Tagebuchnotizen zwischen Krieg und Frieden

Das politische Leben von Wolfgang Petritsch dreht sich um die Außenpolitik. Jetzt legt es der Kärntner Diplomat in Dokumenten vor

Rezension: Joseph Gepp

Wie beginnt man ein Gespräch über Krieg und Frieden? Besser nicht, indem man Peter Handke ins Treffen führt. Denn als EU-Vermittler Wolfgang Petritsch im März 1999 seinen letzten Verhandlungsversuch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic damit eröffnet, dass selbst der deklariert serbenfreundliche Schriftsteller für Frieden im Kosovo eintrete, reagiert der Staatschef „mit einer wegwerfenden Handbewegung“. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Es ist eine interessante Mischung, die Wolfgang Petritsch, heute OECD-Botschafter in Paris und wohl der profilierteste sozialdemokratische Außenpolitiker seit Bruno Kreisky, nun in Buchform vorlegt. „Zielpunkt Europa“ versammelt Petritschs Gesprächsprotokolle, Interviews, Analysen für Zeitungen – auch für den Falter. Es stellt Notizen von tagebuchhafter Subjektivität neben englischsprachige Vorträge im vollendet abstrakten Diplomatensprech.

So entsteht ein Sammelsurium, das tiefe Einblicke in eine Person gewährt, die weit über ihr unmittelbares Aufgabengebiet hinaus gesellschaftliche Zustände und (geo-)politische Entwicklungen rezipiert. Auf knapp 600 Seiten finden sich etwa Reportagen über bosnische Dörfer ohne Straßenanschluss, obgleich sie nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Sarajewo entfernt liegen. Es finden sich Porträts balkanischer Persönlichkeiten wie des Schriftstellers Ivo Andric, der kroatischen Aktivistin Slavenka Drakulic, des kosovarischen Freiheitskämpfers Ibrahim Rugova ebenso wie Skizzen einer neuen multilateralen Weltordnung, Essays über eine slowenisch-kärntnerische Kindheit und Prozessakten vom Den Haager Tribunal. Es sind allesamt Texte, die Petritschs Prägungen aufzeigen und, nicht zuletzt, interessante Einblicke in die Diplomatie erlauben.

Wolfgang Petritsch hat in diesem Zusammenhang viel zu erzählen. Er war Botschafter in Jugoslawien in den 90ern, Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina um 2000, UN-Botschafter in Genf und EU-Kosovo-Chefverhandler, woher auch die eingangs beschriebene Grenzerfahrung mit Miloševic rührt.

Zwei Tage nach jenem Gespräch 1999 verlässt Petritsch übrigens als letzter Vermittler Jugoslawien. Die Regierung will nicht mehr für seine Sicherheit garantieren. Als er durch die ungarische Puszta nach Wien fährt, hört er im Radio von den Bomben auf Belgrad.


Wolfgang Petritsch: Zielpunkt Europa. Wieser, 590 S., € 39,–

Erschienen im Falter 10/10

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Eingeordnet unter Balkan, Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

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