Das besetzte Audimax: „So eine große Sache gab’s ewig nicht mehr“

Das Letzte, was die Biologiestudentin sagt, bevor sie den Saal verlässt, ist, dass sie eine eineinhalbstündigen Anreise hinter sich habe und jetzt „bitte schön“ auch ihre Vorlesung hören wolle. Doch 400 Leute buhen sie nur aus. Die Studentin steckt ihren Block weg und geht aus dem Auditorium Maximum der Uni Wien, das sich zusehends mit Demonstranten füllt.

Die größte Uni-Besetzung der jüngeren heimischen Geschichte beginnt vergangenen Donnerstagvormittag im Wiener Votivpark. An den Unis brodelt es (siehe links), ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn spricht wieder von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Die Polizei kommt, postiert sich entlang des Platzes, „dies ist keine angemeldete Demonstration“, ruft ein Beamter ins Megafon, man möge den Platz sofort räumen. Die Studenten ziehen in die Uni, trommeln an Hörsaaltüren, dann ziehen sie ins Audimax, dessen Türen wegen der beginnenden Biologievorlesung gerade offen stehen. In drei Stunden sind aus 300 Demonstranten über 1000 geworden. Hier bleiben sie nun, im großen Saal, den ganzen Tag, die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag.

Sie schleppen DJ-Pulte in den Saal, Bands treten auf, Reden über Frauenrechte und die Ökonomisierung aller Lebenslagen werden geschwungen. „Hahn gehört gerupft“, skandieren die Studenten, und:“Nur Chuck Norris schafft sein Studium in Mindeststudienzeit.“ Man nimmt jubelnd Solidaritätsadressen in Empfang („ein Gruß vom Schülerkomitee der Sozialistischen Jugend Vorarlberg“). Rauchschwaden hängen unter der Decke. Von der Straße werden Mistkübel in den Saal gezerrt, um dem Abfall Herr zu werden.

Per Handzeichen melden sich Freiwillige für Arbeitsgruppen, „Presse“, „Facebook/Twitter“, „Müllkolonne“. Am Gang vor dem Saal stehen die Flip-Chart-Tafeln aus Seminarzimmern: „Was verstehen wir unter Demokratisierung? (lesen, diskutieren)“.

Die Diktion der Gruppen schwankt zwischen Marxismus und Managementseminar, zwischen „Organisationskomitee“ und „Vernetzungsstrategie“, je nach Ideologie. „Wir brauchen eine straffe Struktur“, sagt etwa Robert, Politikwissenschaftler und selbsterklärter Maoist. „Nur so können wir unser Ziel erreichen: einen kompletten Generalstreik des österreichischen Bildungssystems.“

Michael, 24, Lehramt, klingt pragmatischer: Zumindest wolle er so lange bleiben, bis sich Uni-Rektor Georg Winckler oder Minister Hahn im Audimax eingefunden hätten. „Das Wesentliche ist ja: So eine große Sache gab?s ewig nicht mehr. Alle berichten über uns. Alle schauen uns zu.“

Reportage: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 44/09

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