Buch der Stunde

Man könnte es als „Umbruchsliteratur“ bezeichnen: In immer mehr Büchern (und Filmen) hetzen junge Existenzen durch improvisierte Lebensläufe, meist vor einem sich rasant wandelnden, urbanen Hintergrund – gerne in Moskau, Neu-Delhi, Peking oder Berlin. Diese Literatur versucht das vage, kaum definierbare Grundgefühl einer Zeit in Worte zu fassen. Das gelingt ihr mal mehr und mal weniger gut: Manchmal beschränkt sie sich darauf, den Charme des Sich-irgendwie-durchs-Leben-Schlagens oberflächlich zu verherrlichen, in anderen Fällen erreicht sie dafür fast Balzac’sche Dimensionen.

Einer der Meister des neuen Genres heißt Serhij Zhadan, ist 35 Jahre alt und stammt aus der ostukrainischen Industriestadt Charkiw. Sein neues Buch, „Hymne der demokratischen Jugend“, ist ein wahres Schmuckstück der Umbruchsliteratur, das auf anekdotische Weise ganz ernsthaft eine Epoche anschaulich machen will. Was der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt, beschreibt den Postkommunismus der späten 90er-Jahre: Das Alte gilt nicht mehr und das Neue noch nicht. Zhadans Epoche ist chaotisch, sie erfordert Improvisationsgeschick und Rücksichtslosigkeit, sie ermöglicht schnelle Auf- und Abstiege und lässt absolut keine individuelle Stabilität zu.

Erzählt wird zum Beispiel vom Scheitern des ersten in Charkiw eröffneten Schwulenklubs oder von einem privaten Bestattungsinstitut, das in aller Eile hochgezogen wird, nachdem der Staat sich plötzlich nicht mehr um diese Dinge kümmert. Ständig suchen die Protagonisten nach kleinen (und völlig austauschbaren) Markt- und Existenznischen und kommen sich dabei dauernd in die Quere, weil alles so ungeregelt, so dilettantisch, so überhastet, so kaltschnäuzig abläuft. Dem unbedingten Willen, ein Projekt zu beginnen, steht die tiefe Ahnungslosigkeit gegenüber, wie man es wohl über die Anfangsphase retten und langfristig erhalten könnte.

Es sind tatsächlich die ganz großen Themen, die in Serhij Zhadans Geschichten aufleuchten und das Buch so lesenswert machen. Und wenn man es schließlich weglegt, meint man, eine ganze Epoche verstanden zu haben.

Serhij Zhadan: Hymne der demokratischen Jugend. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, 185 S., € 20,40

Erschienen im Falter 49/07

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Eingeordnet unter Bücher, Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

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