Europas östlichster Ort II: MOCKBA-BOPKYTA

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

 

Der östlichste Ort Festlandeuropas liegt in der Nähe der Stadt Workuta in äußersten Norden Russlands. Von Moskau aus fährt ein Zug aus Sowjet-Tagen nach Workuta – zweimal täglich, die Fahrt dauert je 40 Stunden.

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“Moskau-Workuta” fährt 40 Stunden lang durch die russische Pampa…

Wenn der Zug vom Jaroslawler Bahnhof losrollt, dann fühlt man sich schon weit von Moskau entfernt. Im Waggon beginnt die Provinz. Die Leute packen Würste, Streichkäse der Marke „Freundschaft“, Schwarzeebeutel und chinesische Fertiggerichte auf die schmalen Tischchen der Viererabteile. Der Zug am Bahnsteig nebenan, der sich im selben Augenblick in Bewegung setzt, fährt nach Ulan-Bator, in die Hauptstadt der Mongolei. Im Workuta-Zug holt ein Teenagermädchen derweil ein lebendes Kaninchen aus ihrer Tasche, damit ihr die nächsten 40 Stunden nicht langweilig wird.

 

Der Zug durchquert die Peripherie Moskaus, Schlafstädte und Gewerbegebiete, nochmals Schlafstädte und Gewerbegebiete, schließlich Birkenwälder. Die Stadt endet ganz klassisch, mit Lichtern im Dunkeln, die immer weniger werden und schließlich verschwinden. Stundenlang bleibt aber noch ihr weiteres Einzugsgebiet bestehen. Große und alte Städte wie Jaroslawl ziehen vorbei, mit frisch renovierten Bahnhofsgebäuden, die dem einstigen Anspruch der sowjetischen Führung – den Bau von „Kathedralen fürs Volks“ – voll und ganz gerecht werden.

In russischen Zügen geht es familiär zu. Unser Abteil-Mitreisender, ein knapp 30-jähriger Russe, zieht sofort sein T-Shirt aus und fläzt sich breit auf die Lederpritsche. Manche Frauen im Waggon sitzen in Bikini-Oberteilen da, denn die Kohlenheizung des Zugs funktioniert mehr als ausgezeichnet. Auf Privatsphäre und körperliche Distanz wird – um es sanft auszudrücken – etwas weniger Wert gelegt als im Westen.

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Stilleben auf Abteiltisch – samt realsozialistisch verschnörkseltem Teeglas

Das heiße Wasser für den Tee und die diversen Fertiggerichte kommt aus einem Samowar auf dem Gang. Er wird wie die Heizung mit Kohle betrieben. Wer bei der Waggonbegleiterin einen Tee bestellt, bekommt ihn in einer beeindruckend realsozialistischen Silbertasse – einem verschnörkselten Ding, in das Stiche verschiedener Moskauer Bahnhöfe und das Flügellogo der russischen Bahngesellschaft eingraviert sind.

Als Moskau 12 Stunden hinter uns liegt, ist Russland ganz und gar dörflich geworden. Die Menschen laufen jetzt zusammen, wenn Mockba-Bopkyta in einen Ort einfährt. Für viele Dörfer an der Strecke stellt der Zug die wichtigste Einkommensquelle dar. Dementsprechend drängen sich alte Frauen am Bahnsteig, die Kübel voll Ribiseln und Petersilstauden verkaufen. Panierter Fisch und Piroggen (das sind Kartoffeltäschchen) werden angeboten. Auf Lada-Motorhauben stapeln sich glasweise eingelegte Gurken und Pilze.

Die Zuggäste verzehren in ihren Abteilen ganze Brathühner, der Waggon beginnt danach intensiv nach allerlei Essbarem zu riechen. Man schläft neben einem panierten Fischkopf ein und wacht in Keksbröseln auf.

Inzwischen sind wir knapp 30 Stunden unterwegs. Die Landschaft wird sehr karg, irgendwo hier liegt der Polarkreis. Statt herbstgelbem Birkenwald wachsen jetzt nur noch Flechten und hohes Gras. „Unter jeder Schwelle ein Toter“, sagen die Leute über diesen Abschnitt der Strecke. Denn die Gleise wurden von Gulag-Zwangsarbeitern errichtet. Hunderttausende von ihnen starben an den schrecklichen Bedingungen.

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Eine Babuschki am Dorfbahnsteig verkauft Gemüse

Wo der Zug jetzt noch hält, stehen Lenin-Statuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen. Die Elektrolok wird durch eine Diesellok ersetzt, denn dieser Abschnitt ist noch nicht elektrifiziert. Vom Gangfenster aus, den Blick nach Osten gewendet, sieht man am Horizont die ersten Hügel des Uralgebirges. Dann fährt der Zug in Workuta ein.

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