Die Idee ist gut, aber ist die Mahü bereit?

Gespräch: Joseph Gepp

Kritik und gar Häme rief vergangene Woche ein Vorschlag von Neubaus grünem Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger hervor, wonach die stark frequentierte Mariahilfer Straße zwischen Neubaugasse und Zieglergasse ein „Shared Space“ werden soll.

Shared Space bedeutet, dass alle Verkehrsteilnehmer – Öffis, Fußgänger, Auto- und Radfahrer – regellos und gleichberechtigt nebeneinander existieren. Dafür werden sämtliche Verkehrsschilder und Straßenniveauunterschiede entfernt. Das aus den Niederlanden stammende Konzept klingt zwar etwas absurd, basiert aber auf einem klugen Gedanken: Menschen kommunizieren desto mehr miteinander, je weniger ihnen ein Regelkorsett das Denken erspart. Auf einem Eislaufplatz etwa fahren Läufer kreuz und quer durcheinander, achten aber gleichzeitig genau aufeinander – sodass wenig Unfälle passieren. Im echten Verkehrsgeschehen zeigen englische und niederländische Städte, dass Shared Space durchaus ein Zukunftsmodell für den europäischen Stadtverkehr sein könnte.

Aber: Wie stellen Sie sich das in Wien vor, Herr Blimlinger?

Falter: Wenn man Ihren Vorschlag hört, drängt sich sofort eine Frage auf: Warum macht man die Mariahilfer Straße nicht gleich zu einer Fußgängerzone?

Thomas Blimlinger: Eine Fußgängerzone halte ich unter den derzeitigen Bedingungen für Unsinn. Denn sie würde den Verkehr in den Siebten verdrängen. Bei Shared Space hingegen wäre auch auf der Mariahilfer Straße noch Verkehr möglich.

Aber würden nicht so oder so Autos in den Siebten verdrängt? Bei der Masse an Fußgängern und allgemeinem Trubel auf der Mariahilfer Straße würden die Fahrzeuge ja im Shared Space steckenbleiben.

sevendials
Die Kreuzung Seven Dials in London nahe Covent Garden ist Shared Space, darf also von allen Verkehrsteilnehmern regellos
und gleichberechtigt benutzt werden. So soll auch die
Mariahilfer Straße werden (Foto: Flickr)

Blimlinger: Hier können wir nur auf die Vernunft der Fahrer hoffen. Aber: Jetzt fahren ja auch schon Leute nur dann über die Mariahilfer Straße, wenn sie hier tatsächlich etwas zu tun haben. Und eines steht fest: Stau gibt’s nicht wegen Shared Space, sondern wegen zu vieler Autos.

Eben deshalb bemängeln ja Kritiker, dass sich Shared Space vor allem für Kleinstädte oder ruhigere Zonen eignet. Weil zu viele Autos die Idee verunmöglichen.

Blimlinger: Vorläufig hat man weltweit nicht viel Erfahrung mit Shared Space. Ich glaube nicht, dass es nur auf Kleinstädte beschränkt sein soll, sondern sich auch für große eignet.

Renate Kaufmann, Ihre SPÖ-Kollegin aus Mariahilf, nennt die Idee eine „halbe Sache“ und will eine Fußgängerzone. Dabei müsste sich Frau Kaufmann ja genau wie Sie davor fürchten, dass der Verkehr in ihren Sechsten verdrängt wird.

Blimlinger: Der Durchzugsverkehr würde sich leider stärker in den Siebten als in den Sechsten verlagern, weil es bei uns die Burggasse und die Neustiftgasse gibt. Jedenfalls: Über ein völliges Autoverbot auf der Mariahilfer Straße kann man erst dann reden, wenn sich insgesamt der Verkehr reduziert. Stichwort: City-Maut.

Das heißt, Ihnen wäre ebenfalls eine Fußgängerzone am liebsten. Nur ist Shared Space eben besser als gar nichts.

Blimlinger:
Nicht nur. Es geht auch darum, dass man starre Formen – Fahrradweg, Gehsteig, Straße – aufbricht. Dass man sagt: Es muss ein neues Denken im urbanen Verkehr her.

Fürchten Sie nicht, dass sich die Wiener gegenseitig über die Zehen fahren?

Blimlinger: Nein. Vor zehn Jahren haben auch alle geglaubt, dass Radfahrer keinesfalls gegen die Einbahn fahren sollten – heute funktioniert es klaglos. Manchmal muss man erst lernen, mit Dingen umzugehen. Auch wenn es immer ein paar Verrückte gibt.

Erschienen im Falter 20/2010

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Eingeordnet unter Stadtplanung, Verkehr, Wien

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