Monatsarchiv: Januar 2010

Der tote Ort

Igor Tanež ist ein ganz normaler Provinzrusse, Khalmer-Ju ein verlassenes Dorf in der arktischen Tundra. Über einen Mann und einen Ort – und was sie über Russland im Jahr 20 nach der Wende erzählen.

Reportage und Fotos: Joseph Gepp

I
Sein Lachen ist laut, sein Lächeln breit. Igor Tanež ist 44 Jahre alt, er trägt ausgewaschene Jeans, eine graue Jägerkappe, einen Vliespullover, dessen pastellfarbenes Linienmuster man vom vielen Waschen kaum noch erkennt. Sein Kinn ist breit, seine Stimme tief und dröhnend, sein Gesicht klobig und schlaff, etwas verlebt schon vom Wodka und den Wogen der Vergangenheit.
Gestern Abend hat der Taxiunternehmer und „Biesness-Man“ den Kofferraum seines Jeeps aufgemacht und ein Paar Gummistiefel, einen dick gefütterten Armeeoverall, zwei Patronenschachteln und ein halbautomatisches Gewehr in einer Plastikhülle hineingelegt. Er hat danach seine Freunde angerufen und gesagt, sie sollen einen zweiten Jeep organisieren und ihn suchen gehen, falls er sich bis heute, zehn Uhr abends, nicht gemeldet habe. Er fahre nämlich nach Khalmer-Ju.

Die Geschichte von Igor Tanež ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Provinzrussen. Sie ließe sich Hunderttausende, ja Millionen Male erzählen in einem Land, das in seiner jüngsten Vergangenheit ungemein radikalen Veränderungen unterworfen war. Sein Leben lässt tief blicken in die russische Geschichte und Gesellschaft. Denn Igor Tanež ist ein Kind von Chaos und Umbruch, wie es in Russland eigentlich jeder Über-Zwanzigjährige ist. Sein Beispiel zeigt, wie wenig Achtung und Rücksicht in solchen Zeiten für das einzelne Individuum übrig bleiben.

Er sitzt in seinem Lada Niva, Baujahr 95, ein guter Wagen, sagt Igor, und klopft auf das Armaturenbrett wie auf den Rücken eines folgsamen Pferdes. Der Jeep ist ein Tundra-Modell, mit eigens konstruierter Differentialsperre für meterhohen Schnee und hüfthohen Schlamm. Gut eigentlich für alles außer Straßen, sagt er lachend. Aber die gäbe es hier ohnehin nicht. „Hier gibt’s nur Lichtungen. Deshalb haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind stecken geblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück in der Tundra: Igor Tanež tischt auf der Motorhaube seines Lada Niva auf

Die Stadt, in der Igor Tanež lebt, heißt Workuta. Sie ist eine der nördlichsten und abgelegensten Städte der Welt – das erste Attribut ist nachgewiesen, das zweite eher ein Gefühlseindruck. Workuta liegt im europäischen Russland, 80.000 Einwohner, am Fuß des Uralgebirges, 150 Kilometer von der Küste des arktischen Eismeeres entfernt.

II
Der Zug von Moskau benötigt vierzig Stunden bis hierher. In den Abteilgängen dampfen kohlenbetriebene Samoware. Der Zug passiert Kleinstädte mit kupfergrünen Leninstatuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen, wo alte Frauen zusammenlaufen und Wegzehrungen zum Kauf bieten: Kübel voller Waldbeeren, eingelegte Pilze, in Geschirrtüchern warmgehaltene Teigtäschchen.
Die letzten zehn Stunden vor Workuta rollt der Zug nur noch durch ein großes Nichts, gelbes Gras wogt hier über dem flachen Land. Kein Schild weist darauf hin, dass man irgendwo auf dieser Strecke den Polarkreis überquert.

Dann erreicht der Zug Workuta.

Die Stadt ist die Ausgeburt eines totalitären Regimes, die Folge einer Geisteshaltung, die im Marsch zu ihrem Ziel weder Ressourcen kalkulierte, noch Einwände gelten ließ. Traditionell siedeln Menschen dort, wo Klima und
Vegetation den Anbau von Nahrungsmitteln erlauben. Dementsprechend lag vor der Sowjet-Zeit die nördlichste menschliche Siedlung Hunderte Kilometer weiter südlich; wo heute Workuta ist, lebten damals nur einige nomadische Ureinwohner vom Volk der Komi-Nenzen. Dann aber,
im Jahr 1928, entdeckten sowjetische Forscher unter
dem Boden der Tundra Kohle. Der sowjetische Diktator Josef Stalin befahl den Bau einer Stadt. Workuta wurde zu
einer von vielen russischen „Monogorody“, Mono-Städten, die nur eines einzigen Wirtschaftszweigs wegen existieren. Die geplante Kohlenausbeutung im großen Stil, meinte
Stalin, ließe sich am billigsten mit permanent angesiedelten Bewohnern bewerkstelligen.

Ab dem Ende der 30-er bis Mitte der 50-er Jahre wurden rund eine Million Zwangsarbeiter nach Workuta verschleppt. Sie lebten in Gulag-Lagern und stampften die Stadt aus dem Boden. Ein Viertel von ihnen starb nach Schätzungen der Opferorganisation „Memorial“ an Mangelernährung und polarer Winterkälte. Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 leerten sich langsam die Lager. Statt der Zwangsarbeiter sorgten nun freie Sowjet-Bürger für Leben und Arbeitskraft in Workuta. Hohe Löhne und Privilegien lockten sie in den unwirtlichen Norden. In den 70-er Jahren lebten rund 320.000 Einwohner in der Stadt. Es war eine vom Regime hofierte Werktätigen-Elite – „Helden der Arbeit“, wie man sie damals nannte.

„So ist das eben bei uns“, sagt Igor, als sein Niva Workuta verlässt. „Woanders würde man wahrscheinlich ein Basislager errichten und Arbeiter mit Hubschraubern hinfliegen. Aber bei uns nicht. Bei uns baut man eine ganze Stadt. Um jeden Preis.“

„Und dann“, fügt er hinzu, „lässt man sie sterben.“

In den späten 80-er Jahren schlossen die ersten Gruben. Die Kohle war knapp geworden, die Ausbeute stand schon lange in keiner Relation mehr zum Arbeitsaufwand. Zwanzig Schächte gab es zur Blütezeit, vier sind es heute. Die Einwohnerzahl sank seit 1990 um mehr als zwei Drittel, von 320.000 auf 80.000 Menschen.
Das letzte neue Gebäude in Workuta wurde im Jahr 1988 errichtet. Seit der Wende hat in der Stadt weder ein Geschäft noch ein Industriebetrieb eröffnet. Rund die Hälfte der Häuser steht heute leer. Eine durchschnittlich große Eigentumswohnung kostet umgerechnet rund 200 Euro.

Igor fährt auf einer Landstraße außerhalb von Workuta, an deren Rand einst Vorstädte lagen. Damals, unter Stalin und dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow, blühte die Region auf. Workuta wuchs und vor seinen Toren entstanden Randbezirke mit patriotischen Namen wie „Oktober“, „Sowjet-Stadt“ oder „Komsomolzen-Stadt“. Von „Oktober” stehen heute nur Plattenbau-Ruinen in der Tundra. In Komsomolzen-Stadt harren einige Hundert Alte aus. Der Bus, der früher im Zwanzig-Minuten-Takt von Workuta herfuhr, kommt heute zweimal täglich mit zwei Handvoll Passagieren an.

„Wenn in Russland der Herrscher etwas will, springt das Volk“, sagt Igor. „Das war schon immer so, nicht nur zur Sowjet-Zeit: Der Zar wollte einmal eine Bahnlinie von Moskau nach Petersburg. Er legte das Lineal auf die Landkarte und zog einen Strich von Stadt zu Stadt. Aber sein Finger ragte über die Linie. Also liegt heute, wo der Finger des Zaren war, eine Ausbuchtung an der sonst schnurgeraden Strecke.“

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Wo der Raum nichts wert ist: noch eine Tundraszene

III
Sein Vater war Ukrainer aus Kiew, erzählt er, im Zweiten Weltkrieg sei er wegen „Kollaboration mit dem Okkupanten“ nach Workuta verschleppt worden. Seine Mutter stammt aus Sibirien und wurde eines Tages in den 50-er Jahren ins lokale Komsomol-Büro, zur sowjet-kommunistischen Jugendorganisation, zitiert. Das Volk brauche Arbeiterinnen, erklärte man ihr. Sie durfte sich also aussuchen, wohin sie zur freiwilligen Aufbauarbeit übersiedeln wollte: nach Workuta oder in die kasachische Steppe. Die Mutter hatte von beiden Orten noch nie etwas gehört, auf gut Glück wählte sie Workuta. „Hätte sie abgelehnt, sie hätten sie trotzdem hierher gebracht – als Gulag-Inhaftierte“, sagt Igor. „So war das damals: Wenn du nicht wolltest, zwangen sie dich. Und was du nicht konntest, das brachten sie dir bei.“

Die Eltern von Igor Tanež errichteten hier Bahnstrecken und Gebäude. Die Komsomolzin und der Zwangsarbeiter lernten einander kennen, heirateten und blieben ihr restliches Leben.

Der Niva biegt von der Landstraße in eine Kleinstadt ein, die wenige Kilometer von Workuta entfernt liegt. Sie heißt Sewernij, „die Nördliche“. Hier befindet sich einer der wenigen Kohlenschächte, die noch in Betrieb sind. 3000 Arbeiter wohnen in drei Plattenbau-Vierteln, zwischen denen Kreuze aus zusammengeschweißten Stahlrohren aus dem Schlammboden ragen. Hier kamen in den 50-er Jahren politische Häftlinge ums Leben, überwiegend Russen und Balten. Auf manchen Kreuzen sind die Namen der Toten mit Hammer und Schraubenzieher in die Metallplatten gestanzt. „Aber die Gräber verfallen“, sagt Igor. „Alles Leben hier ist auf Knochen gebaut. Das kann ja langfristig nicht funktionieren.
Es verfällt ja auch alles Lebende. Die Häuser, die Straßen, die Menschen. Wer soll sich da noch um die Toten kümmern?“

Er verlässt Sewernij über eine Seitenstraße und biegt
auf einen schlammigen Feldweg ein, der weit und kerzengerade durch die baumlose Ebene führt. Früher, erklärt Igor, sei dieser Weg die Schienentrasse gewesen, die nach Khalmer-Ju geführt habe, siebzig Kilometer weit. „Wir sind also auf dem richtigen Weg“, sagt er.

„Das müssen wir kurz feiern.“

Er hält am Wegrand neben einem umgestürzten Bahnwaggon. Zeit für eine Stärkung, sagt er, russische Tradition. Er drapiert grob aufgeschnittene Wurst, Brot und geviertelte Zwiebel auf einer Zeitungsseite auf der Motorhaube, fängt dann Blechbecher aus einem Lederetui, gießt großzügig Wodka aus einer Plastikflasche ein. Der Wodka schmeckt, als könnte man mit ihm auch den Jeep betanken. Igor setzt triumphierend den Becher ab, dessen Inhalt er sofort ausgetrunken hat, und ruft: „Die Tundra ist eine Droge!“ Jetzt aber weiter, nach Khalmer-Ju.

Igor Tanež wuchs in Sewernij auf, der Vorstadt mit den Kreuzen. Er arbeitete im Kohlenschacht, wie fast alle Männer des Ortes zu jener Zeit. Es waren die späten 80-er Jahre, eine gute Zeit, sagt er. Er verdiente 800 Rubel im Monat, mehr als das Zehnfache des sowjetischen Durchschnittslohns. Eine Lehrerin zum Beispiel erhielt knapp sechzig Rubel. Das Regime ließ sich seine Pioniere im Norden viel kosten.

Einmal, erzählt Igor, sei er übers Wochenende ans Schwarze Meer geflogen. Das war für die Sowjetunion der späten 80-er ein unerhörter Luxus. Er habe es sich aber leisten können, also nahm er einen Freitag frei, spazierte am Samstag die Palmen bestandene Küstenpromenade von Sotschi entlang, Tausende Kilo-
meter von Workuta entfernt. Im sicheren Bewusstsein, dass er die richtige Berufswahl getroffen hätte. Glücklich, weil er ein gutes, langes und ruhiges Leben vor sich sah.

IV
Khalmer-Ju war die Königin der Gruben, erzählt am nächsten Tag, zurück in Workuta, Sergej Merslerkow.

Er ist ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, wo er bis zum Beginn der 90-er Jahre lebte. Nach der Schließung des dortigen Schachts übersiedelte Merslerkow, 50 Jahre alt, nach Workuta, wo er bis heute als einer von wenigen verbliebenen Grubenarbeitern seinen Lebensunterhalt verdient.

Die Kohle aus Khalmer-Ju hatte höchste Qualität, sagt er. Sie wurde nicht verheizt, sondern in der Metallurgie weiterverarbeitet. Khalmer-Ju, das ungefähr 5000 Einwohner hatte, bezog sein Heizmaterial aus diesem Grund nicht aus dem eigenen Schacht, sondern aus den minderen Gruben um Workuta. Die Konsumgüter für den Ort kamen hingegen eigens aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Auf diese Weise unterschieden sie sich von jenen Waren, die in Workuta und dem restlichen
Provinzrussland zu kaufen waren. Khalmer-Ju war so privilegiert, dass es nicht dem regulären sowjetischen Güterverteilungssystem unterstand.

Mit den Warenlieferungen revanchierte sich Leningrad für die Hilfe, die Khalmer-Ju der Großstadt während der deutschen Blockade im Zweiten Weltkrieg angedeihen hatte lassen. Damals war die Qualitätskohle aus dem hohen Norden über improvisierte Gleise direkt ins besetzte Leningrad gekommen. Später wurde Khalmer-Ju dafür zum verhätschelten Liebkind des Systems. Die dortigen Grubenarbeiter verdienten 2000 Rubel im Monat, mehr als doppelt so viel wie normale Kumpel, etwa Igor Tanež.

Der Niva fährt unterdessen weiter, jetzt über Schneefelder. Linker Hand, am Horizont, stehen zwei große Zelte, die aussehen, als stammten sie aus einem Wild-West-Film. Das sind Komi-Nenzen, sagt Igor. Den Winter verbringen die den grönländischen Inuit verwandten nordrussischen Ureinwohner in Workuta, den Rest des Jahres leben sie in Zelten und ziehen mit ihren Rentierherden an die Eismeerküste.

Aus der Sprache der Nenzen stamme auch der Ortsname: „Khalmer-Ju“ bedeutet „Tal der Toten“, weil das Beutewild die Region immer mied und die nomadischen Jäger deshalb hier kaum Essbares vorfanden.

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Max Max: Mit solchen (selbstgebauten) Gefährten fährt der durchschnittliche Workuta-Bewohner in die frühwinterliche Tundra

In den späten 80-er Jahren war die gute Zeit für die Grubenarbeiter von Workuta und Khalmer-Ju über Nacht vorbei. Sie wachten auf und stellten fest, dass ihre Geldbörsen leer, ihre Jobs in Gefahr und ihre Wohnungen nichts mehr wert waren. Dann gingen sie am Wodka zugrunde. Oder sie hielten sich mit kleinen Geschäften über Wasser.

Zu jener Zeit, erzählt Igor, habe man ihn noch beschimpft, als er eines Tages bei einer Komsomol-Versammlung in einer Jeansjacke aufgetaucht sei. Sie war das Geschenk eines Freundes, ein schönes Stück. Die Komsomolzen nannten ihn deshalb einen Faschisten. Sie warfen ihn aus der Jugendorganisation. Das geschah 1989; noch immer legte die Sowjetunion Wert auf die tagtägliche Abgrenzung vom Klassenfeind.

„Schau“, unterbricht Igor seine Erzählung. „Da ist Khalmer-Ju.“

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Khalmer-Ju: Ein trauriges Panorama

V
Es ist ein trauriges, sehr einsames Bild. Tief in der Tundra – in einer flachen, völlig unstrukturierten Landschaft – taucht wie aus dem Nichts eine verfallene Ortschaft auf.

Rechts der Bahntrasse steht ein alter Industriekomplex, die ehemalige Kohlengrube. Links liegen Bahnhof und Ort. Khalmer-Ju besteht aus zwei großen Plattenbauten aus den 80-er Jahren, mehreren zweistöckigen Wohnhäusern aus den 70-ern, einigen stalinistischen Bauten aus den 50-ern und 60-ern und den Anfängen des Ortes: Häuschen und Holzschuppen aus den 40-ern, die von Zwangsarbeitern errichtet wurden. Am Anfang des Dorfs steht eine metallene Säule, auf der die Aufschrift „Siedlung Khalmer-Ju“ prangt.

Früher seien die Leute aus Workuta manchmal nach Khalmer-Ju gefahren und dort abends ausgegangen, erzählt am nächsten Tag Sergej Merslerkow, der ehemalige Bewohner des Ortes. Es gab ein hervorragendes Bierhaus mit drei Sälen, zwei für Bier und einen für Wein. Es gab Restaurants und ein Café namens „Weiße Nächte“.

Dann kam das Jahr 1989.

Drei Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow, der neue Generalsekretär der KPdSU, in einer Rede vor dem Parteitag von „ernsthaften Rückständen“ gesprochen. Ein neuer Wind begann durch die Sowjetunion zu wehen. Schon seit Jahren hatte das Land Getreide aus dem Westen bezogen und seinerseits Rohstoffe exportiert. Der Rubel sei vom Sowjet-Regime absurd überbewertet, behaupteten die Kapitalisten aus Amerika. Nun schien es, als könnte man solche Probleme nicht länger ignorieren. Das planwirtschaftliche Konstrukt begann zu bröckeln. Und Khalmer-Ju war eines der ersten kleinen Ornamente, die abbrachen und in die Tiefe stürzten.

Die Schließung der Kohlengrube kostete fast alle Dorfbewohner ihren Arbeitsplatz. Manche pendelten nach Workuta und hielten es noch eine Zeit lang in ihrem Heimatort aus. Sie wollten Khalmer-Ju, das bis vor kurzem noch so privilegiert war, nicht aufgeben.
Im Jahr 1995, sechs Jahre nach dem Ende der Grube, versank Russland im postkommunistischen Chaos. Und in Khalmer-Ju hielten immer noch zweihundert Menschen ihrem Schicksal stand. Im Spätsommer kamen schließlich Soldaten und erklärten den Verbliebenen, dass sich ab 1. September niemand mehr im Ort aufhalten dürfe. Und für jene Handvoll, die auch dieser Drohung widerstanden, hieß es: Am 30. Oktober fährt das letzte Mal der Zug nach Workuta. Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.
Am 31. Oktober 1995 war Khalmer-Ju menschenleer. Die letzten Bewohner vernagelten ihre Fenster und Türen. Sie wollten ihre Besitztümer auf diese Weise bis zu ihrer Rück-kehr vor Plünderungen bewahren.

Igor lässt den Motor des Niva aufheulen und biegt von der alten Bahntrasse in einen schlammigen Weg ein. Es ist die einst ins Ortszentrum führende Ulica Lenina, Leninstraße, die heute unter einer Schlammschicht begraben liegt. Der Wagen kämpft sich durch die Lacken. Einstige Bewohner haben auf eine Mauer mit Spraydose ein Auge gezeichnet, das eine Träne vergießt. „Khalmer-Ju, wir werden Dich nicht vergessen“, steht darunter. „Ganz Russland gedenkt Deiner.“

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„Ganz Russland gedenkt Deiner“

VI
Igor hält vor dem ehemaligen Kulturpalast am Hauptplatz des Dorfes. „Schau du dir ruhig die Ruinen an“, sagt er. „Mich interessiert das nicht so. Ich geh’ inzwischen Enten jagen.“
Neben dem Palast preist ein vergilbtes metallenes Plakat die Fortschritte der jährlich der Erde abgerungenen Kohlenvolumina. Im Inneren des Gebäudes liegt zwischen Ziegelbrocken und Scherben ein zweites Plakat auf dem Marmorboden: Hammer und Sichel samt der Aufschrift „CCCP“.

Ein Schuss hallt durch den Ort, dann noch einer. Igor kommt mit zwei toten Enten zum Niva zurück und legt sie neben die Motorhaube in den Schnee.

Nahe der Leninstraße stehen die Überreste des eingestürzten Feuerwehrhauses. Über zwei Torbögen prangen die Jahreszahlen 1954 und 1956. Es sind Häuser, die noch im Zuckerbäckerstil des eben verstorbenen Stalin erbaut wurden – mit barock hervorspringenden Flügeln und geschwungenen Giebeln.
Vom Kohlebergwerk sind noch rostige Maschinen übrig, Hebebühnen, Pulte mit Steueranlagen und Messanzeigen. Am hinteren Rand des Dorfes steht ein Wasserturm, an dessen Innenwand sich eine rostige Wendeltreppe hinaufschlängelt.
Als sich Igor mit dem Zustandekommen des Feuers abmüht, fährt daran ein Komi-Nenze vorbei. Es ist ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen und einem langen, mongolisch anmutenden Bart. Er sitzt auf einem niedrigen Holzschlitten, den sechs Rentiere mit buntem Schmuck an Ohren und Zaumzeugen ziehen. Der Nenze grüßt wortlos, lächelt und setzt dann seinen Weg fort. Hinaus aus dem Tal der Toten.

VII

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Der einstige Kulturpalast von Khalmer-Ju

Es gibt Essen, Tee und Wodka, sagt Igor. Russian tradition, er hat eine Pfanne aus dem Jeep geholt und darin Eier und Schweinefleisch über dem Lagerfeuer gebraten, das er im Foyer des ehemaligen Kulturpalastes entzündet hat. Das Bachwasser pfeift im Teekessel und in den Gängen des Kulturpalasts beginnt es nach Rauch zu riechen.

Igor legt neuerlich sein Menü auf Zeitungspapier aus, Gurken, Schokoladeriegel, geviertelte Paradeiser. Wieder fängt er seine Blechbecher aus dem Lederetui: „Jetzt trinken wir darauf, dass wir in Khalmer-Ju sind.“ Was wäre das Leben ohne Wodka, beginnt er, dieses wunderbare Geheimrezept, diese Wohltat für und gegen alles. Aber es dämmert langsam; Igor schlägt vor zurückzufahren. Es seien ja doch siebzig Kilometer nach Workuta und er habe ja bereits erklärt, warum Deutschland den Krieg verloren habe.
In Russland seien die Dinge eben nichts wert, sagt er, während Khalmer-Ju hinter ihm in die Ferne rückt. Eine Stadt verfällt, was soll’s. In diesem Land gäbe es eben immer dringendere Probleme als die Vergangenheit, sagt Igor. Es sei ein instabiles System. Er selbst zum Beispiel sei zweimal reich geworden, und zweimal wieder so arm, dass er am Abend nicht wusste, was er essen sollte.

Der erste Wohlstand kam, als Igor Tanež ein privilegierter Grubenarbeiter wurde, was kurz darauf jedoch die Schließung der Gruben zunichte machte. Der zweite folgte, als Igor seine Konsequenzen aus der gesellschaftlichen Lage zog und kriminell wurde. Es waren wirre Jahre, erzählt er, Mitte der 90-er, Anarchie in Russland, „damals waren wir alle kriminell“. Igor fuhr mit einer Clique junger Männer durch Workuta, sie fielen in die Geschäfte ein, erpressten dort Schutzgeld. Das Geschäft lief gut, es war ein Leben in Hülle und Fülle, aber eines Tages, erzählt Igor, schossen sie auf sein Auto. Die Karosserie wurde durchlöchert, ihm selbst geschah wie durch ein Wunder nichts. Igor nahm es als Zeichen.
„Besser uncool leben, als cool sterben.“ Er wurde gesetzestreu und wieder arm.

Die Freunde der alten Clique seien heute allesamt ermordet, sagt er. In Sewernij, der Vorstadt mit den Kreuzen, ließ die Familie eines Erpressers nach dessen Ermordung eine Holzkirche errichten. Zum Gedenken an den Sohn und die vielen anderen Verstorbenen.
Später wurde Igor „Biesness-Man“ und gründete seine Taxiflotte. Seit bald zehn Jahren gehe das nun so, sagt er.
Es ermögliche ihm ein Leben in kleinem Wohlstand. Die Lage habe sich einigermaßen stabilisiert. Die von Igor und die seines Landes.

Der Jeep überquert wieder die baufällige Brücke, mittlerweile ist es völlig dunkel. Er kämpft sich wieder durch den vom Wasser weggespülten Teil der Trasse.

Er übersiedle bald, erzählt Igor weiter. In die Ukraine, nach Kiew, wo sein Vater herkomme. Das Leben sei dort nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser als zur kommunistischen Zeit. Igor Tanež wird Workuta verlassen – wie viele andere. Ein Haus nahe der ukrainischen Hauptstadt habe er schon. Und ein „Biesness“ lasse sich immer aufziehen.

Die Wohnung in Workuta behalte er aber, ebenso wie den Niva. Jeden Sommer will Igor in die Tundra kommen, solange er lebt. Die Weite, der Wodka, das Chaos, die Narrenfreiheit, die Ruinen von Khalmer-Ju als Staffage. Kurz nach 1995 habe er den Ort übrigens zum ersten Mal betreten, sagt er. Damals habe Khalmer-Ju noch gewirkt, als würden die Bewohner in wenigen Stunden allesamt von einem kollektiven Betriebsausflug zurückkehren.

Heute hingegen fliege das Militär über den verlassenen Ort und beschieße zu Übungszwecken Gebäude. Klar, sagt Igor, warum auch nicht. Sind ja nur Ruinen. Ist ja nur die Tundra. Vor zwei Jahren zum Beispiel, erzählt er, sei der Kulturpalast beschossen worden. Das war damals eine große Sache; ein Schaustück, ein Akt der Präsentation. Die Zeitungen hätten darüber geschrieben, das Fernsehen mitgefilmt. Das Bombardement wollte eine starke Botschaft transportieren: die Kunde vom wieder erstarkten Russland, von einer wehrhaften Politik und Luftwaffe, emporgekommen aus dem demütigenden Chaos der 90-er und nun wieder in der Lage, dem Rest der Welt auf gleicher Höhe in die Augen zu blicken.

Der Schütze zielte zweimal mit einer X-555-Flügelrakete auf den Kulturpalast. Das erste Mal verfehlte er ihn, der Sprengkörper landete im Schlamm neben der Palastmauer und schleuderte nur Holzbretter und Ziegelstücke in die Luft. Beim zweiten Versuch traf der Schütze die Seitenwand des Palastes. Der alte Kino- und Veranstaltungssaal hinter dem Foyer, in dem Igor sein Lagerfeuer entfacht hatte, stürzte ein. Seit diesem Tag klafft in der Mauer ein zwanzig Meter hohes Loch.

Der erfolgreiche Schütze räumte nicht nur zu PR-Zwe-cken bei der Militärübung 2007 in Khalmer-Ju auf. Er rang in Russland auch die 90-er Jahre nieder. Mit ihren guten und schlechten Seiten, mit ihrer Anarchie und ihrer Freiheit.

Sein Name war Wladimir Putin, zu dieser Zeit Präsident der Russischen Föderation.

Nachtrag: Drei Wochen nach dem Besuch im Khalmer-Ju berichtete die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti, dass russische Behörden angeblich die „Schließung“ einige „Monogorody“ planen würden. Auch Workuta wurde genannt.

Erschienen im Magazin Fleisch, Nummer 14, Jänner 2010

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Eingeordnet unter Osteuropa, Reportagen

Wien fragt, wir antworten: die City-Maut

„Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?“ Kaum etwas eignet sich schlechter für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Stadtmaut als diese oberflächliche (Volks-)Frage.

Denn es gäbe Varianten der Maut, die sich so negativ auf die Stadt auswirken würden, dass man sie erst gar nicht einführen sollte. Und andere, die verkehrspolitisch einen großen Wurf für Wien bedeuten könnten.

Da wäre einerseits die Frage nach einer sozialen und ökologischen Staffelung: Soll der Reiche mehr zahlen als der Arme, der Pendler mehr als der Anrainer, der Jeep mehr als das Elektroauto? Andererseits der Aspekt der Grenzziehung: Soll die Citymaut nur die Innenstadt betreffen, wie die Wiener SPÖ sich das vorstellt? Oder bis zum Gürtel reichen (VCÖ)? Oder gar bis an die Stadtgrenze (Grüne)?

All diese Fragen sollten eigentlich vor der Befragung geklärt werden. In Stockholm etwa, wo man das Thema ernsthafter anging als hier, lief 2006 sechs Monate ein Pilotprojekt. Danach stimmten 51 Prozent für eine Beibehaltung der Maut.

In Wien hingegen lässt das Rathaus alle Details offen. Nur die (grüne) Gesamtmaut schließt SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker definitiv aus. Die mangelnde Vorbereitung führt dazu, dass man nicht weiß, worüber genau man abstimmt: Ein Verzicht auf die Staffelung etwa würde die Falschen zur Kassa bitten. Die Innenstadt als alleinige Mautzone wiederum würde ein Grätzel beruhigen, das dank Fußgängerzonen (in den 70ern ebenso umstritten) ohnehin ruhig ist und um das der Stadtverkehr wie ein Taifun um sein Auge kreist.

Für gesicherte Fakten zur Stadtmaut muss man Wien verlassen und sich Untersuchungen europäischer Mautstädte – London, Stockholm, Trondheim, Oslo und Bergen – zuwenden. Hier zeigt sich etwa: Die Akzeptanz der Maßnahme nahm überall stark zu. Laut Umfragen befürworteten sie vor ihrer Einführung nur rund zehn Prozent der Bürger; zwei Jahre später waren es die Hälfte oder mehr. Weiters zeigt sich: Der Grund für die hohe Akzeptanz ist der geringere Autoverkehr. In London ging er um 22 Prozent zurück, in Stockholm um 16.

Diese Zahlen widerlegen – um nach Wien zurückzukehren – das Rathausargument, wonach mit dem Parkpickerl ohnehin eine Art „Standmaut“ eingeführt sei: Zwar ist der Autoverkehr – auch dank Öffi-Ausbau und hoher Ölpreise – rückläufig. Aber die Zahl bewegt sich unterhalb von fünf Prozent; die Parkraumbewirtschaftung hat laut VCÖ nur 1,5 Prozent dazu beigetragen. Die Hälfte der Pendler etwa parkt am kostenlosen Firmenparkplatz. Fazit: Das Pickerl funktioniert höchstens zusätzlich. Andere Mautstädte nutzen es auch – allerdings weniger zur großen Verkehrseindämmung als zur innerstädtischen Feinjustierung.

Insgesamt fußt die Citymaut auf der Theorie, dass Stadtraum zum knappen Gut geworden ist. Daher sollen jene für seine Benützung zahlen, die seinen Großteil in Beschlag nehmen: die Autofahrer.

In Wien jedoch wird mit dem Verweis auf dieses knappe Gut seit Jahren jede große verkehrspolitische Neuerung – vom Prestigeprojekt U-Bahn abgesehen – abgeschmettert. Soll die Ringstraße, einer der prunkvollsten Boulevards Europas, zur Fußgängerzone werden? Undenkbar, dann würde die Zweierlinie im Verkehr ersticken. Oder die Mariahilfer Straße, auf der sich die Einkaufenden auf breiten Gehsteigen drängen? Unvorstellbar, dann würden die Parallelstraßen von Autos überrollt.

Will Wien also radfahrer- und fußgängerfreundlicher werden, braucht es eine Reduktion des Autoverkehrs. Ein großer Schritt dorthin wäre die Citymaut; kleine und langwierige sind die Parkraumbewirtschaftung.

Zwar bestünde – um das Gegenargument des Verkehrsexperten Hermann Knoflacher aufzugreifen – durchaus die Gefahr, dass Kaufkraft an die mautfreie Peripherie, etwa die SCS, abfließt. Aber was hier verlorenginge, ließe sich durch die Attraktivierung des Zentrums abfangen; nun gäbe es ja Platz für Radwege und Schanigärten. Davon abgesehen: Nur acht Prozent der Kunden erreichen etwa die Mariahilfer Straße mit dem Auto.

Das Fazit: Die Citymaut ist prinzipiell zu befürworten. Allein schon deshalb, um nicht jede verkehrspolitische Vision und Diskussion des kommenden Jahrzehnts abzuwürgen. Allerdings muss sie gestaffelt sein. Und sie darf nicht nur das Auge des Taifuns umfassen.

Empfehlung: JA

Joseph Gepp

Weitere Falter-Empfehlungen und Hintergrundinformationen gibts hier


24-Stunden-Bahn am Wochenende:
Ja
Hausbesorger neu: Ja
Ganztagsschule: Ja
Kampfhundeführerschein: Nein

Erschienen im Falter 4/10

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Verkehr

Das Schlachtschiff des analogen Zeitalters

Ein Medium wie für die Ewigkeit: Der ORF-Teletext feiert sein 30-jähriges Bestehen. Wir verneigen uns voll Ehrfurcht

Eloge: Joseph Gepp

Auf der Fernbedienung den Teletext-Knopf zu drücken ist ungefähr so, als würde man ein Lokal betreten, in dem seit Jahrzehnten kein Sessel ausgewechselt wurde und die handgeschriebene Liederliste in der Jukebox immer noch die Schlagercharts des Jahres 1972 zeigt. Und man denkt sich: „Mein Gott, ist das schön.“

Nun feiert der ORF-Teletext, der älteste seiner Art in Kontinentaleuropa, sein 30-jähriges Bestehen. In seiner Geschichte wechselten die Macher, auch wenn der herrlich anachronistische Eindruck aufs Gegenteil schließen lässt, durchaus einige Sessel aus: Die Seiten mehrten sich, wurden polykoloriert; und zum Durchknattern eines kompletten Zyklus von Seite 100 bis Seite 800 braucht das Wunderding nunmehr nur noch 16,5 Sekunden. Wie eine Internetseite in den Neunzigern.

Trotzdem: Er bleibt der alte Teletext. Sein Eindruck ändert sich nicht wesentlich, bei allen Neuerungen. Er ist das unzerstörbare Schlachtschiff des analogen Zeitalters, täglich von einem Drittel der Österreicher konsumiert. Er ist das neben der Kronen Zeitung eindrucksvollste mediale Beispiel für die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch das genannt hätte, koexistierend neben Hochglanzmagazinen und digitalen Fernsehsendern. Er ist das „Internet des kleinen Mannes“, wie die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sagen. Nur ist der Teletext – im Gegensatz zum Internet – übersichtlich gegliedert, halbstaatlich kontrolliert, ohne Nazis, Pornos und bissige Postings.

In Zeiten der Informationsüberflutung verrichtet er damit einen psycho-hygienisch nicht zu unterschätzenden Dienst: Er kappt alles Unnötige, stutzt das Nötige auf ein – oft unfreiwillig komisches – Mindestmaß zusammen und vermanscht dies alles zu einem wohltuend-unprätentiösen Brei aus Nachrichten, Wetter, Fußball und Fernsehhighlights.

Wobei uns der ORF sogar die Freude macht und die anachronistische Anmutung ins Absurde steigert, indem er den Teletext als Ganzes ins Internet stellt, sogar inklusive Seitensuchfunktion. Auf http://teletext.orf.at findet man so eine Art Unterinternet, eine Insel der Erwartbarkeit inmitten virtueller Anarchie, garantiert jugendfrei.

Aus all diesen Gründen: Alles Gute zum Geburtstag, Teletext! Bleib, wie du bist! Wie wir dich kennen und lieben. Verfall nicht den 1000 Verführungen der Audiovisualität! Für die nächsten 30 Jahre.

Erschienen im Falter 4/10

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Nachgesehen: Leopoldinischer Trakt, die letzte Bastion Kakaniens

Joseph Gepp

Es gibt es noch, das (franzisko-)josephinische Beamtentum, streng, unnahbar, pflichtversessen, zeitlos und weltabgewandt seine staatstragende Arbeit verrichtend. Es trägt rot-weiß-rote Schärpen um seine maßgeschneiderten Hemden und schreitet gemessen durch die Hofburg. Oder auch nicht; das gemeine Fußvolk wird es nie erfahren. Angesichts der aktuellen Debatte über Ministerorden vor dem baldigen Opernball wollte der Falter aus dem Alltag des obersten Ordensverwalters dieser Republik berichten. Nein, hieß es dazu aus dem Leopoldinischen Trakt der Hofburg. Ein Telefonat mit dem Vizeamtsdirektor sei eventuell möglich – ein Foto aus den heiligen Hallen aber: undenkbar. Daraufhin bat der Falter, zumindest Türschild oder Gangflucht fotografieren zu dürfen. Dieses obszöne Ansinnen wurde – nach Bedenkzeit – prompt seiner verdienten Strafe zugeführt: Nun sei auch kein Telefonat mehr möglich, sagte die Sprecherin. Wir wollten es ja auch nicht anders.

schnalle

Weiter als bis hierhin kommt der Pöbel nicht: Unterhalb von
HeiFi und anderen dekadenten Republikanismen regiert in der
guten alten Hofburg immer noch das gute alte Beamtentum

Foto: Heribert Corn

Erschienen im Falter 4/10

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Nachgesehen – Erdbebenhilfe Haiti: Trinkwasser für den Prinzenhafen

Hier steht sie in Wien-Liesing, zerlegt, 16 Tonnen Einzelteile auf 70 Paletten in einer großen Lagerhalle. Nach Freigabe des Internationalen Roten Kreuzes, sagt der Logistiker Jürgen Kunert, könne die Trinkwasseraufbereitungsanlage per Charterflugzeug innerhalb von drei Tagen in die zerstörte haitianische Hauptstadt Port-au-Prince gelangen. Vorerst müsse aber „strukturiert, kanalisiert und priorisiert“ werden. Denn Hilfsgüter gelangen momentan en masse nach Haiti, dem ärmsten Staat Lateinamerikas, der vergangene Woche von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde. Nun gelte es v.a., sie zielgerichtet einzusetzen, sagt Rotkreuz-Sprecherin Andrea Winter. Sieben österreichische Helfer samt Material seien schon in Haiti, sechs weitere würden mit der Trinkwasseranlage nachkommen. Österreich gilt im Rotkreuz-Gefüge als Wasserspezialist: Gleichartige Anlagen wurden in Banda Aceh nach dem Tsunami und in China und Pakistan nach den Erdbeben installiert.

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Katastropheneinsatz in Liesing: Rotkreuzsprecherin Andrea
Winter und die Logistiker Jürgen Kunert und Florian Ruppert vor
ihrer Trinkwasseranlage.
Spenden an: Konto-Nr. 2.345.000, PSK
60.000, KW „Erdbeben Haiti“

Foto von Hans Hochstöger

Erschienen im Falter 3/10

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Gelesen: Hinter dem Lagerzaun

Zwei Realitäten sind in Europa entstanden: Die erste – die interne – basiert auf den Werten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die zweite – die externe – wirft im Namen des Schutzes der ersten diese Errungenschaften über Bord. Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, zeigt der italienischen L’espresso-Journalist Fabrizio Gatti. Als irakischer Kurde namens Bilal Ibrahim El Habib schleust er sich ins Asyllager von Lampedusa ein, wo er Gewalt und Erniedrigung erlebt. Davor reist Gatti als Wirtschaftsflüchtling quer durch die Sahara; nach der Erstaufnahme arbeitet er als Billiglöhner. Wie Nina Kusturicas Film „Little Alien“ in Österreich, führt Gatti in Italien eindrucksvoll jene zweite europäische Realität vor Augen, die mit der ersten immer weniger kompatibel scheint. Und doch gleichzeitig existiert.

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. Kunstmann, 512 S., € 24,90

Erschienen im Falter 3/10

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STADTRAND – „Umsteigen“: Wo in Meidling Lücken klaffen

Glücklich sollten wir uns schätzen, weil sich ein flächendeckendes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln über unsere Stadt spannt. Denn wo wir auch sind, die nächste U- oder zumindest Straßenbahn ist nie weit. Sogar am äußeren Ostgürtel. Dort finden wir, ortsunkundig, flugs eine Bimlinie, und nach nur drei Stationen sagt die Stimme: „Umsteigen zur Längenfeldgasse. U-Bahn.“ Oh praktische Wienerstadt, wo der Weg zurück in bekannte Gefilde stets so kurz ist. Nach dem Ausstieg zeigt sich aber: Da ist gar keine U-Bahn. Stattdessen Schneegatsch, grauer Himmel, Meidlinger Vorstadthäuser in strengem Raster. Ein Jugendlicher lacht mitfühlend, als er die Frage nach der U-Bahn hört, und sagt: „Die Straße runter ist sie. Ziemlich weit weg.“ Wir spazieren also die Straße runter und denken über die Bedeutung des Wortes „umsteigen“ nach. Eins, zwei, drei, vier Quergassen. Ein Gemeindebau. Eine Trafik. Ein Supermarkt. Eine U-Bahn-Station schließlich, wie eine Fata Morgana aus dem grauen Gatsch. Zurück in bekannten Gefilden. Umsteigen erfolgreich.

Erschienen im Falter 3/10

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