Europas östlichster Ort III: Die Perle des Nordens

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Workuta ist die klischeehafteste Oststadt, die man sich denken kann. Man muss sie eigentlich gar nicht beschreiben: bröckelnde Plattenbauten, schlammgefüllte Schlaglöcher, Fernsehantennenwälder, lecke Rohre, die brückenförmig Straßen überqueren. Man sollte sich das alles bis nur zur maximalen Östlichkeit gesteigert vor Augen führen.

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“Friede der Welt”, schreit diese Hauswand

Auf den Fassaden rosten die alten Slogans der Sowjetunion, „CCCP“, „Frieden der Welt“, „Kohle für das Mutterland“, „Workuta, Perle des Nordens“.

 

Workuta ist aber aus mehreren Gründen nicht nur einfach eine von vielen russischen Provinzstädten, die eben östlich anmuten:

Zum einen war sie zentraler Punkt des Archipels Gulag. Rund eine Million Zwangsarbeiter mussten hier Bahngleise verlegen oder in Kohlebergwerken arbeiten, ein Viertel davon starb an der Unterernährung und der Kälte bis zu minus 57 Grad.

Zum anderen sieht die hochnördliche Tundra-Vegetation hier eigentlich kein sesshaftes Leben vor: Es gedeihen weder Bäume noch Genießbares. Bis in die 30er-Jahre lebten in dieser Region nur Nenzen, nomadische Ureinwohner, die mit ihren Rentieren herumzogen und Fische fingen.

Dann aber wollte Sowjetunion die neuentdeckten Kohlevorkommen ausbeuten und zog rasend schnell eine Stadt hoch. In den 60er-Jahren hatte Workuta mehr als eine Viertelmillion Einwohner – samt Theater, Fußballstadion, Park mit Seepromenade und Bergbau-Hochschule. Alles Notwendige wurde über die neue Bahnlinie aus dem Süden herangekarrt. Im Theater traten vor den Wachoffzieren die besten Schauspieler des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters auf, nachdem man sie zuvor hierher verschleppt hatte. Sie hatten das Theatergebäude selbst errichtet.

Heute hat Workuta 80.000 bis 100.000 Einwohner, zwei Drittel weniger als früher. Denn kaum war die Sowjetunion gefallen, begann auch Workuta zu sterben.

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Stalins Pompeji: Auf der Stele prangten mal Hammer und Sichel. Im Gebäude dahinter erforschten Geologen den Permafrost-Boden

Workuta zeigt – vielleicht wie kein zweiter Ort auf der Welt – den Wahnsinn eines Systems, das bei der Verwirklichung seines Plansolls weder auf menschliche Ressourcen noch auf natürliche Bedingungen Rücksicht nahm. Es beweist, dass eine Stadt nicht funktionieren kann, die mit Zwang errichtet wurde und einzig und allein einem Zweck dient: (in diesem Fall) dem Kohlenabbau.

Daher verfällt Workuta samt Umland. Rund um die Stadt zieht sich eine 60 Kilometer lange Ring-Straße, an der einstmals Kohlebergwerke und dazugehörige Städte lagen. 20 Gruben waren es zu Sowjet-Zeiten, heute sind es noch vier. Die Orte heißen „Sowjet-Stadt“, „Nördliche Stadt“, „Konsomolzen-Stadt“ oder „Oktober“. In einigen von ihnen leben noch ein paar hundert Menschen. Ein Gutteil ist aber längst verlassen. Heute stehen ihre Ruinen in der baumlosen Tundra. Es sind große 60er-Plattenbauten, dazwischen ältere Gebäude aus der Ära Stalins, mit zerfallenden Balustraden, Säulenkolonnaden und einst mächtigen Eingangsportalen.

Workuta selbst hat eine Altstadt aus den 50er-Jahren. Sie liegt auf der anderen Seite eines gleichnamigen arktischen Flusses, man erreicht sie über eine haarsträubende Fußgängerbrücke, der viele Querlatten fehlen, sodass man halb kletternd über den breiten Fluss muss. Die Altstadt am anderen Ufer ist seit den Neunzigern verlassen. Sie sieht wie eine verlassene Dschungelstadt aus einem Roman von Rudyard Kipling aus, nur liegt sie in der Arktis. Auf dem Hauptplatz steht eine überwucherte Stele, die einmal Hammer und Sichel trug, dahinter die Säulen des ehemaligen Rathauses. Nicht weitab findet man Erdstollen, in denen die ersten Gulag-Gefangenen in Workuta zu vegetieren gezwungen waren. Heute spielen in der verlassenen Altstadt Kinder, manch Erwachsener geht zum Fluss angeln oder brät sich einen Lammspieß über dem Lagerfeuer.

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Brücke über die “Workuta”. Die Einheimischen nennen dieses Holz-Stahl-Wunderwerk leicht zynisch “Brooklynski most” (“Brooklyn Bridge”)

Der östlichste Ort Festlandeuropas, Khalmer-Ju, ist eine weitere verlassene Stadt. Sie liegt allerdings nicht an der Ring-Straße, sondern weiter entfernt, etwa 70 Kilometer. Früher fuhr noch die Bahn nach Khalmer-Ju. Heute erreicht man seine Ruinen nur noch mit dem Jeep.

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Ein Kommentar

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