Neuer alter Gürtel

Einst war er Wiens verrufene Rotlichtmeile. Dann wurde er zum exemplarischen Szeneviertel. Droht das Erfolgsprojekt Gürtel jetzt wieder zu verkommen?

Bericht: Joseph Gepp

Es ist erst viertel neun Uhr abends, als ein unbekannter Mann nahe der U6-Station Thaliastraße in den Weg von Walter Riedl*) tritt.

„Hast du Tschick?“, fragt er. Riedl verneint, und ehe er sichs versieht, hat er die Faust des Fremden im Gesicht. Dann treten vier weitere Männer aus dem Gebüsch. Es sind Jugendliche, 16 bis 19 Jahre alt, serbischer Abstammung. Einer umfasst von hinten seinen Hals, entreißt ihm die Geldbörse. „Du Lügner, du Lügner“, schreien die Angreifer, als sie Zigaretten in Riedls Jackentasche entdecken. Sie drücken ihn zu Boden. „Ich sah schon vor mir, wie sie auf mich eintreten“, erzählt Riedl heute. Doch sie lassen von ihm ab und fliehen mit 40 Euro Beute und einer angebrochenen Packung Zigaretten.

Walter Riedl, 34, arbeitet im Gürtellokal Chelsea, wo er Konzerte organisiert. Drei Wochen nach dem Überfall sitzt er im Josefstädter Café Hummel, blaue Sportjacke, Stirnfransen, und erzählt von der schönen Unmittelbarkeit kleiner Auftritte und von den guten Momenten seines Jobs: „Gossip zum Beispiel. Die füllten erst kürzlich das Gasometer. Und waren vor gar nicht langer Zeit noch im Chelsea. Da kannte sie niemand. Ich hab die Platte gehört und mir gedacht: Aus denen wird noch was.“

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Zielgerichtete Nutzung? Vom Bäcker …

Was ihm aber passiert ist, sieht Riedl nicht als unglücklichen Einzelfall. Denn als er später herumzufragen beginnt, stellt er fest, dass andere Leute aus dem Chelsea-Kreis ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Innerhalb von nur vier Wochen ist auch der Sohn einer Mitarbeiterin überfallen worden, ebenfalls nahe der U6 Thaliastraße. Ein Bekannter ist vor dem Lokal Weberknecht am Lerchenfelder Gürtel angestänkert und bedroht worden. Einen Stammgast hat es beim Kunstglaskubus von Valie Export nahe der U6 Josefstädter Straße erwischt – es ist derselbe Ablauf wie bei Walter Riedl, mit den Zigaretten und der plötzlich auftretenden Verstärkung.

„Vielleicht ist das ja nur selektive Wahrnehmung“, sagt er. „Aber ich habe das Gefühl, dass hier etwas in die falsche Richtung rennt. Dass der Gürtel langsam versandelt.“

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… zum Szenelokal …

Der Gürtel ist eine der größten Erfolgsgeschichten im Wien der vergangenen 20 Jahre. Anfang der 90er war er noch eine verrufene Rotlichtmeile zwischen heruntergekommenen Zinshäusern mit Substandardwohnungen, aufgefädelt entlang einer Straße, deren Verkehrsaufkommen nur noch von der Südosttangente überboten wird. Dazu kamen die vermauerten Stadtbahnbögen, die den einstigen Boulevard – früher „Ringstraße des Proletariats“ genannt – wie ein Sperrwall zerteilten. Den verkehrsumtosten Bögen fehlten weitgehend Strom- und Wasseranschlüsse, sodass sie als praktisch unbenutzbar galten. Zusammen mit der Straße waren sie eine gestalterische Herausforderung, an der sich Architekten und Politiker jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hatten.

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… zum Fast-Food-Restaurant …

Heute wälzen sich in lauen Sommernächten tausende Menschen über den Westteil der 13,5 Kilometer langen Straße. Mancher Student aus Deutschland besucht an seinem ersten Abend in Wien den Gürtel, weil er das „Wiener Chelsea“ schon aus Erzählungen kennt. Das rhiz gilt unter Elektronikfans als europäische Adresse, ebenso das B72, von dessen Indiepop-Gigs man weit über Wien hinaus hört. Dazwischen liegen verglaste Bierhäuser, Würstelstände, Büroaufbauten, Fahrrad- und Gehwege, die nachts hell erleuchtet sind.

Der Gürtel hat im Bewusstsein der Wiener eine neue Funktion erhalten. Seine Termine fehlen in keinem Veranstaltungsplan. Er ist das Signum einer Stadt, die mehr als nur Schönbrunn und Mozart bietet. Ein erfolgreiches Exempel dafür, wie man Mankos in Trümpfe ummünzt: die ziegelsteinerne Industrieanmutung, der Verkehr, die ratternde U-Bahn über den Köpfen der Gäste – all diese Eigenschaften kann man bloß als Probleme betrachten. Oder man betont ihr großstädtisch-raues Flair und verwandelt sie solcherart in Vorzüge, deren Charme Nachtschwärmer anzieht.

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… zum Lager.
Alle Fotos von: Heribert Corn

„Vor zwölf Jahren war der Gürtel ein großes Prestigeprojekt“, sagt Herbie Molin, 52, Gründer und Geschäftsführer des rhiz nahe der Josefstädter Straße. Zwar werde die Zahl der Gäste seitdem nicht weniger, denn am Gürtel sei eine „etablierte Fortgehsituation“ entstanden. „Aber die Luft ist aus dem Projekt draußen. Wir fühlen uns hier etwas alleingelassen.“

Das Gefühl speist sich aus mehreren Faktoren, von denen die aktuellen Überfälle nur einer sind. Früher entschied eine hochrangig bestückte Kommission über die Nutzung der Gürtelbögen; heute zeigt sich der Eigentümer – die Wiener Linien – allein dafür verantwortlich. Früher verteilten sich Wiener Obdachlose über viele Teile der Stadt; heute ballen sie sich an einem völlig überlaufenen Tageszentrum in der U6-Station Josefstädter Straße zusammen, das neuerdings bis neun Uhr abends geöffnet hat.

„Wir hatten nie ein Problem mit Obdachlosen“, sagt Herbie Molin. „Aber jetzt hat sich ihre Zahl verfünffacht. Die Sozialarbeiter vom Tageszentrum nebenan werden damit offensichtlich nicht fertig. Im Sommer übernachten neben dem rhiz manchmal bis zu 20 Leute. Betreuung haben sie keine, die sanitäre Lage ist katastrophal.“

Doch es sind nicht die Obdachlosen, deretwegen es innerhalb der Lokale zu Problemen kommt. „Vor drei oder vier Jahren kamen organisierte Diebesbanden auf, die alles gestohlen haben, was nicht niet- und nagelfest war“, sagt Molin. „Handys, Handtaschen, kürzlich sogar das DJ-Pult.“

Am Ende, vor acht Wochen, sah sich der Chef zur Einstellung eines Sicherheitsmanns gezwungen. Das setzte den Diebstählen zwar ein Ende. „Aber schade ist es trotzdem. Denn in Lokalen wie der Nachtschicht schützen die Securities ja vor den Ausläufern des eigenen Publikums. Bei uns aber ist das Publikum völlig problemlos. Wir müssen uns vor dem schützen, was von draußen kommt.“

Er nennt daher eine Forderung, die sonst eher aus anderen Ecken des politischen Spektrums tönt: mehr Polizeipräsenz auf der Straße. „Momentan fährt hin und wieder ein Wagen durch. Dabei sind an Wochenenden tausende Menschen im Grätzel zwischen den Lokalen unterwegs. Auf diese Art bekommen manche das Gefühl, sie könnten hier tun, was sie wollen.“

Als 1995 die Gürtelrevitalisierung begann, wollte man die Sicherheitsfrage vor allem auf gestalterische Art lösen: durch die Steigerung des „subjektiven Sicherheitsgefühls“, wie Experten das nennen. Deshalb ließ Silja Tillner als verantwortliche Architektin die zugemauerten Bögen mit transparenten Glasfassaden versehen und verringerte so die barrierenhafte Anmutung. Gehwege wurden großzügig beleuchtet. Ausufernde Sträucher, in denen Müll lag und Ratten raschelten, wurden zurechtgestutzt.

Ihren Ausgang nahmen diese Mühen aber nicht in Wien, sondern in Brüssel. Mit dem EU-Beitritt Österreichs eröffnete sich die Möglichkeit zur Förderung strukturschwacher Stadtteile. 11,3 Millionen Euro stellte die EU in Aussicht, sofern Bund und Gemeinde die Summe um das Dreifache erhöhen und eine Revitalisierung durchziehen. Die Gelegenheit ließ man sich in Wien nicht entgehen. Zumal der dafür Verantwortliche, der damalige SPÖ-Planungsstadtrat Hannes Swoboda, als ausgesprochener Befürworter des Gürtelprojekts galt.

Eine „Gürtelbogenvergabekommission“ wurde gegründet, aus Rathausbeamten, Architekten und Vertretern der Wiener Linien. Sie existierte bis 2000 und sollte dem verwaisten Grätzel kulturelles Leben einhauchen.

„Wir haben viele lange und gute Gespräche geführt“, sagt rhiz-Chef Molin. „Es war damals nicht leicht, einen Gürtelbogen zu bekommen. Und dementsprechend gut hat die Sache funktioniert.“

Glaubt man Lokalbetreibern und langgedienten Mitarbeitern, dann ist damals durch das Brüsseler Engagement und die richtige Mischung an heimischen Verantwortlichen eine Dynamik entstanden, die andere Projekte in Wien so schnell nicht aufweisen. „In dieser Kommission sind Leute zusammengekommen, denen der Gürtel ein wirkliches Anliegen war“, sagt Ernst Weingartner, Gründer des B72. „Die Architektin Tillner zum Beispiel, der Stadtrat Swoboda, der damalige Wiener-Linien-Verantwortliche Martin Oedendorfer – diese Leute halfen dabei, Probleme durchzuboxen und das Projekt ins Rollen zu bringen.“

Und es rollte. Im Sommer 1997 lockte der „Night Walk“ erstmals die Nachtmenschen an den Gürtel, später sollte er zu einem Höhepunkt im Wiener Veranstaltungsjahr werden. Drei Jahre später waren 22 von 30 EU-geförderten Stadtbahnbögen renoviert und verglast. Zwei weitere Jahre später wurde am Urban-Loritz-Platz die große Hauptbibliothek samt vorgelagertem Membrandach eingeweiht.

Zu diesem Zeitpunkt war das EU-Projekt allerdings schon ausgelaufen. Die Zuständigkeit für die Vergabe der Bögen war von der Kommission zurück an die Wiener Linien gegangen. „Es hat einen Generationswechsel gegeben“, sagt Architektin Tillner. „Das heißt auch, dass jene Leute, die sich damals engagiert haben, heute nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Sie selbst hat sich anderen Projekten zugewandt. Ex-Planungsstadtrat Swoboda sitzt heute als EU-Parlamentsabgeordneter in Brüssel. Und Martin Oedendorfer von der Rechtsabteilung der Wiener Linien ist inzwischen in der internen Hierarchie aufgestiegen und für die Bögen nicht mehr direkt verantwortlich.

„Natürlich ist uns der Gürtel und sein kulturelles Angebot nach wie vor wichtig“, erklärt Oedendorfer. „Es liegt ja auch in unserem Sinn als Eigentümer, dass dort eine Aufwertung stattfindet. Allerdings sind wir als Vermieter ans Mietrecht gebunden und können auf Preispolitik oder musikalische Programmierung der Lokale nur wenig Einfluss nehmen.“

Oedendorfer spielt damit auf eine häufig geäußerte Kritik an: dass Bögen, die noch frei wären, oft an Betreiber gingen, die später Billigschnaps à la Ballermann anbieten oder mit Gratiscocktails für Besucherinnen männliche Gäste zum forcierten Aufriss fordern. Diese Lokale liegen um die Nußdorfer Straße, nördlich des ehemaligen EU-Projektschwerpunkts zwischen Josefstädter und Thaliastraße. „Wenn ich am Sonntagvormittag vor die Haustür trete“, sagt ein Anrainer, „dann brauche ich nur den Spuren des Erbrochenen zu den Lokalen zu folgen.“

„Es wäre schön“, sagt B72-Chef Ernst Weingartner, „wenn es wie früher wieder Vertrauenspersonen gäbe. Wenn wieder ein oder zwei Leute dezidiert für den Gürtel zuständig wären.“

*) Weil die polizeilichen Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, bat Walter Riedl, seinen echten Namen nicht zu nennen

Erschienen im Falter 51/09

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