Monatsarchiv: April 2010

Gerendert aus der Asche

In zwölf Jahren Detailarbeit haben zwei Architekten die Synagogen Wiens wiedererrichtet. Zumindest virtuell

Bericht: Joseph Gepp

Zweihundert bis vierhundert Arbeitsstunden dauere es, sagt Herbert Peter, dann stehe eine Synagoge wieder.

Er klappt seinen Laptop auf und öffnet ein Bild, Brigittenau, Kluckygasse 11. Seit der „Reichskristallnacht“ vom 10. November 1938 existiert der dreischiffige Tempel mit den Zwiebeltürmen nicht mehr. Peter, 44, Architekturdozent an der Akademie der bildenden Künste, hält die Maustaste gedrückt und steuert durch ein Fassadenfenster ins Innere.

Ein Davidstern thront über dem Thoraschrein. Die gusseisernen Kurven des Stiegengeländers erinnern an Kleeblätter. Sogar Sonnenlicht, das ein kreuzförmiger Fensterrahmen viertelt, fällt von draußen über die Frauenempore. „Bis vor kurzem“, sagt Peter, „gab es von diesem Gebäude nicht mehr als einen Grundriss und ein paar vergilbte Fotos. Aber jetzt können wir, wenn wir die Quellen zusammenfassen, den alten Raumeindruck nachbilden.“

„Computergestütztes Modellieren“ oder neudeutsch „Rendern“ nennt man die Methode, die sonst vorwiegend bei Neubauvierteln zum Einsatz kommt, damit man sich vorab deren Anmutung vor Augen führen kann. Aber heute rendert Herbert Peter, der nun das Innere der Synagoge in zwei Hälften schneidet, die Vergangenheit. Er will sich vorstellen können, wie die Stadt war, bevor das jüdische Leben aus ihr getilgt wurde.

21 große Synagogen und 40 kleine Bethäuser standen am Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien. Es gab sie in fast allen Bezirken. Manche erinnerten in ihrem orientalisierenden Stil an das Simmeringer Arsenal. Andere sahen katholischen Kirchen zum Verwechseln ähnlich. Weitere hatten prachtvolle Kuppen und minarettartige Türmchen. Bei vielen lag die Fassade nicht direkt an der Straße, sondern man musste erst ein Vorhaus durchqueren, in dem oft Schulen und Klubs untergebracht waren.

Wo sie standen, liegen heute Parkplätze oder Hinterhöfe oder – wie in der Kluckygasse 11 – unterbricht ein grauer Nachkriegsgemeindebau eine Hausweite lang die gründerzeitliche Straßenfront.

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Die Leopoldstädter Pazmanitengasse einst und jetzt
(alle Fotos und Grafiken aus „Die zerstörten Synagogen Wiens“)

Herbert Peter hat gemeinsam mit Bob Martens, 49, Professor für Raumgestaltung an der TU Wien, die Rekonstruktionen aller 21 Synagogen in einem aktuellen Buch veröffentlicht. Zwölf Jahre lang dauerte die Arbeit. Die Anregung kam von einem Bewohner der Josefstädter Neudeggergasse, der 1998 vom Expertenduo wissen wollte, wie eigentlich der verschwundene Tempel in seiner Straße ausgesehen habe. Danach arbeiteten sich Martens und Peter – assistiert von TU-Studentengruppen – von Synagoge zu Synagoge weiter.

Die Resultate sind derzeit auch in einer Ausstellung im Büro der Gebietsbetreuung Brigittenau zu sehen.Das Besondere an Martens’ und Peters Arbeit ist der unkonventionelle Zugang: Wer sich sonst mit Vertriebenen auseinandersetzt, greift klassischerweise auf Quellen wie Zeitzeugenberichte, Tagebuchnotizen oder Bevölkerungsstatistiken zurück. Martens und Peter aber verfolgen keinen historischen oder religionswissenschaftlichen, sondern einen strikt architektonisch-technischen Zugang. Es geht ihnen nur darum zu zeigen, wie die Stadt aussah, als noch Synagogen in ihr standen.

Demnach soll das einstige Straßenbild mit dem heutigen verglichen werden können. Dazu findet sich zu jedem Tempel im Buch ein Grätzelplan. Außerdem handelt es sich um keinen Bildband, wie er sonst zur Darstellung von Grafiken dient. „Wir haben stattdessen“, sagt Bob Martens, „die Form des handlichen Stadtführers gewählt. Wir wollen, dass ihn die Leute in die Hand nehmen und losmarschieren.“

Sie gehen auf die Suche nach Parkplätzen und Hinterhöfen, die sie vielleicht schon hundertmal übersehen haben. Und deren grauer, unauffälliger Lückencharakter nun davon erzählt, was dieser Stadt einmal verlorengegangen ist.

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Der sephardische Tempel in der Zirkusgasse: als historische Aufnahme, als Computermodell mit Lichteinfall, als dieselbe Stelle heute

Um die Lücken anschaulich zu machen, suchten Martens und Peter nach alten Beschreibungen der Synagogen, Fotos, Aquarellen, Postkarten. Sie vertieften sich in jüdische Ornamentik und gründerzeitliche Farbgebung. Sie berechneten anhand der typischen Ostausrichtung der Synagogen den Lichteinfall in Innenräumen. Sie durchforsteten Laufkilometer an den baubehördlichen Akten, um jene Pläne aufzutreiben, die Architekten einst im Zug des Bewilligungsverfahrens ans Magistrat einreichten. Teils gehen diese Dokumente bis ins Jahr 1790 zurück.

„Historiker aus Serbien und Ungarn recherchieren in Wien, weil hier so viele alte Pläne liegen. Es hat was sehr Wienerisches, dass die echten Bauten vernichtet, niemals aber die Archive angetastet wurden“, sagt Herbert Peter.

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Der einstige Ottakringer Tempel in der Hubergasse

Bei den Recherchen erschlossen sich Martens und ihm Erkenntnisse, die weit über das bloße Aussehen von Synagogen hinausreichen.

Wiens ältester neuzeitlicher Tempel liegt in der Seitenstettengasse und besteht bis heute. Als er 1825 errichtet wurde, hielt man sich noch streng an das Toleranzpatent Josephs II., wonach nichtkatholische Gotteshäuser von außen nicht als solche erkennbar sein durften.

Als Jahrzehnte später, 1858, Wiens zweite Synagoge entstand, war die Gemeinde durch Ostzuwanderer schon auf das rund Dreißigfache angewachsen. Die große Synagoge in der Leopoldstädter Tempelgasse fasste nun rund 3000 Menschen. Das Toleranzpatent war aufgeweicht; die Tempel begannen etwas herzumachen.

Zwar blieb etwa jener in der Tempelgasse kleiner als viele katholische Kirchen. Aber der maurische Stil, den der Ringstraßenarchitekt Ludwig von Förster dem Gebäude verpasste, machte Eindruck. Und weil die davor verlaufende schmale Gasse keine pompösen Sichtachsen erlaubte, legte Förster einen neuen Platz an: In einigen Metern Entfernung beiderseits des Hauptschiffes ließ er Nebentrakte bauen, sodass ein Raumeindruck entstand. Einer der Trakte steht bis heute, daneben die brache Stelle, wo bis 1938 das Hauptschiff war.

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Die Tempelgasse, einst und jetzt

Eine schmale Gasse, ein kleines Grundstück – und doch der Wille zur Repräsentation: „Die Tempelgasse zeigt, wie die jüdische Gemeinde ständig zwischen dem Willen zur Exponiertheit und der Angst davor lavierte“, sagt Martens und zeigt als Beleg das Rendering eines weiteren Tempels. „Die Synagoge in der Alsergrunder Müllnergasse war zwar einigermaßen auffällig. Aber dafür sah sie auch aus wie eine katholische Kirche. Und doch war sie von der Straßenfront aus ein paar Meter nach hinten versetzt, als würde sie sich nicht ganz hervorzutreten trauen. Es war ein ständiges Taxieren und Verhandeln.“

Wie als Bestätigung dieses Misstrauens überstanden – wenn auch ihrer Funktion beraubt – gerade jene Synagogen das Jahr 1938, die von außen nicht als solche kenntlich waren. Schon 1903 ließen wütende Anrainer den Bau einer Großsynagoge am Rudolfsplatz scheitern. Im Gegensatz zu allen bisherigen hätte diese freistehend, also in keine Straßenfront integriert, sein sollen.

Außerdem gab es damals in der kakanischen Provinz mehr Freiheit als in Wien. Am Land standen Synagogen öfter frei und waren generell prominenter platziert als in der Reichshaupt- und Residenzstadt. Das ging so weit, dass sich manchmal das gleiche Modell desselben Architekten baugleich zweimal fand – halb versteckt in Wien und etwas exponierter am Land.

So existiert der einstige Alsergrunder Tempel ein zweites Mal im tschechischen Budweis – dort hat er im Gegensatz zu Wien die Nazizeit überlebt und steht außerdem frei. Und im Fall der Synagoge im nordungarischen Miskolc finden sich sogar Weltreligionen ineinander verzahnt: Das gleiche Gebäude steht als evangelische Gustav-Adolf-Kirche in der Gumpendorfer Straße.

So gesehen hat sogar Ludwig von Försters einst gerühmter Leopoldstädter Tempel die Zeit auch abseits von Bob Martens’ und Herbert Peters Computermodellen überstanden: Er steht als „Choralsynagoge“ in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Bob Martens, Herbert Peter: Die zerstörten Synagogen Wiens. Virtuelle Stadtspaziergänge. Mandelbaum, 256 S., € 19,90

Wiens verschwundene Synagogen, Ausstellung Gebietsbetreuung Stadterneuerung. 20., Allerheiligenplatz 11. Mo-Mi 9-12 und 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Fr 9-12 Uhr

Kasten zu diesem Text: Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

Erschienen im Falter 17/2010

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Eingeordnet unter Minderheiten, Stadtgeschichte

Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

:: Im Jahr 1932 schrieb die Wiener Zeitschrift Kuckuck: „Paris hat die Rue de la Paix, London die Regent-Street, Neuyork hat den Broadway, Rudolfsheim hat – die Reindorfgasse.“

Es gibt einen Aspekt in der Geschichte des 15. Wiener Gemeindebezirks, der wohl schon völlig in Vergessenheit geraten wäre, würde eine kleine Bürogemeinschaft in der Herklotzgasse 21 nicht konsequent an seiner Erinnerung arbeiten: das jüdische Leben im Viertel. „Bis heute“, erzählt Michael Kofler, 43, Regionalentwickler und Grätzlhistoriker, „treffen sich in Tel Aviv regelmäßig ein paar alte Damen zum Kaffee, die gemeinsam den jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht haben.“

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Zwischen Äußerer Mariahilferstraße und Sechshauser Straße liegt ein Viertel mit fast vergessener Geschichte

Vor fünf Jahren zog Kofler mit der Ökonomin Judith Pühringer, 34, in ein lichtdurchflutetes und preisgünstiges Gründerzeitbüro in der Herklotzgasse 21 unweit des Gürtels. Kurz danach bekam Pühringer zufällig die Kindheitserinnerungen einer alten Rudolfsheimerin über das „Zentrum jüdischen Lebens“ in die Hände. Kofler und Pühringer wurden neugierig. Und der Ort Herklotzgasse 21 zunehmend zum Programm.

Vor dem Ersten Weltkrieg war in der Gegend um Herklotz- und Reindorfgasse ein vitales jüdisches Viertel entstanden. Dem Broadway glich es zwar nicht unbedingt. Aber mit Kaffeehäusern, Schulen, Sportvereinen und zwei großen Synagogen brachte es sicher einiges Treiben in den Bezirk. Und im Unterschied zur großbürgerlichen Innenstadt und zur orthodoxen Leopoldstadt hatten sich hier vorwiegend Kleinbürger angesiedelt.

1938 – hauptsächlich in der verhängnisvollen Nacht vom 9. auf den 10. November – wurde das Gefüge zerstört. Die Überlebenden verstreuten sich in alle Welt – bis Michael Kofler und Judith Pühringer sie zum Erinnerungstreffen nach Wien einluden.

Zeitzeugengespräche, Grätzlführungen für Schulklassen, eine Privatausstellung mit alten Fotos und Erinnerungsstücken – seit nunmehr vier Jahren wollen die Grätzelhistoriker „die Geschichte nachhaltig erlebbar machen“, wie Kofler sagt. Bewusstsein soll geschaffen werden, was im 15. einmal war. Die neueste Maßnahme dazu ist eine Art Audioguideführung per eigenem Handy: Wählt man nun an einem von zehn Punkten im Bezirk eine Festnetznummer zum Ortstarif, klärt eine Bandstimme über die jüdische Geschichte des jeweiligen Ortes auf – auf Deutsch, Englisch, Serbokroatisch, Türkisch oder Hebräisch.

Als nächster Schritt, erklärt Kofler, wolle man sich für die Errichtung eines Denkmals unweit der Herklotzgasse einsetzten. Dort, wo sich heute eine triste Verkehrsinsel befindet, stand bis 1938 der alte Turnertempel.

JOSEPH GEPP

15., Herklotzgasse 21 (U6 Gumpendorfer Straße)
Besichtigung und Führungen nach Vereinbarung,
www.herklotzgasse21.at

Hautpgeschichte dazu: Gerendert aus der Asche
Mehr dazu: Stadt mit Juden

Erschienen im Falter 17/2010

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Eingeordnet unter Minderheiten, Stadtgeschichte, Wien

Im Auftrag der Republik: was im Asylwesen im Dunkeln bleibt

Der Fall Mirilo. Kommentar.

Vor einiger Zeit enthüllte der Falter den Fall Jovan Mirilo: Jener Serbe, der das Srebrenica-Video nach Den Haag schickte, sollte aus Österreich abgeschoben werden. Grundlage des Asylbescheids war ein Gutachten, das erstens anonym war und zweitens Fakten extrem verzerrte und Mirilo als Kriminellen hinstellte.

Der folgende Wirbel zwang das Innenministerium zum Rückzug. Nun wurde außerdem eine parlamentarische Anfrage beantwortet, die die Grüne Alev Korun einbrachte. Ihr dürftiger Inhalt – vieles bleibt wegen des „laufenden Verfahrens“ offen – lässt vor allem Rückschlüsse auf jene „Ermittler“ zu, die im Auftrag der Republik in Herkunftsländern Milieus und Fluchtgründe durchleuchten.

Eben jene nennt Ministerin Maria Fekter in ihrer Antwort konsequent „Sachverständige“, obwohl sie offiziell als „Ermittlungsbeauftragte“ tituliert werden. Dieses scheinbare Detail ist wichtig, denn einem Sachverständigen räumt das Verfahrensgesetz weit mehr Kompetenzen ein als einem Ermittler. Die Wortwahl verrät also die eminent wichtige Funktion der Ermittler für Asylfälle.

Das wäre nicht weiter tragisch, würde Auswahl und Handhabe der „Ermittler“ mit einem Mindestmaß an Transparenz erfolgen. Tatsächlich aber weiß, das geht aus der Antwort hervor, nicht einmal das Ministerium selbst, wie viele Ermittler im Einsatz sind und was dieser kostet. Im Übrigen, schreibt Fekter gleichsam ausgleichend, „werden Bestimmungen und Qualitätsstandards eingehalten“. Wenn man zurückdenkt, wie der (kosovo-albanische) Gutachter Zitate manipulierte, um den (serbischen) Aktivisten Mirilo in Grund und Boden zu schreiben, dann stimmen diese Worte nicht gerade ruhig.

Erschienen im Falter 16/2010

Mehr zum Fall Jovan Mirilo?

Zuhause wartet der Tod, März 2008
Der verratene Held, Februar 2010, I
„Befugt bin ich aus einem EU-Land“, Februar 2010, II
Das Asylamt revidiert seinen Bescheid, Februar 2010, III

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Eingeordnet unter Jovan Mirilo, Migranten

Böse, böse Wolke!

Ascheschwaden über Europa: Wo hört die Wahrheit auf? Und wo beginnt die mediale Hysterisierung?

Bericht: Joseph Gepp

„Vulkan nervt weiter“
Gratiszeitung Heute, Montag, 19. April 2010

Wer dieser Tage Zeitungen liest, gewinnt den Eindruck, ein Haufen weltfremder PC-Tüftler entscheide über Europas Sicherheit. Von „Computermodellen“ dürfe nicht die Entscheidung über die Schließung von Lufträumen abhängen, fordert etwa der Italiener Giovanni Bisignani, Präsident der internationalen Luftfahrtvereinigung Iata. In Österreich beschwerte sich fast gleichlautend Niki Lauda: Das Start- und Landeverbot, exekutiert von „untätigen Behörden“, sei „der größte Fehler der Luftfahrtgeschichte“, sagte er bei einem demonstrativen Airbus-A320-Testflug, in dessen Anschluss Turbinen pressewirksam auf Aschepartikel durchsucht wurden.

Seit vergangene Woche ein isländischer Vulkan mit dem für uns unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull ausbrach, hängt eine Aschewolke über Europa, die die Flieger am Boden hält. Eine Milliarde Umsatzausfall verzeichnet etwa Deutschland pro Tag, weil 40 Prozent des internationalen Handels über den Luftverkehr abgewickelt werden. 100 Linien könnten laut dem Luftfahrtverband AEA in Konkurs gehen, sollten die Flugzeuge noch eine weitere Woche parken müssen. 148 Millionen Euro Verlust haben sie schon jetzt eingefahren. Kein Wunder, dass bei manchem Wirtschaftstreibenden die Wut auf die PC-Tüftler mit ihren Simulationen wächst.

Dabei ist deren Arbeit nicht ganz so weltfremd, wie Linienbetreiber denken mögen. „Im Wesentlichen“, sagt Walter Fleißner, Sprecher im Verkehrsministerium, „geht es um die Dichte und chemische Zusammensetzung von Aschepartikeln in der Luft. Über sie muss man Bescheid wissen, um die Gefahrenlage einschätzen zu können.“ Zur ihrer Ermittlung dienen – in Österreich – die Wettermesswerte der Hohen Warte sowie eines weiteren, der heimischen Zivilluftfahrtgesellschaft Austro Control zugeordneten Wetterdienstes. Dazu kommen Vergleichsdaten anderer europäischer Wetter- und Luftfahrtinstitutionen, „damit die Ausbreitung der Asche und ihre Schnelligkeit eruiert werden kann“, sagt Fleißner. Außerdem würden derzeit die Triebwerke jenes russischen Ural-Airlines-Flugzeugs untersucht, das am Samstag in Wien landen musste, weil ihm der Sprit ausgegangen war. Und nicht zuletzt existiert ein eigenes Institut, das sich ausschließlich mit dem Phänomen von Asche in der Luft beschäftigt: das „Volcanic Ash Advisory Centre“ (VAAC) in London, das derzeit so etwas wie seine 15 Minuten Ruhm erlebt. Dem britischen Verteidigungsministerium unterstehend, beobachtet es als eines von neun Zentren weltweit die Tätigkeit von Vulkanen. Dazu dienen ihm rund um die Uhr Satellitenbilder und Wetterstatistiken.

Ist eine Aschewolke entdeckt, berechnen die Forscher mittels Computermodellen und -simulationen ihre voraussichtliche Bewegung – und sprechen Warnungen aus. Womit Laudas und Bisignanis Kritik von wegen Computersimulationen vor allem in der Tätigkeit des VAAC zu suchen ist.

Allerdings seien derartige Simulationen, die „Linien von Luftteilchen vorausberechnen“, äußerst sinnvoll und zuverlässig, entgegnet den Kritikern der Klimaexperte Reinhard Böhm von der meteorologischen Zentralanstalt Hohe Warte. Nur müssten diesen Modellen reale Werte zugrunde liegen, um wirkungsvolle Vorhersagen treffen zu können. Solche können nur bei Testflügen eingeholt werden, die das VAAC selbst nicht durchführt. Und an diesem Punkt scheint das europäischen Krisenmanagement doch versagt zu haben.

„Die ganze Situation scheint mir ein bisschen wie Tschernobyl 1986“, sagt Reinhard Böhm. „Vor und nach der Katastrophe hatte niemand Ahnung, was eigentlich passiert. Erst danach begann man sich für die Auswirkungen zu interessieren und auf Folgen vorbereitet zu sein.“

Erst Anfang dieser Woche stiegen in Großbritannien und Deutschland Flugzeuge in den Himmel, um Aschekonzentrationen zu erheben. Mit einem „Schockmoment“ erklären Insider die Verzögerung. Zudem müssen Maschinen mit derartigem Spezialauftrag erst entsprechend umgerüstet werden, was einige Tage dauern kann. Bei Falter-Redaktionsschluss Montagabend waren die internationalen Testergebnisse noch nicht in Wien bei der Hohen Warte und Austro Control eingetroffen.

Schon vergangenen Donnerstag wurden die ersten Flughäfen in England und Schottland geschlossen, spätestens am nächsten Tag war klar, dass der Eyjafjallajökull den Flugverkehr massiv beeinträchtigt; zu diesem Zeitpunkt regnete es laut Daily Telegraph Asche auf die englischen Städte Swindon und Leeds. Aber erst am Montagnachmittag setzten sich die EU-Verkehrsminister zu einer telefonischen Krisenkonferenz zusammen.

„Es ist eben wie immer bei solchen unvorhergesehenen Ereignissen“, sagt Klimaexperte Reinhard Böhm. „Sollte so etwas wieder einmal passieren, werden alle perfekt vorbereitet sein.“

Erschienen im Falter 16/2010

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Eingeordnet unter Allgemein, Medien

Europa, die ewige Chance

Rezension

Was könnte dieser Erdteil nicht alles sein? Etwa die größte Wirtschaftsmacht der Erde? Tatsächlich aber scheint in Europa jeder integrative Schritt zu mühselig erkauft, als dass man ihn noch euphorisch feiern könnte. Zehn Jahre etwa dauerte der Weg zur nicht sogenannten Verfassung von Lissabon, immerhin „das Beste, was in der vielfältigen und vielstimmigen EU zu erreichen war“, wie der renommierte Diplomat Wolfgang Petritsch und die Kurier-Europa-Expertin Margaretha Kopeinig in „Die europäische Chance“ schreiben. Das umfassende und flüssig geschriebene Buch umreißt den langen Weg zur europäischen Integration, die wichtigsten Protagonisten der vergangenen Jahre und die aktuellen Entwicklungen, in denen Schlechtes (Krise, Euro-Schwäche) zu Gutem (stärkere Zusammenarbeit) führen könnte.

Joseph Gepp

Margaretha Kopeinig, Wolfgang Petritsch: Die europäische Chance. Neustart nach der Krise. Kremayr & Scheriau, 192 S., € 21,90

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Eingeordnet unter Bücher, Europa, Weltpolitik

STADTRAND – Ruhe oben, Ruhe unten: Wien im Vulkanmarathon

Letzten Sonntag war Wien-Marathon, und als wir so zwischen der Harlekin- und der Mit-Jesus-läuft’s-besser-Staffel gemächlich dahintrippelten, da merkten wir wieder, wie schön diese Stadt doch ist. Weil man einmal Gelegenheit hat, mitten auf der Straße zu sein. Weil die lähmenden Zuordnungen – Auto, Fahrrad, Fußgänger und so weiter – fallen. Weil der Blick nicht von schmalen Gehsteigen steil über Fassaden gleiten muss, sondern vom vorgesehenen Ort aus dorthin schweift: den Mittelpunkt eines Platzes. Gründerzeitliche Altstädte sollten nicht dreispurig von Autos durchkreuzt werden, denkt man dann wieder einmal. Aber das allein wäre nicht unbedingt neu. Neu war vor allem die Stille des Luftraums. Kein Flugzeugchen am Himmel. Keine flockig-weißen Kondensstreifen. Kein Geräusch, kein Dröhnen. Kollegen, die erzählen, dass ihre Einflugschneisenwohnung seit Tagen so ruhig ist, wie sie das nie zuvor erlebt haben. Stille oben und unten. Nur menschliches Gelaufe und Geschnaufe. Vereinzelt Jubel, eine Musikkapelle. Danke, Eyjafjallajökull.

Erschienen im Falter 16/2010

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Vienna City Marathon 2010: Wenn 35.000 Menschen die Stadt derlaufen

Kommenden Sonntag findet zum mittlerweile 27. Mal der Wien-Marathon statt. Die 42.195-Meter-Strecke führt wie eh und je über Reichsbrücke, Ringstraße und Wienzeile durch den Prater und endet am Heldenplatz. Angeboten werden auch Halb- und Staffelmarathon. Letzterem stellt sich auch – einer mittlerweile zweijährigen Tradition entsprechend – eine handverlesene Falter-Formation. Für internationale Rekorde eignet sich der Wien-Marathon trotzdem nicht. Am schnellsten wird die Strecke regelmäßig in Berlin, London und Chicago gelaufen.

Den Herren-Weltrekord hält der Äthiopier Haile Gebrselassie, der 2008 in Berlin 2:03:59 Stunden lief. In Wien läuft man höhenunterschiedsbedingt vergleichsweise langsam; die Rekorde liegen bei 2:07:38 (2008, Männer, Abel Kirui aus Kenia) und 2:23:47 (2000, Frauen, Maura Viceconte aus Italien).

Wie gewohnt ist am Marathontag mit zahlreichen Straßensperren zu rechnen – Nichtläufer also besser Öffis nehmen. Mehr als 30.500 Läufer aus 105 Ländern haben sich angemeldet. Das ist ein neuer Rekord, denn bisher lag die Bestmarke im Jahr 2008 bei 30.072 Teilnehmern.

Spätentschlossene können sich übrigens nur noch bei der Startnummernausgabe – an der Reichsbrücke direkt vor Marathonbeginn – anmelden. JG

Vienna City Marathon
So, 18.4.; Start 9 Uhr Reichsbrücke, Ziel (ab ca. 13 Uhr): Heldenplatz

Erschienen im Falter 15/2010

In eigener Sache: Mit 3:54:13 Stunden war die Falter-Staffel (bestehend aus Klaus Nüchtern, Daniel Nutz, Christoph Heshmatpour und Joseph Gepp) eine Viertelstunde besser als 2009 (!) .

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Eingeordnet unter Allgemein, Wien

Nachbar in Not

Roma-Morde, militante Garden, ein unvergleichlicher Rechtsruck. Was ist denn bloß in Ungarn los?

Reportage: Joseph Gepp

Es ist Donnerstag, 8. April. Morgen beginnt die gesetzlich verordnete Kampagnenstille vor der Wahl. Heute wird am Budapester Donauufer noch richtig Gas gegeben.

„Wer liefert unserer Regierung die Tankwägen, die euch beim Demonstrieren von der Straße spritzen?“, ruft der Redner in die Menge. „Israel!“, antwortet er sich selbst. „Wer kauft unsere ungarische Erde auf? Israel!“

Die Partei Jobbik, was zugleich „Bessere“ und „Rechtere“ bedeutet, hat zur Schlusskundgebung unter die Statue von Sándor Petöfi, Ungarns Heinrich Heine, geladen. Bei ihrer Gründung 2003 galt Jobbik noch als obskure Politsekte, deren völkisches Getue samt Faible für historisch einschlägige Uniformen Spott hervorrief. Jetzt könnten Ungarns Rechtsextreme, neben denen sich die hiesige FPÖ wie ein Haufen Versicherungsvertreter nach einem NLP-Grundkurs ausnimmt, gar die regierenden Sozialisten einholen und hinter den Rechtskonservativen ein zweitstärkste Kraft ins Parlament ziehen.

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Bei der Kundgebung: Jobbik-Anhänger mit dem Umrissen von Großungarn am Pullover
(Fotos: Joseph Gepp)

Schwule, Kommunisten, Juden und Roma sind nach Jobbik Stacheln im Volkskörper – und die linksliberale ungarische Regierung Erfüllungsgehilfe: „Nach der Wahl wird ihr im Gefängnis das Lachen schon vergehen“, heißt es von der Bühne. Jobbik propagiert ein Weltbild à la 1933: Okkult beschlagene Parteigänger behaupten, dass Jesus Ungar gewesen sei; das schiefe Kreuz auf der Stephanskrone diene in Wahrheit als Antenne zum Empfang göttlicher Botschaften ans auserwählte Magyarenvolk.

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Am Rand der Veranstaltung werden einschlägige Fanartikel verkauft: „H“ steht für „Hungaria“. Trianon war der Name jenes französischen Schlosses, in dem nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen eines stark verkleinerten Ungarns gezogen wurden (Gepp)

Rund 300 Leute sind zur Veranstaltung gekommen; die Ansammlung wirkt wie eine Mischung aus Wünschelrutengeherseminar, Skinhead-Aufmarsch und einer dieser tristen Unterschichtendokumentationen im Privatfernsehen. T-Shirts mit altmagyarischen Runen umspannen Bierbäuche; Amulette mit dem heidnisch-nationalen Turul-Vogel baumeln um sonnenverbrannte Stiernacken.

Nazifahnen und Fabelvögel

Auf der Bühne weht die mittelalterliche rot-weiße Árpád-Fahne, Symbol der Pfeilkreuzler, Ungarns Nazis. Daneben steht die 2007 gegründete „Ungarische Garde“, jene schwarz gekleideten Möchtegern-Paramilitärs, die gern durch Roma-Dörfer marschieren, wenn sie nicht gerade Kundgebungen organisieren. Ein Mann verteilt Pickerln für die Stoßstange. Auf ihnen prangen neben Israels Präsident Shimon Peres die Worte: „Regiere dein eigenes Land, Hurensohn, statt unseres zu besetzen!“

Wenn die Israelis ihren Nahoststaat bald an die Araber verlieren würden, erklärt der junge Jobbik-Parteichef Gábor Vona auf der Partei-Homepage, sei Ungarn als Ausweichvariante vorgesehen. Seine Fans nehmen solche Szenarien bereitwillig auf: Zwei Kräfte hätten Ungarn und ganz Europa in den Staub getreten, sagt etwa ein älterer Mann am Rand der Kundgebung, „Juden und Kommunisten“. Und „im Übrigen warte ich immer noch auf Österreichs Entschuldigung für den Raub des Burgenlandes“. Der Mann verabschiedet sich mit dem Jobbik-Gruß: „Gott gebe eine bessere Zukunft.“

Nach einer besseren Zukunft sieht es derzeit in Ungarn nicht gerade aus.

Vergangenen Sonntag, drei Tage nach der Jobbik-Kundgebung, fand der erste und entscheidende Wahlgang der Parlamentswahl statt. Er bescherte dem Land einen Rechtsruck, wie er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in keinem osteuropäischen Staat vorgekommen ist. Die Kräfte der Wende, die bis zuletzt regierten, Sozialisten und Liberale, wurden mehr als halbiert und stürzten in die Bedeutungslosigkeit. Die neue Macht ist indes mit 53 Prozent der „Fidesz“, eine konservative Volkspartei mit hetzerischen Untertönen, deren charismatischer Vorsitzender Viktor Orbán eher Silvio Berlusconi als Josef Pröll ähnelt. Und Jobbik konnte zwar nicht die Sozialisten überholen. Aber nur zwei Prozent hinter ihnen, mit 17 Prozent der Stimmen, hat sich die Polit-Sekte fest im Mittelfeld der ungarischen Politik etabliert.

Etwas läuft falsch im einstigen Land des Gulaschkommunismus, in der nach Hans Magnus Enzensberger „fröhlichsten Baracke im Block“. 21 Prozent der Bewohner sympathisieren laut dem Budapester Political-Capital-Institut mit Rechtsextremen – ein Spitzenwert in Europa. In Sachen Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Wachstum fällt Ungarn dafür zurück, hinter frühere Nachzügler wie Polen und Slowakei. EU und Währungsfonds mussten dem Land 2008 einen Notkredit von 20 Milliarden Dollar gewähren, um es vor dem Staatsbankrott zu retten. Seither wird eisern gespart, was einerseits die Armut und andererseits den Extremismus vergrößert: Kennern zufolge greift er vor allem in der Provinz außerhalb von „Judapest“, wie einschlägige Kreise die Hauptstadt nennen, immer mehr um sich.

Brandsätze und Schrotflinten

40 Minuten etwa liegt Tatárszentgyörgy von Budapest entfernt. Fidesz wie Jobbik haben hier überdurchschnittlich gewonnen. An der Landstraße, die zum Dorf führt, stehen Prostituierte unter blühenden Obstbäumen, Bauern pflügen ihre Felder wie vor 150 Jahren mit dem Pferd.

Eine Kirche steht in Tatárszentgyörgy, zwei Pferdefuhrwerke, ein Beisl namens Royal Jack Pub. An einem unasphaltierten Weg wohnen in heruntergekommenen Häusern die Roma des Ortes. Und wo ihre kleine Siedlung am Waldrand endet, lebt Familie Csorba. Ihr Leid wurde zum Signal, dass in Ungarn etwas schiefläuft.

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Csabáné Csorba mit ihrem Mann und dem Foto des ermordeten Sohns und Enkels (Gepp)

Am 23. Februar 2009, 0.15 Uhr, warfen Unbekannte Molotow-Cocktails auf ihr Dach. Róbert Csorba lief daraufhin mit seinem vierjährigen Sohn vor die Tür, wo beide mit einer Schrotflinte erschossen wurden. Die Mutter sprang mit zwei weiteren Kindern aus dem Fenster der Hausrückseite; sie überlebten schwer verletzt.

Seit zwei Jahren erschüttern die sogenannten „Roma-Morde“ Ungarn. Sie laufen immer nach demselben Muster ab: Die Täter wählen das letzte Haus am Dorfrand, von dem aus die Flucht leicht fällt. Sie schleudern Brandsätze und feuern Schrotkugeln. Sechs Menschen starben derart bei neun Anschlägen im ganzen Land. Vier mutmaßliche Täter, davon ein amtsbekannter Rechtsradikaler, wurden im August 2009 in Debrecen gefasst und sitzen seither in U-Haft.

Das Leid der Roma

Wenn Csabáné Csorba, 46, vor ihre Haustür in Tatárszentgyörgy tritt, steht sie direkt vor jener Brandruine, in der ihr Sohn und Enkel starben.

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Das angegriffene Haus (Gepp)

Zu zehnt wohnen die verbliebenen Mitglieder der Großfamilie, allesamt arbeitslos, im Nebenhaus. Róbert war mit seiner eigenen Familie nach nebenan gezogen. Sie glaube nicht, dass Jobbik die Macht in Ungarn erringen werde, meint die trauernde Mutter, die in ihrem Wohnzimmer unter einer riesigen Kopie des „Letzten Abendmahls“ sitzt. „Aber wenn doch, ist es für die Roma im Land vorbei.“ Sie merke, wie sich die Stimmung zwischen Roma und „Weißen“ zum Schlechten verändere. „Ich könnte gar nicht sagen, inwiefern. Aber es fällt mir auf, wenn ich zum Beispiel im Dorf einkaufe. Es ist eine spezielle Stimmung in Tatárszentgyörgy, weil hier der Anschlag war. Aber es ist auch eine spezielle Stimmung in ganz Ungarn.“

„Die Saat geht auf“, schreiben Gregor Mayer und Bernhard Odehnal in ihrem Buch „Aufmarsch“ zur osteuropäischen Rechten. Für die österreichischen Journalisten bildet Jobbiks Hetze einen Teil jener Radikalisierung, die in die Roma-Morde mündete.

Wie Frau Csorba in Tatárszentgyörgy registrieren die beiden Autoren im gesamten Land eine Veränderung: Hetze wird salonfähig, Hemmschwellen fallen, Konflikte verlagern sich aus demokratischen Instanzen auf die Straße. Ein Beispiel ist das Online-Nachrichtenportal kuruc.info, Leitmedium der ungarischen Rechten.

Rubrik „Holo-Schwindel“

Laut Kritikern mit Jobbik verflochten, hetzt der „Kuruzze“ wütend gegen Juden, Sozialisten und Roma. Seine Rubriken heißen etwa „Zigeunerkriminalität“ und „Holo-Schwindel“. Im Impressum verstecken sich Schreiber hinter Namen wie „János Arbeitmachtfrei“ und „Kenneth Kl. Klan“.

Die bloße Existenz solcher Naziseiten unterscheidet Ungarn zwar noch nicht von anderen Ländern. Aber im Gegensatz zu anderswo rangiert kuruc.info mit 130.000 Lesern täglich unter den meistbesuchten Websites des Landes. Unlängst etwa enthüllte das Portal einen Datenmissbrauchsfall: Herkömmliche Medien berichteten darüber und nannten, wie üblich, die Quelle. Kuruc erscheint also zunehmend wie ein gewöhnliches kritisches Medium – auch wenn im Impressum etwa „Adolf H. Schicklgruber“ steht.

Derartiges sei in Ungarn „noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen“, erklärte Paul Lendvai im vergangenen Falter. Und Adam Schönberger, ein junger jüdischer Aktivist aus Budapest, meint: „Der Diskurs in diesem Land ist total versaut.“

Schönberger, 30, Kapuzenpullover und roter Dreitagebart, betreibt in der Altstadt die „Möwe“, Bierlokal, Buchhandlung und Diskussionsstätte in einem. Er veranstaltet Debatten zum Judentum und setzt sich für Reformen in Budapests „postkommunistisch undurchsichtiger“ Glaubensgemeinde ein. Einerseits habe in Ungarn vieles am jüdischen Leben des alten Ostens überlebt, sagt er. Andererseits seien antisemitische Übergriffe nicht selten. Letzte Woche erst, erzählt er, hätten Unbekannte Steine auf eine Gruppe Budapester Pessach-Feiernder geworfen. Und im Vorjahr kam es am Donauufer zu einer besonders widerwärtigen Schändung: Bronzeschuhe an der Promenade erinnern daran, dass hier einst Pfeilkreuzler Juden in den Fluss warfen und ermordeten. Eines Morgens steckten in den Schuhen plötzlich Schweinshaxen.

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Adam Schönberger in der „Möwe“ (Gepp)

„Ich würde zwar auswandern, wenn Jobbik an die Macht käme“, sagt Schönberger. „Aber derzeit scheint mir das wie Science-Fiction. Fidesz macht mir größere Sorgen.“

Wie viele Beobachter meint der Intellektuelle, dass Fidesz viel zur Salonfähigkeit des Rechtsextremismus beigetragen habe. Denn nach 2006 verstrickte sich die sozialistische Regierung immer mehr in Lügen und Missstände. Fidesz-Chef Viktor Orbán – der jetzige Wahlsieger – wählte darauf jedoch nicht den legitimen demokratischen Weg. Stattdessen unterstützte er den gewaltsamen und oft rechtsextremen Straßenprotest.

Ein „versauter Diskurs“ im Land

Jahrelang blockierte Fidesz alle Regierungsmaßnahmen. Bis heute warnt Orbán vor den „Links- und Rechtsradikalen“ – als wären Sozialisten und Jobbik dasselbe Phänomen.

Es ist Sonntag, 11. April 2010. Die Wahl ist geschlagen; Siegerpartei Fidesz feiert am zentralen Vörösmarty-Platz. Während hier der Gewinner von „Ungarn sucht den Superstar“ für Fidesz-Freunde Bohemian Rhapsody singt, trifft sich Jobbik zehn Kilometer weiter, in einem abgelegenen Sportzentrum am Budaer Donauufer.

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Die Ungarische Garde im Sportzentrum (Gepp)

Hunderte Mitglieder der Ungarischen Garde sind gekommen, um den 17-Prozent-Gewinn zu feiern. Sie jubeln, weil jeder sechste Wähler für Jobbik gestimmt hat. Sie tragen Hahnenfedern auf Kappen wie einst die Pfeilkreuzler. Sie brüllen Kommandos und marschieren im Gleichschritt durch die Halle.

Jetzt, wo die Parlamentswahl vorbei ist, wirkt die selbstbewusste Szenerie viel eher nach Skinhead-Aufmarsch als nach trister Unterschichtendokumentation im Privatfernsehen. Sie erinnert an die Dreißigerjahre. Sie wirkt gefährlich. Sie kündet jedenfalls nicht von einer besseren Zukunft.

Erschienen im Falter 15/2010

Gulaschfaschismus: Interview mit Jobbik-Prateichef Gábor Vona von 2007

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Eingeordnet unter Minderheiten, Osteuropa, Ungarn

Herrn Libowitzkys letzter Monat

Seit 1816 liegt in der Rotenturmstraße ein Instrumentengeschäft. Jetzt schließt es. Ein Abschiedsbesuch

Reportage: Joseph Gepp

Man sieht ihn nicht gleich, wenn man das Geschäft betritt. Man muss erst einige Schritte ins Innere tun, bis Michael Libowitzky aus seinem kleinen Refugium im Hinterzimmer herauskommt. Ein abgenutzter Ledersessel steht dort, Zigaretten samt einem übervollen Aschenbecher, ein Pult mit der aufgeschlagenen „Weltchronik“ der Wiener Zeitung, ein altes Radio, aus dem in diesem Moment „Movie Star“ klingt. Und ein tabakgelbes Diplom an der Wand, das Libowitzkys Laden in prunkvollen Lettern die Teilnahme an der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 bescheinigt.

Seit 1816 existiert das kleine Musikalien- und Instrumentengeschäft in der Rotenturmstraße, Hausnummer 14; seit 50 Jahren steht darin Michael Libowitzky. Ein halbes Jahrhundert lang als Chef und einziger Angestellter hinter der Theke. Ein halbes Jahrhundert, Montag bis Freitag, 10.30 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, samstags nur am Vormittag.

Jetzt wird Michael Libowitzky, 64 Jahre alt, zusperren. Ein Nachfolger fand sich nicht. Er sei nicht traurig, sagt der Chef. Er freue sich stattdessen auf seine Pension.

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Abschiedswalzer: Michael Libowitzky spielt ein Ständchen auf seinem Sousaphon
Foto: Heribert Corn

Was passiert sei in 50 Jahren? Libowitzky zuckt mit den Schultern: nicht viel, scheint er ausdrücken zu wollen. Wie hat sich die Rotenturmstraße verändert? Libowitzky lächelt. Na ja, die Trafik nebenan sei eigentlich immer eine Trafik gewesen. Und das Kleidergeschäft auf der anderen Seite sei auch immer ein Kleidergeschäft gewesen. Nur habe es früher halt „Fritz“ geheißen statt „Calzedonia“.

Und sein eigener Laden? „Wissen Sie“, sagt er, „bei klassischen Instrumenten ändert sich ja nicht viel. Es gibt immer ein interessiertes Publikum. Und Elektronik hab ich nie geführt.“

Seit Wochen schon künden handgeschriebene Plakate vom Schlussverkauf. Drei akustische Gitarren baumeln noch in einem Regal, daneben zwei Geigen in einem Holzkasten. Ein Frau betritt den Laden und fragt nach der letzten Maultrommel im Schaufenster: 2,10 Euro, „bitte schön, gnä’ Frau“, sagt Libowitzky. Kisten stehen auf dem Boden, Bücher und Notenhefte formen verstaubte Stapel. Ein Klassikkatalog aus dem Jahr 1991, ein halbleerer gelber Kassettenständer mit „klingenden Souvenirs aus Österreich“.

Michael Libowitzky ist ein leiser alter Herr, er trägt einen dunkelblauen Pullover über einem hellblauen Hemd, Cordhose, eine Zigarette in der Hand wie ein sechster Finger.

Geigen hätten sich früher besser verkauft als heute, sagt er nach kurzem Überlegen. Und Saxofone und Ukulelen, also kleine Gitarren, seien noch in den vergangenen paar Jahren überraschend gut gegangen. Aber jetzt, sagt Libowitzky, sei seine Zeit gekommen.

Eine zweite Frau betritt das Geschäft, sie kauft eine Kassette mit dem Titel „Wenn die Ziegelböhm tanzen“.

Nach seiner Pensionierung könne er endlich wieder mehr musizieren, sagt der Chef. Er selbst sei begeisterter Kontrabass-Spieler, habe sogar Tourneen gemacht, mit einer 7-Mann-Jazzcombo durch Brasilien, Amerika, Kanada und Deutschland. Wann das gewesen sei? Mit Jahreszahlen habe er es nicht so, sagt Libowitzky. „Aber einen Tag nachdem wir in New Orleans auf einem Raddampfer gespielt haben, war der Hurrikan Katrina.“

Am Freitag, dem 30. April 2010, wird Michael Libowitzky zum letzten Mal sein Geschäft aufsperren. Vormittags 10.30 bis 13 Uhr, nachmittags 14 bis 16 Uhr.

Erschienen im Falter 14/2010

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Reportagen, Wien

Der angekündigte Untergang – Ein Besuch in Hasankeyf

Joseph Gepp

Bis hierher, sagt Ali und hebt Hand in Brusthöhe, werde das Wasser reichen. Alles darunter verschwinde, nur die Spitze eines alten Minaretts werde noch aus den Wellen ragen. Und alles darüber stürze ein. Denn das Wasser wird sich in den Berg fressen, sagt Ali. Die vielen kleinen Höhlen fluten, die Fundamente der Gebäude wegspülen. Und am Ende wird von Hasankeyf nur eine kleine Insel bleiben, mit Trümmern übersät.

Ali ist Kurde. Im Sommer jobbt er – wie die meisten hier – in einer westtürkischen Touristenhochburg, in seinem Fall Bodrum, als Kellner. Den Winter verbringt Ali in seinem ostanatolischen Heimatort Hasankeyf. Dort sitzt er in einem Schanigarten, der etwas über der Stadt liegt. Er trinkt Tee aus einem Tulpenglas. Er blickt hinunter zur Hauptstraße, zu den Marktständen, den Grillrestaurants, zur Brücke über den Tigris, zur Moschee mit den steinernen Ornamenten aus dem 13. Jahrhundert.

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Blick auf Hasankeyf von Alis Schanigarten
Fotos: Joseph Gepp

Hasankeyf, vier Autostunden von der syrischen Grenze gelegen, ist ein Ort, an dem zwei Prinzipien gegeneinanderstehen. Der Erhalt historischen Erbes auf der einen, die Flucht aus der wirtschaftlichen Perspektivenlosigkeit auf der anderen Seite. In Hasankeyf schließen die beiden Prinzipien einander radikal aus. Denn ein großer Damm, das Illisu-Projekt, wird hier errichtet. Illisu soll Wohlstand und Hoffnung ins heruntergekommene Südostanatolien bringen. Kommt aber Illisu, wird Hasankeyf untergehen.

Es war eine wichtige Stadt, vor Jahrhunderten, im Mittelalter, als die frühtürkische Artukiden-Dynastie hier eine Brücke errichtete. Ihre Pfeiler ragen bis heute aus dem schlammbraunen Tigris. Händler zwischen Orient und Okzident überquerten die Brücke, brachten Hasankeyf Zolleinnahmen, verrechneten ihre Waren mit Geld, das in Hasankeyf geprägt worden war. Die Bewohner von Hasankeyf trieben in den weichen Stein der Tigrishänge Tausende Höhlen, die oft mehrere Stockwerke umfassten. Sie errichteten große Moscheen, Burgen, Bazare, Paläste.

Heute liegt das alles in Ruinen. Denn als sich nach der Entdeckung Amerikas die Handelsströme nach Westen verlagerten, sank Hasankeyf in die Bedeutungslosigkeit. Heute wohnen die Menschen in Häusern, die schon zum Zeitpunkt ihrer Errichtung baufällig wirken. Südostanatolien ist ein vergessener Landstrich, der Boom findet anderswo statt, in Istanbul, Ankara, der Zentraltürkei. Ein letzte Höhle ist noch bewohnt; das darin lebende alte Ehepaar weigerte sich in den 80er-Jahre auszuziehen.

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Wohnhöhlen in und um Hasankeyf

Zwei Kilometer soll der Illisu-Damm breit werden und 140 Meter hoch. Der See, der in der Folge entstünde, wäre annähernd so groß wie Wien. Ali deutet von seinem Schanigarten auf eine Hügelkuppe am Horizont. „Dort wird das Ufer liegen“, sagt er, „und daneben werden sie Yeni Hasankeyf, Neu-Hasankeyf, bauen. Die Asphaltstadt.“

„Ich bin ohnehin weg“, sagt er. „Ich ziehe endgültig fort. Nach Bodrum.“ In den vergangenen 20 Jahren sank die Einwohnerzahl von Hasankeyf radikal. 3000 Menschen sind heute übrig, die meisten von ihnen stehen dem Damm mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn Wohlstand hat der Stadt allein seine Ankündigung gebracht: Die türkische Regierung zahlt großzügige Entschädigungen für Umzugswillige. Und viele Touristen, die Hasankeyf ohne seinen bevorstehenden Untergang gar nicht kennen würden, kommen nun, um den Ort noch einmal zu sehen.

Er ziehe nach Istanbul, erzählt Mesut, ein anderer Bewohner von Hasankeyf, Restaurantbesitzer. Über dem Feuer brät er Fische aus dem Tigris. Er könne sich die Übersiedlung leisten, jetzt, dank der Entschädigungszahlung. Grinsend gestattet er, dass in seinem Lokal trotz landesweiten Verbots geraucht wird – das sei hier egal. „Die Höhlen, die alte Moschee, die Festung, die Münzprägestätte. Das alles ist ganz hübsch, wie aus einer anderen Zeit. Aber es zählt nicht, es ist nichts wert. Weil wir keine Chancen haben. Was sollen wir denn mit dem alten Zeug? Davon können wir nicht leben, sondern vom Damm.“

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Die alte Brücke über den Tigris

Dabei stand das Projekt zwischenzeitlich knapp vor dem Scheitern. Das Bauarbeiten hatten schon im Jahr 2006 begonnen, doch kurz darauf bekamen die Organisatoren – ein Konsortium aus türkischen, deutschen, schweizerischen und österreichischen Firmen – kalte Füße. Massive internationale und kurdische Proteste hatte dazu geführt, dass die nationalen Kontrollbanken ihre Exportsicherungen zurückzogen. Die Arbeiten wurden eingestellt; in Österreich verabschiedete sich der Grazer Anlagenkonzern Andritz vom Plan. Im Sommer 2009 schien das Projekt gescheitert, weil die europäischen Geldgeber abgesprungen waren.

Doch vor zwei Wochen trat der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan an die Öffentlichkeit. Der Damm werde gebaut, erklärte er freudig. Chinesische Geldgeber seien zur Finanzierung bereit.

Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf am 3.3.2010

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