Herrn Libowitzkys letzter Monat

Seit 1816 liegt in der Rotenturmstraße ein Instrumentengeschäft. Jetzt schließt es. Ein Abschiedsbesuch

Reportage: Joseph Gepp

Man sieht ihn nicht gleich, wenn man das Geschäft betritt. Man muss erst einige Schritte ins Innere tun, bis Michael Libowitzky aus seinem kleinen Refugium im Hinterzimmer herauskommt. Ein abgenutzter Ledersessel steht dort, Zigaretten samt einem übervollen Aschenbecher, ein Pult mit der aufgeschlagenen „Weltchronik“ der Wiener Zeitung, ein altes Radio, aus dem in diesem Moment „Movie Star“ klingt. Und ein tabakgelbes Diplom an der Wand, das Libowitzkys Laden in prunkvollen Lettern die Teilnahme an der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 bescheinigt.

Seit 1816 existiert das kleine Musikalien- und Instrumentengeschäft in der Rotenturmstraße, Hausnummer 14; seit 50 Jahren steht darin Michael Libowitzky. Ein halbes Jahrhundert lang als Chef und einziger Angestellter hinter der Theke. Ein halbes Jahrhundert, Montag bis Freitag, 10.30 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, samstags nur am Vormittag.

Jetzt wird Michael Libowitzky, 64 Jahre alt, zusperren. Ein Nachfolger fand sich nicht. Er sei nicht traurig, sagt der Chef. Er freue sich stattdessen auf seine Pension.

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Abschiedswalzer: Michael Libowitzky spielt ein Ständchen auf seinem Sousaphon
Foto: Heribert Corn

Was passiert sei in 50 Jahren? Libowitzky zuckt mit den Schultern: nicht viel, scheint er ausdrücken zu wollen. Wie hat sich die Rotenturmstraße verändert? Libowitzky lächelt. Na ja, die Trafik nebenan sei eigentlich immer eine Trafik gewesen. Und das Kleidergeschäft auf der anderen Seite sei auch immer ein Kleidergeschäft gewesen. Nur habe es früher halt „Fritz“ geheißen statt „Calzedonia“.

Und sein eigener Laden? „Wissen Sie“, sagt er, „bei klassischen Instrumenten ändert sich ja nicht viel. Es gibt immer ein interessiertes Publikum. Und Elektronik hab ich nie geführt.“

Seit Wochen schon künden handgeschriebene Plakate vom Schlussverkauf. Drei akustische Gitarren baumeln noch in einem Regal, daneben zwei Geigen in einem Holzkasten. Ein Frau betritt den Laden und fragt nach der letzten Maultrommel im Schaufenster: 2,10 Euro, „bitte schön, gnä’ Frau“, sagt Libowitzky. Kisten stehen auf dem Boden, Bücher und Notenhefte formen verstaubte Stapel. Ein Klassikkatalog aus dem Jahr 1991, ein halbleerer gelber Kassettenständer mit „klingenden Souvenirs aus Österreich“.

Michael Libowitzky ist ein leiser alter Herr, er trägt einen dunkelblauen Pullover über einem hellblauen Hemd, Cordhose, eine Zigarette in der Hand wie ein sechster Finger.

Geigen hätten sich früher besser verkauft als heute, sagt er nach kurzem Überlegen. Und Saxofone und Ukulelen, also kleine Gitarren, seien noch in den vergangenen paar Jahren überraschend gut gegangen. Aber jetzt, sagt Libowitzky, sei seine Zeit gekommen.

Eine zweite Frau betritt das Geschäft, sie kauft eine Kassette mit dem Titel „Wenn die Ziegelböhm tanzen“.

Nach seiner Pensionierung könne er endlich wieder mehr musizieren, sagt der Chef. Er selbst sei begeisterter Kontrabass-Spieler, habe sogar Tourneen gemacht, mit einer 7-Mann-Jazzcombo durch Brasilien, Amerika, Kanada und Deutschland. Wann das gewesen sei? Mit Jahreszahlen habe er es nicht so, sagt Libowitzky. „Aber einen Tag nachdem wir in New Orleans auf einem Raddampfer gespielt haben, war der Hurrikan Katrina.“

Am Freitag, dem 30. April 2010, wird Michael Libowitzky zum letzten Mal sein Geschäft aufsperren. Vormittags 10.30 bis 13 Uhr, nachmittags 14 bis 16 Uhr.

Erschienen im Falter 14/2010

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitswelten, Reportagen, Wien

Eine Antwort zu “Herrn Libowitzkys letzter Monat

  1. Michael Schober

    Michael „Bibi“ Libowitzky ist Ende Dezember 2013 verstorben – lange konnte er leider nicht mehr musizieren.

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