander darin, wie sie wohnen, sich verhalten, über wie viel Geld sie verfügen. Nur fallen diese Unterschiede – im Vergleich zu anderen Städten – wenig auf.

In der Absberggasse jedoch stehen sie wie Spielzeugklötze nebeneinander. Die Absberggasse ist das Maximum dessen, was diese Stadt an Gegensätzen zu bieten hat.

An ihrem stadtzentrumsseitigen Ende findet sich eines der ärmsten und verwahrlosesten Altbauviertel Wiens, die sogenannte „Kreta“. Nur eine Straßenecke weiter stadtauswärts entsteht hinter den Ziegelmauern der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik ein postindustriell-schickes Künstlerviertel wie in Hamburg oder Kopenhagen. Und unmittelbar daneben liegt schließlich der moderne „Monte Laa“, eines der zukunftsweisenden Beispiele für kommunalen Wohnbau in Europa.

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„Hier sammelte sich alles, wofür sonst im Bezirk und in der Stadt kein Platz war“: Karl Kukla, Pensionist und Grätzelforscher, ist im Kreta-Viertel, einem der ärmsten Altbauvierteln Wiens, aufgewachsen
Fotos von Heribert Corn

Man muss ein wenig die Struktur der Stadt kennen, um die Zusammenballung von Unterschiedlichem an diesem Ort zu verstehen.

Am Anfang der Absberggasse, gleich neben dem Kreta-Viertel, liegt eine riesige Brache. Dort befindet sich das ehemalige Südbahnhofgelände, auf dem momentan der neue Hauptbahnhof errichtet wird. Seit der Arbeiterbezirk Favoriten vor mehr als einem Jahrhundert entstand, schnitt ihn das Bahnareal von der restlichen Stadt ab. Bis heute wirkt die alte Vorstadt deshalb nicht wie bloß einer unter 23 Gemeindebezirken, sondern eher wie eine ärmere Wiener Zwillingsstadt. Mit 170.000 Einwohnern wäre sie die viertgrößte Österreichs. Sie verfügte über einen eigenen Hauptplatz, den Reumannplatz, über eine Hauptstraße, die Favoritenstraße, und über eine Peripherie, die Absberggasse.

„Im 19. Jahrhundert bildete die Absberggasse die Grenze zu Niederösterreich“, sagt der Favoritner Karl Kukla, 67 Jahre, Pensionist und passionierter Grätzelforscher. „Sie war der Rand von Favoriten und der Rand von Wien. Hier war Platz für Experimente. Hier sammelte sich alles, wofür sonst im Bezirk und in der Stadt kein Platz war.“

Bis heute scheint sich das nicht sonderlich geändert zu haben, dämmert es einem, sobald man das kleine Kreta-Viertel betritt.

Es besteht aus gezählten sieben Straßenzügen, die sich am Ostrand Favoritens entlang der Absberggasse auffädeln. Zinskasernen in strenger Rasterformation, leicht bröckelnde Fassaden, schmutzige Stiegenhäuser. Das Viertel trägt nicht zufällig denselben Namen wie die griechische Insel: Im Jahr 1896 brach dort ein Aufstand gegen die osmanischen Herrscher aus. In Wien, erzählt Karl Kukla, übertrug man das sprichwörtlich gewordene Chaos einfach auf den bettelarmen Favoritner Wurmfortsatz auf der niederösterreichischen Seite.

Eine „sozial problematische Gegend mit hohem Sanierungs- und Entwicklungsbedarf“ nennt die städtische Gebietsbetreuung die Kreta heute. „Viertel der Verlierer“ steht direkter in einem Web-Forum. Im Café Susanne, dem Grätzeltreffpunkt, herrscht eine ältere Frau an der Bar ihren betrunkenen Sohn an, er solle nicht immer „so an Schas“ reden. Auf der Straße wuchten inzwischen zwei Türken fluchend einen Handkarren mit Wassermelonen über die Gehsteigkante.

Seine Großmutter habe in der Kreta gelebt, erzählt derweil Karl Kukla, ehemals Verlagsmanager, ein stiller, graubärtiger Mann. Vor dem Ersten Weltkrieg sei sie aus dem Raum Prag in die damalige Reichshaupt- und Residenzstadt gekommen. Kurz zuvor waren die Zinshäuser hier hochgezogen worden, die sich sogleich mit böhmischen Arbeiterfamilien füllten. Ein Dutzend Menschen hauste nicht selten auf 35 Quadratmetern; zur Aufbesserung des dürftigen Lohns hatten sie oft noch Bettgeher bei sich aufgenommen. „Bei meiner Großmutter lebte noch Anfang der 50er-Jahre einer“, erzählt Kukla. „Im vollgestellten Kabinett stand ein zweites Bett. Darin schlief der Kreydl, der Bettgeher. Er war ein finster dreinblickender Mann um die 50, mit buschigen Augenbrauen. Ich weiß noch, wie der Kreydl mit ausgezogenem Hemd und heruntergelassenen Hosenträgern am Waschtisch stand und vor sich hinprustete. Meine Oma stand ungerührt daneben am gemauerten Herd und kochte für sich und mich das Nachtmahl.“ Der vielzitierte „Ausländeranteil“, sagt Kukla, sei zu jener Zeit nicht niedriger gewesen als heute. „Als ich als Kind in den Gassen der Kreta spielte, hat man hier nur Tschechisch gehört.“

Heute hört man vornehmlich Türkisch, was die Swobodas, Cernys und Sedlaceks von Favoriten rasend macht.

Zwei Drittel der rund 3500 Bewohner der Kreta haben laut Wien-Statistik einen Migrationshintergrund. Unter den Alteingesessenen im Café Susanne sorgt dies für schier unglaubliche Geschichten. Eine Frau warnt, man möge aufpassen, sonst „stoßen die Ihnen ein Messer in den Rücken, so schnell können S’ gar nicht schauen“. Mehr dazu wolle sie aber nicht sagen, „ich will ja morgen auch noch leben“. Stattdessen beginnt ein betrunkener Arbeitsloser an der Bar von der „Islamierung“ zu lallen. „Z’erst mochn d’Auslända an Buckl, daun kummans uns mit ihrer Ethnik oder wia des haaßt“, sagt er, während die taiwanesische Kellnerin neben ihm schweigend Gläser spült.

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„Dort hat es mir schon so gereicht“: Friseurmeisterin Aynur Bakar in ihrem Salon. Sie ist die Absberggasse sozial hinaufgestiegen – in die hellen Genossenschaftswohnungen des Monte Laa, einem Vorzeigeprojekt des kommunalen Wohnbau

Fotos von Heribert Corn

Andere gesellen sich dazu; sie erzählen, dass sie Parks nicht mehr zu betreten wagen, dass bewaffnete Jugendbanden ihr Unwesen trieben, dass benutzte Windeln aus Fenstern auf die Gasse geflogen kämen. Nach solchen Gesprächen bleibt Ratlosigkeit: Will man denn die Wahrheit nicht sehen? Oder sind die Gäste des Café Susanne einer kollektiven Paranoia verfallen?

Die Wirklichkeit im Grätzel belegt die schaurigen Darstellungen der Favoritner nicht.

So oft man durch die Gassen streift – die Gehsteige sind halbwegs sauber, der Park völlig unbedenklich. Und wenn im Gastgarten des Café Susanne lautstark auf die „Tschuschen“ geschimpft wird, zücken migrantische Passanten keine Messer, sondern scheinen die Tiraden vielmehr zu überhören.

„Die Kreta ist ein Viertel wie jedes andere auch in Wien“, sagt dazu Irmgard Hubauer von der Gebietsbetreuung und Stadterneuerung für Favoriten. „Obwohl sie eines der dichtestbesiedelten Gebiete Wiens ist, mit einem nach wie vor hohen Anteil sanierungsbedürftiger Häuser und Substandardwohnungen, beobachten wir nicht mehr Konflikte und Wohnprobleme als in anderen Gründerzeitvierteln unseres Bezirks.“

Aber woher kommt dann diese Paranoia? Für Karl Kukla, den Grätzelforscher, liegt die Antwort weniger in der ethnischen als in der sozialen Zusammensetzung des Viertels: „Die Kreta war immer der erste Anlaufpunkt für Migranten. Und sie war der Ort, den sie als Erstes wieder verlassen haben. Geblieben sind immer nur die ohne Mut und Willen“, sagt Kukla. „So war das zum Beispiel, als sich das Viertel nach dem Pinochet-Putsch 1973 mit Chilenen gefüllt hat – kurz darauf waren alle mit Ausbildung und Kontakten wieder weg. So war das bei den Polen 1980, den Kurden, Türken, Tschetschenen, Jugoslawen. So war das ursprünglich auch bei den Tschechen. Insofern sind die heutigen Wiener in der Kreta eigentlich jene Tschechen, die damals den Sprung nach Wien nicht geschafft haben. Denn wer es zu etwas gebracht hat, ist immer schon von der Kreta weggegangen und hat sich woanders ein besseres Leben aufgebaut.“

So wie Aynur Bakar, 48 Jahre. Sie ist die Chefin eines kleinen Friseursalons. Seit sie als Teenager mit ihrem damaligen Mann aus der türkischen Stadt Bursa nach Wien gekommen war, hatte sie im Favoritner Altbau gelebt – ein Vierteljahrhundert lang, wenige Straßenzüge vom Café Susanne entfernt. „Dort hat es mir schon so gereicht“, sagt Bakar. „Auf der einen Seite wohnte eine türkische Familie, die war laut und schmutzig. Auf der anderen Seite lebte ein alter österreichischer Mann, der war voller Hass. Er hat mir das Türschloss mit Uhu verpickt und die Wäsche auf der Leine mit Dreck beschossen.“

15 Stunden täglich, erzählt die quirlige Frau mit den blondierten Haaren, habe sie in ihrem Salon gearbeitet – für eine andere Wohnung und ein anderes Leben. Dann, vor fünf Jahren, zog sie die Absberggasse hinauf. In eine helle und geräumige Wohnung auf dem Monte Laa.

Dutzende verglaste Wohnblöcke ziehen sich dort einen breiten Grünstreifen entlang. 2004 errichtet, gilt Monte Laa als ein Prestigeprojekt geförderten Wiener Wohnens. Licht, Luft, Energieeffizienz, Ineinandergreifen von Leben und Arbeit – die PR-Leute des Rathauses führen Journalisten und internationale Experten hierher, wenn sie die Errungenschaften sozialdemokratischer Wohnpolitik vorführen wollen. Eine amerikanische Landschaftsarchitektin hat den Park gestaltet. Während die Erdgeschoßwohnungen im Kreta-Viertel trister als alles andere im Grätzel sind, verfügen jene in Monte Laa – genau 550 Meter entfernt – über kleine Vorgärten, in denen Bewohner am Sonntag hinter ihren Hecken Paradeiser ernten.

Binnenwanderung innerhalb Favoritens sei unter den Migranten des Bezirks ein zunehmendes Phänomen, sagt Irmgard Hubauer von der Favoritner Gebietsbetreuung.

Sie meint damit spiegelverkehrt dasselbe wie Karl Kluka: Wer es zu etwas bringt, wer sich einen kleinen Wohlstand schafft, verlässt meist schwierige Altbauviertel in Gürtelnähe und übersiedelt in den geförderten Wohnbau in Richtung Stadtrand. Zum Beispiel von der Kreta auf den Monte Laa. Die Wiener Ghettos sind nicht Ghettos von Ausländern. Sie sind die Ghettos der Armen und Ungebildeten.

„Na klar, ich kenne viele Türken, die nach Monte Laa gezogen sind“, bestätigt Aynur Bakar die These der Gebietsbetreuerin, während sie durch ihren Salon huscht und alten Damen glänzende Pasten in die Haare schmiert. „Ist ja klar. Die Wohnqualität ist ja viel besser.“

Exakt 360 Meter von Bakars Wohnung entfernt sitzt Walter Asmus in einem geräumigen Büro. Noch wirkt es improvisiert. Gelbe Schutzhelme hängen auf Garderobenständern; von draußen hat sich eine weiße Staubschicht auf die Tischplatten gelegt. Asmus, 60 Jahre, Sakko und Hemd, vermarktet Immobilien. Er hat sich auf Lofts für kreativ angehauchte Kunden spezialisiert. Anfang 2009 hat er mit der Ankerbrotfabrik den Kauf seines Lebens gemacht.

2000 Menschen arbeiteten zur Blütezeit bei Anker, dem Stolz Favoritens, der größten Backfabrik Kontinentaleuropas. „Alle zehn Minuten erzeugt sie eine Brotsäule in der Höhe des Stephansturmes“, heißt es in einer Festschrift aus dem Jahr 1926. „Die Tagesproduktion übersteigt an Höhe den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest.“

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„Eine ideelle Aufwertung, eine Kulturachse“: Walter Asmus hat Großes vor mit der Ankerbrotfabrik. Schicke Lofts sollen hier entstehen. 2009 kaufte er die einst größte Industriebäckerei Kontinentaleuropas

Fotos von Heribert Corn

80 Jahre später ging ein Gutteil des ziegelsteinernen Industriegeländes an die Bank zur Versteigerung. „Bei unserer Erstbesichtigung 2006“, erzählt Asmus, „drückte man uns schon das Abbruchheft in die Hand.“

Doch der Unternehmer wollte nicht abreißen, obwohl dies in solchen Fällen als billigere Variante gilt. Er begann stattdessen den Charme der alten Brotfabrik zu verkaufen. Von einem „ganzen Loft-Stadtteil“ liest man im Werbeprospekt. Denn „Platz und Raum werden der Luxus von morgen sein“.

Wie der Liverpooler Hafen wirkt das Fabriksgelände mit seinen vielen dicken Ziegelmauern, an denen schon da und dort betonierte Aufzugsschächte in die Höhe streben. Asmus rollt einen Grundriss aus und deutet: „Mühle, Getreidespeicher, Konditoreiwarenerzeugung. Unsere Kunden wollen den alten Zweck der Gebäude wiedererkennen.“ 70 Prozent der Lofts seien schon verkauft, sagt er, an Künstler, Theatergruppen, Kulturschaffende aller Art. Direkt an der Absberggasse hat sich im ersten Stock ein Maler eingemietet. Und an einem Schaufenster darunter prangt seit kurzem der Schriftzug von Lichterloh, einem jungen Wiener Design- und Antiquitätengeschäft mit Stammsitz in der Gumpendorfer Straße.

Asmus betritt das Expedit. Einst wurden in der großen Halle allmorgendlich jene „Stephanstürme“ Brot, von denen die Festschrift schwärmt, in Pferdefuhrwerke verladen, um anschließend die Absberggasse hinab Richtung Stadt gekarrt zu werden. Deshalb bestehe der Boden aus hufschonenden Holzpflöcken, erklärt Asmus, „das schafft eine perfekte Akustik“. Eine Schauspielergruppe probt für eine Opernaufführung. Menschen wuseln umher, auf der improvisierten Bühne stehen Nadelbäume als Requisiten. Asmus redet kurz mit einem jungen Mann mit Kapuzenpullover und Hornbrille über den Stromanschluss.

Er wolle Kultur ins Viertel holen, sagt er später, ins Büro zurückgekehrt. Er wolle öffentlichen Raum an der Absberggasse. Urbanität und Kreativität für ein Umfeld, das bislang viel zu zweckgerichtet und funktional dafür erschien. „Nächstes Jahr, wenn das Projekt fertig ist, wird es offen für alle Menschen sein. Sie dürfen nicht nur hierherkommen und Kultur sehen. Sie sollen es.“ Dann klappt er eine Karte von Wien auf. „Schauen Sie, was hier passiert. Eine ideelle Aufwertung, eine Kulturachse.“ Asmus’ Zeigefinger wandert auf einer imaginären Linie von Punkt zu Punkt. „Das Belvedere. Das 20er-Haus. Das Arsenal. Das neue Hauptbahnhofviertel, wenn es fertig ist. Und die Ankerbrotfabrik.“

Nur das kleine Kreta-Viertel, das auch auf dieser Achse liegt, hat er nicht genannt.

Erschienen im Falter 34/2010

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Eingeordnet unter Reportagen, Stadtgeschichte, Stadtleben, Stadtplanung, Wien

Die Kompliziertheit des Ostens

Buchrezension

Seite Eins macht Lust auf mehr: Da windet sich, Städte meidend, ein Weg über eine Landkarte. Ein deutscher Schriftsteller durchwandert die tiefste Provinz Ungarns, Kroatiens, Serbiens und Rumäniens. Im Lauf der Lektüre beginnt man allerdings ein wenig Reflexion zu vermissen. Stattdessen bestaunt der Autor den Ost-Charme der Dörfer, gibt Biographien von Zufallsbekanntschaften wieder, zählt Wanderanekdoten auf. Landolf Scherzer hat zuvor ein vielbeachtetes Reportagenbuch über die alte deutsch-deutsche Grenze geschrieben. An der Unüberblickbarkeit des Balkans ist er nun gescheitert.

Landolf Scherzer: Immer geradeaus. Zu Fuß durch Europas Osten. Aufbau, 303 S., 50 Fotos, € 20,60

Erschienen im Falter 32/10

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Eingeordnet unter Balkan, Bücher, Osteuropa

STADTRAND – Auch an Tieren kann die Zivilcourage scheitern

Letztens glaubten wir zu träumen. Wir spazierten den Donaukanal entlang, fröhlich, nichtsahnend, das Leben kann ja nicht immer nur aus Abenteuern bestehen. Es war das Landstraßer Ufer, wo statt des Asphalts schon Grünraum den Fluss säumt, aber – he! – es ist ja nicht Angkor Wat. Dachten wir. Bis wir die Schlange sahen. Sie haben richtig gelesen: eine Schlange, Schuppen, gespaltene Zunge, knapp zwei Meter lang, grünbraun, dick wie ein dünnes Ärmchen. Erst lag sie quer über dem Gehsteig, dann verzog sie sich flink in den Kanal, was uns in helle Aufregung versetzte: Womöglich ist sie ausgebüxt, schoss uns in den Kopf, ein hochgiftiges, gemeingefährliches Tier; man sollte sofort die Polizei rufen, die Feuerwehr, den Entminungsdienst. Am Ende machten wir – vom gestandenen österreichischen Bürgersinn geprägt – gar nichts. Außer am nächsten Tag beim Kollegen von der Falter-Tierkolumne nachzufragen. Der sagte, es sei wohl eine Äskulapnatter gewesen. Eine heimische, ungiftige Art. Hat uns unser Bürgersinn also doch nicht getäuscht.

Erschienen im Falter 31/10

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