Monatsarchiv: Januar 2010

Das (tragische) Ikea-Dramolett

Sie wollen beim Möbelmarkt Ikea einen großen Tisch kaufen. Sie sind Städter, wohnhaft in Zentrumsnähe, ohne Auto. Was tun Sie? Richtig: Sie gehen online und fragen einfach Anna!

Kunde: „Guten Tag.“
Anna: „Vielen Dank für die netten Worte!“
Kunde: „Ich habe eine Frage.“
Anna: „Super! Na dann mal los!“
Kunde: „Ich wohne im Stadtzentrum, ohne Auto. Kann ich einen gekauften Tisch nachhause liefern lassen?“
Anna: „Ikea bietet dir unterschiedliche Möglichkeiten, deine Ware liefern zu lassen. Informationen findest du auf der Seite nebenan.“
Kunde: „Das habe ich schon bemerkt. Aber ich will wissen, ob für die angegebenen 89 Euro der Tisch auch in den dritten Stock hinaufgetragen wird? Oder wird er nur vor die Tür gestellt?“
Anna: „Hoppla! Als interaktive Assistentin kann ich jeweils nur einen Satz beantworten.“
Kunde: „Erfolgt die Lieferung bis in die Wohnung und nur bis vor die Tür?“

anna
Brave New World: Das ist Anna, 29 Jahre alt, aus Schweden
Quelle: Ikea

Anna: „Ikea bietet dir unterschiedliche Möglichkeiten, deine Ware liefern zu lassen. Informationen findest du auf der Seite nebenan.“
Kunde: „Da habe ich ja schon nachgesehen!“
Anna: „Es freut mich, dass wir einer Meinung sind!“
Kunde: „Nein. Ich meine, dass auf der von Ihnen angegebenen Seite nichts darüber steht!“
Anna: „Macht nichts, es wäre ja langweilig, wenn wir immer alle der gleichen Meinung wären.“
Kunde: „Nochmal: Erfolgt der Heimtransport in die Wohnung oder nur bis vor die Tür?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir – als bequemste Variante – deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Das habe ich schon verstanden.“
Anna: „Gut dass wir in dieser Hinsicht übereinstimmen.“
Kunde: „Aber geht diese Lieferung bis in die Wohnung oder nur die Haustür?“
Anna: „Ich habe deine Frage leider nicht richtig verstanden. Vielleicht kannst du sie etwas anders formulieren?“
Kunde: „Heimtransport. Lieferung. Haustür oder Wohnung?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir – als bequemste Variante – deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Das hat doch überhaupt keinen Sinn. Warum machen sie so ein Service, wenn sie dann keine Fragen beantworten?“
Anna: „Hier findest du eine Übersicht über unser Porzellan.“
Kunde: „NICHT PORZELLAN. Ich meine, dass dieser Chat nicht funktioniert!“
Anna: „Ich würde dich mit deiner Anfrage gerne an meine KollegInnen vom Contact Center weiterleiten. Im Moment ist dort im Chat niemand zu erreichen, entweder weil wir uns außerhalb der Chat-Zeiten befinden, oder weil alle Agenten im Gespräch sind.“
Kunde: „Ich habe versucht, bei Ikea mit jemandem zu telefonieren. Aber es waren immer nur elektronische Stimmen dran.“
Anna: „Da hast du aber gut aufgepasst! Welche andere Frage zu Ikea kann ich dir sonst noch beantworten?“
Kunde: „Anna …“
Anna: „Ich bin ganz Ohr.“
Kunde: „Fällt Ihnen eigentlich auf, dass Sie mich duzen, obwohl ich Sie sieze?“
Anna: „Für mich ist es ganz normal, wenn wir uns duzen. Ich komme aus Schweden und dort kennt man nur das ‚Du‘.“
Kunde: „Und redet man in Schweden auch mal mit Menschen oder nur mit interaktiven Assistentinnen?“
Anna: „Ich merke, dass du nicht ganz mit mir übereinstimmst, aber ich kann deine Frage nicht genau verstehen. Bitte versuche, sie anders zu formulieren.“
Kunde: „Okay. EIN COMPUTERPROGRAMM KANN MIR MEINE FRAGEN NICHT BEANTWORTEN.“
Anna: „Das kommt dir vielleicht etwas widersprüchlich vor, aber ich kenne mich mit Computern überhaupt nicht aus. Meine Wartung übernehmen glücklicherweise meine Kollegen!“
Kunde: „DANN RICHTEN SIE IHNEN AUS, SIE SOLLEN BESSER WARTEN“
Anna: „Du möchtest, dass ich mich wiederhole? Na gut, hier kommt meine letzte Antwort noch einmal: ‚Das kommt dir vielleicht etwas widersprüchlich vor, aber ich kenne mich mit Computern überhaupt nicht aus. Meine Wartung übernehmen glücklicherweise meine Kollegen!’“
Kunde: „Anna…“
Anna: „Ich bin ganz Ohr.“
Kunde: „Sie sind eine elektronische Dumpfbacke.“
Anna: „Ich befürchte, dass Fluchwörter und Beleidigungen uns nicht weiterbringen. Wie kann ich dir zum Thema Ikea behilfllich sein?“
Kunde: „Okay. Nochmals. Ganz langsam …“
Anna: „Was genau meinst du mit deiner Frage?“
Kunde: „Ikea. Tisch. Heimtransport. Haustür? Wohnungstür?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir – als bequemste Variante – deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Oh mein Gott!“
Anna: „Religion ist ein sehr persönliches Thema. Ich persönlich finde schöne Dinge in vielen verschiedenen Religionen, aber ich würde es vorziehen, wenn wir wieder über Ikea sprechen könnten. Wie kann ich dir behilflich sein.“
Kunde: „Ich gebe es auf.“
Anna: „Von welchem Ikea Einrichtungshaus möchtest du die Öffnungszeiten erfahren?“
Kunde: „Nein, ich meine: Ich kapituliere.“
Anna: „Wir müssen ja nicht die gleiche Meinung haben.“
Kunde: „Da haben Sie wohl Recht.“
Anna: „Vielen Dank! Ich irre mich selten, aber natürlich habe auch ich die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen! Wie kann ich dir sonst noch behilflich sein?“
Kunde: „Gar nicht. Überhaupt nicht.“
Anna: „Ich habe nichts dagegen, wenn wir einmal verschiedene Standpunkte zu einem Thema haben.“
Kunde: „Das haben Sie mir schon gesagt …“
Anna: „Da hast du aber gut aufgepasst! Welche andere Frage zu Ikea kann ich dir sonst noch beantworten?“

Aus dem Off:Du willst auch ein Dramolett generieren? Prima. Wir in Schweden machen das ständig. Geh‘ einfach auf die Ikea-Homepage und klick auf ‚Frag einfach Anna‘.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Konsum, Kurioses

Auf Randale folgt ein Riesenprozess gegen Hooligans: ein Exempel?

Wilde Szenen spielten sich am Abend des 21. Mai 2009 in Mariahilf ab: Etwa 200 Rapid-Hooligans erwarteten am Westbahnhof Austria-Anhänger, die waggonweise von einem Lask-Match kamen. Es folgten Schlägerein. Fenster barsten, Polizei und Fans lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel (siehe Falter 22/09: Wie Gewalt entsteht).

Nun folgt ein ungewöhnliches Nachspiel. 93 Rapid-Fans – eine überraschend hohe Zahl – wurden wegen Landfriedensbruch (mit bis zu zwei Jahren Haft) angeklagt. Ein unverhältnismäßiges „Exempel an erlebnisorientierten Fußballfans“ nennt das der Anwalt und bekennende Rapidler Werner Tomanek. Augenzeugen vom Mai berichten jedoch auch über Nazi-Tätowierungen und rechtsradikales Geschrei à la „Rennt, ihr Juden!“

Erschienen im Falter 2/09

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Eingeordnet unter Allgemein

47,40 Euro

So viel verdient, wer im Auftrag der Gemeinde Wien neun Stunden lang als „Taglöhner“ Schnee schaufelt. Ein nächtlicher Selbstversuch

Reportage: Joseph Gepp

Taglöhner. Dieser Begriff klingt antiquiert, wie aus längst vergangener Zeit. Wer ihn hört, denkt wohl an Arbeiterelend. An vagabundierende Erntehelfer, Ziegelböhm, Zinshausbetten, doppelt und dreifach belegt. An den sozialdemokratischen Traum von der gerechten Gesellschaft, in der kein Mensch mehr Taglöhner sein muss.

„Anmeldung Taglöhner“ steht auf dem A4-Zettel an einer städtischen Amtsstubentür in Margareten, Einsiedlergasse 2. Es sind die Wasch-, Kehr- und Räumdienste der Magistratsabteilung 48, vergangener Freitag, früher Morgen. Es schneit. Eine junge Sekretärin nimmt den Personalausweis entgegen, die Sozialversicherungskarte, tippt einige Angaben in ihren Computer. Das Prozedere dauert nicht länger als fünf Minuten. „So“, sagt sie dann, „das war’s auch schon. Sie bekommen 1,40 Euro Nachtzuschlag, also insgesamt 6,60 Euro pro Stunde. Dienstbeginn ist um 20 Uhr, es geht bis fünf Uhr in der Früh. Kommen Sie bitte pünktlich zur Rathausstraße 2.“

Meteorologen prognostizieren in diesen Tagen 40 Zentimeter Neuschnee für das Wochenende. Medien schreiben vom größten angekündigten Schneechaos seit soundso vielen Jahren, wobei die exakte Zahl von Zeitung zu Zeitung variiert. Im ORF-2-Nachmittagsprogramm grinsen Moderatoren in Kameras, während sie ihren vorstädtischen Interviewpartnern beim Schaufeln von Einfahrten helfen. Und sich im Stundentakt von Schneepflugfahrern erklären lassen, wie jene unter Aufbietung all ihrer Kräfte die Stadt vor dem Zusammenbruch bewahren.

Im Kleiderschrank hängt eine alte Winterjacke, um die es nicht schade ist. Dazu eine Haube, die ganz die Ohren bedeckt. In der Küche liegen Plastiksackerl aus dem Supermarkt, die zwischen Socken und Schuhe gesteckt werden. Denn um drei Uhr morgens ohne Aussicht auf baldige Besserung knöcheltief im Eiswasser zu waten, auf diese Erfahrung verzichtet man gerne.

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Anmeldung, Einteilung im „Depot“, Arbeit
– eine Nacht als Schneeräum-Taglöhner

Fotos von Heribert Corn

Die MA-48-Mitarbeiter nennen ihr Basislager nahe dem Rathaus „Depot“. Es sind einige Räume hinter einer Gründerzeitfassade, die wie der Umkleidebereich eines Eislaufplatzes aussehen. Spinde, Holzpritschen, Gatschschlieren auf dem Steinboden, weil sich das angekündigte Jahrhundertgestöber nun doch eher in Eisregen verwandelt. Von hier aus planen die „Orangenen“, wie sie sich nennen, ihre Touren. Hier wird ihnen jeweils eine Handvoll Taglöhner zugeteilt, die bei der Arbeit helfen.

Es sind ausschließlich Männer, die Stimmung ist derb. Die 48er üben sich vor Schichtbeginn im lauten Rülpsen und bedrohen einander scherzhaft mit Küchenmessern. Die Taglöhner sitzen schweigend da. Neonwarnwesten und Schaufeln werden an sie verteilt. „Gebts uns des jo zruck“, sagt ein „Orangener“, „sunst gibt’s nämlich aa ka Göd.“

„Kärntner Straße“, weist der Vorarbeiter einen seiner Untergebenen an, „nimm dir dafür vier Taglöhner.“ Kurz darauf beginnt das Grüppchen den halben Kilometer Fußweg zur Oper, vier „Orangene“, ebenso viele Helfer. Es sind ein Türkischstämmiger, der seit 22 Jahren in Österreich lebt; ein Osteuropäer, der die ganze Nacht kein Wort sprechen und mit gesenktem Kopf seine Arbeit machen wird; ein 19-jähriger einheimischer Österreicher, der sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt.

„Du passt ma auf d’Leit auf“, fordert ein MA-48-Arbeiter einen zweiten auf und deutet mit dem Kopf zu den Taglöhnern. Der Türkischstämmige, ein kleiner Mann mit graumeliertem Schnauzbart, beginnt sich leise aufzuregen: „Auf uns aufpassen wollen sie. Immer auf uns aufpassen. Wie eine Kuh behandeln die uns.“ Und dann lächelt er und fragt, ob man denn zum ersten Mal hier arbeite.

Sein Name ist Erdem*), stellt er sich vor. Er sei 47, „bin schon ein alter Trottel“. Im Sommer arbeite er am Bau, im Winter gehe er stempeln und mache Jobs wie diesen hier. Er stammt aus der westanatolischen Stadt Bursa, wo seine Familie lebt und er jedes Jahr ein paar Monate verbringt. Als das Grüppchen die Hofburg passiert, hebt Erdem freudig die Arme – „meine Burg!“ – und erzählt, dass er im Sommer hier Kamine renoviert habe. Ganze 120 Stück. Und jeden Tag sei der freundliche Herr Fischer unter ihm vorbeigelaufen und habe nach oben gegrüßt. Das sei besser gewesen als Schneeschaufeln, sagt er und will nachher wissen, woher man selbst komme. Als Erdem die Antwort hört, prustet er los: „Ein Österreicher!? Und du machst das hier? Diese Nachtarbeit?“ Er zeigt auf die Schülerpaare, die in diesem Moment die Tanzschule Elmayer verlassen. „Junge Leute gehen Disco. Und du putzt Schnee. Katastrophe.“

Bis fünf Uhr morgens soll die Kärntner Straße schneefrei sein, und vorerst, hinter der Oper, geht die Arbeit noch locker von der Hand. Die Taglöhner verwenden sogenannte Scherer, die wie mannshohe Eiskratzer für Autoscheiben aussehen. Man löst damit nasse Eisschichten vom Boden, damit sie später von MA-48-Arbeitern in kleine Bagger angehoben und weggeführt werden können. Die Taglöhner kratzen und schichten, und nach 45 Minuten mäandert ein Wurm aus konzentriertem Schneegatsch über die ersten 100 Meter der Fußgängerzone.

So geht es Stunden, es wird zehn, halb elf, elf, die Temperatur steigt über null, und damit steigt auch das Gewicht des Schnees. Im Lauf der Nacht wird die Stadt nicht weißer, sondern grauer. Überall tropft und rinnt nun Wasser, zweimal zerstört eine Dachlawine die kleinräumige Ordnung, die man gerade geschaffen hat. Fixarbeiter wie Taglöhner sind sich bald einig, dass die Arbeit wegen der Nässe selten so anstrengend gewesen sei wie heute. Auf dem Kopf verrutscht immerzu die Haube; man wünscht, man hätte eine fester sitzende gewählt, möge sie halt nicht die Ohren bedecken. In den Schuhen verrutschen immerzu die Plastiksäcke; die Idee scheint doch nicht so klug zu sein wie gedacht. Nun watet man knöcheltief im Eiswasser, ohne Aussicht auf baldige Besserung.

Hin und wieder läuft die Arbeit auch besser, wenn durch das kollektive und gleichmäßige Schleifgeräusch über Asphalt und Rollsplitt ein Rhythmus entsteht, der die monotone Anstrengung lockerer und angenehmer erscheinen lässt. Andere Male beginnen dafür Rücken und kalte Füße zu schmerzen, und man sieht sich kaum noch in der Lage, die jeweils nächste Ladung Eis hochzuhieven. Warum, beginnt man sich dann zu fragen, hat man sich Derartiges nur angetan? Das ist ein Job für jene, denen sonst keine Wahl bleibt. Das ist eine Gesellschaft, deren ärmste Schlucker zumindest im warmen Callcenter sitzen, sofern sie der deutschen Sprache mächtig genug sind, um Telefongespräche zu führen. Dieser Gesellschaft gilt körperliche Arbeit als das Allerletzte, auch wenn das niemand so sagen würde. Im Depot beispielsweise hatte sich am Beginn des Abends kein einziger Schüler oder Student eingefunden, obwohl sie sonst kaum eine Gelegenheit zum schnellen Nebenerwerb auslassen. Stattdessen waren ausschließlich einige schwarze Asylwerber, Migranten aus Osteuropa und eine Handvoll einheimischer Österreicher ohne Ausbildung gekommen. Sie scheinen die Einzigen zu sein, die es in Kauf nehmen, für 6,60 Euro die Stunde in nasskaltem Umfeld zwischen acht Uhr abends und fünf Uhr morgens zu schuften.

„Heast!“, ruft der Vorarbeiter später aus seinem Baggerfenster, nachdem sich die Taglöhnerschaft kollektiv zu einer Zigarettenpause entschlossen hat. „Es sads zum Oabeiten do und ned zum Rauchen. Mochts weida!“ Kurz danach wird es Mitternacht; die offizielle, einstündige, unbezahlte Pause beginnt.

Die Gruppe schlurft schweigend zum Depot zurück. Die geräumten und gestreuten Gehsteige, auf denen sie sich bewegt, scheinen jetzt nicht mehr wie eine Selbstverständlichkeit städtischen Lebens, sondern als das Resultat harter Arbeit, die nur zum kleinen Teil von Baggern und Lastwagen erledigt werden kann.

Einige MA-48-Männer versuchen lachend einen Süßigkeitenautomaten mit Spiralhalterungen zu manipulieren, sodass statt einem zwei Schokoriegel in den Schlitz fallen. Später, zurück im Depot, spielen sie Bauernschnapsen und Würfelpoker, Münzen klimpern auf den Tischen. Ein schwarzer Taglöhner aus einer anderen Gruppe ist auf einer Bank eingeschlafen. Die Helfer von der Kärntner Straße winden derweil ihre nassen Socken aus, rauchen, trinken Automatenkaffee. Schorsch, ein Fixarbeiter, der freundlicher und wohlmeinender wirkt als manch anderer hier, wirft einen Kennerblick auf die triefend nassen Schuhe. „Das ist ja Rauleder“, sagt er. „Das zieht das Wasser an wie ein Schwamm. Na ja. Nächstes Mal weißt du’s.“

Als die Pause zu Ende geht, scheint die Aussicht auf das baldige Schichtende die Stimmung verbessert zu haben, obwohl es erst ein Uhr morgens ist. Die Kärntner Straße ist zur Hälfte geräumt, und immer weiter arbeiten sich die acht Menschen Richtung Stephansplatz vor. Betrunkene Passanten bewerfen einander mit Schneebällen. Manche schauen den Räumern neugierig und fast verstohlen bei der Arbeit zu. „Oaschhackn“, murmelt Schorsch immer wieder, im Rhythmus seiner unters Eis fahrenden Schaufel. „Um fünf bin ich weg. Dann können sie mich alle gernhaben.“

Später beginnt Sascha, der 19-jährige Österreicher, zu erzählen. Er ist ein großer schlaksiger Junge aus Rudolfsheim-Fünfhaus, mit Kopfhörern, die aus dem Jackenkragen baumeln, und Skaterschuhen, die für Schneearbeit kaum geeignet sind. Seit drei Jahren arbeite er fallweise bei der MA 48, im Sommer als Straßenkehrer, im Winter als Schneeräumer. Warum? „Hab nix gelernt“, sagt Sascha, „null, nada, ništa.“ Die Hauptschule schaffte er noch, den anschließenden polytechnischen Lehrgang nicht mehr. Jetzt jobbe er mal da und mal dort, je nachdem, wo sich gerade etwas anbiete. „Aber Schneeräumen ist echt nicht mein Ding“, sagt er, „vor allem jetzt, wo es so nass ist. Trotzdem werd ich am Sonntag wiederkommen. Ich brauch das Geld.“

Es wird noch zwei Stunden dauern, bis die Kärntner Straße vollkommen schneefrei ist. Das Grüppchen wird dann einen Augenblick lang am Stephansplatz innehalten, über das geräumte Pflaster in Richtung Oper blicken und zur Feier des Arbeitsendes Zigaretten rauchen, was ausnahmsweise nicht beanstandet wird.

Dann wird es sich dem Graben nebenan zuwenden, der um diese Zeit fast menschenleer ist. Die Bagger haben ihn weitgehend geräumt, aber die Bereiche um Laternen, Mistkübel und die Pestsäule erreichen die mechanischen Schaufeln nicht, sodass das Eis manuell entfernt werden muss.

Am Ende der Schicht, um halb fünf Uhr morgens, steht die Auszahlung an. Die Taglöhner haben sich wieder im Depot eingefunden, sie versammeln sich vor einer schmalen Durchreiche, hinter der ein Mitarbeiter je 47,40 Euro vorbereitet hat. „Ned anstellen“, befiehlt jener Vorarbeiter, der schon vorher die Zigarettenpause unterbunden hat. „Wir rufen euch schon noch auf!“ Sein Blick sagt: Nicht so gierig, Herrschaften, ihr kriegt euer Geld schon noch. Die Helfer gehen schweigend zu den Pritschen und warten, bis ihre Namen aufgerufen werden. „Und es wissts eh“, betont der Chef nochmals, „die Schutzwestn gebts uns zruck. Ka Schutzwestn, ka Göd.“

Zwei Stunden davor kratzen die Taglöhner gerade letzte Eisbrocken vom Stock-im-Eisen-Platz, als ein jugendlicher Passant samt Freundin um die Ecke biegt. Er blickt auf die Schneeräumer, lacht dann laut und höhnt: „Schauts euch an! Schauts euch nur an! Ihr seids so arm!“ Die Räumer setzen ihre Schaufeln ab und schauen dem Spötter nach, ohne zu reagieren. Nur Erdem, der türkische Taglöhner, beginnt sich aufzuregen. „Komm her“, schreit er dem Jungen nach. „Komm her! Nimm eine Schaufel. Du Wichser. Nimm eine Schaufel!“

Aber der Passant ist schon um die Ecke verschwunden.


Laut MA 48 waren am Wochenende rund 1400 städtische Schneeräumer auf Wiens Straßen, darunter rund 250 Taglöhner. Bei der Einstellung Letzterer würden sich derzeit Arbeitskräfteangebot und -nachfrage ungefähr die Waage halten, sagt der Magistratssprecher. Wobei es in den vergangenen 15 Jahren immer wieder Phasen gegeben habe, in denen eindeutig zu wenige oder zu viele Taglöhner zur Verfügung standen

Laut Caritas entspricht die Taglöhnerschaft im weitesten Sinn einem Werkvertrag. Es gibt weder eine Versicherung noch Pensionsansprüche. Es handelt sich dabei um das einzige Arbeitsverhältnis, das auch Asylwerber eingehen dürfen

*) Die Namen der Arbeiter wurden von der Redaktion geändert

Erschienen im Falter 2/2010

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Migranten, Reportagen, Soziales

Wahnsinn Klimawandel: Hundstage auch im Winter!

Jeden ersten Donnerstag im Monat ist „Doggy Day“ im Admiral, und der vierbeinige Freund darf mit in den Kinosaal

Reportage: Joseph Gepp

„Inglorious Basterds“ ist wohl nichts für nichtmenschliche Lebewesen – zu schnell, zu trashig, zu postmodern. Dann eher die Frühvorstellung, „Edge of Love“, ein britisches Melodram um den Dichter Dylan Thomas und seine Frauen. Das wiegt garantiert den härtesten Pitbull in den Schlaf.

Im Foyer sind sie schon angetanzt, ein knappes Dutzend: groß und klein, haarig und fast nackt, schwanzwedelnd oder apathisch. Der „Doggy Day“, stellt man später im Kinosaal fest, basiert auf einer Art Stillhalteabkommen zwischen Hund und Halter: Letzterer will ungestörten Filmgenuss. Ersterer erkennt schnell, dass sich ruhiges Verhalten in dieser Situation besonders bezahlt macht. Und lässt sich in systematischen Zehnminutentakten mit jenen Leckerlis anfüttern, die wohlweislich draußen an der Theke verkauft werden.

Das Admiral ist eines jener sympathischen Kleinkinos, wie sie in Wien seit ungefähr zwei Jahrzehnten reihenweise zugrunde gehen. „Wir wollten unser Kino bekannter machen“, erzählt die Betreiberin Michaela Englert. „Und Kinder und Hunde funktionieren nun mal für diesen Zweck. Da es im Votivkino allerdings schon einen Babytag gibt, nahmen wir uns vor zwei Jahren die Hunde vor.“

Nun steht also eine große blaue Wasserschüssel im Foyer. Im Saalinneren liegen Decken bereit, damit es sich die Tiere am Boden zu Füßen ihrer Besitzer gemütlich machen können. Ärger zwischen Hunden gebe es praktisch nie, erklärt Englert – die zweibeinigen Kinobesucher wüssten schon, dass sich der Doggy Day eher für den gesetzten Charakter als für den Jungen Wilden eigne.

Während des Films ist es dann tatsächlich ziemlich still. Einmal raschelt es kurz lauter als gewöhnlich; vielleicht hat sich da jemand am Popcorn vergriffen. Als Dylan Thomas seiner Geliebten erklärt: „Jeder meiner Blicke und Atemzüge gilt nur dir“, tönt aus der fünften Reihe ein leises Jaulen eindeutig nichtmenschlicher Provenienz.

Von Beginn an habe sie keinen einzigen Doggy Day versäumt, erzählt nach dem Film die Pensionistin Brigitte Bregenzer, Besitzerin eines chinesischen Schopfhundes, der circa die Größe zweier Meerschweinchen erreicht. Ihre „Mini“ wiege ja nur dreieinhalb Kilo und sei daher fraglos kinotauglich.


Admiralkino, 7., Burgg. 119., Tel. 523 37 59, Der nächste „Doggy Day“ ist am 7.1. Programm: http://www.admiralkino.at

Erschienen im Falter 52/09

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Eingeordnet unter Stadtleben, Wien