Monatsarchiv: März 2010

In der Jackentasche sitzt das tschechische Volk

„Das Versprechen des Architekten“ von Jiří Kratochvil ist eine grandiose Parabel über individuelle Schuld im Totalitarismus

Rezension: Joseph Gepp

Schuld ist eine komplexe Angelegenheit. Ganze Gesellschaften stecken in ihr wie in einem Sumpf – die einen bis zum Knöchel, die anderen bis zum Hals. Hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang rangen viele Menschen mit den Fragen: Wie viel Druck bin ich bereit zu ertragen, um sauber zu bleiben? Denunziere ich den Nachbarn, um der eigenen Familie Leid zu ersparen?
Die Wucht der Schuldfrage kann wohl nur erfassen, wer selbst in einer totalitären Gesellschaft großgeworden ist. Wie der Schriftsteller Jiří Kratochvil, Jahrgang 1940. Kratochvil lebt in Moravský Krumlov, Mährisch-Kromau, nahe Brünn. Geprägt von der Intellektuellen-Szene im Brünner Untergrund wollte sich Kratochvil nicht mit dem System arrangieren. Als er nach dem Prager Frühling 1968 mit Publikationsverbot belegt worden war, verdingte er sich jahrzehntelang als Kranführer, Heizer oder Bibliothekar. Erst nach Wende wurde Jiří Kratochvil – 1999 mit dem renommierten Jaroslav-Seifert-Literaturpreis ausgezeichnet – zu einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller.
Protagonist in Kratochvils großartigem neuen Roman „Das Versprechen des Architekten“ – neben dem Erzählband „Brünner Erzählungen“ soeben in deutscher Sprache erschienen – ist der Architekt Kamil Modràček. Für die nazideutschen Besatzer errichtet er eine Villa in Form eines Hakenkreuzes, um seine Schwester aus dem Kerker der Gestapo zu befreien.
Der Deal klappt, doch nach dem Krieg wird Modràček wegen des Hakenkreuz-Hauses vom kommunistischen Geheimdienst ŠtB verfolgt. Sein Verweis auf die damalige Notlage nützt ihm nichts, schließlich spielt der Roman „in einem Land, wo einem Beschuldigten überhaupt keine Schuld nachgewiesen werden muss, sondern, im Gegenteil, er verpflichtet ist, seine Unschuld zu beweisen.“
Die Staatssicherheit verhaftet die Schwester erneut; Modràček dient sich in seiner Not dem ŠtB an. Doch seine Schwester stirbt unter ungeklärten Umständen in Haft. Und Modràček, nun auf grausame Weise unverwundbar geworden, nimmt Rache.
Das alles beschreibt Kratochvil nicht etwa als Familienmelodram, sondern lakonisch, raffiniert, verspielt, und er entwirft dennoch ein vielschichtiges Bild seiner Protagonisten, ihrer Leidenschaften und Schwächen. Die Exkurse in die Kultur- und Stadthistorie lassen im Leser den Vorsatz reifen, baldigst Brünn – früher das „österreichische Manchester“ – ehebaldigtst zu besuchen. Die zweite Romanhälfte ist absurd, auf eine postmoderne, parabelhafte Weise. Man fühlt sich – in Erzählduktus wie Handlung – an einen Film erinnert: Emir Kusturicas „Underground“.
Nach dem Tod seiner Schwester findet Modràček keinen ruhigen Moment mehr, empfindet Schuld. Da stößt er im Keller seines Zinshauses zufällig auf ein verborgenes Gewölbe, Teil eines teils mittelalterlichen Untergrundlabyrinths. Modràček entführt jenen ŠtB-Offizier, der den Tod der Schwester zu verantworten hat, und sperrt ihn in den Keller. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche, aber der Rächer entführt und inhaftiert auch den ermittelnden Beamten. Und so weiter.
Am Ende leben 21 Menschen in besagtem Gewölbe. Das Umfeld ist nicht gewalttätiger als der überirdische Realsozialismus; Kinder werden geboren, Ärzte und Köche versorgen die Entführtenkolonie. Modràček kombiniert seine Rachegelüste mit architektonischen Visionen und errichtet eine „horizontale unterirdischen Stadt“, sein Lebenswerk. Es ist eine „autarke Welt mit allem Drum und Dran“, das „Modell einer künftigen, besseren Gesellschaft“ (die freilich auf Gewalt basiert), aber auch „nur eine Tasche in der Gefängnisjacke des weit größeren Gefängnisses, in welches das ganze tschechische Volk geworfen ist.“
Lange nach der Wende werden sich in einer Art Epilog zum Roman zwei zeitgenössische Brünner über Kamil Modràček unterhalten: Er sei nicht so wie die ganzen „Kellerperversen“, wie etwa „dieser Fritzl aus Österreich.“ In Vergleich dazu, erzählen sich die beiden Brünner, sei der Architekt Modràček geradezu „ein gutmütiger, alter Kerl“ gewesen.

Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Roman. Braumüller, 380 S., € 23,90

Jiří Kratochvil: Brünner Erzählungen. Braumüller, 210 S., 21,90 €

Erschienen im Falter 10/10, Buchbeilage

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Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Schimpfwörterbuch

Die Schimpfwortforscherin Oksana Havryliv hat ihr im Falter 44/07 angekündigtes Wiener Schimpfwortlexikon („Kunst des Schimpfens“) veröffentlicht hat. In „Verbale Aggression“ klassifiziert die Lembergerin umfragebasiert Flüche nach Häufigkeit: Spitzenreiter ist natürlich „Scheiße“, weiter hinten folgt etwa Fremdsprachiges wie porca miseria, dio boia oder putain. Dazu befasst sich Havryliv mit rassistischen Ausdrücken und zieht Vergleiche mit ihrer ukrainischen Muttersprache.

Oksana Havryliv: Verbale Aggression. Formen und Funktionen am Beispiel des Wienerischen. Verlag Peter Lang, 222 S., € 44,–

Erschienen im Falter 9/2010

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Eingeordnet unter Bücher, Kurioses, Worte

STADTRAND – Wiener Semiotik für weit Fortgeschrittene

Touristen durch die Stadt zu führen hat geradezu bewusstseinserweiternde Konsequenzen. Denn dann nimmt man zweckfrei wahr, was die interesselose Betrachtung fördert, die ja nach Kant der Kern aller Ästhetik ist. Also kriegt der deutsche Gast tagesmarschgegliedert all die Schönheiten des Alpenrandstädtchens vorgeführt – bis zu einer Digitalanzeige über einer Straßenbahnstation am Alsergrund, die ihn sichtlich irritiert. „Was ist denn das?“ Er deutet auf eine Art Piktogramm neben der Schrift. Der einheimische Reiseleiter hat zu seiner Schande nicht die geringste Ahnung, was das Zeichen bedeuten könnte. Es ist ein konisch-buckliges Gebilde, halb Alf, halb E.T., halb H.P. Lovecraft, halb Stephen King. Wir beschließen schon, das letzte Geheimnis Wiens ungelüftet zu lassen; da meldet sich ein Passant zu Wort. „Das ist ein Rollstuhl“, sagt er grinsend, „hochaufgelöst.“ Etwaige Rollstuhlfahrer wissen also mittels dieses Zeichens, dass sie keine halsbrecherischen Stufen von der nächsten Bim trennen. Wenn sie sich denn in dem bizarren kleinen Bild wiederfinden.

Erschienen im Falter 9/2010

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Eingeordnet unter Kurioses, Stadtleben, Stadtrand, Wien

Am Apparat: „Wie viel verdienen Sie, Herr Fliesenleger Mitrovic?“

Spätnachts in Klagenfurt: Nach einem seiner üblichen 18-Stunden-Arbeitstage fischt Kärntens FPK-Landeshauptmann Gerhard Dörfler den Rechenblock heraus und stellt fest, dass sein Hungerlohn kaum zum Überleben reicht. Er verdiene weniger als ein Fliesenleger, erklärte er kürzlich der Kronen Zeitung. Der Falter bittet deshalb ein Mitglied von Österreichs heimlichem Geldadel zum Gespräch: Slobodan Mitrovic, 46 Jahre, Fliesenleger aus Wien-Wieden.

Herr Mitrovic, darf ich Sie fragen, wie viel Sie brutto pro Monat verdienen?

Um die 2300 Euro.

Wie viel bleibt Ihnen nach Abzug von Steuer und Versicherung?

Das ist verschieden. Ich würde sagen, circa 1500 bis 1600 Euro.

Für wie viele Stunden pro Woche?

Genau 40.

Seit zwei Jahren sehen wir uns mit einer Wirtschaftskrise konfrontiert. Spüren Sie die in irgendeiner Form?

Auf jeden Fall. Die Dinge gehen sich nicht mehr so aus wie früher. Das spürt man schon. Man muss sich bei vielen Sachen zurückhalten.

Das heißt, Sie haben vor zwei oder drei Jahren mehr verdient als heute?

Ja. Es gab auch mehr Arbeit, die bezahlt wird. Das summierte sich vielleicht auf 100 bis 200 Euro monatlich.

Wo waren Sie das letzte Mal auf Urlaub?

Ich fahre immer nach Serbien, wo ich herkomme.

Früher ebenso wie heute?

Heute fahre ich weniger. Das kostet ja auch Geld.

Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler hat sich kürzlich ausgerechnet, dass Sie als Fliesenleger mehr verdienen als ein österreichischer Spitzenpolitiker wie er. Was meinen Sie dazu?

Ich will nicht wissen, wie viel der Herr Dörfler verdient.

13.794 Euro monatlich brutto, 14-mal im Jahr. Netto bleiben ihm nach eigener Aussage 5720 Euro.

Ja. Ich sag nix (lacht). Ich weiß nicht. Wenn er das meint, dann soll er einmal einen Monat bei uns arbeiten. Dann kann er vergleichen.


Interview: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 9/2010

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Migranten, Soziales

„Konzertkristall“: Sie schaffen zwei, drei, viele Augärten

Joseph Gepp

Wären da nicht einige emsige Bürger, die Sängerknaben könnten dieser Tage mit dem Bau ihres „Konzertkristalls“ beginnen. Denn seit vergangener Woche liegen alle Genehmigungen für den Augartenspitz vor. Allerdings legen sich die Aktivisten nach wie vor quer; erste Annäherungen scheiterten kürzlich an einer Lkw-Blockade. „Wir sehen trotzdem gute Chancen“, sagt deren Sprecherin Eva Hottenroth. „Bei Bacherpark und Hainburg war ja auch schon alles genehmigt.“

Derweil dräut im Süden Wiens ein zweiter Augarten: Auf der Meidlinger Marillenalm will die ÖVP ein Parteihotel errichten. Am Freitag wurde im Gemeinderat die Widmung beschlossen. Nun drohen Bürger mit aktionistischen Blockaden.

Erschienen im Falter 9/2010

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Das Rote Wien