Europas östlichster Ort IV: Das tote Dorf

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Der Tag beginnt mit einer fast geschichtsphilosophischen Betrachtung des Igor Tanež’, 44 Jahre alt, Bewohner von Workuta: „In Russland gibt es keine Straßen. Nur Lichtungen“, sagt er, während sein Lada Niva, ein robuster Jeep, von einem Schlagloch ins nächste kracht. „Deswegen haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind steckengeblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück: Igor Tanez, sein Niva, ein wenig Tundra-Schrott im Hintergrund

Die in diesem Weblog dargestellte Reise führte über Moskau in die heruntergekommene nordrussische Industriestadt Workuta. Jetzt erreicht sie ihr letztes Ziel: Khalmer-Ju, 70 Kilometer von der europäisch-russischen Eismeerküste entfernt. Der östlichste Ort Festlandeuropas.

Die Hinfahrt führt in Igors Niva durch die spätherbstliche Tundra, es schneit ein wenig, der Schlamm steht manchmal hüfthoch. Außerhalb Workutas stehen verfallene Kleinstädte, die einst um Kohlengruben errichtet wurden. Dazwischen aus Stahlrohren geschweißte Kreuze, Hunderte von ihnen. Das sind die Gräber jener Gulag-Häftlinge, an deren Namen man sich heute noch erinnern kann.

 

Früher fuhr zweimal täglich ein Zug von Workuta nach Khalmer-Ju. Die dortigen Bewohner waren hoch privilegierte Grubenarbeiter. Sie schürften nach Qualitätskohle, die zu wertvoll zum bloßen Verheizen war, also verarbeitete man sie in der Metallurgie. Die Grubenarbeiter von Khalmer-Ju verdienten fast einzigartig gut, was die Löhne der damaligen Sowjetunion betrifft. Zum Vergleich: Eine Lehrerin erhielt monatlich knapp 60 Rubel, ein normaler Grubenarbeiter 800 – ein Arbeiter aus Khalmer-Ju 2000 Rubel.

Es gab ein großes Bierhaus in Khalmer-Ju, ein Café namens „Weiße Nächte“, Restaurants, eine Bäckerei, alles für zirka 5000 Bewohner in der tiefsten Tundra. „Wenn die Leute aus Workuta nach Kahlmer-Ju fuhren“, erzählt Sergej Merslerkow, ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, der heute in Workuta lebt, „dann sagten sie: ‚Mein Gott, ist das schön hier. Wie in einem anderen Land.’“

Igor überquert jetzt im Schritttempo eine baufällige Holzbrücke. Der schlammige Weg nach Khalmer-Ju war einmal die Tasse des Zugs, der längst nicht mehr fährt. Weit von ihr entfernt, am Horizont, stehen zwei große Zelte. Dort leben die halbnomadischen Nenzen, die Ureinwohner  der Region. Die Russen und die Nenzen betreiben Handel, die Nenzen kaufen Benzin, die Russen Rentierfleisch.

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Die Zelte der Nenzen, der nordrussischen Ureinwohner, in der spätherbstlichen Tundra

Dann, nach zweieinhalbstündiger Fahrt, taucht am Ende der alten Trasse Khalmer-Ju auf.

Der Ort wurde im Jahr 1995 verlassen. Sechs Jahre vorher hatte die Kohlengrube von Kahlmer-Ju geschlossen, die einst für soviel Wohlstand im Ort gesorgt hatte. Am Ende lebten noch ungefähr 200 Menschen in Khalmer-Ju. Doch das neue demokratische Russland wollte die aufwändige Infrastruktur nicht aufrechterhalten. Daher kamen die Soldaten. Am 30. September 1995 fahre der letzte Zug nach Workuta, sagten sie zu den Bewohnern. „Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.“

Tags darauf war Khalmer-Ju menschenleer.

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Der Kinderspielplatz, im Hintergrund die ehemalige Ortsmitte

Wir fahren über die ehemalige „Ulica Lenina“, über der heute dicke Schicht Tundra-Schlamm liegt. Khalmer-Ju besteht aus stalinistischen Gebäuden aus den 40er-Jahren, daneben Plattenbauten aus der Ära Nikita Chruschtschows und Leonid Breschnews. Altmodisches Email-Geschirr und verbeultes Kinderspielzeug liegt im Schnee zwischen den Häusern. Im alten Kulturpalast, in dessen Foyer Igor zum Teekochen ein Lagerfeuer entzündet, liegt einen Blechschild mit der Aufschrift „CCCP“ am marmornen Boden. Draußen lehnt ein zweites an einem Betonpfeiler, das stolz den Forschritt der aus der Erde geholten Kohlenvolumina preist. An einem Plattenbau haben ehemaligen Bewohner von Khalmer-Ju ein Graffito hinterlassen: „Khalmer-Ju. Wir werden dich nicht vergessen. Ganz Russland gedenkt deiner.“

Am Ende des Ortes steht ein Wasserturm mit löchrigem Dach. An ihm fährt gerade ein Nenze vorbei, ein älterer Mann mit asiatischen Gesichtszügen, in einem hölzernen Schlitten, gezogen von fünf Rentieren, an deren Ohren und Mäulern bunte Bänder baumeln.

Igor holt mittlerweile sein Gewehr aus dem Niva-Kofferraum und schießt zwei Enten.

Nach dem Verlassen des Orts wären Plünderer gekommen, erzählt er. Sie wären  in die vernagelten Häuser eingedrungen, hätten viele von ihnen anschließend niedergebrannt. Heute aber gebe es hier nichts mehr zu holen. Jetzt sei der einzige Zweck von Kahlmer-Ju, dass es der russischen Luftwaffe als Übungsplatz diene. Manchmal würden Flugzeuge kommen, deren Piloten an den alten Mauern ihre Treffsicherheit abtesten.

Vor zwei Jahren fand zum Beispiel eine solche Übung statt. Damals schaffte es Khalmer-Ju kurz ins Licht der gesamtrussischen Öffentlichkeit. In einer groß angelegten Aktion, einer Art Schaustück, wurde der Kulturpalast bombardiert. Die erste Bombe verfehlte ihn, die zweite riss ein 20 Meter hohes Loch in seine Seitenwand.

Das sei damals eine große Sache gewesen, sagt Igor. Ein Zeichen dafür, dass es aufwärts gehe mit Russland. Dass das Land jetzt wieder wehrhaft sei, stabil, dazu fähig, dem Rest der Welt gleichberechtigt in die Augen zu blicken. Die Leute hätten triumphiert beim Anblick der Fernsehbilder des im Staub versinkenden Kulturpalasts.

Der Mann, der das Gebäude in Trümmer gelegt hat, ist auch außerhalb Russlands kein Unbekannter. Er gilt als Person, die Russland die neue Stärke gegeben hat. Als Person, die mit solch martialischen Gesten diese Stärke ausdrückt. Als Person, die nach westlicher Lesart Russland zurück in Richtung Diktatur führt.

Der Schütze war der damalige Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin.

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