Das Schlachtschiff des analogen Zeitalters

Ein Medium wie für die Ewigkeit: Der ORF-Teletext feiert sein 30-jähriges Bestehen. Wir verneigen uns voll Ehrfurcht

Eloge: Joseph Gepp

Auf der Fernbedienung den Teletext-Knopf zu drücken ist ungefähr so, als würde man ein Lokal betreten, in dem seit Jahrzehnten kein Sessel ausgewechselt wurde und die handgeschriebene Liederliste in der Jukebox immer noch die Schlagercharts des Jahres 1972 zeigt. Und man denkt sich: „Mein Gott, ist das schön.“

Nun feiert der ORF-Teletext, der älteste seiner Art in Kontinentaleuropa, sein 30-jähriges Bestehen. In seiner Geschichte wechselten die Macher, auch wenn der herrlich anachronistische Eindruck aufs Gegenteil schließen lässt, durchaus einige Sessel aus: Die Seiten mehrten sich, wurden polykoloriert; und zum Durchknattern eines kompletten Zyklus von Seite 100 bis Seite 800 braucht das Wunderding nunmehr nur noch 16,5 Sekunden. Wie eine Internetseite in den Neunzigern.

Trotzdem: Er bleibt der alte Teletext. Sein Eindruck ändert sich nicht wesentlich, bei allen Neuerungen. Er ist das unzerstörbare Schlachtschiff des analogen Zeitalters, täglich von einem Drittel der Österreicher konsumiert. Er ist das neben der Kronen Zeitung eindrucksvollste mediale Beispiel für die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch das genannt hätte, koexistierend neben Hochglanzmagazinen und digitalen Fernsehsendern. Er ist das „Internet des kleinen Mannes“, wie die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sagen. Nur ist der Teletext – im Gegensatz zum Internet – übersichtlich gegliedert, halbstaatlich kontrolliert, ohne Nazis, Pornos und bissige Postings.

In Zeiten der Informationsüberflutung verrichtet er damit einen psycho-hygienisch nicht zu unterschätzenden Dienst: Er kappt alles Unnötige, stutzt das Nötige auf ein – oft unfreiwillig komisches – Mindestmaß zusammen und vermanscht dies alles zu einem wohltuend-unprätentiösen Brei aus Nachrichten, Wetter, Fußball und Fernsehhighlights.

Wobei uns der ORF sogar die Freude macht und die anachronistische Anmutung ins Absurde steigert, indem er den Teletext als Ganzes ins Internet stellt, sogar inklusive Seitensuchfunktion. Auf http://teletext.orf.at findet man so eine Art Unterinternet, eine Insel der Erwartbarkeit inmitten virtueller Anarchie, garantiert jugendfrei.

Aus all diesen Gründen: Alles Gute zum Geburtstag, Teletext! Bleib, wie du bist! Wie wir dich kennen und lieben. Verfall nicht den 1000 Verführungen der Audiovisualität! Für die nächsten 30 Jahre.

Erschienen im Falter 4/10

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