Böse, böse Wolke!

Ascheschwaden über Europa: Wo hört die Wahrheit auf? Und wo beginnt die mediale Hysterisierung?

Bericht: Joseph Gepp

„Vulkan nervt weiter“
Gratiszeitung Heute, Montag, 19. April 2010

Wer dieser Tage Zeitungen liest, gewinnt den Eindruck, ein Haufen weltfremder PC-Tüftler entscheide über Europas Sicherheit. Von „Computermodellen“ dürfe nicht die Entscheidung über die Schließung von Lufträumen abhängen, fordert etwa der Italiener Giovanni Bisignani, Präsident der internationalen Luftfahrtvereinigung Iata. In Österreich beschwerte sich fast gleichlautend Niki Lauda: Das Start- und Landeverbot, exekutiert von „untätigen Behörden“, sei „der größte Fehler der Luftfahrtgeschichte“, sagte er bei einem demonstrativen Airbus-A320-Testflug, in dessen Anschluss Turbinen pressewirksam auf Aschepartikel durchsucht wurden.

Seit vergangene Woche ein isländischer Vulkan mit dem für uns unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull ausbrach, hängt eine Aschewolke über Europa, die die Flieger am Boden hält. Eine Milliarde Umsatzausfall verzeichnet etwa Deutschland pro Tag, weil 40 Prozent des internationalen Handels über den Luftverkehr abgewickelt werden. 100 Linien könnten laut dem Luftfahrtverband AEA in Konkurs gehen, sollten die Flugzeuge noch eine weitere Woche parken müssen. 148 Millionen Euro Verlust haben sie schon jetzt eingefahren. Kein Wunder, dass bei manchem Wirtschaftstreibenden die Wut auf die PC-Tüftler mit ihren Simulationen wächst.

Dabei ist deren Arbeit nicht ganz so weltfremd, wie Linienbetreiber denken mögen. „Im Wesentlichen“, sagt Walter Fleißner, Sprecher im Verkehrsministerium, „geht es um die Dichte und chemische Zusammensetzung von Aschepartikeln in der Luft. Über sie muss man Bescheid wissen, um die Gefahrenlage einschätzen zu können.“ Zur ihrer Ermittlung dienen – in Österreich – die Wettermesswerte der Hohen Warte sowie eines weiteren, der heimischen Zivilluftfahrtgesellschaft Austro Control zugeordneten Wetterdienstes. Dazu kommen Vergleichsdaten anderer europäischer Wetter- und Luftfahrtinstitutionen, „damit die Ausbreitung der Asche und ihre Schnelligkeit eruiert werden kann“, sagt Fleißner. Außerdem würden derzeit die Triebwerke jenes russischen Ural-Airlines-Flugzeugs untersucht, das am Samstag in Wien landen musste, weil ihm der Sprit ausgegangen war. Und nicht zuletzt existiert ein eigenes Institut, das sich ausschließlich mit dem Phänomen von Asche in der Luft beschäftigt: das „Volcanic Ash Advisory Centre“ (VAAC) in London, das derzeit so etwas wie seine 15 Minuten Ruhm erlebt. Dem britischen Verteidigungsministerium unterstehend, beobachtet es als eines von neun Zentren weltweit die Tätigkeit von Vulkanen. Dazu dienen ihm rund um die Uhr Satellitenbilder und Wetterstatistiken.

Ist eine Aschewolke entdeckt, berechnen die Forscher mittels Computermodellen und -simulationen ihre voraussichtliche Bewegung – und sprechen Warnungen aus. Womit Laudas und Bisignanis Kritik von wegen Computersimulationen vor allem in der Tätigkeit des VAAC zu suchen ist.

Allerdings seien derartige Simulationen, die „Linien von Luftteilchen vorausberechnen“, äußerst sinnvoll und zuverlässig, entgegnet den Kritikern der Klimaexperte Reinhard Böhm von der meteorologischen Zentralanstalt Hohe Warte. Nur müssten diesen Modellen reale Werte zugrunde liegen, um wirkungsvolle Vorhersagen treffen zu können. Solche können nur bei Testflügen eingeholt werden, die das VAAC selbst nicht durchführt. Und an diesem Punkt scheint das europäischen Krisenmanagement doch versagt zu haben.

„Die ganze Situation scheint mir ein bisschen wie Tschernobyl 1986“, sagt Reinhard Böhm. „Vor und nach der Katastrophe hatte niemand Ahnung, was eigentlich passiert. Erst danach begann man sich für die Auswirkungen zu interessieren und auf Folgen vorbereitet zu sein.“

Erst Anfang dieser Woche stiegen in Großbritannien und Deutschland Flugzeuge in den Himmel, um Aschekonzentrationen zu erheben. Mit einem „Schockmoment“ erklären Insider die Verzögerung. Zudem müssen Maschinen mit derartigem Spezialauftrag erst entsprechend umgerüstet werden, was einige Tage dauern kann. Bei Falter-Redaktionsschluss Montagabend waren die internationalen Testergebnisse noch nicht in Wien bei der Hohen Warte und Austro Control eingetroffen.

Schon vergangenen Donnerstag wurden die ersten Flughäfen in England und Schottland geschlossen, spätestens am nächsten Tag war klar, dass der Eyjafjallajökull den Flugverkehr massiv beeinträchtigt; zu diesem Zeitpunkt regnete es laut Daily Telegraph Asche auf die englischen Städte Swindon und Leeds. Aber erst am Montagnachmittag setzten sich die EU-Verkehrsminister zu einer telefonischen Krisenkonferenz zusammen.

„Es ist eben wie immer bei solchen unvorhergesehenen Ereignissen“, sagt Klimaexperte Reinhard Böhm. „Sollte so etwas wieder einmal passieren, werden alle perfekt vorbereitet sein.“

Erschienen im Falter 16/2010

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