Monatsarchiv: November 2009

STADTRAND – Eine Eloge auf den Christkindlmarkt

Klima beeinflusst Gesellschaft, sagen Historiker. Und Europa soll deshalb ein so brummendes Halbinselchen geworden sein, weil seine Bewohner kältebedingt weniger Erregern ausgesetzt waren als etwa jene von Äquatorial-Guinea. Die Theorie hat was für sich, führt aber zur Frage, wie man als Wiener dem Winter entkommen und sich ersehnten äquatorialen Zuständen annähern kann. Und flugs bieten sich überall Gelegenheiten dazu: die Christkindlmärkte. Elitäre Geister mögen sie als besoffene Zusammenrottungen meiden. Weniger Elitäre gehen zum Beispiel ins Museumsquartier, wo sie exakt dasselbe machen wie die Besucher am Rathausplatz, sich aber nicht dem vernichtenden Verdacht der Kitsch- und Schlageraffinität aussetzen müssen. Der Zweck ist natürlich derselbe: Christkindlmärkte stellen auf soziologisch ausgefeilte Weise Leben in der Kälte sicher. Man fraternisiert bei warmem Alkohol. Und wem das zu billig scheint, der kann sich alibihalber auf Glaskugeln, Bioseifen und sonstige Überflüssigkeiten ausreden. Also, Wiener: Trinkt Kiwi-Punsch!

Erschienen im Falter 47/09

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Janes Welt

Tagtäglich warnt eine Wienerin im Internet vor der bevorstehenden Apokalypse. Zehntausende Anhänger hören ihr dabei zu. Was will Jane Bürgermeister? Aus dem Leben von Österreichs größter Verschwörungstheoretikerin


Porträt in Absentia: Joseph Gepp

Man stelle sich eine Runde amerikanischer Hacker vor, vielleicht in einer Kleinstadt mit sonst kaum Betätigungsfeldern. Sie treffen sich in den Hobbyräumen ihrer Eltern, stoppeln Rechner zusammen und entwerfen grinsend einen Hoax, eine Internetfalschmeldung. Der Fantasiebegabteste kreiert den Plot, indem er ein wenig Hightech und ein paar Großkonzerne mischt. Seine Freunde programmieren inzwischen eine Website und legen Spuren in Foren. Am Ende wählt der Kreis ein exotisches Alpenland zu seinem Juxschauplatz und gibt der Hauptperson einen Namen, „der klingt, als hätte ein Amerikaner einen österreichischen Namen absichtlich übertrieben“, wie im Forum „Infokriegernews“ zu lesen steht.

Und fertig ist die Verschwörungstheorie.

Ungefähr so muss sich die Geschichte abgespielt haben, die hinter Jane Bürgermeister steckt, denken die meisten, wenn sie im Internet zum ersten Mal auf sie stoßen.

Wer aber weiter nach ihr sucht, dem scheint der Scherz bald zu raffiniert, um nur ein Scherz zu sein. Er findet ein Bankkonto, auf das man für Bürgermeisters „investigative Arbeit“ spenden kann. Er findet ihre Wohnadresse, in Währing, Gürtelnähe. Er findet ein Gesicht, denn neuerdings taucht sie auch in selbstproduzierten Webfilmchen und Interviews auf.

Sie ist eine zierliche Frau, nach eigenen Angaben Tochter einer Irin und eines Österreichers, ungefähr 40, dezent gekleidet. Sie hat kurzes Haar, leichte Ringe unter den Augen, eingefallene Wangen, zuviel Lippenstift. Sie sitzt – darauf lässt ihre rege Publikationstätigkeit schließen – Tag und Nacht vor dem Computer. Und verbreitet ihre feste Überzeugung, wonach ein virenbedingter, von Pharmafirmen und Geheimbünden geplanter Massenmord bald den Großteil der Weltbevölkerung auslöschen wird.

Oft und immer öfter stößt man auf Jane Bürgermeister. Einmal auf dieser Homepage, dann auf jener, immer dort, wo Realität und Humbug in abenteuerlicher Mischung auf verborgene Zusammenhänge schließen lassen. Manchmal landen beunruhigende E-Mails im Eingangsordner, die in Nebensätzen „eine Frau Bürgermeister“ zitieren. Ein anderes Mal taucht die „Journalistin“ gar in seriösen Medien auf, kürzlich etwa bei Peter Michael Lingens im profil.

Jane
Jane Bürgermeister
(Quelle: theflucase.com)

Mehr als 900.000-mal findet Google mittlerweile ihren Namen, und wöchentlich werden die Einträge mehr. Auf tausenden Websites und Foren befasst man sich mit der Frau aus Wien-Währing, widerlegt sie, unterstützt sie, bedankt sich. Humanity is eternally grateful, schreibt Sophie aus den USA. Und Udo aus Deutschland fügt hinzu: „Machen Sie bitte weiter so!“

Jane Bürgermeister ist das Phänomen eines Informationszeitalters, in dem viele nicht mehr wissen, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Wahnsinn zu ziehen ist. Einer Zeit, in der man Texte über große Weltverschwörungen publizieren kann und trotzdem von verblüffend vielen Menschen ernst genommen wird. In der keine Schwelle mehr die massenhafte Verbreitung von unreflektierter Halbinformation kontrollieren kann.

Jane Bürgermeister steht für die andere Seite dessen, was Befürworter als den „demokratisierenden Effekt des Internets“ begreifen. Selbstverständlich kann sich die iranische Opposition im Netz organisieren. Bürgermeister kann das allerdings auch.

Denn niemand prüft, ob etwas die Veröffentlichung wert ist, ob es den Grundsätzen journalistischer Sorgfalt und wissenschaftlicher Faktentreue entspricht. Niemand nimmt „einen Artikel ab“, wie das im Zeitungsjargon heißt. Wer immer will, kann heute publizieren. „Der Cyberspace“, schreibt der Medienwissenschaftler Gundolf Freyermuth, „ist für die Konspirationsfans am Ende des 20. Jahrhunderts, was im 19. Hinterzimmer und Flugblatt waren: Versammlungsort und Publikationsmittel zugleich.“

Das Zitat stammt von 1998 – aus grauer Vorzeit, wenn man die Geschichte des Internets betrachtet. Drei Jahre später explodierten in New York und Washington drei Flugzeuge. Es folgte die Ära George W. Bush und, Jahre später, die Weltwirtschaftskrise.

„Verschwörungsideologien entstehen meist nach emotionsgeladenen Ereignissen“, sagt der deutsche Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber aus Brühl. „Das konnte man schon nach der Französischen und Russischen Revolution sehen, ebenso nach dem 11. September. Die gegenwärtige Besonderheit liegt aber darin, dass durch das Internet Konspirationsvorstellungen weitaus breiter und schneller Verbreitung finden.“

31 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren halten es für möglich, dass die US-Regierung die 9/11-Anschläge selbst angeordnet hat, erhob die deutsche Wochenschrift Die Zeit 2003. „Je komplizierter die Weltlage, desto fester glauben die Deutschen an Verschwörungstheorien.“

Für jene Spielart, die Jane Bürgermeister betreibt, haben Soziologen sogar einen eigenen Namen kreiert: „Hightech-Paranoia“. Thesen dieser Art fanden sich in den vergangenen Jahren bei allen breitenwirksamen Medizincausen, bei Sars, Aids, Vogelgrippe. Die dazugehörigen Online-Erzählungen sind immer dieselben: Das Medikament sei vergiftet, die Impfung jage in Wahrheit einen Mikrochip unter die Haut. Dahinter steckt immer eine sinistre Organisation, die Weltherrschaft erlangen und dafür die Menschheit töten oder zu willenlosen Sklaven degradieren will.

Eine Verschwörungsideologie, sagt Forscher Pfahl-Traughber, erkläre scheinbar einfach eine immer komplexer werdende Welt. Der Ideologe will nicht anerkennen, dass die Erde keinem großen Plan folgt. Er negiert die Ergebnisoffenheit menschlicher Prozesse, die verwirrende Überlagerung gesellschaftlicher Interessen, die unlogische Vielschichtigkeit der Wirklichkeit. Dabei dient ihm laut Pfahl-Traughber meist ein „reales Ereignis“ als Anknüpfungspunkt. Monokausal und stereotyp gedeutet, werden später vermeintliche Zusammenhänge rundherum gruppiert.

Für Jane Bürgermeister findet das reale Ereignis Anfang 2009 statt, vor ihrer Währinger Wohnung. Sie erzählt immer wieder davon. Eine Nachbarin macht sie auf einen Artikel in einer Bezirkszeitung aufmerksam.

Er handelt von einer Panne beim US-Pharmakonzern Baxter in Orth an der Donau. Im Februar werden von dort Proben an europäische Labors versandt. Nahe Prag entdecken Mitarbeiter, dass die als harmlos deklarierte Flüssigkeit mit gefährlichen Vogelgrippeerregern verseucht ist. Obwohl niemand angesteckt wird, alarmiert der Vorfall viele Ärzte. Baxter spricht von „menschlichen, technischen und prozessbedingten Fehlern“. Beutel seien nicht ausgewechselt worden, nachdem Forscher mit Grippeviren experimentiert hatten.

Vor diesem Artikel hat Jane Bürgermeister als freie Journalistin gearbeitet, für angesehene britische Blätter wie Guardian und Observer und Magazine wie Nature. Ihre Berichte handelten etwa vom Diebstahl des Saliera-Salzfasses, vom makabren Auto Franz Ferdinands im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum, vom nordkoreanischen Atomprogramm. 2006 verfasste sie einen Nachruf auf den deutschen Historiker Joachim Fest, dessen „erzählerisches und psychologisches Feingefühl“ sie lobt.

Nun aber bringt die Lektüre des Bezirkszeitungsartikels etwas an die Oberfläche, was vielleicht schon vorher in ihr gearbeitet hat. Vorerst stellt sie nur Fragen über pharmazeutische Sicherheitsvorkehrungen. Sie beginnt, über eine Vertuschung bei Baxter zu spekulieren – was sie noch mit Ärzten gemeinsam hat, die man auf den Fall anspricht. Aber Jane Bürgermeister geht viele Schritte zu weit.

Man kann diese Schritte auf den Downloadvideos verfolgen, in denen sie von anderen Verschwörungstheoretikern interviewt wird. Bürgermeister spricht konzentriert. Sie beginnt mit Ausführungen über den Vorfall bei Baxter, die nicht unklug anmuten. Dann aber sagt sie, immer noch seriös klingend, ihre Meinung über die Hintergründe. Sie nennt Organisationen, die man sonst nur aus Mystery-TV-Serien oder Dan-Brown-Romanen kennt. Und zwischen ihrem sachlichen Auftritt und ihren Worten beginnt eine breite Lücke zu klaffen.

Die Panne bei Baxter, behauptet Bürgermeister, deute auf eine „radikale Reduktion der Weltbevölkerung“ mittels Killerviren im Schweinegrippeimpfstoff hin. Bald werde die Weltgesundheitsorganisation WHO die nationalen Regierungen entmachten und die Impfung zur Pflicht erklären. 80 Prozent der Menschen würden darauf dem biologischen Massenmord zum Opfer fallen, der Rest eine neue Sklavenschicht bilden. Denn die Injektion enthalte auch satellitengesteuerte Mikrochips, um Überlebende gefügig zu machen. Es sei „ein Plan, der über Jahrzehnte ausgearbeitet“ wurde.

Die Drahtzieher, führt Bürgermeister weiter aus, seien Uno und WHO. Dahinter stünden – „wenn man alles durchdenkt“ – die mächtigen Geheimbünde der Freimaurer, Bilderberger und Illuminaten.

In letzter Konsequenz gehe es um Ressourcenknappheit. „Es gibt weniger Wasser und Agrarland. Aber die Gruppe will nicht auf erneuerbare Energien umsteigen, sondern die Menschheit reduzieren. Dann haben sie einen Planeten, der frisch und nah am Urzustand ist.“ Es sei „der alte Traum von der Herrschaft der Welt“. Zur Kerngruppe zählen etwa – „wenn man alle Stücke zusammenfügt“ – „die Rothschilds und Rockefellers“.

Je weiter Jane Bürgermeister vom initialen Vorfall bei Baxter weggeht, desto mehr bedient sie sich klassischer verschwörungstheoretischer Inhalte. Dem Geheimbund der Illuminaten, erklärt Wissenschaftler Pfahl-Traughber, habe man schon vor 200 Jahren die Schuld an der Französischen Revolution gegeben. Obwohl der aufklärerische Verein in Wahrheit 1785 aufgelöst wurde, stößt man heute immer wieder auf ihn – vor allem auf rechtsradikalen Internetseiten.

Womit man bei Bürgermeisters zweitem Topos wäre: der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild. Dass Juden Böses im Schilde führen, gilt geradezu als verschwörungstheoretische Urannahme. Im Mittelalter löste die Angst, dass sie Brunnen vergiften würden, Pogrome aus. Später wies die Naziparole vom „schaffenden und raffenden Kapital“ den Weg zur heutigen Sichtweise von Links- und Rechtsextremisten: Der Jude, immer schon böse, versteckt nun seine diabolische Absicht hinter seinem Händlertum.

Die Kombination von massenhafter Grippeangst und klassischen Verschwörungsinhalten machte Bürgermeisters Theorie zum Weberfolg: Jene, die bisher nichts mit Konspirationen zu tun hatten, sind verunsichert und für die „investigative Journalistin“ empfänglich. Und andere, die Verschwörungstheorien ohnehin glaubten, entdecken sich selbst in Bürgermeister wieder. Im richtigen Moment publiziert, wurde die haarsträubende These vom geplanten Massenmord zum kleinen Massenphänomen.

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Durch diese Nadel passt ein Chip, sagt Jane Bürgermeister
(Quelle: Landratsamt Roth)

„Bürgermeister hat sich offenbar in ihrem Thema verrannt“, sagt der Tiroler Infobroker Dietmar Mühlböck, der seit Jahren Radikalismen im Internet beobachtet. „Sie scheint in ihrem missionarischen Eifer jede Vorsicht außer Acht zu lassen, mit welch radikalen Kreisen sie sich einlässt. Das manifestiert sich zum Beispiel in Interviews mit politisch eindeutig verortbaren Personen.“

Im September etwa stand Bürgermeister dem ehemaligen Universitätsprofessor Michael Vogt Rede und Antwort. Kritiker sagen ihm Nähe zur rechtsradikalen deutschen NDP nach. Ein von ihm gedrehter Film namens „Geheimakte Heß“ führte laut Spiegel zu seiner Suspendierung von der Uni Leipzig. Bis vor kurzem arbeitete Vogt für ein Web-TV-Projekt, dessen Gründer ein Buch über jüdische Weltverschwörer im Kampf gegen Nazis und Außerirdische schrieb.

Mittlerweile taucht Bürgermeister auch auf der Homepage des Ex-FPÖ-Politikers Karlheinz Klement auf. Sie teilt sich diese Ehre mit allerlei Berichten über die obskuren Pläne des israelischen Geheimdienstes Mossad oder des „Synhedriums der B’nai B’rith“. Im September wurde Klement noch nicht rechtskräftig zu fünf Monaten bedingt verurteilt. Laut Staatsanwaltschaft stand auf seiner Homepage: „Das jüdische Volk hat aus dem Holocaust nichts gelernt und braucht eine zweite Lektion. Wenig Trauer würde es hervorrufen, wenn alle Juden auf einem Schlag gleichzeitig von der Welt scheiden würden.“

Trotzdem führt Bürgermeister den Kampf fort. Kürzlich erstattete sie Anzeigen gegen vermeintliche Mitwisser der Verschwörung, gegen Baxter, Novartis, profil-Herausgeber Christian Rainer, Bundeskanzler Faymann, Gesundheitsminister Stöger, George Bush, Barack Obama. Über solch einen Dilettantismus, heißt es nun aus Insiderkreisen, beschweren sich sogar andere Verschwörungstheoretiker. Man will ja die Glaubwürdigkeit der Bewegung nicht gefährden.

Doch Bürgermeister ist inzwischen präsenter als so mancher alter Hase der Szene. Kritik und Anfeindungen schmettert sie ab. Auf die Falter-Bitte um ein Gespräch antwortet sie: „Leute wie Sie sind mitverantwortlich an diesem miserablen Zustand. Ich verschwende keine Zeit mit Ihnen. Kontaktieren Sie mich nie wieder.“

Kürzlich tauchte ein neues Video auf. Darin führt Jane Bürgermeister durch Wien, vor das Gesundheitsministerium, zum kamerabestückten Zaun der Uno-City, in die U-Bahn, wo sie Passagiere vor der bevorstehenden „Zwangsimpfung“ warnt.

Von Oktober hat sie ursprünglich gesprochen, wenn es um den Beginn des Massenmords ging. Jetzt nennt sie bevorzugt das Jahresende 2009. Silvester wird kommen und gehen. Jane Bürgermeister wird einen Weg finden, um auch das zu erklären.


„Häufig antisemitische Verschwörungsmythen“

Reinhold Gärtner, 54, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Neben zahlreichen Publikationen zu den Themen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus hat er kürzlich ein Buch mit dem Titel „Politik der Feindbilder“ veröffentlicht. Darin setzt er sich mit FPÖ-Slogans und Alltagsrassismus auseinander.

Falter: Herr Gärtner, welche Verschwörungstheorien gibt es in Österreich?

Reinhold Gärtner: Man findet im Grunde das ganze Spektrum, das es auch anderswo gibt. Abgesehen davon würde ich aber sagen, dass antisemitische Verschwörungsmythen in Österreich häufiger vorkommen als in vielen anderen Ländern.

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Reinold Gärtner über Verschwörungstheorien
(Quelle: privat)


Und wie genau sehen diese Mythen aus?

Gärtner: Es kann sich etwa um die „Protokolle der Weisen von Zion“ drehen. Oder um vermeintliche Machenschaften des israelischen Geheimdienstes Mossad. Im Internet gibt es verschiedene Konjunkturen für diese Abstrusitäten.

Aber warum sind solche Muster gerade in Österreich so deutlich ausgeprägt?

Gärtner: Österreich hat eine lange Geschichte und Tradition des Antisemitismus. Über Jahrhunderte wurde der Boden für jene Mythen bereitet, die heute durchs Internet spuken. Zwar existieren und existierten sie auch in anderen Ländern, denken Sie nur an die Affäre Dreyfus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aber hier treten sie häufiger auf. Wenn man auf österreichischen Internetseiten nach Verschwörungstheorien sucht, dann stößt man beispielsweise viel häufiger auf den Mossad als auf KGB oder CIA. Warum? Das hat sicherlich auch mentalitätsgeschichtliche Gründe.

Jane Bürgermeister war zu keiner Stellungnahme bereit.
Kurz nach der„Falter“-Bitte um ein Gespräch erschien allerdings ein englischsprachiger Brief auf ihrer Homepage.
Darin steht unter anderem:

„Now, we await our
first big attacks from main
stream media (…)
We have to ‚man our battle
stations‘ (…) being under
attack is the best compliment (…)
We are many, they are few!“


Zum Thema

Der britische „Guardian“-Journalist Jon Ronson hat jahrelang Verschwörungstheoretiker begleitet und ihre Geschichte in einem Reportagenband versammelt. Sie handeln unter anderen vom Ku-Klux-Klan, von amerikanischen Neonazis und Bilderberger-Jägern und von einem Ex-Fernsehmoderator, der fest daran glaubt, dass eine Echsen-Elite in Wahrheit die Welt regiert

Jon Ronson, Radikal – Abenteuer mit Extremisten, Verlag Salis, 288 S., € 24,90

Erschienen im Falter 47/09

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Doppelgleisig

Eine saubere, sichere und pünktliche U-Bahn darf viel Geld kosten. Politische Pfründe sollten es nicht

Analyse: Joseph Gepp

Man kann den Wiener Öffi-Plan als Mittel nutzen, um rasch von A nach B zu kommen. Man kann ihn aber auch politisch lesen, als Spiegelbild von Macht und Machtteilung in diesem Land.

Da gibt es zum Beispiel die rote U1 (Stadt), die den wichtigen Südbahnhof (Bund) ignorant links liegen lässt. In Floridsdorf ziehen dafür braune U6 (Stadt) und blaue S45 (Bund) in einträchtiger Parallelität nebeneinander her. Da gibt es am Alsergrund mit dem Franz-Josefs-Bahnhof (Bund) den wohl verwaistesten Kopfbahnhof Österreichs, weil die Fahrgäste einige hundert Meter weiter an der U6-Station Spittelau (Stadt) umsteigen. Da gibt es weiters die strichliert violette U2-Südverlängerung (Stadt). Wie die U1 soll auch sie am Südbahnhof vorbeifahren. Dafür ist nun, als Ausgleich für täglich tausende Pendler, eine kleine Standseilbahn zwischen U- und S-Bahn geplant. Wie ein schmales Bindeglied zwischen überbordendem Föderalismus und gesundem Menschenverstand.

Womit wir beim Thema wären: Vergangene Woche warf der Rechnungshof den Wiener Linien in einem Bericht „internes Kontrollversagen“ bei den Verlängerungen von U1 und U2 vor. Neben rund neun Millionen Euro unnötiger Mehrkosten kritisierten die Prüfer, dass der mitfinanzierenden öffentlichen Hand rund sechs Millionen Euro zu viel verrechnet wurden. Konkret seien etwa Kosten für den Bau von Geschäftslokalen, die die Verkehrsbetriebe selbst hätten tragen müssen, zu Stadt und Bund geschoben worden. Die Linien weisen die Vorwürfe zurück.

Hinter dem Missstand steckt ein grundsätzliches Problem: Ja, die U-Bahn in Wien läuft hervorragend, ist sicher, sauber und pünktlich. Ja, ein solches Service kostet Geld. Aber ab wann zahlt der Steuerpflichtige extra für Intransparenz? Ab wann fließt das Geld in die Absicherung (stadt-)politischer Pfründe? Um wie viel weniger Geld ließe sich ein Öffi-Netz realisieren, das ebenso sicher, sauber und pünktlich laufen würde?

Seit 1999 unterstehen die Wiener Linien nicht mehr direkt dem Rathaus, sondern der Wien-Holding, die jedoch ihrerseits eine Gemeindetochter ist. Die Verkehrsbetriebe wurden, wie man das nennt, „ausgegliedert“. Seitdem scheint es, als nehme sich die Stadtverwaltung von der öffentlichen und privaten Organisationsform das jeweils Angenehme: Wenn – wie momentan – Landtagswahlen näherrücken, dann häufen sich in U-Bahn-Werbekampagnen die (sozialdemokratischen) Erzählungen vom sicheren, sauberen und pünktlichen Wien; kürzlich wurde laut Medienberichten auf Betreiben der Stadt sogar der Pressesprecher ausgewechselt.

Wenn es aber – wie nach dem Rechnungshofbericht – Kritik gibt, dann putzen sich Politiker am angeblich unabhängigen Unternehmen ab, über dessen Geschäftsgebaren für sie ja keine Rechenschaftspflicht bestehe.

Die Ausgliederung verdeckt die Tatsache, dass die Wiener Linien nach wie vor als Erbgut der Wiener SPÖ betrachtet werden. Und damit als städtisches Prestigeprojekt dienen, als werbewirksames Symbol einer wohlorganisierten und lebenswerten Stadt. Dementsprechend wenig Wert legen sie auf Zusammenarbeit mit den bundesweiten ÖBB.

So trennt die beiden Unternehmen eine jahrzehntelange Geschichte des Aneinandervorbeiplanens. Ihr liegt ein Konflikt zwischen Parteien und zwischen staatlichen Ebenen zugrunde, dem Effizienz und Synergien oft zum Opfer fallen.

Die Lösung wäre, wie oft in Österreich, theoretisch einfach. Aber ein Verzicht auf politische Pfründe hinter vorgeblicher wirtschaftlicher Unabhängigkeit erfordert auch die Preisgabe von Einfluss. Dann könnte das rote Rathaus über seine U-Bahn nicht mehr verfügen, wie es das derzeit tut. Und die mitunter schwarze Republik müsste in Wien mit einem politischen Gegner zusammenarbeiten. Vor diese Wahl gestellt, scheint Geldverbrennen allemal die bevorzugte Möglichkeit zu sein.

Erschienen im Falter 46/09

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Eingeordnet unter Das Rote Wien, Stadtplanung, Verkehr

Seestadt oder Schlafstadt?

Raumarchitekt Oliver Schulze über Nutella, gute Partys und urbanes Treiben auf dem Flugfeld Aspern

Gespräch: Joseph Gepp

Wohnraum für 20.000 Menschen, Arbeitsplätze für 15.000, ein Park, ein See, eine Ringstraße, das alles auf einer Fläche, so groß wie die der Bezirke Neubau und Josefstadt zusammen: Das ehemalige Flugfeld Aspern in der Donaustadt ist eines der größten Stadtentwicklungsgebiete in Europa. Und im Gegensatz zu manch anderen Neubauvierteln soll dort – in rund 20 Jahren, wenn das Projekt vollendet ist – auch das Straßenleben pulsieren. Damit Aspern nicht zu einer weiteren Wiener Schlaf- und Pendlerstadt verkommt, haben das Rathaus und die zuständige Entwicklungsgesellschaft den deutsch-dänischen Raumarchitekten Oliver Schulze, 35, vom Büro Gehl Architects, mit einem Masterplan beauftragt. Schulze ist Experte für den öffentlichen Raum. Im Falter-Gespräch erklärt er seine Vision einer belebten Stadt.

Falter: Herr Schulze, wenn ich mich in die U-Bahn setze und auf die Donauplatte oder ins Kabelwerk fahre, dann werde ich dort mit großer Wahrscheinlichkeit kaum Menschen antreffen. Neu gebaute Wiener Stadtviertel sind gemeinhin bewohnt, aber nicht belebt. Soll das bei Aspern anders werden?

Oliver Schulze: Ja, das soll es. Was Sie da ansprechen, sind Symptome, die sich in vielen Neubaugebieten westlicher Städte finden. Der Grund ist einfach: Weil sich unsere Lebensstandards geändert haben, wohnen die Menschen heute weniger dicht beieinander. In Dänemark zum Beispiel kommen heute auf einen Stadtbewohner 60 Quadratmeter bebauter Raum, in Wien sind es 44 (im Jahr 1961 waren es 22, 1907 sieben Quadratmeter pro Kopf, Anm.). Auf derselben Fläche wohnen also weniger Menschen als früher.

Stehen wir also vor einem Dilemma? Lebensstandard gegen Straßenleben?

Schulze: Genau. Früher waren die Straßen belebt, man hielt sich viel draußen auf, um sein Leben zu organisieren. Es gab keine Kühlschränke, also musste man täglich kleine Einkäufe machen. Es gab keine Autos, also musste man zu Fuß zur Arbeit. Heute organisiert man sein Leben eher von zuhause aus. Dadurch bleibt die Straße leer. Dieses Dilemma müssen wir auflösen.

Aber die alten Wiener Gründerzeitviertel sind immer noch lebendig, obwohl der Lebensstandard gestiegen ist und die Grätzel dadurch viel weniger dicht besiedelt sind.

Schulze: Diese Gründerzeitviertel sind ja auch in ihrer Geschichte von fünf Generationen kolonisiert worden. Einwanderungswellen haben dort über Jahrzehnte vielfältige Einzelhandelsstrukturen entstehen lassen. Eine derartige physische und soziale Komplexität kann man nicht simulieren, wenn man ein Projekt auf der grünen Wiese plant.

Demnach ist es in Neubauvierteln gar nicht möglich, ein belebtes Stadtbild zu schaffen?

Schulze: Nicht ganz, selten ist es schon möglich. Es gibt in Europa ein paar gute Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert.

Irgendwann soll Aspern wohl auch eins dieser guten Beispiele werden. Wie soll das gehen?

Schulze: In einem Neubaugebiet von der Größe Asperns ist öffentliches Leben ein kostbares Gut. Wir haben also unserem Plan den Gedanken zugrunde gelegt, dass man dieses Gut nicht wie Nutella über eine Brotscheibe schmieren darf. Im Gegenteil muss man sich seiner Begrenztheit bewusst sein – und den öffentlichen Raum auf wenige, bewusst gewählte Orte konzentrieren.

Es geht dabei auch um Kleinräumigkeit, die Straßenleben ermöglicht. Sie können das mit einer Party vergleichen: Einer guten Party steht immer etwas zu wenig Platz zur Verfügung. Bei einer schlechten verlieren sich die Partygäste auf zu viel Raum.

Das heißt, Sie wollen das Straßenleben gezielt an einzelnen Orten zusammenballen, um es überhaupt zu ermöglichen?

Schulze: Genau.

aspern-Seestadt_Seepromenade
Brave New World: So soll laut Planern und Rathaus die Zukunft
des ehemaligen Flugplatzes Aspern aussehen. Oder wird sie doch
eine Spur unbelebter?

Grafik: schreinerkastler/Wien 3420 AG


Wie soll das konkret funktionieren?

Schulze: Indem wir nicht die gesamten 240 Hektar Fläche planen, sondern bestimmte Orte definieren, die wir „Saiten“ nennen. Schon die ersten Zuzügler müssen dort urbane Qualitäten vorfinden, die in der späteren Entwicklung des Viertels unverändert bleiben. Durch die Qualitäten und Muster der Saiten wollen wir das begrenzte Gut öffentlicher Raum an bestimmten Stellen festmachen. Zum Beispiel, indem wir bewusst Kultur-, Einzelhandels-, Gewerbe- oder Erholungsräume definieren. Es muss ein Zusammenspiel geben zwischen einzelnen Gebäuden und der Art, wie der Raum zwischen ihnen programmiert ist. Die traditionelle Architektur vernachlässigt diese Zwischenräume oft.

Es wird aber 20 bis 25 Jahre dauern, bis das Entwicklungsgebiet Aspern fertig ist. Kann man tatsächlich auf so lange Zeit planen, wie Menschen ihr Umfeld nutzen werden?

Schulze: Dieses Problem haben Masterpläne grundsätzlich an sich. Gestalter glauben, dass sie ein gefrorenes Planbild in die Wirklichkeit übertragen können. Wir haben daher in unseren Plan eine Zeitebene eingeführt: Manche Räume sind schon für die erste Bauphase definiert, bei anderen Orten haben wir nur Samen für die Entwicklung gesetzt.

Es gibt zum Beispiel ein Netz von Pfaden zum Radfahren oder Joggen. In einem Jahrzehnt, wenn diese Pfade schon etabliert und vielbenutzt sind, sollen sie im Rahmen eines nächsten Projektschritts ausgebaut werden. Dann werden Straßen daraus. Und man kennt diese Orte schon, sie haben eine Geschichte und Evolution hinter sich.

Sie haben in New York, in Südengland und im Oman gearbeitet. Was haben Sie dort gelernt? Was muss man tun, damit öffentlicher Raum funktioniert?

Schulze: Wie gesagt gibt es – zum Beispiel in Hamburg, Freiburg oder Malmö – neue Stadtviertel, die belebt sind und bestens funktionieren. Wir haben bei der Analyse dieser herausragenden Beispiele ein ganz klares Muster entdeckt: Jedes Mal gab es zwei oder drei wichtige Menschen, die von Anfang an dem Projekt zur Seite standen und ihre Ideen durchgeboxt haben. Ich würde diese Menschen „Paten“ nennen.

Wer sind die Paten? Engagierte Anrainer?

Schulze: Nein, gar nicht. Es sind Menschen in Schlüsselpositionen. In Melbourne, um ein Beispiel zu nennen, war der Stadtarchitekt der Pate. Er hat kompromisslos seine Idee durchgesetzt, und er wurde nicht alle vier Jahre neu gewählt. Auf diese Art war er in der Lage, an einer starken, selbstentwickelten Vision festzuhalten. Anderswo waren langjährige Bürgermeister oder engagierte Stadtentwickler die Paten.

Es bräuchte also jemanden, der nicht vom jeweils nächsten Wahlausgang abhängig ist?

Schulze: Ja. Stadtentwicklung und Politik sind zwar eng miteinander verflochten, aber die beiden haben völlig verschiedene Zyklen: Stadtentwicklung funktioniert viel langfristiger als Politik. Man muss also Personen finden, die entweder sehr lang in der Politik sind. Oder vom Rand des politischen Spektrums ein Projekt über Generationen hinweg verfolgen und mitbestimmen.

Erschienen im Falter 45/09

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Eingeordnet unter Bürgerbeteiligung, Stadtplanung

STADTRAND – Über Fremdflyerer und Eigenbiertrinker

Das Museumsquartier ist ja, man muss es neidlos und ironiefrei sagen, eine praktisch identitätsstiftende Instanz in Wien. Dementsprechend kreiert es auf seinen zahlreichen Gebots- und Verbotsschildern auch eine eigene Sprache, die MQ-Sprache. Das unautorisierte Auslegen von Werbezetteln heißt zum Beispiel auf MQ: „fremdflyern“. Selbiges ist, so steht es in einem Torbogen, verboten. Das Gegenteil von fremdflyern wäre wohl „heimisch flyern“, noch eher: „heimflyern“. Wenn also der Fremdflyerer im Gegensatz zum Heimflyerer seine Flyer verflyert, dann muss er wohl mit einer baldigen Entflyerung der beflyerten Behältnisse rechnen. Klingt das nicht ein bisschen nach Bierverbot? Nach Kommerzialisierung, nach Exzessbeschränkung und Restriktion im sonst so offen-liberal-urbanistischen Museumsquartier? Stehen uns jetzt Facebook-Gruppen ins Haus, die sich „Bring Your Own Flyer“ nennen oder „Wir flyern fremd“? Die Revolution der Fremdflyerer? Wahrscheinlich nicht. Fremdflyerer haben wohl einfach nicht dasselbe Mobilisierungspotenzial wie Eigenbiertrinker.

Erschienen im Falter 45/09

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Eingeordnet unter Stadtleben, Stadtrand, Wien, Worte

Gelesen: China, vorurteilsfrei

Peter Hessler, langjähriger Korrespondent der US-amerikanischen Zeitschrift The New Yorker in Peking, hat ein Buch über China geschrieben, das anders als die vielen bisherigen zum Thema ist: Hessler fuhr jahrelang mit dem Mietwagen durchs Land, durchquerte boomende, ihr Umland auffressende Städte, sterbende Dörfer mit rechtlosen bäuerlichen Bewohnern, Fabriksgebiete, die sich ausschließlich auf die Herstellung von Motorenanlassern oder BH-Ringen spezialisiert haben. Herausgekommen ist ein Meisterstück des amerikanischen Reportagestils, ein tiefer Blick in eine Gesellschaft im unvorstellbar rasanten Wandel (im ersten Quartal 2009 wurden in China erstmals mehr Neuwagen verkauft als in den USA). Hessler beschreibt diese Veränderungen minutiös, witzig und detailreich, ohne den Überblick zu verlieren. Er verzichtet dabei auf Prognosen oder Analysen – denn die ergeben sich, wie es bei einer guten Reportage der Fall sein sollte, ohnehin aus seinen Beobachtungen. Äußerst lesenswert!

Peter Hessler: Über Land. Unterwegs auf Chinas Straßen. Berlin Verlag, 480 S., € 24,70

Erschienen im Falter 45/09

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Eingeordnet unter Bücher, Entwicklungsländer, Weltpolitik