Monatsarchiv: März 2010

Kaiser von Jugoslawien

Seit einem Jahr ist Valentin Inzko Hoher Repräsentant in Bosnien. Zu Besuch in einem nichtexistenten Staat

Reportage: Joseph Gepp, Sarajevo

Das wird wohl die beste Amtshandlung seiner Arbeitswoche, scheint der am Rand der Landstraße Polizist zu denken. Zwei Autos nähern sich ihm mit herausfordernd hoher Geschwindigkeit. Er dreht sein kleines Stoppschildchen in den Armen, geht einen Schritt nach vorne. Er steckt sich noch das Hemd in die Hose, um auch souverän zu wirken, wenn er gleich gönnerhaft und respekteinflößend in Richtung der angehaltenen Wagen schreitet.

Doch dazu kommt es nicht. Er weicht zurück und zweckentfremdet sein Stoppschildchen sogleich zum Durchwinken. Don’t even think about it, sagt noch hinterher einer der Chauffeure im Wageninneren.

Zwei Autos rasen durch Bosnien-Herzegowina. Sie fahren durch Dörfer, weil es hier kaum Autobahnen gibt. Sie brettern über Schlaglöcher, folgen den Mäandern stürmischer Flüsse. Sie passieren Häuser, zerschossene, niedergebrannte, als Rohbauten wiedererrichtet. Sie passieren Friedhöfe auf Hügelhängen, die aus der Ferne wie gleichmäßige geometrische Muster auf grünem Hintergrund aussehen. Weiße Säulen mit runden Aufsätzen für die Muslime. Kreuze mit Blumen für die Christen.

Die Wägen fallen hier auf. Ein fast neuer VW-Kombi, ein silberner BMW-Geländewagen, beide mit Diplomatenkennzeichen. Ihnen kommen fast nur Zweiergolfs entgegen. Der VW-Golf II, das inoffizielle bosnische Nationalmobil, wurde bis 1992 produziert. Es war das Jahr, in dem in Bosnien-Herzegowina die Zeit stehenblieb.

Heute sitzt in dem silbernen BMW jener Mann, der sie wieder in Gang bringen soll.

Im Land der konvertiblen Mark

Es ist ein Österreicher, der Bosnien regiert. 60 Jahre alt, gelbgepunktete Krawatte, eine Frisur wie Erwin Pröll. Seine Mimik wirkt leicht gefroren, sein ganzes Wesen sehr gemessen und kontrolliert. Er heißt Valentin Inzko, und seit exakt einem Jahr lautet seine Berufsbezeichnung „Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina“. Weil das kompliziert klingt, nennen ihn und Beobachter auf der ganzen Welt schlicht: High Rep.

High Rep zu sein ist eine der schwierigsten und interessantesten Aufgaben der internationalen Diplomatie. Der Hohe Repräsentant soll im Auftrag der UNO ein Land in die Normalität führen, das aus drei Völkern besteht, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Ein Land mit drei Amtssprachen, die praktisch ident sind, was deren Sprecher aber beharrlich leugnen. Ein Land, in dem fast jede Währung akzeptiert wird, wobei die offizielle dem Wert der alten D-Mark entspricht und auch so heißt: „konvertible Mark“.

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Ein Post-It pro Krise: Valentin Inzko in seinem Büro in Sarajewo
Foto: Nino Maricic, BH-Dani

Der High Rep ist in diesem Umfeld der große Friedensstifter und Streitschlichter. Er verfügt dafür über nahezu diktatorische Machtbefugnisse. Wahlen tangieren ihn nicht; er kann Gesetze aufheben und Politiker entlassen. Der Brite Paddy Ashton etwa, einer von Valentin Inzkos sechs Vorgängern, entließ an einem einzigen Tag 2005 60 Politiker, weil sie in seinen Augen den Staatszusammenhalt gefährdeten.

Der Staatengemeinschaft scheint das wegen der Lage im Land angebracht und notwendig. Denn während andere jugoslawische Nachfolgestaaten längst vor der Tür der EU stehen, hat Bosnien-Herzegowina für sie alle Probleme des gemeinsamen Erbes geschultert: die Fragmentiertheit, die aufgeblähte Verwaltung, ja selbst die Unabhängigkeitstendenzen seiner Völker.
Valentin Inzko, Kaiser von Jugoslawien.

Es war im Jahr 1996, als Inzko, damals lang nicht Hoher Repräsentant, erstmals nach Bosnien kam. Kaum war der Krieg vorüber, bestellte ihn die Republik Österreich zum ersten Nachkriegsbotschafter in Sarajevo. „In Todesangst“ habe er damals die Stadt betreten, erzählt er, tief in die Rückbank seines BMW-Jeeps versunken, begleitet von einem Chauffeur und einem Sicherheitsmann der österreichischen Cobra.

Fast vier Jahre lang, von April 1992 bis Februar 1996, hatten serbische Milizen davor die Stadt umstellt. Es war die längste Belagerung im 20. Jahrhundert; nun lag Sarajevo in Schutt und Asche. „Unsere Botschaft hatte Plastikplanen statt Fensterscheiben“, erzählt Inzko. „Das ganze erste Jahr stank es bestialisch, weil die Toiletten über kein Fließwasser verfügten.“

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Blick aus Inzkos Bürofenster im Jahr 2010. 16 Jahre nach dem Krieg stehen in Sarajewo immer noch Ruinen
Foto: Maricic

Inzko ging trotzdem ans Werk. Er pfiff auf jenen Komfort, den Diplomaten normalerweise als Teil des Berufsalltags begreifen. Er nahm, wie Experten im Rückblick berichten, Anteil am harten Nachkriegsalltag. Er mied die Veranstaltungen jener Clique ausländischer State-Building-Experten, die im Bosnien der 90er eine eigene Oberschicht bildete. „Dieses Engagement als Botschafter“, sagt der Politikwissenschaftler Vedran Dzihic von der Universität Wien, „hat Valentin Inzko als Hohem Repräsentanten einen immensen Vertrauensvorschuss beschert.“

Inzko telefonierte, organisierte, warf seinen Einfluss in die Waagschale. Er sorgte dafür, dass Wien alte Straßenbahnwaggons an Sarajevo lieferte; knüpfte Kontakte zu investitionsfreudigen österreichischen Banken; lobbyierte bei Austrian Airlines, sodass die Fluglinie 1996 als Erste nach dem Krieg Sarajevo anflog. „Das hat damals so lange niemand geglaubt, bis das erste Flugzeug kam“, erzählt er. Dafür liebten und feierten ihn die Stadtbewohner; 2000 verliehen sie ihm die Ehrenbürgerschaft.

Der Krieg mit anderen Mitteln

13 Jahre später, am 26. März 2009, trat Valentin Inzko – von der Internationalen Gemeinschaft auf unbestimmte Zeit nominiert – den Posten des Hohen Repräsentanten in Bosnien-Herzegowina an.

Es sei „ein unmöglicher Job“, sagen Experten einhellig. Ein Job in einem Land, dessen Völker in Wahrheit seit 18 Jahren untereinander Krieg führen. Denn auf Waffengewalt folgten später „ständige ethnonationalistische Spielchen“, wie es Vedran Dzihic ausdrückt. Machtkämpfe und Blockaden lassen Bosnien stillstehen. Querelen zwischen Kantonen und Bezirken, deren Größe sich kaum von österreichischen unterscheidet, lähmen das Land.

Knapp sechs Autostunden liegt die bosnisch-herzegowinische Grenze von Wien entfernt, näher als etwa Vorarlberg. 40 Jahre lang war das Land Teil der Donaumonarchie. Noch zu jugoslawischer Zeit durchquerten die Österreicher jeden Sommer Bosnien, wenn sie mit ihren Campingwagen an die dalmatinische Küste reisten.

Heute scheint das Land am Ende der Welt.

Mindestens 100.000 Menschen starben im grausamen Bürgerkrieg zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken. 2,2 Millionen wurden zur Flucht gezwungen, darunter 100.000 ins nahe Österreich. Erst nach vier Jahren kaum es auf internationalen Druck zu einem Friedensschluss. Weil aber Erzfeinde nach dem Kampf nicht zum gemeinsamen Handeln fähig sind, installierte die UNO 1995 über den Volksgruppen den Posten des Hohen Repräsentanten.

Ein Protektorat für die Demokratie

Ein Protektorat im höheren Interesse der Demokratie, das war zwar keine elegante Lösung. Aber es sollte auch nur wenige Jahre gelten. Es schien ein notwendiges Übel zur Stabilisierung des Landes. Bis Bosnien-Herzegowina seine Traumata überwunden und seine Rolle im freien und sich vereinigenden Europa gefunden hat.

Dementsprechend soll Valentin Inzko nun der letzte Hohe Repräsentant in Bosnien-Herzegowina sein. Und davor hätte sein Vorgänger, der heutige slowakische Außenminister Miroslav Lajcak, der letzte sein sollen. Und vor Lajcak hätte dessen Vorgänger, der Deutsche Christian Schwarz-Schilling, der letzte sein sollen.

Deshalb sitzt Inzko heute in seinem BMW und lässt sich von seinem Hauptquartier in Sarajevo nach Mostar kutschieren, in die drittgrößte Stadt des Landes. Der High Rep will nun endgültig sein Regime beenden. Die Zeit, sagt er, sei überreif, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Viele zweifeln das an, und sie haben starke Argumente: 15 Jahre nach dem Krieg zählt Bosnien-Herzegowina noch immer zu den ärmsten Staaten Europas. Eine gemeinsame Identität existiert nicht, stattdessen begreifen sich die Bewohner wie eh und je als Serben, Kroaten und Bosniaken. Die Arbeitslosenrate liegt bei 40 Prozent, obwohl etwa die Hälfte der Bürger Bosniens im aufgeblähten Staatsapparat arbeitet. Immer wieder drohen vor allem die Serben mit Abspaltung; mittlerweile eröffnen sie sogar eigene Botschaften im Ausland.

Die Folge sei die „seit dem Krieg größte Krise der bosnischen Staatlichkeit“, schreibt der Politologe Dzihic in einem aktuellen Buch (siehe Rezension). Der bekannte Aufdeckerjournalist Eldin Hadzevic vom Sarajevoer Magazin Dani meint: „Jeden Tag rutscht Bosnien ein Stück weiter in die totale Handlungsunfähigkeit.“

Doch Inzko denkt, dass die internationale Aufsicht dem Land nicht mehr weiterhelfen könne. „Was es stattdessen braucht, ist eine starke europäische Partnerschaft.“ Der High Rep deutet aus dem Autofenster: „Schauen Sie doch. Man muss auch die Erfolge sehen. Es ist so vieles wieder aufgebaut.“ Als er 1996 erstmals kam, erzählt er, habe es in Bosnien vier Autokennzeichen gegeben: serbische, kroatische, bosniakische und alte jugoslawische. Es habe vier Währungen, Reisepässe, Fahnen, Hymnen gegeben. „Heute haben wir jeweils eines. Nur bei der gemeinsamen Hymne konnten sich die Volksgruppen noch nicht auf einen Text einigen.“

Also wird – vorerst schrittweise – abgebaut. 700 Menschen arbeiteten nach dem Krieg für den Repräsentanten, 168 sind es heute. Jede Kleinstadt hatte früher ein High-Rep-Büro, heute gibt es außerhalb des Hauptquartiers in Sarajevo nur noch drei. Und soeben verschwindet ein weiteres.

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Inzkos Konvoi verlässt Sarajewo in Richtung Mostar
Foto: Maricic

Im Schritttempo fährt Inzkos BMW in Mostar ein. Die örtliche Bürodependance liegt in einem Neubau unweit der pittoresken osmanischen Altstadt und der Stari Most, der Alten Brücke. 1993 stürzte sie nach massivem kroatischem Beschuss in die Fluten der Neretva; elf Jahre später wurde ihr Nachbau von Prinz Charles feierlich wiedereröffnet.

Mostar steht wie kaum eine Stadt für den tiefen Fall und den mühsamen Wiederaufstieg am Balkan. In jugoslawischer Zeit wurde sie von mehr Touristen als selbst Adriastädte wie Dubrovnik und Split besucht. Mitte der 90er lag sie völlig in Trümmern. Entlang der Hauptstraße, einem k.u.k. Boulevard, verlief damals die Frontlinie zwischen Kroaten und Bosniaken. Vor wenigen Jahren noch lagen in Fensterhöhlen die Sandsäcke, hinter denen die Scharfschützen in Deckung gegangen waren.

Heute kommen wieder erste Tagesausflügler. Die Altstadt ist neuerrichtet; langsam regen sich wieder Souvenirhändler in den Gassen. Vor fünf Jahren wurde in Mostar als Akt der Völkerverständigung eine Statue von Bruce Lee enthüllt – er sei, sagte der Initiator, die einzige Identifikationsfigur, auf die sich alle einigen könnten.

Valentin Inzko hat im Konferenzzimmer vor Lokaljournalisten und Gemeindevertretern Platz genommen. „Es hat eine lange Geschichte des Engagements in dieser Stadt gegeben“, sagt er zu ihnen. „Aber jetzt müssen die Politiker die Stadt ohne Hohen Repräsentanten verwalten. Die Möglichkeiten dazu haben sie.“

Der jeweils letzte High Rep

Die Stadtbeamten bedanken sich artig für die Zusammenarbeit; viele reagieren aber ängstlich. Der Schritt sei verfrüht, meldet sich einer. „Die Situation ist ja immer noch ziemlich komplex.“ Der Kritiker erinnert daran, dass Mostar bis vor kurzem 14 Monate lang keinen Bürgermeister hatte, weil sich Kroaten und Bosniaken auf keinen Kandidaten einigen konnten – bis der High Rep eingriff und das murrende Rathaus zur Einigung zwang.

Inzko aber redet dem Zweifler gut zu. „Alles hängt nun am kritischen Bürger“, sagt er. „Wenn die Menschen von Mostar diese Rolle einzunehmen bereit sind, wird alles funktionieren.“ Er spricht über die Potenziale der Stadt, „die Sonnenenergie zum Beispiel“: 300 Sonnentage gebe es jährlich in der Region, sagt er, das könne man doch nutzen. „Es liegt an Ihnen. Wir werden nicht aufhören, die Lage zu beobachten.“

Es scheint, als traue Valentin Inzko den Leuten mehr zu als sie selbst einander. Er wirkt wie der Einzige im Saal, der denkt, dass Bosnien-Herzegowina noch funktionieren kann.

„Ich spüre“, sagt Valentin Inzko, als sein BMW-Jeep wieder aus Mostar hinausfährt, „eine tiefe Sympathie und Verbindung mit diesem Land. Das hängt wohl auch mit meiner Herkunft zusammen.“

Er ist Kärntner Slowene; stammt aus dem Dorf Suetschach im Rosental, wo die Familie seit 500 Jahren in einem Bauernhaus lebt. Schon als Kind besuchte Inzko seine Großeltern in Jugoslawien. Als er in jungen Jahren in Graz Slawistik studierte, galten die Slawen noch als eine Rotte rätselhafter Völker in den unbekannten Weiten hinter dem Eisernen Vorhang.

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Ein schnelles Treffen am Morgen: Inzko mit dem bosnisch-herzegowinischen Premierminister Nikola Spiric
Foto: Maricic

Inzko ist ein Kind zweier Welten – wie Wolfgang Petritsch, der auch Kärntner Slowene ist und es 1999 ebenfalls zum High Rep brachte. Aufgewachsen an der Grenze der Systeme, ethnisch dem einen angehörig, staatsbürgerlich dem anderen. Als Jörg Haider im Wahlkampf 2006 die Parole „Kärnten wird einsprachig“ ausgab, entzog ihm Inzko empört das Du-Wort.

Der Diplomat ist vielsprachig, neben Deutsch und Slowenisch beherrscht er Englisch, Französisch, Russisch, Tschechisch. Und neben dem normalen Serbokroatisch spricht er auch den Sarajevoer Slang, was ihm seit seiner Ära als Botschafter in Bosnien hoch angerechnet wird.

Gescheitertes Substrat Jugoslawien

Aus eigener Erfahrung kennt Valentin Inzko die Heterogenität Europas und ihr gescheitertes Substrat: Jugoslawien. „Wenn er spricht“, sagt ein Insider, „klingt das, als würde ein Intellektueller im Sarajevo der 80er reden. Diese Leute sagten damals immer: Wie könnte es denn hier jemals Krieg geben? Wir haben doch so vieles gemeinsam, wir leben doch so eng beieinander.“

Auf der Rückfahrt spricht Inzko, wie vorhin im Konferenzzimmer, über die Potenziale Bosniens. „Ein unglaubliches Bergwerk an Talenten“ nennt er das Land und zählt auf: Boris Nemšic, Emir Kusturica, Ivo Andric, „das alles sind und waren Bosnier“. Erneut redet er von den Chancen der Sonnenenergie: „Wenn man hier überall Kollektoren aufstellen würde“, sagt er und deutet aus dem Fenster über die Ebene, „dann könnte aus Bosnien ein großes Energieexportland werden.“ Etwas später zeigt der High Rep wieder hinaus, auf ein unscheinbares Häuschen am Straßenrand: „Das ist der beste Schaffleischhauer in Bosnien. Der Besitzer ist Serbe, die Kunden fast ausschließlich Muslime. Auch das sind bosnische Geschichten.“

Inzko schwärmt von Bosnien. Er spricht von der menschlichen Wärme der hier lebenden Menschen, ihrer Herzlichkeit, ihrer Authentizität. „Komšiluk“, erklärt er, „nennt man zum Beispiel die besondere Form der bosnischen Nachbarschaft. Das ist ein alttürkisches Wort. Es bedeutet, dass ich das beste Stück Fleisch oder das größte Stück Brot meinem Nachbarn gebe.“

Was er sagt, klingt optimistisch und gar naiv in diesem Land des Stillstands und der vielen Friedhöfe, im Land der Serben, Kroaten und Bosniaken. Aber es wirkt ehrlich und tiefempfunden. Und nach zwei Stunden Gespräch meint man, ein Stück von der Persönlichkeit dieses kontrollierten und gemessenen Menschen erhascht zu haben.

Valentin Inzko glaubt an die Kraft der Vielfalt. An die Offenheit und Toleranz, die sie bedingt. An den Liberalismus und die Innovationsfreude, die aus ihr resultiert. Er meint, dass das kleine Bosnien-Herzegowina, das vielfältig wie nur wenige Länder ist, gerade deshalb gesellschaftliches Potenzial hat. Dass es eben darum Chancen birgt, die es nun zu nützen gilt. Dass die Verheißung dieser Chancen mächtiger ist als die Fesseln des alten Hasses. Und dass aus diesem Grund für Bosnien ganz und gar nichts verloren ist.

Valentin Inzko spricht, als hätte es niemals Krieg gegeben.


Zur Person

Valentin Inzko folgt als Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina – seit 1995 – Carl Bildt (Schweden), Carlos Westendorp (Spanien), Wolfgang Petritsch (Österreich), Paddy Ashton (Großbritannien), Christian Schwarz-Schilling (Deutschland) und Miroslav Lajcak (Slowakei) nach.
Vorher war er unter anderem in der Mongolei, Sri Lanka, Prag, New York, Sarajevo, Novi Pazar und Ljubljana tätig. Inzko ist mit der slowenisch-argentinischen Mezzosopranistin Bernarda Fink verheiratet und hat zwei Kinder

Bosnien-Herzegowina ist seit dem Vertrag von Dayton 1995 in zwei sogenannten „Entitäten“ geteilt: die „Republika Srpska“ im Norden (Serben) und die „Bosniakisch-Kroatische Föderation“ im Süden (Kroaten und bosniakische Muslime). Dem Gesamtstaat bleibt nur Grundlegendes wie Außenpolitik und Währung.

Zum Thema

Eine kleine Fahnenlehre

Bosnien-Herzegowina war bis 1992 eine Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawien:
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Nach der Sezession zerfiel es seinerseits in kleinere Einheiten. Die Serben gründeten im Norden des Landes die „Republika Sprska“, die bis heute als „Entität“ existiert
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Die Kroaten reagierten die Gründung der „Republik Herceg-Bosna“
herceg_bosna
Und die muslimischen Bosniaken kämpften im verbliebenen Rumpfstaat um ihr Land:
bosniakische_fahne
Später entstand, auf großen Druck der USA,
flagge-vereinigte-staaten-von-amerika-usa
ein gemeinsamer Staat in den Grenzen der alten Teilrepublik – Bosnien-Herzegowina:
BosnienHerzegowina

Erschienen im Falter 13/2010

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Eingeordnet unter Balkan, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Das Buch vom Staat, den keiner wollte

Dass es 30 Jahre nach Titos Tod und 15 Jahre nach Kriegsende noch kein deutschsprachiges Standardwerk zum Jugoslawien-Konflikt gibt, mag auch daran liegen, dass niemand die dortige Situation so richtig versteht. Nun hat der bosnischstämmige Wiener Politologe Vedran Dzihic diese Lücke gefüllt. Er liefert einen 450-Seiten-Wälzer über das balkanische Herzstück Bosnien-Herzegowina, der durchaus das Zeug zum Standardwerk hat. Umfassend meistert Dzihic den Grat zwischen Detailtreue und Überblick – was gerade bei diesem Thema eine Herausforderung ist. Von der Nachkriegsgeschichte über das Friedensabkommen von Dayton bis zu den wissenschaftlichen Konzepten des Ethnonationalismus fehlt kein Aspekt.

Joseph Gepp

Vedran Dzihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina. Staat und Gesellschaft in der Krise, Nomos, 440 S., € 79,–

Erschienen im Falter 13/2010

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Eingeordnet unter Balkan, Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Die vertikale Stadt

Weltweit protzen moderne Städte mit ihren Skylines. Wien hat gleich zwei davon. Über den urbanen Drang nach dem Größer und Höher

Bericht: Joseph Gepp

Wien ist eine Stadt, in der der Blick normalerweise an kleinen Dingen haften bleibt, an einem verspielten Dachgesims, einem ornamentenreichen Erker, einer altertümlichen Geschäftsaufschrift.

Am Donaukanal bei der Taborstraße aber strebt der Blick nach oben, in Richtung großer, vertikaler, spiegelglatter Flächen. Links steht Hans Holleins Media Tower aus dem Jahr 2000, 71 Meter hoch, gekrönt von einer blitzenden News-Werbung. Rechts, noch hinter Bauzäunen, steht der neue Turm des französischen Stararchitekten Jean Nouvel, 75 Meter. Dazwischen fühlt man sich wie eingekeilt zwischen zwei besoffenen Riesen, die einander abstützen – und sich von der dahinterliegenden Leopoldstädter Gründerzeitarchitektur ebenso unterscheiden wie von der uniformen Nachkriegstristesse des gegenüberliegenden Schwedenplatzes.

Der Ausblick sei einmalig, schwärmt Ernst Morgenbesser, 55, Facilitymanager bei der Versicherungsgruppe Uniqa, die den Nouvel-Tower errichtet. Vom Panoramafenster im 18. Stock aus hebt sich der Stephansdom mächtig aus dem Häusermeer. Jean Nouvel hat den Grundriss eigens etwas gedreht, damit sich sein Haus dem Dom zuwendet. Vielversprechend und vielfältig wirkt von hier oben das Gassengewirr. An Sonnentagen, sagt Morgenbesser, sehe man im Osten den Bratislavaer Fernsehturm und im Süden den Hochwechsel.

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Hoch und Höher – Das Hochhaus im Wandel der Zeit:
Babylon: Die Bibel und der Niederländer Pieter Bruegel sahen im Hochhaus eine Mahnung zu mehr Demut. Hängt im Kunsthistorischen Museum

140 Millionen Euro kostet der Nouvel-Turm, am 30. Oktober ist Eröffnung. Ein Fünfsternehotel und ein edles deutsches Designeinkaufszentrum werden einziehen. Noch spritzen Schweißfunken, noch ragen Kabel aus Wänden, liegen Stahlträger auf nacktem Asphalt. „Aber wenn der Turm fertig ist“, sagt Morgenbesser, „dann wird er das Stadtbild wirklich bereichern.“ Feiner Sprühnebel wird die Fassade kühlen; das ausgefeilte Lichtkonzept der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist wird auch in den umliegenden Straßen zu sehen sein.

Prestige. Renommee. Zahlungskräftige Kunden. Hochhäuser sorgen dafür, dass in einer Stadt etwas weitergeht. Nicht nur der Nouvel-Tower.

Keine 100 Meter weiter, wo derzeit das ehemalige Opec-Quartier abgerissen wird, beginnt Raiffeisen noch dieses Jahr mit dem Bau ihrer neuen Zentrale. 78 Meter hoch, wird sie sich in eine Stadtlandschaft einfügen, die sich im vergangenen Jahrzehnt radikal veränderte, weil in ihr ein Hochhaus nach dem anderen gebaut wurde.

Drei U-Bahn-Stationen weiter nördlich, auf der Donauplatte, Wiens zweiter Skyline, soll ab Mai außerdem Österreichs höchstes Gebäude entstehen. 220 Meter hoch wird der DC-1-Tower von Dominique Perrault, ebenfalls französischer Stararchitekt. Und allen Wirtschaftskrisen zum Trotz soll DC 2 mit 160 Metern bald darauf folgen.

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San Gimignano: Im toskanischen „Manhattan des Mittelalters“ wollten sich einzelne Familienclans mit Geschlechtertürmen überragen

In einer Stadt, deren Büroleerstandsrate 2010 gegen sechs Prozent tendiert, mag man über den Zweck solcher Bauten streiten. Aber eines steht fest: Sie machen etwas her. „Das Hochhaus“, sagt die Stadtforscherin Sabine Gruber, „steht für Urbanität. Für die schnelle, technisierte, dichte, hohe Großstadt. Dahinter steckt – ganz banal – dieselbe Faszination, die der Mensch auch beim Fliegen empfindet: die Überwindung der Schwerkraft.“ Wo Hochhausfenster Nachthimmel erhellen, dort findet Entwicklung statt, lautet die Botschaft. Dort spielt die Zukunft. Dort ist Amerika.

Sie transportieren Symbolik wie der mittelalterliche Dom und das barocke Schloss. Sie stehen für den Wettbewerb zwischen Metropolen, Konzernen, gar Kontinenten. Wer etwa den Niedergang der Vereinigten Staaten untersucht, kommt nicht an der Tatsache vorbei, dass der Weltrekord für das höchste Gebäudes seit 1998 nicht mehr an die USA geht, sondern von Malaysien, Taiwan und schließlich Dubai eingenommen wurde. Wer Architekturgeschichten liest, findet einen permanenten Kult um das Höchste und Größte: Keine sakrale Kuppel durfte mächtiger sein als der römischen Petersdoms, keine Moschee mehr Minarette haben als jene in Mekka. Im Wien der Ringstraßenzeit musste das bürgerliche Rathaus niedriger bleiben als die monarchistisch-klerikale Votivkirche. Und das Höchstmaß aller kakanischen Kirchtürme bildete sowieso der Südturm des Stephansdoms.

Was das alte Europa solcherart zur Machtdemonstration nutzte, wurde jenseits des Atlantiks kurz darauf wirtschaftliche Notwendigkeit: In Chicago hatten sich im späten 19. Jahrhundert in zehn Jahren die Einwohnerzahl verdoppelt und die Grundstückspreise versiebenfacht. Um den Platzmangel zu kompensieren, nutzte man Neuerungen wie Skelettbau und Liftanlage – und baute höher und höher.

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Chicago: Das „Home Insurance Building“ von 1885 galt mit 42 Metern als das erste moderne Hochaus weltweit. Es wurde 1931 abgerissen

Heute bricht bei jedem neuen höchsten Turm internationaler Medienrummel aus. Die Höhe wird quantifiziert, verglichen, als Standortvorteil verkauft.

Von dieser Warte aus betrachtet, liegt Wien trotz Nouvel und Perrault im hinteren Mittelfeld: Laut dem Hochhausranking der Frankfurter Immobilienstatistikfirma Emporis belegt es Platz 113 der weltweit höchsten Metropolen – hinter Städten wie Foshan (China), Charlotte (USA) und Pasig (Philippinen). Europaweit hält Wien immerhin Platz acht, hinter Moskau, Frankfurt am Main, Madrid, London, Warschau und zwei Pariser Vorstädten.

Bleibt die Frage: Ist das überhaupt notwendig? Soll 2010 immer noch als Ideal gelten, was vor 100 Jahren avantgardistisch war? Oder müssen Charlotte und Pasig eingeholt werden, damit Wien im Städtewettbewerb nicht an Status einbüßt?

„Moderne Urbanität muss man nicht mehr über Hochhäuser definieren“, meint dazu Forscherin Sabine Gruber. „Man könnte sie etwa auch als lebendige, grüne, dichte und autofreie Stadt begreifen – mit erneuerbaren Energien, raffinierten Mobilitätsangeboten, kurzen Wegen und einem dichten Netz an sozialen Treffpunkten.“

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Moskau: Dass Hochhäuser nicht genuin kapitalistisch sind, bewies Josef Stalin, der um die Hauptstadt die pompösen „Sieben Schwestern“ errichten ließ

Experten zufolge ist ein Hochhaus bei Wiener Grundpreisen und Verhältnissen ab ungefähr 40 Metern unrentabel. Das heißt, dass ab dieser Höhe die Aufwände für Bau, statische Sicherheit, Pump-, Klima-, Heiz- und Liftanlagen höher sind als die Ersparnis, die aus dem geringen Flächenverbrauch resultiert. „Bei allen Dämmtechniken, bei allen immer ausgefeilteren Öko-Innovationen“, sagt die Architektin Judith Eiblmayr, die sich in einem aktuellen Buch mit Wiens ältestem Hochhaus in der Herrengasse auseinandersetzt: „Das Hochhaus wird immer ineffizient bleiben.“

Es sind vor allem die breiten Glasfronten, die Energie – und damit Geld – kosten. Glas lässt Sonnenwärme fast ungehindert passieren; deshalb wuchern Paradeiser bevorzugt hinter Treibhausscheiben. Das heißt: Generell ist das Raumklima in Gebäuden desto ausgewogener und umweltschonender, je sparsamer Fensterflächen eingesetzt werden. Das zeigen Beispiele von der anatolischen Wohnhöhle bis zum Liesinger Passivhaus.

„Aus diesem Grund kippen Hochhäuser rasch in geldverschlingende Prestigeprojekte“, sagt Sabine Gruber. „Sehr hohes Bauen ist eigentlich nur in Städten wie New York sinnvoll, weil sie sich aufgrund ihrer Geografie kaum ausdehnen können und Grundstücke überproportional teuer sind.“ In Wien, wo Raum nicht allzu knapp und teuer ist, liegt der Sinn von Hochhäusern also hauptsächlich im Prestige, das von ihnen ausgeht. Denn, so Gruber, „Repräsentativität spielt eben eine wichtige Rolle für internationale Firmen.“

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Dubai: Größenwahn im Pleitestaat – im Jänner 2010 wurde der „Burdsch Chalifa“, mit 828 Metern höchster Turm der Welt, eröffnet

Ein Beispiel ist der 2004 fertiggestellte Uniqa-Turm gegenüber der Urania: Nachts formen LED-Leuchten blinkende Muster, die über seine Fassade gleiten. Im Grundriss entspricht der 75-Meter-Turm der Uniqa-Schleife, dem Logo des Konzerns. Stromfressende Lichter und maßgearbeitet geschwungenen Fenster – all das kostet immens viel Geld. Dafür hat die Firma dann ein hübsches Hauptquartier.

Es handelt sich jedoch auch um eine Repräsentativität, die potenziell schädlich ist. Wohin sie führen kann, zeigen etwa mittelgroße US-Städte wie Houston, Texas, oder Denver, Colorado.

Dort reihen sich zwar glitzernde Wolkenkratzer wie Spielzeugklötze aneinander. Aber aus ihren Schatten ist das Leben verschwunden. Wo Geschäfte sein sollten, liegen Garageneinfahrten. Und in einigem Respektabstand zu den prunkenden Firmenportalen campieren die Obdachlosen.

Diese Orte sind, wie Stadtforscher das nennen, „beziehungslos“ geworden.

Es ist ein Phänomen, das nicht unbedingt mit Hochhäusern zu tun haben muss. In anderer Ausformung findet es sich auch in altorientalischen Städten. Dort sprechen Wissenschaftler von einem „Sackgassengrundriss“: Mannsbreite Gässchen führen zu Hofeingängen, wo sie einfach enden – ohne Bezug zur sie umgebenden Stadt.

Eine „Folge einer Zersplitterung urbaner Beziehungen“ nennt das etwa der deutsch-israelische Historiker Dan Diner in einem Buch zu islamischen Gesellschaften. Durchgangsstraßen würden diesen Städten ebenso fehlen wie öffentliche Plätze. „Es lässt auf das Fehlen einer planerischen urbanen Öffentlichkeit schließen. Die am Hauseingang endende Sackgasse wird zum Symbol des isolierten, sich von allen anderen abwendenden Einzelinteresses.“

Diners Resümee. „Findet sich öffentlicher Raum nicht durch gemeinsamen Willen zum gemeinsamen Ort der Städter verbürgt, wird er den Vereinnahmungen des Einzelinteresses erliegen, indem er sukzessive verbaut wird.“ Will er also Privatinteressen entzogen bleiben, „bedarf es einer grundsätzlichen rechtlichen Verankerung des Unterschieds zwischen staatlichem und privatem Eigentum“.

In anderen Worten: Eine starke übergeordnete Instanz – der Staat – muss sicherstellen, dass Stadtraum geteilt und nicht in zu hohem Maß privaten Interessen geopfert wird. Sonst ist die Stadt nicht Stadt, sondern nur eine Ansammlung von Häusern.

Wien liege bei der öffentlichen Regulierung des Hochhausbaus „international im guten Schnitt“, sagt Klaus Vatter, Chef der städtischen Magistratsabteilung 21 für Stadtteilplanung und Flächennutzung.

Ein ausgefeiltes „Hochhauskonzept“ von 2001 soll die Wünsche von Bürgern und Bauherren sorgsam austarieren. „Wir haben Verbotszonen, Einzugsbereichvorschriften für öffentliche Verkehrsmittel, eine vorskizzierte Verteilung der Hochhäuser über Wien“, zählt Wiens oberster Stadtplaner auf. „Es gibt einen Sichtbeziehungsatlas, damit kein Hochhaus wichtige Sichtachsen unterbricht. Es gibt strömungstechnische Gutachten, um Windwirkungen von Projekten zu prüfen.“

Das Rathaus will das gebändigte Einzelinteresse für seine Zwecke nutzen. „Nicht die Höhe ist entscheidend, sondern der stadtstrukturelle Zusammenhang“, sagt Klaus Vatter. Beispiele dafür seien die „gezielten Zentrumsbildungen“ der Donauplatte oder „attraktive Konzentrationen“ am Donaukanal. „Hochhäuser signalisieren ja etwas: Wien ist eine Stadt mit stolzem historischem Erbe, die auch Zukunft hat. Nichts spricht also dagegen, diese Bauform ins Repertoire der Stadt aufzunehmen.“

Nicht alle teilen freilich die Meinung des Stadtplaners, wonach der Ausgleich zwischen öffentlichen und privaten Interessen in Wien derart gut funktioniere.

„Am Donaukanalufer“, sagt Architektin Judith Eiblmayr, „stellt sich zum Beispiel die Frage, wie lange die überlastete Infrastruktur des Schwedenplatzes die Menge der Büroangestellten noch tragen wird können, wenn sich dortige Firmen immer größere Zentralen errichten. Ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die nun mit dem Auto ins Stadtzentrum kommen.“

Und auf der Donauplatte? Natürlich habe es dort sehr strikte Reglements durch einen Bebauungsplan aus Architektenhand gegeben, meint die Architektin. „Aber der war Makulatur, sobald der erste Investor kam und seine Sonderwünsche deponierte.“

Auch der Raumplaner Reinhard Seiss schreibt in einem Buch zur Wiener Stadtentwicklung, dass im Fall Donauplatte „die Stadtregierung davor zurückscheute, Investoren konkrete Vorgaben zu machen. Die Stadt vergab die Chance, Wiens erstes Hochhausviertel als Gesamtkunstwerk zu gestalten.“ Als Folge grenze sich etwa das Strabag-Hauptquartier „wie durch einen Burggraben vom öffentlichen Bereich ab“ – damit Angestellte mit dem Auto zufahren können. Die Ansiedlung von Universitäten und Kulturinstitutionen habe sich im Gegensatz zu jener von Firmenstandorten nicht durchsetzen lassen. Und die neugebauten Wohnungen auf der Platte, schreibt Seiss, seien aus Kostengründen extrem dicht errichtet worden: „Es gibt an diesem exklusiven Standort sogar Souterrainwohnungen – was seit Ende der Gründerzeit der Vergangenheit angehören sollte.“

Zurück am Donaukanal betritt unterdessen Uniqa-Manager Ernst Morgenbesser eines der künftigen Hotelzimmer im Nouvel-Tower. Der Tag ist trüb, den Blick auf die Stadt verhängen Nebelwolken – und trotzdem beeindruckt er. Er schweift über das barocke Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, die Flak-Türme im Augarten, den Mexikoplatz mit seiner neuromanischen Kirche, die Reichsbrücke.

Dann bleibt er an den großen Türmen der Donauplatte hängen.

Erschienen im Falter 11/2010

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung, Wien

Kluges linkes Leder

Das Fußballheft Ballesterer wird 10. Es steht für eine neue intellektuelle Fankultur

Bericht: Joseph Gepp

Früher – könnte man überspitzt zusammenfassen – saß der klassische Fußballfan, 55 Jahre, im verschwitzten Rippunterleiberl vor dem Fernseher, spritzte sich Dosenbier in den Schnauzbart und grölte fürs Vaterland.

Heute – könnte man ebenso überspitzt sagen – trägt der klassische Fußballfan, 25 Jahre alt, unter dem 60er-Jahre-Cordjackett ein 70er-Vereinslogo-T-Shirt. Er geht bevorzugt ins Kaffeehaus, diskutiert dort bevorzugt über Fußballsymbolik und sportpolitische Hintergründe, und zwar bevorzugt mit Gesprächspartnern, die seinem Niveau entsprechen.

Fußball wird linksintellektuell

Diese Darstellung ist stark übertrieben. Denn tatsächlich, erklärt der Politik- und Sportwissenschaftler Georg Spitaler von der Uni Wien, entspricht die Vielfalt heimischer Fußballfans vom Hooligan bis zum Friedhofstribünensteher ziemlich exakt dem Querschnitt durch Österreichs (männliche) Bevölkerung.

Allerdings: Dass sich in der Fankultur etwas verändert hat, ist unübersehbar. Die Beschäftigung mit Fußball, garniert mit großer Affinität zur Sporthistorie, wurde zum Hobby von Linksintellektuellen. „Junge Leute“, sagt Spitaler, „sehen heute keinen Widerspruch darin, als intellektuell zu gelten und sich trotzdem für Fußball zu interessieren.“

Die Bewegung hat sogar ein Leitmedium: den Ballesterer, ein Wiener Fußball-Monatsmagazin. Dieser Tage feiert es zehn Jahre Bestehen und 50 Ausgaben. Wie sein größeres deutsches Pendant 11Freunde, das ebenfalls gerade zehnten Geburstag hatte, steht der Ballesterer für die neue intellektualisierte Beschäftigung mit Fußball.

Veritable Erfolgsgeschichte

„Es gibt ein neues Selbstbewusstsein“, sagt Jakob Rosenberg, 28, stellvertretender Chefredakteur. „Man darf sich jetzt für Fußball interessieren.“ Sein Magazin bringt lange Artikel zu alternativer Fankultur, Vereinsinterna, Sportgeschichte und -politik. Gegründet als Liebhaberprojekt einer Handvoll Oberösterreicher um Chefredakteur Reinhard Krennhuber, hat sich der Ballesterer mit einer Auflage von 20.000 Stück zu einer – für österreichische Verhältnisse – veritablen Erfolgsgeschichte entwickelt.

Dabei galt Fußball samt seinen strengen Regeln, die im Jahr 1863 in England kodifiziert wurden, schon von Anfang an als gentlemen’s game – etwa im Gegensatz zum regelärmeren Rugby. Nur ging diese Wahrnehmung im deutschen Sprachraum in der späten Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg verloren. Erst viel später fand sie über die Hintertür einiger anglophiler Kreise wieder Eingang in die breitere Masse:

„Die frühe alternative Fankultur in Wien war verliebt ins Britische“, sagt Georg Spitaler, bezeichnenderweise nebenher selbst Ballesterer-Autor. „Das zeigte sich zum Beispiel an den Symbolen der Sportclub-Fans und der Friedhofstribüne. In den 90ern wurde dann die Anglophilie zum Massenphänomen. Und die alte Art der Fankultur kam, etwa über Matchübertragungen in englischsprachigen Lokalen, wieder zum Vorschein.“

Heute transportiere Fußball invented traditions, erklärt Spitaler. „Er erinnert an die Kindheit und stiftet Identität.“ Der Schriftsteller Nick Hornby beschrieb 1992 in seinem Roman „Fever Pitch“ jugendliche Selbstfindung anhand von Fußballerlebnissen. In England erinnert man sich zum Beispiel gern an den WM-Titel 1966, in Österreich an Córdoba 1978. „Diese Traditionen sind auch der Grund für das starke Geschichtsinteresse der neuen Fankultur“, sagt Spitaler. „Oder für die Retro-Sportjacken, die leicht ironisierend alte Modestile aufgreifen.“

Kindheit & Kommerzialisierung

Dazu kommt freilich eine Ursache, die im Fußball selbst begründet liegt: die Kommerzialisierung.

„Die neue Herangehensweise der Fans“, sagt Ballesterer-Chef Reinhard Krennhuber, „erklärt sich auch aus der Entwicklung im Sport, die Anhänger kritisch betrachten: Spieler werden zu unnahbaren Popstars. Dazu kommt eine Reihe von Skandalen und Konkursen im Fußball. Nehmen wir an, der eigene Verein wird plötzlich von einem Rüstungskonzern gesponsert – für den Fan ist das nicht leicht.“

Als Konsequenz solcher Entwicklung brachen – auch durch neue Vernetzungsmöglichkeiten im Internet – alte Strukturen auf. Fußball verlor den „Mief der Vereinsmeierei“, sagt Georg Spitaler. „Und heute fasziniert es mich immer wieder, wie viele Studenten der Politikwissenschaft begeisterte Fußballfans sind.“

Erschienen im Falter 11/2010

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Eingeordnet unter Allgemein, Stadtleben

STADTRAND – Die Zugfahrt. Nach einer Idee von Franz Kafka

Gestern noch waren wir so unschuldig, gutgläubig, naiv. Wir dachten: Im Jahr 2010 n. Chr., in unserem wohlorganisierten Städtchen, in einer Gesellschaft unseres stolzen Zivilisationsgrads, sollte eine 15-Kilometer-Zugfahrt mit den ÖBB in einen Wiener Vorort kein Problem sein. Bis gestern. Dann stand „Ausfall“ auf der Bahnhofsanzeigetafel. Der dazu befragte Infoangestellte nannte nur exakt die Abfahrtszeit, die auch auf der Tafel vermerkt war. Wir fragten unbefriedigt weiter, schließlich war da ja der „Ausfall“. Aber der Mann sagte nur, bitte weitere Angaben der Tafel zu entnehmen. Wir fuhren also zum nächsten Bahnhof in unserer Richtung. Motto: Terrain gewinnen. Dort trafen wir überpünktlich ein, ganz im Gegensatz zum Anschlusszug. Danach wollte uns die dortige Infofrau davon überzeugen, wir hätten besagten Zug bereits versäumt. Den mehrmaligen Einwand, das sei unmöglich, überging sie galant. Wir stellten uns also schließlich resigniert auf den Bahnsteig. Um später über Lautsprecher die leise Stimme zu vernehmen: „Die Zugfahrt findet nicht statt.“

Erschienen im Falter 11/2010

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Eingeordnet unter Stadtrand, Verkehr, Wien

Tagebuchnotizen zwischen Krieg und Frieden

Das politische Leben von Wolfgang Petritsch dreht sich um die Außenpolitik. Jetzt legt es der Kärntner Diplomat in Dokumenten vor

Rezension: Joseph Gepp

Wie beginnt man ein Gespräch über Krieg und Frieden? Besser nicht, indem man Peter Handke ins Treffen führt. Denn als EU-Vermittler Wolfgang Petritsch im März 1999 seinen letzten Verhandlungsversuch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic damit eröffnet, dass selbst der deklariert serbenfreundliche Schriftsteller für Frieden im Kosovo eintrete, reagiert der Staatschef „mit einer wegwerfenden Handbewegung“. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Es ist eine interessante Mischung, die Wolfgang Petritsch, heute OECD-Botschafter in Paris und wohl der profilierteste sozialdemokratische Außenpolitiker seit Bruno Kreisky, nun in Buchform vorlegt. „Zielpunkt Europa“ versammelt Petritschs Gesprächsprotokolle, Interviews, Analysen für Zeitungen – auch für den Falter. Es stellt Notizen von tagebuchhafter Subjektivität neben englischsprachige Vorträge im vollendet abstrakten Diplomatensprech.

So entsteht ein Sammelsurium, das tiefe Einblicke in eine Person gewährt, die weit über ihr unmittelbares Aufgabengebiet hinaus gesellschaftliche Zustände und (geo-)politische Entwicklungen rezipiert. Auf knapp 600 Seiten finden sich etwa Reportagen über bosnische Dörfer ohne Straßenanschluss, obgleich sie nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Sarajewo entfernt liegen. Es finden sich Porträts balkanischer Persönlichkeiten wie des Schriftstellers Ivo Andric, der kroatischen Aktivistin Slavenka Drakulic, des kosovarischen Freiheitskämpfers Ibrahim Rugova ebenso wie Skizzen einer neuen multilateralen Weltordnung, Essays über eine slowenisch-kärntnerische Kindheit und Prozessakten vom Den Haager Tribunal. Es sind allesamt Texte, die Petritschs Prägungen aufzeigen und, nicht zuletzt, interessante Einblicke in die Diplomatie erlauben.

Wolfgang Petritsch hat in diesem Zusammenhang viel zu erzählen. Er war Botschafter in Jugoslawien in den 90ern, Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina um 2000, UN-Botschafter in Genf und EU-Kosovo-Chefverhandler, woher auch die eingangs beschriebene Grenzerfahrung mit Miloševic rührt.

Zwei Tage nach jenem Gespräch 1999 verlässt Petritsch übrigens als letzter Vermittler Jugoslawien. Die Regierung will nicht mehr für seine Sicherheit garantieren. Als er durch die ungarische Puszta nach Wien fährt, hört er im Radio von den Bomben auf Belgrad.


Wolfgang Petritsch: Zielpunkt Europa. Wieser, 590 S., € 39,–

Erschienen im Falter 10/10

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Eingeordnet unter Balkan, Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Aus, Garten! Wie man einen Konflikt zum Eskalieren bringt

Kommentar: Joseph Gepp

Vergangenen Montag eskalierte ein Wiener Konflikt, der seit bald fünf Jahren schwelt: Da wurden alte Damen von Polizisten im Viererpack weggetragen. Da schnitten sich Arbeiter mit Motorsägen durch Baumkronen in Richtung schreiender Aktivisten, die angekettet den Baubeginn der „Konzertkristall“-Halle der Sängerknaben zu verhindern suchten.

Seit langem geistert der Streit um den Augartenspitz als immerwährende Randspalte durch die Medien. Und seit langem wurde die nunmehrige Eskalation vorhergesagt.

Denn der Widerstand der Leopoldstädter Aktivisten und Anrainer – es sind keine Berufsdemonstranten, sondern durchwegs gesetzte Bürger – ist längst massiv. Vor allem, weil vonseiten verantwortlicher Bauherren wie Bundes- und Stadtbehörden kaum Entgegenkommen zu bemerken war. Der Augarten-Streit, der nun so unrühmlich und brutal endete, ist in vielerlei Hinsicht ein perfektes Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll: ein fragwürdiger Umgang mit Grünraumressourcen ebenso wie mit Denkmal- und Ensembleschutz, eine offenbare Bevorzugung von Investoreninteressen, monatelange Gesprächsverweigerung vonseiten der Sängerknaben-Verwaltung, ein völlig unmäßiger Einsatz privater Sicherheitsfirmen zur Entfernung zweier Handvoll Demonstranten – unter den Augen der Polizei.

Dies alles machte den immer heftigeren Protest vorhersehbar. Dies alles hinterlässt einen extrem negativen Nachgeschmack. Denn einerseits wird in Wien mittels Volksbefragung direkte Demokratie propagiert. Und andererseits wird im Augarten jene Art der Volksbeteiligung, die tatsächlich von Bürgern kommt, brachial aus Baumkronen geschnippelt.

Erschienen im Falter 10/10

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Das Rote Wien