Kluges linkes Leder

Das Fußballheft Ballesterer wird 10. Es steht für eine neue intellektuelle Fankultur

Bericht: Joseph Gepp

Früher – könnte man überspitzt zusammenfassen – saß der klassische Fußballfan, 55 Jahre, im verschwitzten Rippunterleiberl vor dem Fernseher, spritzte sich Dosenbier in den Schnauzbart und grölte fürs Vaterland.

Heute – könnte man ebenso überspitzt sagen – trägt der klassische Fußballfan, 25 Jahre alt, unter dem 60er-Jahre-Cordjackett ein 70er-Vereinslogo-T-Shirt. Er geht bevorzugt ins Kaffeehaus, diskutiert dort bevorzugt über Fußballsymbolik und sportpolitische Hintergründe, und zwar bevorzugt mit Gesprächspartnern, die seinem Niveau entsprechen.

Fußball wird linksintellektuell

Diese Darstellung ist stark übertrieben. Denn tatsächlich, erklärt der Politik- und Sportwissenschaftler Georg Spitaler von der Uni Wien, entspricht die Vielfalt heimischer Fußballfans vom Hooligan bis zum Friedhofstribünensteher ziemlich exakt dem Querschnitt durch Österreichs (männliche) Bevölkerung.

Allerdings: Dass sich in der Fankultur etwas verändert hat, ist unübersehbar. Die Beschäftigung mit Fußball, garniert mit großer Affinität zur Sporthistorie, wurde zum Hobby von Linksintellektuellen. „Junge Leute“, sagt Spitaler, „sehen heute keinen Widerspruch darin, als intellektuell zu gelten und sich trotzdem für Fußball zu interessieren.“

Die Bewegung hat sogar ein Leitmedium: den Ballesterer, ein Wiener Fußball-Monatsmagazin. Dieser Tage feiert es zehn Jahre Bestehen und 50 Ausgaben. Wie sein größeres deutsches Pendant 11Freunde, das ebenfalls gerade zehnten Geburstag hatte, steht der Ballesterer für die neue intellektualisierte Beschäftigung mit Fußball.

Veritable Erfolgsgeschichte

„Es gibt ein neues Selbstbewusstsein“, sagt Jakob Rosenberg, 28, stellvertretender Chefredakteur. „Man darf sich jetzt für Fußball interessieren.“ Sein Magazin bringt lange Artikel zu alternativer Fankultur, Vereinsinterna, Sportgeschichte und -politik. Gegründet als Liebhaberprojekt einer Handvoll Oberösterreicher um Chefredakteur Reinhard Krennhuber, hat sich der Ballesterer mit einer Auflage von 20.000 Stück zu einer – für österreichische Verhältnisse – veritablen Erfolgsgeschichte entwickelt.

Dabei galt Fußball samt seinen strengen Regeln, die im Jahr 1863 in England kodifiziert wurden, schon von Anfang an als gentlemen’s game – etwa im Gegensatz zum regelärmeren Rugby. Nur ging diese Wahrnehmung im deutschen Sprachraum in der späten Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg verloren. Erst viel später fand sie über die Hintertür einiger anglophiler Kreise wieder Eingang in die breitere Masse:

„Die frühe alternative Fankultur in Wien war verliebt ins Britische“, sagt Georg Spitaler, bezeichnenderweise nebenher selbst Ballesterer-Autor. „Das zeigte sich zum Beispiel an den Symbolen der Sportclub-Fans und der Friedhofstribüne. In den 90ern wurde dann die Anglophilie zum Massenphänomen. Und die alte Art der Fankultur kam, etwa über Matchübertragungen in englischsprachigen Lokalen, wieder zum Vorschein.“

Heute transportiere Fußball invented traditions, erklärt Spitaler. „Er erinnert an die Kindheit und stiftet Identität.“ Der Schriftsteller Nick Hornby beschrieb 1992 in seinem Roman „Fever Pitch“ jugendliche Selbstfindung anhand von Fußballerlebnissen. In England erinnert man sich zum Beispiel gern an den WM-Titel 1966, in Österreich an Córdoba 1978. „Diese Traditionen sind auch der Grund für das starke Geschichtsinteresse der neuen Fankultur“, sagt Spitaler. „Oder für die Retro-Sportjacken, die leicht ironisierend alte Modestile aufgreifen.“

Kindheit & Kommerzialisierung

Dazu kommt freilich eine Ursache, die im Fußball selbst begründet liegt: die Kommerzialisierung.

„Die neue Herangehensweise der Fans“, sagt Ballesterer-Chef Reinhard Krennhuber, „erklärt sich auch aus der Entwicklung im Sport, die Anhänger kritisch betrachten: Spieler werden zu unnahbaren Popstars. Dazu kommt eine Reihe von Skandalen und Konkursen im Fußball. Nehmen wir an, der eigene Verein wird plötzlich von einem Rüstungskonzern gesponsert – für den Fan ist das nicht leicht.“

Als Konsequenz solcher Entwicklung brachen – auch durch neue Vernetzungsmöglichkeiten im Internet – alte Strukturen auf. Fußball verlor den „Mief der Vereinsmeierei“, sagt Georg Spitaler. „Und heute fasziniert es mich immer wieder, wie viele Studenten der Politikwissenschaft begeisterte Fußballfans sind.“

Erschienen im Falter 11/2010

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Eingeordnet unter Allgemein, Stadtleben

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