Monatsarchiv: Juni 2010

STADTRAND – Ich trage ein versifftes Armband, also bin ich

Wir geben zu: Sommerliche Musikfestivals sind ein aalglattes Rezept zur jugendlichen Frustbewältigung. Es gibt Musik (Rhythmus), Alkohol (Rausch) und im Idealfall auch Gatsch, um sich darin zu wälzen. Und weil das alle machen, ist auch nichts peinlich. Zumindest solange das Festival andauert. Später jedoch trägt der Besucher gern auch weiterhin sein Eintrittsbändchen am Arm. Wie als Nachweis seines zweiten, wilden Ichs, das nur zu Festivalzeiten rausdarf, verschimmelt es dort langsam. Oder es beginnt nach Malz zu riechen, weil beim Geburtstag vor einem halben Jahr einmal Bier auf die Hand spritzte. Oder es löst sich in einzelne Fäden auf, die sich dann ihrerseits verfärben, zum Beispiel spaghettisaucenrot vom Abendessen von vor drei Monaten. Und dass schließlich nach Ablauf eines Jahres ein duftend neues Bändchen hinzukommt, hindert den wahren Festivalfan nicht daran, den alten Fetzen obenzulassen. Im Gegenteil, seine Versifftheit kommt jetzt erst richtig zur Geltung. Und stolz lässt er uns wissen, was für ein wilder Hund er nicht sein kann.

Erschienen im Falter 25/2010

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STADTRAND – Enzi’s dead: das entweihte Stadtmöbel

Das seit der Pestsäule wohl aufsehenerregendste Stadtmöbel ist der Enzi. Wenn Ihnen, liebe Leser, das nichts sagt, dann würden wir das an Ihrer Stelle ja nicht unseren Freunden verraten. Denn den Enzi muss man kennen. Der Enzi ist cool. Er ist so ultraurban, dass die Wiener Boboschaft jährlich online über die Farbe seiner saisonalen Ausprägung abstimmt; heuer siegte „Candy Shop Pink“, obwohl kurzzeitig „Strawberry Fields Red“ vorn lag. Und auch wir begaben uns, jedem Trend folgend, kaum, dass nach langem Regen wieder die Sonne schien, zum Museumsquartier, um uns dort mit selbstgewisser Souveränität auf den Enzi zu fläzen. Doch was mussten wir da erblicken: Der Enzi ist jetzt gebrandet. Man hat seine Seele geraubt, seine Identifikationskraft missbraucht, ihn an Puls 4 verscherbelt, dessen Logo nun auf ihm prangt. Haben wir dafür schweren Herzens „Candy Shop Pink“ den Vorzug gegeben? Sind wir dafür samt iPod und Bugaboo testimonialgleich auf den Enzis gesessen? Wir müssen es leider sagen: Der Enzi ist wie der Punk. Ein Werbe-Gag. Eine Lüge.

Erschienen im Falter 24/2010

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Hochzeit, Firmung, Erstkommunion: Wer geht heutzutage eigentlich noch in ein klassisches Wiener Fotostudio?

Hier geht’s zur Hauptgeschichte

Michael Weinwurm, 47, führt seit 20 Jahren ein Fotostudio in der Neubaugasse. Im Falter spricht er über seinen Beruf im Wandel der Zeit.

Falter: Herr Weinwurm, heutzutage kann jeder, der über einen mittelguten Computer verfügt, mit wenig Aufwand ein schönes Porträt von sich basteln. Wer braucht in diesen Zeiten eigentlich noch klassische Fotostudios?

Michael Weinwurm: Ein Foto lebt ja nicht nur von der Ablichtung, sondern auch von der Aussage. Bei Werbung und PR zum Beispiel ist jede Nuance wichtig, von Körpersprache über Haltung bis Lichtführung. Da geht es um viel mehr, als bloß ein einigermaßen schönes Bild zu basteln.

Ist in Ihrer Arbeit der Anteil privater Porträts im Vergleich zu anderen Geschäftszweigen zurückgegangen?

Weinwurm: Ja, der klassische Privatanwendungsbereich ist sicher weniger geworden. Es gibt zum Beispiel – gerade in Wien – viel weniger kirchliche Trauungen als früher. Die waren immer ein Hauptgeschäft.

Also Hochzeit, Erstkommunion, Firmung, Geburt …

Weinwurm: … spielen nicht mehr so eine große Rolle. Außerdem hat man vor 20 Jahren viel öfter im Studio arrangiert. Heute greift man natürlich auch noch ein. Aber eine volle Stunde Herumstehen, die Hand feierlich auf ein Buch gelegt – das gibt es heute nicht mehr.

Stellen sich Leute überhaupt noch gerahmte Fotos ins Wohnzimmer, wenn sie schon 10.000 auf der Festplatte liegen haben?

Weinwurm: Absolut. Das Für-sich-selbst-ein-Denkmal-Setzen gibt es genauso wie früher. Damen- und Herrenserien sind heute unser Schwerpunktgeschäft, manchmal nur der Selbstdarstellung halber, manchmal mit erotischer Note.

Würden Sie sagen, dass Ihre klassischen Fotos unverfälschter sind als Amateurfotos, die möglicherweise mit Photoshop nachbearbeitet sind? Legen Ihre Kunden auf solche Unverfälschtheit wert? Oder wollen sie nur schön und proper dargestellt sein?

Weinwurm: Ich glaube, Bildkorrekturen gibt es schon seit den Pharaonen. Das Studio Simonis war ja seinerzeit auch ein Meister der Negativretusche. Diese Retusche ist heute einfacher geworden – der Wunsch nach Selbstdarstellung ist aber immer derselbe. Die Umsetzung dieses Wunsches ist unser Job. Wobei der Fotograf meist mehr spüren und wissen muss, als sein Kunde sagt, weil dieser sich mancher Dinge selbst nicht ganz bewusst ist. Das ist dann mehr Psychologie als Fototechnik.

Simonis hat 2005 zugesperrt. Hat sich die Zahl an Fotostudios in Wien stark reduziert?

Weinwurm: Der Markt hat sich verändert. Es gibt wahrscheinlich nicht weniger Fotografen als früher, aber wesentlich weniger mit offenem Gassengeschäft. In einem Atelier in einer Wohnung kann ich mir Termine machen, andernfalls muss ich zu den Öffnungszeiten hier sein. Heute gibt es nicht einmal mehr in jedem Bezirk ein Studio.

Erschienen im Falter 24/2010

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Wieso darf ein Bordell bei der Gewista werben, Herr Hosp?

Mit „Schneeweißchen und Rosenrot“ neben weiteren „25 märchenhaften Frauenzimmern“ wirbt ein „Laufhaus“ (eine Art Schnell-Bordell) im dritten Bezirk. Das aber nicht etwa im Anzeigenteil der Kronen Zeitung, sondern auf hundert Großplakaten in ganz Wien auf Werbeflächen der Gewista – des mit Abstand größten Außenwerbeunternehmens der Stadt, das 1974 aus einer gemeindeeigenen Magistratsabteilung hervorging und an dem über Umwege noch immer zu 13 Prozent die Wiener SPÖ beteiligt ist.

Darf die Gewista denn Werbeflächen an ein Puff vermieten? Ja, sagt Geschäftsführer Hansjörg Hosp. „Rechtlich gesehen können wird gar nicht anders.“ Denn laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Gewista, die bei der Wirtschaftskammer aufliegen, darf keinem Werbewilligen das Plakatieren verweigert werden. Ausnahmen bilden nur gesetzlich nicht anerkannte Kirchen, strafrechtlich relevante Tatbestände wie Verhetzung und „wenn die Gestaltung des Sujets obszön, erniedrigend oder anrüchig wirkt“, sagt Hosp.

All dies ist bei „Schneeweißchen und Rosenrot“ allerdings nicht der Fall – also darf und muss im Sinn von Meinungsfreiheit und Mediengesetz geworben werden. Sogar für ein Puff. Denn selbst wenn die gebotenen Dienstleistungen in den Augen mancher als sittenwidrig gelten – die Gestaltung des Plakats, meint Hosp, „ist weniger anrüchig als bei vielen anderen Produkten“.

Beim österreichischen Werberat sind trotzdem schon zwei Beschwerden eingelangt. Rund zwei Wochen lang wird nun ermittelt und werden Stellungnahmen eingeholt. Wenn danach der Werberat das Plakat negativ beurteilt, muss es die Gewista wieder abnehmen. Denn das ist ebenfalls in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Betriebs verankert.

Plakat-Juchgasse
Schneeweißchen und Rosenrot (Gewista)

Erschienen im Falter 24/2010

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Medien

STADTRAND – Ein Gatsch namens Österreich

Öffis und Regen, das geht nicht zusammen. Da ziehen sich schlammige Schuhabdrücke vom Bahnsteig in die U-Bahn, da tropft auf Rolltreppen Wasser in den Nacken, da ist hinter beschlagenen Rundfenstern nur Grau – und dann noch das: Österreich hat seinen Anspruch, Kaufzeitung zu sein, endgültig aufgegeben und sich als blinder Passagier in U-Bahn-Stationen geschlichen. Einige Zeit versteckte es sich dort still und leise hinter Heute. Dann wurde es frecher und steht nun mancherorts sogar schon oben vor den U-Bahn-Abgängen. Der Kunde soll dadurch offenbar schon mit Österreich versorgt sein, ehe er den Heute-Ständer passiert. Aber, liebe Österreicher, lasst euch gesagt sein: Es hat doch ziemlich geregnet letzte Woche! Österreich wurde also nässebedingt zum pickigen Blattsalat, und das noch im positiven Fall. Im schlechteren – bei Dauerregen – entstand ein Gatsch aus vielen, vielen Zetteln. Aus dem rann die Druckfarbe in rot-grün-blauen Schlieren die U-Bahn-Stiegen hinunter. Und tiefe Regenschuhprofile übertrugen sich in nasse Papierstapel. Och, wie hübsch!

Erschienen im Falter 23/2010

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Eingeordnet unter Medien, Stadtrand, Verkehr, Wien

Bettelverbot: Was bitte schön heißt „gewerbsmäßig“, Frau Gemeinderätin Nurten Yilmaz?

Interview: Joseph Gepp

Viel Protest und große Aufregung verursachte vergangene Woche das im SPÖ-dominierten Gemeinderat beschlossene Verbot für gewerbsmäßiges Betteln. Denn: Welches Betteln ist eigentlich nicht gewerbsmäßig?

Nurten Yilmaz, 52, SPÖ-Gemeinderätin aus Ottakring, verteidigte vergangene Woche das Gesetz in einer hitzigen Gemeinderatsdebatte.

Falter: Frau Yilmaz, welches Betteln ist eigentlich nicht gewerbsmäßig?

Nurten Yilmaz: „Gewerbsmäßig“ bedeutet in diesem Fall organisiert. Das heißt, dass wir mit dieser Gesetzesnovelle die Hintermänner treffen wollen, die Betteltouren organisieren und Leute nach Wien schleppen.

Wer sollen diese Hintermänner sein?

Yilmaz: Schauen Sie, vor zwei Jahren haben wir das Betteln mit Kindern verboten. Damals waren ebenfalls von diversen NGOs bis zu den Grünen viele dagegen. Aber es war notwendig, denn viele Leute standen bei minus zwei Grad mit ihren Kindern auf der Straße und bettelten mit deren Hilfe. Mit dem Gesetz konnten wir das Problem eindämmen. Jetzt allerdings sehen wir das Gleiche mit der Zuschaustellung von Behinderungen. Das heißt, dass behinderte Menschen gezielt hergebracht werden, etwa aus Rumänien oder Moldawien. Und in Wien betteln sie auf der Straße. Ich als Person bin – wie meine Partei – gegen ein allgemeines Bettelverbot. Doch das organisierte Betteln mit Behinderten gilt es zu unterbinden.

Aber was bringt es, die Leute zu kriminalisieren?

Yilmaz: Wir wissen, dass wir mit dieser Maßnahme nicht die Armut lindern können. Aber wir können den Organisatoren von Betteltouren einen Riegel vorschieben, die in vieler Hinsicht wie Menschenhändler agieren. Und all jene, die so heftig gegen das Gesetz protestieren, haben auch keine besseren Vorschläge, wie man das Problem lösen könnte.

Trotzdem irritiert das Wörtchen „gewerbsmäßig“. Wenn wir zum Beispiel einen Alkoholiker betrachten, der vor einem Supermarkt Leute um Geld für Bier anschnorrt – bettelt der etwa nicht gewerbsmäßig? Gibt es denn jemanden, der freiwillig bettelt?

Yilmaz: Natürlich nicht. Betteln ist selbstverständlich keine selbstbestimmte Berufswahl. Aber ich weiß, dass etwa Alkoholiker vor Supermärkten keine Hintermänner haben, die sie gezielt einschleusen. Das ist beweisbar, das weiß auch die Polizei. Gegen die Hintermänner gilt es vorzugehen.

Erschienen im Falter 13/2010

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STADTRAND – Sind Sie erster Waggon oder zweiter Waggon?

Wenn Sie diese Kolumne öfters lesen, wird Ihnen sicher aufgefallen sein, wie schamlos wir hier Menschen klassifizieren, schubladisieren und andauernd kenner- und gönnerhaft in Gruppen teilen. In diesem Sinn: Es gibt zwei Arten von Wienern, je nachdem, ob sie den vorderen oder hinteren Straßenbahnwaggon nehmen. Denn die Wiener Linien koppeln dankenswerterweise nicht alte an alte und neue an neue Wägen, sondern immer einen neuen (vorne) an einen alten (hinten), sodass die Durchschnitts-Bim immer halbneu (oder für Pessimisten: halbalt) ist. Folglich sitzen im vorderen Waggon jene, die sich zwar manchmal vor dem Niedersetzen ihre Beinkleider zurechtstreifen, denen aber Straßenbahnfahren ansonsten herzlich egal ist. Hinten aber sammeln sich jene, die fürchten, dass eines Tags nur noch ULFs durch Wien kreuzen werden. Sie fahren schon mal eine Extrarunde, und sie lieben den speziellen Duft des Bim-Holzbodens, diese Mischung aus Parkettwachs und Streusplit. Im vorderen Waggon würde man einen solchen Gestank niemals dulden.

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand, Verkehr