Monatsarchiv: April 2010

Gerendert aus der Asche

In zwölf Jahren Detailarbeit haben zwei Architekten die Synagogen Wiens wiedererrichtet. Zumindest virtuell

Bericht: Joseph Gepp

Zweihundert bis vierhundert Arbeitsstunden dauere es, sagt Herbert Peter, dann stehe eine Synagoge wieder.

Er klappt seinen Laptop auf und öffnet ein Bild, Brigittenau, Kluckygasse 11. Seit der „Reichskristallnacht“ vom 10. November 1938 existiert der dreischiffige Tempel mit den Zwiebeltürmen nicht mehr. Peter, 44, Architekturdozent an der Akademie der bildenden Künste, hält die Maustaste gedrückt und steuert durch ein Fassadenfenster ins Innere.

Ein Davidstern thront über dem Thoraschrein. Die gusseisernen Kurven des Stiegengeländers erinnern an Kleeblätter. Sogar Sonnenlicht, das ein kreuzförmiger Fensterrahmen viertelt, fällt von draußen über die Frauenempore. „Bis vor kurzem“, sagt Peter, „gab es von diesem Gebäude nicht mehr als einen Grundriss und ein paar vergilbte Fotos. Aber jetzt können wir, wenn wir die Quellen zusammenfassen, den alten Raumeindruck nachbilden.“

„Computergestütztes Modellieren“ oder neudeutsch „Rendern“ nennt man die Methode, die sonst vorwiegend bei Neubauvierteln zum Einsatz kommt, damit man sich vorab deren Anmutung vor Augen führen kann. Aber heute rendert Herbert Peter, der nun das Innere der Synagoge in zwei Hälften schneidet, die Vergangenheit. Er will sich vorstellen können, wie die Stadt war, bevor das jüdische Leben aus ihr getilgt wurde.

21 große Synagogen und 40 kleine Bethäuser standen am Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien. Es gab sie in fast allen Bezirken. Manche erinnerten in ihrem orientalisierenden Stil an das Simmeringer Arsenal. Andere sahen katholischen Kirchen zum Verwechseln ähnlich. Weitere hatten prachtvolle Kuppen und minarettartige Türmchen. Bei vielen lag die Fassade nicht direkt an der Straße, sondern man musste erst ein Vorhaus durchqueren, in dem oft Schulen und Klubs untergebracht waren.

Wo sie standen, liegen heute Parkplätze oder Hinterhöfe oder – wie in der Kluckygasse 11 – unterbricht ein grauer Nachkriegsgemeindebau eine Hausweite lang die gründerzeitliche Straßenfront.

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Die Leopoldstädter Pazmanitengasse einst und jetzt
(alle Fotos und Grafiken aus „Die zerstörten Synagogen Wiens“)

Herbert Peter hat gemeinsam mit Bob Martens, 49, Professor für Raumgestaltung an der TU Wien, die Rekonstruktionen aller 21 Synagogen in einem aktuellen Buch veröffentlicht. Zwölf Jahre lang dauerte die Arbeit. Die Anregung kam von einem Bewohner der Josefstädter Neudeggergasse, der 1998 vom Expertenduo wissen wollte, wie eigentlich der verschwundene Tempel in seiner Straße ausgesehen habe. Danach arbeiteten sich Martens und Peter – assistiert von TU-Studentengruppen – von Synagoge zu Synagoge weiter.

Die Resultate sind derzeit auch in einer Ausstellung im Büro der Gebietsbetreuung Brigittenau zu sehen.Das Besondere an Martens’ und Peters Arbeit ist der unkonventionelle Zugang: Wer sich sonst mit Vertriebenen auseinandersetzt, greift klassischerweise auf Quellen wie Zeitzeugenberichte, Tagebuchnotizen oder Bevölkerungsstatistiken zurück. Martens und Peter aber verfolgen keinen historischen oder religionswissenschaftlichen, sondern einen strikt architektonisch-technischen Zugang. Es geht ihnen nur darum zu zeigen, wie die Stadt aussah, als noch Synagogen in ihr standen.

Demnach soll das einstige Straßenbild mit dem heutigen verglichen werden können. Dazu findet sich zu jedem Tempel im Buch ein Grätzelplan. Außerdem handelt es sich um keinen Bildband, wie er sonst zur Darstellung von Grafiken dient. „Wir haben stattdessen“, sagt Bob Martens, „die Form des handlichen Stadtführers gewählt. Wir wollen, dass ihn die Leute in die Hand nehmen und losmarschieren.“

Sie gehen auf die Suche nach Parkplätzen und Hinterhöfen, die sie vielleicht schon hundertmal übersehen haben. Und deren grauer, unauffälliger Lückencharakter nun davon erzählt, was dieser Stadt einmal verlorengegangen ist.

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Der sephardische Tempel in der Zirkusgasse: als historische Aufnahme, als Computermodell mit Lichteinfall, als dieselbe Stelle heute

Um die Lücken anschaulich zu machen, suchten Martens und Peter nach alten Beschreibungen der Synagogen, Fotos, Aquarellen, Postkarten. Sie vertieften sich in jüdische Ornamentik und gründerzeitliche Farbgebung. Sie berechneten anhand der typischen Ostausrichtung der Synagogen den Lichteinfall in Innenräumen. Sie durchforsteten Laufkilometer an den baubehördlichen Akten, um jene Pläne aufzutreiben, die Architekten einst im Zug des Bewilligungsverfahrens ans Magistrat einreichten. Teils gehen diese Dokumente bis ins Jahr 1790 zurück.

„Historiker aus Serbien und Ungarn recherchieren in Wien, weil hier so viele alte Pläne liegen. Es hat was sehr Wienerisches, dass die echten Bauten vernichtet, niemals aber die Archive angetastet wurden“, sagt Herbert Peter.

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Der einstige Ottakringer Tempel in der Hubergasse

Bei den Recherchen erschlossen sich Martens und ihm Erkenntnisse, die weit über das bloße Aussehen von Synagogen hinausreichen.

Wiens ältester neuzeitlicher Tempel liegt in der Seitenstettengasse und besteht bis heute. Als er 1825 errichtet wurde, hielt man sich noch streng an das Toleranzpatent Josephs II., wonach nichtkatholische Gotteshäuser von außen nicht als solche erkennbar sein durften.

Als Jahrzehnte später, 1858, Wiens zweite Synagoge entstand, war die Gemeinde durch Ostzuwanderer schon auf das rund Dreißigfache angewachsen. Die große Synagoge in der Leopoldstädter Tempelgasse fasste nun rund 3000 Menschen. Das Toleranzpatent war aufgeweicht; die Tempel begannen etwas herzumachen.

Zwar blieb etwa jener in der Tempelgasse kleiner als viele katholische Kirchen. Aber der maurische Stil, den der Ringstraßenarchitekt Ludwig von Förster dem Gebäude verpasste, machte Eindruck. Und weil die davor verlaufende schmale Gasse keine pompösen Sichtachsen erlaubte, legte Förster einen neuen Platz an: In einigen Metern Entfernung beiderseits des Hauptschiffes ließ er Nebentrakte bauen, sodass ein Raumeindruck entstand. Einer der Trakte steht bis heute, daneben die brache Stelle, wo bis 1938 das Hauptschiff war.

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Die Tempelgasse, einst und jetzt

Eine schmale Gasse, ein kleines Grundstück – und doch der Wille zur Repräsentation: „Die Tempelgasse zeigt, wie die jüdische Gemeinde ständig zwischen dem Willen zur Exponiertheit und der Angst davor lavierte“, sagt Martens und zeigt als Beleg das Rendering eines weiteren Tempels. „Die Synagoge in der Alsergrunder Müllnergasse war zwar einigermaßen auffällig. Aber dafür sah sie auch aus wie eine katholische Kirche. Und doch war sie von der Straßenfront aus ein paar Meter nach hinten versetzt, als würde sie sich nicht ganz hervorzutreten trauen. Es war ein ständiges Taxieren und Verhandeln.“

Wie als Bestätigung dieses Misstrauens überstanden – wenn auch ihrer Funktion beraubt – gerade jene Synagogen das Jahr 1938, die von außen nicht als solche kenntlich waren. Schon 1903 ließen wütende Anrainer den Bau einer Großsynagoge am Rudolfsplatz scheitern. Im Gegensatz zu allen bisherigen hätte diese freistehend, also in keine Straßenfront integriert, sein sollen.

Außerdem gab es damals in der kakanischen Provinz mehr Freiheit als in Wien. Am Land standen Synagogen öfter frei und waren generell prominenter platziert als in der Reichshaupt- und Residenzstadt. Das ging so weit, dass sich manchmal das gleiche Modell desselben Architekten baugleich zweimal fand – halb versteckt in Wien und etwas exponierter am Land.

So existiert der einstige Alsergrunder Tempel ein zweites Mal im tschechischen Budweis – dort hat er im Gegensatz zu Wien die Nazizeit überlebt und steht außerdem frei. Und im Fall der Synagoge im nordungarischen Miskolc finden sich sogar Weltreligionen ineinander verzahnt: Das gleiche Gebäude steht als evangelische Gustav-Adolf-Kirche in der Gumpendorfer Straße.

So gesehen hat sogar Ludwig von Försters einst gerühmter Leopoldstädter Tempel die Zeit auch abseits von Bob Martens’ und Herbert Peters Computermodellen überstanden: Er steht als „Choralsynagoge“ in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Bob Martens, Herbert Peter: Die zerstörten Synagogen Wiens. Virtuelle Stadtspaziergänge. Mandelbaum, 256 S., € 19,90

Wiens verschwundene Synagogen, Ausstellung Gebietsbetreuung Stadterneuerung. 20., Allerheiligenplatz 11. Mo-Mi 9-12 und 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Fr 9-12 Uhr

Kasten zu diesem Text: Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

Erschienen im Falter 17/2010

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Eingeordnet unter Minderheiten, Stadtgeschichte

Der „Broadway in der Reindorgasse“: Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

:: Im Jahr 1932 schrieb die Wiener Zeitschrift Kuckuck: „Paris hat die Rue de la Paix, London die Regent-Street, Neuyork hat den Broadway, Rudolfsheim hat – die Reindorfgasse.“

Es gibt einen Aspekt in der Geschichte des 15. Wiener Gemeindebezirks, der wohl schon völlig in Vergessenheit geraten wäre, würde eine kleine Bürogemeinschaft in der Herklotzgasse 21 nicht konsequent an seiner Erinnerung arbeiten: das jüdische Leben im Viertel. „Bis heute“, erzählt Michael Kofler, 43, Regionalentwickler und Grätzlhistoriker, „treffen sich in Tel Aviv regelmäßig ein paar alte Damen zum Kaffee, die gemeinsam den jüdischen Kindergarten in der Herklotzgasse besucht haben.“

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Zwischen Äußerer Mariahilferstraße und Sechshauser Straße liegt ein Viertel mit fast vergessener Geschichte

Vor fünf Jahren zog Kofler mit der Ökonomin Judith Pühringer, 34, in ein lichtdurchflutetes und preisgünstiges Gründerzeitbüro in der Herklotzgasse 21 unweit des Gürtels. Kurz danach bekam Pühringer zufällig die Kindheitserinnerungen einer alten Rudolfsheimerin über das „Zentrum jüdischen Lebens“ in die Hände. Kofler und Pühringer wurden neugierig. Und der Ort Herklotzgasse 21 zunehmend zum Programm.

Vor dem Ersten Weltkrieg war in der Gegend um Herklotz- und Reindorfgasse ein vitales jüdisches Viertel entstanden. Dem Broadway glich es zwar nicht unbedingt. Aber mit Kaffeehäusern, Schulen, Sportvereinen und zwei großen Synagogen brachte es sicher einiges Treiben in den Bezirk. Und im Unterschied zur großbürgerlichen Innenstadt und zur orthodoxen Leopoldstadt hatten sich hier vorwiegend Kleinbürger angesiedelt.

1938 – hauptsächlich in der verhängnisvollen Nacht vom 9. auf den 10. November – wurde das Gefüge zerstört. Die Überlebenden verstreuten sich in alle Welt – bis Michael Kofler und Judith Pühringer sie zum Erinnerungstreffen nach Wien einluden.

Zeitzeugengespräche, Grätzlführungen für Schulklassen, eine Privatausstellung mit alten Fotos und Erinnerungsstücken – seit nunmehr vier Jahren wollen die Grätzelhistoriker „die Geschichte nachhaltig erlebbar machen“, wie Kofler sagt. Bewusstsein soll geschaffen werden, was im 15. einmal war. Die neueste Maßnahme dazu ist eine Art Audioguideführung per eigenem Handy: Wählt man nun an einem von zehn Punkten im Bezirk eine Festnetznummer zum Ortstarif, klärt eine Bandstimme über die jüdische Geschichte des jeweiligen Ortes auf – auf Deutsch, Englisch, Serbokroatisch, Türkisch oder Hebräisch.

Als nächster Schritt, erklärt Kofler, wolle man sich für die Errichtung eines Denkmals unweit der Herklotzgasse einsetzten. Dort, wo sich heute eine triste Verkehrsinsel befindet, stand bis 1938 der alte Turnertempel.

JOSEPH GEPP

15., Herklotzgasse 21 (U6 Gumpendorfer Straße)
Besichtigung und Führungen nach Vereinbarung,
www.herklotzgasse21.at

Hautpgeschichte dazu: Gerendert aus der Asche
Mehr dazu: Stadt mit Juden

Erschienen im Falter 17/2010

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Eingeordnet unter Minderheiten, Stadtgeschichte, Wien

Im Auftrag der Republik: was im Asylwesen im Dunkeln bleibt

Der Fall Mirilo. Kommentar.

Vor einiger Zeit enthüllte der Falter den Fall Jovan Mirilo: Jener Serbe, der das Srebrenica-Video nach Den Haag schickte, sollte aus Österreich abgeschoben werden. Grundlage des Asylbescheids war ein Gutachten, das erstens anonym war und zweitens Fakten extrem verzerrte und Mirilo als Kriminellen hinstellte.

Der folgende Wirbel zwang das Innenministerium zum Rückzug. Nun wurde außerdem eine parlamentarische Anfrage beantwortet, die die Grüne Alev Korun einbrachte. Ihr dürftiger Inhalt – vieles bleibt wegen des „laufenden Verfahrens“ offen – lässt vor allem Rückschlüsse auf jene „Ermittler“ zu, die im Auftrag der Republik in Herkunftsländern Milieus und Fluchtgründe durchleuchten.

Eben jene nennt Ministerin Maria Fekter in ihrer Antwort konsequent „Sachverständige“, obwohl sie offiziell als „Ermittlungsbeauftragte“ tituliert werden. Dieses scheinbare Detail ist wichtig, denn einem Sachverständigen räumt das Verfahrensgesetz weit mehr Kompetenzen ein als einem Ermittler. Die Wortwahl verrät also die eminent wichtige Funktion der Ermittler für Asylfälle.

Das wäre nicht weiter tragisch, würde Auswahl und Handhabe der „Ermittler“ mit einem Mindestmaß an Transparenz erfolgen. Tatsächlich aber weiß, das geht aus der Antwort hervor, nicht einmal das Ministerium selbst, wie viele Ermittler im Einsatz sind und was dieser kostet. Im Übrigen, schreibt Fekter gleichsam ausgleichend, „werden Bestimmungen und Qualitätsstandards eingehalten“. Wenn man zurückdenkt, wie der (kosovo-albanische) Gutachter Zitate manipulierte, um den (serbischen) Aktivisten Mirilo in Grund und Boden zu schreiben, dann stimmen diese Worte nicht gerade ruhig.

Erschienen im Falter 16/2010

Mehr zum Fall Jovan Mirilo?

Zuhause wartet der Tod, März 2008
Der verratene Held, Februar 2010, I
„Befugt bin ich aus einem EU-Land“, Februar 2010, II
Das Asylamt revidiert seinen Bescheid, Februar 2010, III

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Eingeordnet unter Jovan Mirilo, Migranten

Böse, böse Wolke!

Ascheschwaden über Europa: Wo hört die Wahrheit auf? Und wo beginnt die mediale Hysterisierung?

Bericht: Joseph Gepp

„Vulkan nervt weiter“
Gratiszeitung Heute, Montag, 19. April 2010

Wer dieser Tage Zeitungen liest, gewinnt den Eindruck, ein Haufen weltfremder PC-Tüftler entscheide über Europas Sicherheit. Von „Computermodellen“ dürfe nicht die Entscheidung über die Schließung von Lufträumen abhängen, fordert etwa der Italiener Giovanni Bisignani, Präsident der internationalen Luftfahrtvereinigung Iata. In Österreich beschwerte sich fast gleichlautend Niki Lauda: Das Start- und Landeverbot, exekutiert von „untätigen Behörden“, sei „der größte Fehler der Luftfahrtgeschichte“, sagte er bei einem demonstrativen Airbus-A320-Testflug, in dessen Anschluss Turbinen pressewirksam auf Aschepartikel durchsucht wurden.

Seit vergangene Woche ein isländischer Vulkan mit dem für uns unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull ausbrach, hängt eine Aschewolke über Europa, die die Flieger am Boden hält. Eine Milliarde Umsatzausfall verzeichnet etwa Deutschland pro Tag, weil 40 Prozent des internationalen Handels über den Luftverkehr abgewickelt werden. 100 Linien könnten laut dem Luftfahrtverband AEA in Konkurs gehen, sollten die Flugzeuge noch eine weitere Woche parken müssen. 148 Millionen Euro Verlust haben sie schon jetzt eingefahren. Kein Wunder, dass bei manchem Wirtschaftstreibenden die Wut auf die PC-Tüftler mit ihren Simulationen wächst.

Dabei ist deren Arbeit nicht ganz so weltfremd, wie Linienbetreiber denken mögen. „Im Wesentlichen“, sagt Walter Fleißner, Sprecher im Verkehrsministerium, „geht es um die Dichte und chemische Zusammensetzung von Aschepartikeln in der Luft. Über sie muss man Bescheid wissen, um die Gefahrenlage einschätzen zu können.“ Zur ihrer Ermittlung dienen – in Österreich – die Wettermesswerte der Hohen Warte sowie eines weiteren, der heimischen Zivilluftfahrtgesellschaft Austro Control zugeordneten Wetterdienstes. Dazu kommen Vergleichsdaten anderer europäischer Wetter- und Luftfahrtinstitutionen, „damit die Ausbreitung der Asche und ihre Schnelligkeit eruiert werden kann“, sagt Fleißner. Außerdem würden derzeit die Triebwerke jenes russischen Ural-Airlines-Flugzeugs untersucht, das am Samstag in Wien landen musste, weil ihm der Sprit ausgegangen war. Und nicht zuletzt existiert ein eigenes Institut, das sich ausschließlich mit dem Phänomen von Asche in der Luft beschäftigt: das „Volcanic Ash Advisory Centre“ (VAAC) in London, das derzeit so etwas wie seine 15 Minuten Ruhm erlebt. Dem britischen Verteidigungsministerium unterstehend, beobachtet es als eines von neun Zentren weltweit die Tätigkeit von Vulkanen. Dazu dienen ihm rund um die Uhr Satellitenbilder und Wetterstatistiken.

Ist eine Aschewolke entdeckt, berechnen die Forscher mittels Computermodellen und -simulationen ihre voraussichtliche Bewegung – und sprechen Warnungen aus. Womit Laudas und Bisignanis Kritik von wegen Computersimulationen vor allem in der Tätigkeit des VAAC zu suchen ist.

Allerdings seien derartige Simulationen, die „Linien von Luftteilchen vorausberechnen“, äußerst sinnvoll und zuverlässig, entgegnet den Kritikern der Klimaexperte Reinhard Böhm von der meteorologischen Zentralanstalt Hohe Warte. Nur müssten diesen Modellen reale Werte zugrunde liegen, um wirkungsvolle Vorhersagen treffen zu können. Solche können nur bei Testflügen eingeholt werden, die das VAAC selbst nicht durchführt. Und an diesem Punkt scheint das europäischen Krisenmanagement doch versagt zu haben.

„Die ganze Situation scheint mir ein bisschen wie Tschernobyl 1986“, sagt Reinhard Böhm. „Vor und nach der Katastrophe hatte niemand Ahnung, was eigentlich passiert. Erst danach begann man sich für die Auswirkungen zu interessieren und auf Folgen vorbereitet zu sein.“

Erst Anfang dieser Woche stiegen in Großbritannien und Deutschland Flugzeuge in den Himmel, um Aschekonzentrationen zu erheben. Mit einem „Schockmoment“ erklären Insider die Verzögerung. Zudem müssen Maschinen mit derartigem Spezialauftrag erst entsprechend umgerüstet werden, was einige Tage dauern kann. Bei Falter-Redaktionsschluss Montagabend waren die internationalen Testergebnisse noch nicht in Wien bei der Hohen Warte und Austro Control eingetroffen.

Schon vergangenen Donnerstag wurden die ersten Flughäfen in England und Schottland geschlossen, spätestens am nächsten Tag war klar, dass der Eyjafjallajökull den Flugverkehr massiv beeinträchtigt; zu diesem Zeitpunkt regnete es laut Daily Telegraph Asche auf die englischen Städte Swindon und Leeds. Aber erst am Montagnachmittag setzten sich die EU-Verkehrsminister zu einer telefonischen Krisenkonferenz zusammen.

„Es ist eben wie immer bei solchen unvorhergesehenen Ereignissen“, sagt Klimaexperte Reinhard Böhm. „Sollte so etwas wieder einmal passieren, werden alle perfekt vorbereitet sein.“

Erschienen im Falter 16/2010

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Eingeordnet unter Allgemein, Medien

Europa, die ewige Chance

Rezension

Was könnte dieser Erdteil nicht alles sein? Etwa die größte Wirtschaftsmacht der Erde? Tatsächlich aber scheint in Europa jeder integrative Schritt zu mühselig erkauft, als dass man ihn noch euphorisch feiern könnte. Zehn Jahre etwa dauerte der Weg zur nicht sogenannten Verfassung von Lissabon, immerhin „das Beste, was in der vielfältigen und vielstimmigen EU zu erreichen war“, wie der renommierte Diplomat Wolfgang Petritsch und die Kurier-Europa-Expertin Margaretha Kopeinig in „Die europäische Chance“ schreiben. Das umfassende und flüssig geschriebene Buch umreißt den langen Weg zur europäischen Integration, die wichtigsten Protagonisten der vergangenen Jahre und die aktuellen Entwicklungen, in denen Schlechtes (Krise, Euro-Schwäche) zu Gutem (stärkere Zusammenarbeit) führen könnte.

Joseph Gepp

Margaretha Kopeinig, Wolfgang Petritsch: Die europäische Chance. Neustart nach der Krise. Kremayr & Scheriau, 192 S., € 21,90

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Eingeordnet unter Bücher, Europa, Weltpolitik

STADTRAND – Ruhe oben, Ruhe unten: Wien im Vulkanmarathon

Letzten Sonntag war Wien-Marathon, und als wir so zwischen der Harlekin- und der Mit-Jesus-läuft’s-besser-Staffel gemächlich dahintrippelten, da merkten wir wieder, wie schön diese Stadt doch ist. Weil man einmal Gelegenheit hat, mitten auf der Straße zu sein. Weil die lähmenden Zuordnungen – Auto, Fahrrad, Fußgänger und so weiter – fallen. Weil der Blick nicht von schmalen Gehsteigen steil über Fassaden gleiten muss, sondern vom vorgesehenen Ort aus dorthin schweift: den Mittelpunkt eines Platzes. Gründerzeitliche Altstädte sollten nicht dreispurig von Autos durchkreuzt werden, denkt man dann wieder einmal. Aber das allein wäre nicht unbedingt neu. Neu war vor allem die Stille des Luftraums. Kein Flugzeugchen am Himmel. Keine flockig-weißen Kondensstreifen. Kein Geräusch, kein Dröhnen. Kollegen, die erzählen, dass ihre Einflugschneisenwohnung seit Tagen so ruhig ist, wie sie das nie zuvor erlebt haben. Stille oben und unten. Nur menschliches Gelaufe und Geschnaufe. Vereinzelt Jubel, eine Musikkapelle. Danke, Eyjafjallajökull.

Erschienen im Falter 16/2010

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Vienna City Marathon 2010: Wenn 35.000 Menschen die Stadt derlaufen

Kommenden Sonntag findet zum mittlerweile 27. Mal der Wien-Marathon statt. Die 42.195-Meter-Strecke führt wie eh und je über Reichsbrücke, Ringstraße und Wienzeile durch den Prater und endet am Heldenplatz. Angeboten werden auch Halb- und Staffelmarathon. Letzterem stellt sich auch – einer mittlerweile zweijährigen Tradition entsprechend – eine handverlesene Falter-Formation. Für internationale Rekorde eignet sich der Wien-Marathon trotzdem nicht. Am schnellsten wird die Strecke regelmäßig in Berlin, London und Chicago gelaufen.

Den Herren-Weltrekord hält der Äthiopier Haile Gebrselassie, der 2008 in Berlin 2:03:59 Stunden lief. In Wien läuft man höhenunterschiedsbedingt vergleichsweise langsam; die Rekorde liegen bei 2:07:38 (2008, Männer, Abel Kirui aus Kenia) und 2:23:47 (2000, Frauen, Maura Viceconte aus Italien).

Wie gewohnt ist am Marathontag mit zahlreichen Straßensperren zu rechnen – Nichtläufer also besser Öffis nehmen. Mehr als 30.500 Läufer aus 105 Ländern haben sich angemeldet. Das ist ein neuer Rekord, denn bisher lag die Bestmarke im Jahr 2008 bei 30.072 Teilnehmern.

Spätentschlossene können sich übrigens nur noch bei der Startnummernausgabe – an der Reichsbrücke direkt vor Marathonbeginn – anmelden. JG

Vienna City Marathon
So, 18.4.; Start 9 Uhr Reichsbrücke, Ziel (ab ca. 13 Uhr): Heldenplatz

Erschienen im Falter 15/2010

In eigener Sache: Mit 3:54:13 Stunden war die Falter-Staffel (bestehend aus Klaus Nüchtern, Daniel Nutz, Christoph Heshmatpour und Joseph Gepp) eine Viertelstunde besser als 2009 (!) .

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Eingeordnet unter Allgemein, Wien